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Sommersprossen
© hans lesener   
11. 01. 2010

Sommersprossen

 

Acht Jahre ist der Junge alt, und der Krieg fünf.

Immer heftiger werden die Bombenangriffe. Auch heute nacht muss er wieder mit den Eltern in den Bunker. Am Morgen fragt seine Mutter : „Erinnerst du dich noch an Tante Hannel ? Die wohnt jetzt weit weg, im Vogtland, wo sie geboren ist. Dort fallen keine Bomben, dort ist es sicher. Vati und ich möchten, dass Du zu ihr fährst. Willst Du ?“

 

Tante Hannel -  natürlich erinnert er sich an sie .Er hat sie ein paarmal besucht, ihre Tochter ist so alt wie er. Tante Hannel sieht er genau vor sich : Sie ist blond, hat ein blaues Sommerkleid an, das im Wind weht; um den Hals trägt sie eine Kette aus roten, vielfach geschliffenen Kugeln. Ihre Haut ist ganz weiß, besonders am Hals und oben über dem Kleid; dort hat sie auch Sommersprossen, viele.  Einmal hat sie ihn in die Arme genommen. Weich und warm, und sie duftete. Noch jetzt spürt er diesen Duft nach Milch und Parfüm. Das hat er nicht vergessen. Ihre Sprache ist lustig, anders als seine Eltern sprechen . „Wein e bissel, lach e bissel!„  hat sie gesagt , als er sich mal ein Knie aufgeschürft hatte. 

Tante Hannel , zu der fährt er gerne. 

 

Allein mit 2 Kindern - 

unter ihrem Kopfkissen 

der Revolver .

 
Traveller's joy
© Susanne Jäggi   
28. 04. 2009

Traveller’s joy

 

Ein neuer Abend, ein neuer Ort.

 

Wie weit der Frühling hier bereits fortgeschritten ist! Frisches Grün in allen Schattierungen. Und das Amsellied – im süsslich-schweren Duft der Traubenkirschenblüten eingebettet.

 

Ein Pfad führt durch die Wiesen an den Fluss hinunter.

 

 

waldrebenranken

die bäume

verborgen

 

 

Ein paar Enten lassen sich in einem Kehrwasser treiben. Rasten sie auf der Durchreise in nördliche Brutgebiete – oder haben sie ihr Ziel schon erreicht?

 

„Lauschst du lange den Flüssen in der Nacht,

 lange,

ist es am Ende als ob die Seele sich

rätselvoll an ihre Zukunft erinnert.“


 
Fasten words please
© hans lesener   
22. 02. 2009

.09

Fasten words please

 

Dreizehnuhrzwanzig. Pünktlich ist das Flugzeug zu hören, das mich vom nahegelegenen Flughafen auf die Kanaren hätte bringen sollen.  Das Dröhnen der Turbinen wühlt den Himmel auf, donnert über mich hinweg. Ich schaue dem Lärm nach.

Dort oben wäre ich jetzt, so kurz nach dem Start noch angeschnallt, eingezwängt in den Sitz, mit den Händen die Lehne umklammernd. Überwältigt von Flugangst. Es würde lange dauern, bis ich mich entspannen könnte. Meistens geschah das erst in größerer Höhe : Wenn unter mir ein sonnenbeschienenes, in ständiger Metamorphose sich wandelndes Wolkenmeer lag. Mein Fantasialand, auf dessen Gipfel und Tiefen, Berge und Klüfte sich Ängste und Träume projizieren ließen. Grenzenlos über den Wolken - die Freiheit... 

Bis dahin aber konnte ich über meinem Zustand nicht sprechen, mir auch keine Notizen machen. Die Wörter versiegten. Die Leuchtschrift über dem Sitz “ Fasten seat belts please”  verwandelte sich für mich in die Aufforderung “Fasten words please”. Die Fähigkeit, mich auszudrücken erstarrte, war erfroren oder gefesselt. Ich selbst mit trockener Kehle, mit Unbeweglichkeit und dem Fluch der Stummheit geschlagen.

                            

                              Zugvögel  

                              westwärts vor dem Wind       

                              laut rufend

 

Auch jetzt, während der Flugzeuglärm immer schwächer wird, empfinde ich Angst. Kalter Schweiß steht auf der Stirn, der Rücken ist feucht, das Hemd klebt. Da sind sie wieder, die Symptome, die mich gezwungen hatten, oder anders : die ich zum Anlass genommen hatte, eine bereits gebuchte Flugreise abzusagen. Mehrmals war ich zum Arzt gegangen, in Labors untersucht worden, hatte Gespräche geführt : “Ohne Befund “. 

