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Vergiss das Haiku
© Markus Sulzberger   
19. 03. 2007
Nachdem Du Dich ein bisschen schlau gemacht hast was ein HAIKU ist, ist Dir vielleicht klar, dass es ein Gedicht mit drei Zeilen und einer festen Anzahl Silben ist. Nachdem Du Dich noch ein bisschen schlauer gemacht hast, so ist Dir vielleicht klar, dass es ein Problem mit der Silbenanzahl gibt und es auch Haiku in einem anderen Silbenmass gibt. Nachdem du Dich noch ein bisschen schlauer gemacht hast, merkst du vielleicht, dass das mit den Silben irgendwie fremd ist. Genau diese selbstkritische Erkenntnis kann
Dich zu der erlösenden Erkenntnis führen: etwas mit den Haiku ist anders, es besteht ein Unterschied zu den Gedichten die wir sonst in unserer Kultur kennen.

Warum haben die Asiaten ein anderes neues Jahr? Ich meine man weiss das die Chinesen irgendwann im Februar das Neujahr feiern man weiss auch warum. Aber letzthin sagte mir in einem Chat eine asiatische Freundin ganz einfach: 'Wir richten uns nach dem Mondkalender'. Es ist nicht so, dass ich das nicht wusste aber seltsamerweise löste diese simple Äusserung eine Kettenreaktion in meinem Unter- oder Überbewusstsein aus und auf einen Schlag war mir auch der Unterschied zu Reis und Weizen sowie unseren Gedichten und den Haiku klar. Es wurde mir klar warum es für uns so schwierig ist das Wesen des Haiku erstmals zu erfahren und dann selbst Haiku zu schreiben und notabene, warum das Haiku im Westen sich zu etwas wandelt, das wohl ein Bedürfnis ist jedoch mit der ursprünglichen Form das Haiku manchmal wenig zu tun hat.

Auf der abendländischen Seite haben wir die Sonne, damit assoziert das Gold damit wiederum Christus und die goldenen Weizenfelder und damit auch das Gold des Geistes und einfach das feurige, ausstrahlende.

In Asien ist der silberne Reis, der Mond der in der Zen-Meditation erwartet wird, die Seele oder das wässrige durchdringende, aufnehmende.

Man kann Seele und Geist nicht gegeneinander ausspielen doch scheint es mir für das Verständnis des Haiku entscheidend zu sein, dass man begreift, dass in der morgenländischen Kultur ein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Seele gelegt wird.

Während wir in der westlichen Kultur z.B. Freude an gelungenen intelligenten Reimen haben versucht der Haijin ein Bild in der Seele zu erzeugen und zwar nicht über den Intellekt.

Wenn einer von uns an einem Strand den Sonnenuntergang geniesst so ist er doch ein romantischer Träumer oder eine Frau mit nutzlosen romantischen Gefühlen. Mit solchen Träumen kann man kein Geld verdienen und keine Karriere machen und sich keine Dinge kaufen. Zeit für grosse Gefühle geben uns nur noch Marketing Strategen zur Umsatzsteigerung.

Leider verkümmert da ein Teil im Menschen so sehr, dass es sogar Menschen gibt die der Ansicht sind, keine Seele zu haben. Schade. In gewissen Filmen entwickeln sogar Roboter etwas der Seele ähnliches.

Es ist nicht meine Absicht, wie erwähnt, Seele gegen Geist auszuspielen oder Gefühl (als EIN Aspekt der Seele) gegen Intellekt (als EIN Aspekt des Geistes), doch sei mir eine Verteidigung der Seele vergönnt. 'Das eine tun, das andere nicht lassen' sagt man bei solchen Gelegenheiten.

Gefühle sind analog, der Intellekt digital. Während OCR (automatisch Schrifterkennung) schon seit Jahren perfektioniert ist und keine Ambitionen mehr erregt, so sind die Bilderkennungsverfahren sprich automatischen Gesichtserkennungsmaschinen noch am sich entwickeln. Man sagt, das Problem sei komplexer... Darum darf man auf den Fotos für die neuen Pässe nicht mehr lachen und beide Ohren müssen sichtbar sein. Das Gesicht muss also möglichst entspannt sein, damit es ein Computer in einer Warteschlange erkennen kann. Der Computer hat offenbar Probleme mit Gefühlen die auf den Gesichtsausdruck wirken...

Das Problem beim Haiku Schreiben ist ähnlich Komplex... Unsere viel gerühmte Schlauheit ist nicht gefragt. Ein richtiger Haijin muss erst mal seine Seele entfalten und zum blühen bringen.