So waren die Ursachen für meine Angstattacken unklar geblieben. Schließlich, im gleichen Maße, in dem ich mich an sie gewöhnte, wurden sie seltener und schwächer, traten hinter die Geschäftigkeit des Alltags zurück, flackerten kurz auf, schwanden wieder. So wie jetzt das letzte Verhallen der Triebwerke hinter dem Horizont ... 

Es ist vorbei. Die Enttäuschung über die verpasste Reise, die beklemmende Reaktion meines Körpers, die Erinnerung an quälende Flugangst - vorbei. Kein Erschrecken mehr, keine Ratlosigkeit. Wichtig ist jetzt nur, die Kleidung zu wechseln. Langsam gehe ich ins Haus.

                             Auffahren aus tiefem Schlaf   

                             zu Hause sein

 
von oben gesehen...
© Gabriele Brunsch   
15. 02. 2009

dieses spiel hatte ich von klein an gespielt. nach einem besonderen tagesereignis setzte ich mich in gedanken auf einen stein, schaute hinunter und betrachtete mir das erlebte. die einzelnen szenen des tages öffneten sich in meinem kopf wie zimmer einer puppenstube in die ich von oben hineinblickte und die menschen, denen ich begegnet war, spielten mir zwanghaft im zeitraffer noch einmal alles vor. die blickwinkel waren verengt, und die gefühle, die ich beim ablauf und danach gehabt hatte, waren klebrige bänder, die mich mit dem erlebten verbanden und es bis heute an mir haften lassen.           

      aha, sagte ich dann also, dort sitzt anna und brüllt. anna war an dem tag meine kontrahentin im sandkasten gewesen. annas mutter war während des geschreis aus dem haus gelaufen und hatte schließlich die gewünschten sandförmchen herbeigeschafft. weil anna aus einer laune heraus nicht zufrieden gewesen war, hatte sie ihrer mutter sand ins gesicht geschmissen. ihre mutter war mit kläglichem gewimmer wieder verschwunden. die ist blöd, hatte anna geknurrt. das verstand ich nicht, denn meine mutter war nie blöd, schon gar nicht, wenn sie mir sandförmchen hinterhertrug. aber bei anna war das anders.

    auf meinem stein sitzend, dachte ich an annas mutter. die war jetzt im haus und wartete darauf, wie der kuckuck aus der uhr hervorzuschießen, nur weil anna glaubte, dass es zeit dazu wäre. mehr als den kuckuck und die uhr konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich doch noch ein kind war. aber das reichte schon, um eine gewisse monotonisierung im ablauf der welt zu erkennen. und weil das mit anna und mit barbara und mit peter ähnlich war, mit kleinen abwandlungen natürlich, (ramonas, kevins und michelles  waren noch nicht geboren),  prägte sich mir das bild der welt als ein habgierig schnappendes maul ein, das in die hand, die ihr futter gab, hineinbiss.

 

gleichmäßig pocht

im gehäuse das uhrwerk

in meinem kopf

 

zu füßen dieses steins vollzogen sich allabendlich ganze bühnenstücke, aus dem was mir der tag so geboten hatte. es reihte sich z.b. auch die szene beim arztbesuch ein. ich hatte mich bei einem sturz an der hand verletzt. die ärztin, die mir beim verbinden meiner hand erst scherzend geraten hatte nicht zu weinen, weil sie es schrecklich fände, wenn kinder grundlos herumbrüllten, hatte kurz darauf begonnen lauthals auf ihre assistentin zu schimpfen. die wäre jetzt nicht da und hätte sogar vergessen neues verbandszeug auf dem tisch bereitzulegen.

      ich wollte ihr sagen, was ich beobachtet hatte: kurz bevor ich in das untersuchungszimmer gerufen worden war, hatte ich aus dem augenwinkel heraus beobachtet, dass draußen der bäckerjunge blutüberströmt und mit dreck an stirn und wangen von der assistentin unter mithilfe meiner mutter auf eine liege verfrachtet worden war. ich kam nicht dazu. es hatte wohl zu lange gedauert, bis ich die worte beisammen hatte um das bild zu beschreiben, denn sie wartete nicht. man könne sich auf niemanden verlassen, jammerte sie, zurrte meinen verband fest und bugsierte mich entschlossen zur tür. da stand der bäckerjunge. seine stirn war frisch gewaschen, seine wangen sauber, seine hände vom blut befreit, nur am kinn sah man eine wunde. die ärztin wandte sich ihrer assistentin zu und sagte wie nebenbei, dass niemand fürs rumstehen bezahlt würde. mit einem scherzhaften-entschuldigenden blick an meine mutter fügte sie aber noch hinzu, dass sie den gemütlichen plausch jetzt leider unterbrechen müsse, da es noch viel zu tun gäbe. als sie einen nassen fleck auf dem kleid meiner mutter sah, den ich vorher nicht gesehen hatte, wich ihr wohlwollendes lächeln einem geringschätzigen grinsen, sie zuckte mit der schulter und wandte sich ab. meine mutter wollte etwas sagen, hatte aber keine gelegenheit mehr dazu, da die drei mit hastigem gemurmel im behandlungszimmer verschwanden. als ich verwirrt nach der hand meiner mutter griff, spürte ich, dass diese zitterte.

 

schamesröte

die augenlider gesenkt

staub auf schuhspitzen
 
Hamam
© Gabriele Brunsch   
19. 01. 2009
"Hamam-Dampfbad"

Auf der Suche nach einer Toilette in einem alten Restaurant mitten im Souk, wo im großen Saal fast ausschließlich Männer sitzen, die ihren Thé à la Menthe trinken und sich angeregt aber leise unterhalten, folge ich einem Pfeil mit arabischem Schriftzug tief hinunter in einen düster vor mir liegenden Kellergang, an dessen Ende ich Licht sehe.
Ich gehe darauf zu.
Weit in der Ferne höre ich die Geräusche der Stadt. Dann plötzlich ein Knick im Gang.
Da ist Lachen, heiteres Frauenlachen. Ich halte zögernd inne, vor mir ist eine Schwingtür, die sowohl unten als auch oben einige Zentimeter offen ist.

In der Dunkelheit
Duft von Minze und Seife
Klänge ertasten

Feuchte Luft kommt mir entgegen. Vorsichtig drücke ich den rechten Türflügel nach innen auf und gehe mutig hinein. Vor mir öffnet sich ein riesiger Raum, mit leichtem Dampf, Wärme und Hitze. Wenige Meter vor mir sitzt eine junge Frau auf dem weiß gekachelten Boden, neben ihr eine ältere, die gerade dabei ist, die Nackte abzuseifen.

Es ist wie ein Bild von Ingres, "Die große Odaliske", nur, dass mich die Frau nicht ansieht und dass der Ort ein anderer ist. Kein mit reichen Kissen und Decken verziertes Bett, sondern ein kahler von unten her beheizter Fliesenboden in einem sonst verwaisten Dampfbad. Nichts ist romantisch und doch nicht minder faszinierend. Die feuchten Haare der Badenden sind in groben Wellen hochgesteckt, einige Strähnen fallen über ihre weißen Schultern herunter. Es ist ein Bild in weichem konturlosem Weiß, mit Dampfschwaden und Weiß und Weiß, aus dem die schwarzen Haare das einzige hervorstechende sind.

Glut in den Wangen
Ein verbotenes Gebiet
Neugier hält mich fest


Die beiden bemerken mich nicht, sie unterhalten sich weiter, lachen dabei und die intensive Körperpflege, die mich an meine Kinderzeit erinnert, als mich meine Mutter liebevoll geschrubbt hatte, kommt mir neidvoll in den Sinn. Ich verharre reglos einige Augenblicke. Dann sehen sie mich. Sie lachen, winken mir zu ohne wirklich ihre Tätigkeit zu unterbrechen, ohne sich wegzudrehen, ohne den Versuch zu machen sich zu verhüllen.
So stehe ich da, in meinen Straßenkleidern am Eingang des Hamams, denn da bin ich gelandet, gar nicht verlegen, denn alles scheint das Natürlichste auf der Welt, und frage nach der Toilette. Gleich draußen, nur zwei Türen weiter vorne sei sie, ich sei zu weit gegangen. Sie lachen wieder, ja, ich solle doch bleiben, es sei gerade nicht viel los, sie seien auch gleich fertig, ich könne mich schon einmal ausziehen und mich bereit machen, es sei doch so ein wunderbarer ruhiger Tag, ich solle doch die Gelegenheit beim Schopf ergreifen: "Saisissez l'occasion, Madame!" - Ich lache auch, bedanke mich und winke zum Abschied.
Das Lächeln, das sich in mir ausgebreitet, wird noch lange anhalten, das weiß ich...