Kommentare (7)Add Comment
...
geschrieben von Günther Peer, March 19, 2007
Lieber Markus,

danke, mit deinem "Aufruf zur Verteidigung der Seele" sprichst du mir regelrecht aus der Seele.
Aber du weißt genau, dass zur Zeit die Realität
ganz anders aussieht in der Deutschen Haikuwelt.

Es gibt LEIDER keine Möglichkeit zu Kompromissen, sondern LEIDER nur das eine gegen das andere. Es
zählt nur das was die Masse will. Und die Masse
will NUR oberflächliche SCHNELLKONSUMPRODUKTE !!!!

So sehe es ich.
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, March 19, 2007
Hallo allerseits,

ob das Ganze überhaupt hier diskutiert werden sollte...?

Die Möglichkeit zu Kompromissen gibt es schon und ich denke, dass wir grade das hier im Austausch untereinander versuchen. Nur muss man auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. Stellt man seine Haiku ein, um sie bewundern zu lassen, oder ist es vielmehr so, dass man hier die Möglichkeit hat, über die Wirkung seiner literarischen Arbeiten auf interessierte Leser ein feedback zu bekommen, und somit an dem Text zu arbeiten, damit er verbessert werden kann?

Die alte "PW1", aus der das Lux hervorgegangen ist, war ursprünglich genau dazu gedacht. Die Arbeit miteinander, der Austausch untereinander. Mit "Schnellkonsumprodukten" und Masse hatte das nichts zu tun. Wenn ein Haiku einmal hängen bleibt, dann wird man das immer wieder zitieren oder sich daran erinnern und es wird sich immer aus der -zugegeben- großen Masse mehr oder weniger guter Haiku heraus heben.

Und wenn man die Arbeit am Text oder Kritik aus welchen Gründen auch immer nicht möchte, dann braucht es eben noch eine Art "Ausstellungsraum" im Lux, wie wir es im alten Luxarium auch hatten.

Wäre schön, wenn du deinen "alten Essay" über Haiku auch wieder hier einstellen würdest, Markus. Der war nämlich auch klasse!

Einen schönen Abend allen,
Andrea

...
geschrieben von Günther Peer, March 19, 2007
Hallo Andrea,

niemand will hier seine Haiku einstellen, um sie NUR bewundern zu lassen, sondern sehr wohl um Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Und sehr wohl ist glaube ich, dass man auch sehr gerne an seinen Gedichten arbeitet um sie zu verbessern,
sofern die Vorschläge auch der Aussage des eingestellten Haiku entsprechen.

Es geht also nicht darum, ob jemand die Kritik nicht hören bzw. lesen will, sondern wie und welche Kritik über ein fremdes Haiku geäußert
wird.

Und dann soll jeder schreiben und lesen was er
will. Das ist der einfachste Kompromiss, den ich
persönlich vorschlage.

In diesem Forum gibt's keine Probleme, Markus hat
sich bisher immer als sehr objektive und diskrete Person gezeigt. So soll es auch bleiben und dafür
sei ihm großer Lob ausgesprochen.

Herzlichst
Günther
...
geschrieben von dietmar tauchner, March 20, 2007
zwar würde ich vorsichtig sein, mit jedwedem dualismus wie geist/seele, aber die kernbotschaft ist schon stimmig in markus' aufsatz. das ursprüngliche haiku ist historisch & kulturell verloren, lang lebe das kulturhistorische haiku, in all seinen adaptionsformen! lg---dietmar

...
geschrieben von Markus Sulzberger, March 22, 2007
hallo dietmar - habe mir grösstmögliche mühe gegeben den dualismus nihct zu betonen doch scheint es mir wichtig zu sein, auch als leser seine verantwortung wahrzunehmen und versuchen ein gedicht auf sich wirken zu lassen, bevor die kritikmaschine unheilvoll wirkt. smilies/wink.gif

markus
...
geschrieben von dietmar tauchner, March 22, 2007
ein haiku ist wie ein handschlag oder wie eine flaschenpost - um zwei bilder von paul celan aufzugreifen, die er in bezug auf seine dichtung einst verwendet hat -, an den unbekannten leser gerichtet. dieser öffentlich intime prozess, der zwischen text & leser geschieht, um diesen ja vielleicht sogar erotischen akt, um den geht es...kritik ist sekundär, wenn der autor authentisch auftritt...kritik ist immer didaktisch, kunst nie...lg--dietmar
...
geschrieben von Markus Sulzberger, March 22, 2007
Eine flaschenpost -ja - das gefällt mir.

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