In der Zinkwanne -
Mutters Lachen
auf der Suche nach dem Floh
 
Atem
© Markus Sulzberger   
25. 11. 2008
Atem
Haibun

Es ist nicht üblich Kot zu essen oder Urin zu trinken. Schmutz kann man gut sehen und oft auch riechen, besonders wenn er überall rumliegt. Auch Flüssigkeiten erkennt man am Geschmack, man sieht Trübungen, trinkt nicht aus einer Pfütze. Selbst sauberes Wasser kann Hormone der Antibabypillen enthalten, die dann per Cola wieder in den menschlichen Kreislauf kommen. Doch wie ist es mit der Luft die wir in einem engen Raum mit anderen Menschen atmen? Ist das nicht die Luft, die soeben tief in der vielleicht rauchschwarzen Lunge des Gegenübers war, geladen mit allen Gefühlen , dem ganzen Seinszustand dieses Menschen?  

hellbraune Locken
durch ihre Rauchwolke
in den Bus
 
Novembermorgen
© Susanne Jäggi   
24. 11. 2008

Der Frost hat die Landschaft fest in seinem Griff. Eine dünne Schicht Neuschnee bedeckt den Boden. Durch lichter werdenden Kiefernwald erreiche ich den Rand eines Moores und halte inne.

Zwischen verschneiten Bulten und Heidekrautbüscheln verliert sich die Spur eines Fuchses. Dort drüben am Hang glitzern die Birken rauhreifweiss im Sonnenlicht.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …

In der glasklaren Luft hängen klonkende Kolkrabenlaute, bald hier, bald dort, ohne dass ich die schwarzen Vögel zu erblicken vermöchte.


Novembermorgen -

unter meinen Schritten

bricht das Eis


 
Die Netze gelegt
© Susanne Jäggi   
20. 10. 2008
Die Netze gelegt

Die Meteorologen haben den ersten Herbststurm angekündigt. Hier im Inland liegt der See jedoch immer noch spiegelblank, und wir haben beschlossen, heute Abend Fischnetze zu legen. In der Gefiertruhe zwischen den Heidel- und Preiselbeeren und den Pilzen ist noch Platz für Felchen, Äsche und Hecht, und vielleicht die eine und andere Forelle.
Auf den Höhen liegen fleckenweise Reste des vor einer Woche gefallenen ersten Schnees.
Mit vollgepacktem Boot rudern wir hinaus zu den guten Fangplätzen.
Die Landzunge beim Bootanlegeplatz, ...
die krumme Kiefer südlich der Sandbucht, ...
die Untiefe beim grossen Stein, ...
die Südspitze der kleinen Steininsel, ...
... und bevor wir zurückkehren noch ein über einem Feuerchen gekochter Kaffee am Ufer.

Tief steht die Sonne -
mit jedem Ruderschlag
neues Kielwasser
 
Vergilbtes Foto
© 1o2 1o2 1o2   
24. 08. 2008
Vergilbtes Foto

Péperzin steht auf der abblätternden Fassade des Bahnhofs. Ein Pole erklärte mir die Aussprache. Die erste Silbe klingt wie französisch pain, was Brot bedeutet, und die Konsonantenverbindung rz wie der Anlaut in Gelée. Wieder und wieder spreche ich das Wort vor mich hin, bis es immer vertrauter klingt.

Aus den offenen Fenstern schallt Kinderlachen, aus einem Schuppen auf dem Bahnsteig Gegacker. Die Gleise sind grasüberwachsen.

Ich wende mich nach Osten, der Bahnlinie folgend. Meine Frau bleibt zurück. Diesen Weg gehe ich allein. Mein Schritt passt sich dem Abstand der Schwellen an.

Im Süden erstrecken sich weite Äcker und Weiden. Ein Teich glänzt in der Sonne. Lange beobachte ich ihn. Vor langer Zeit soll hier jeder Hof einen Karpfenteich gehabt haben, aber die Oberfläche wirft keine Wellenringe.

Schwitzend erreiche ich die Brücke, welche auf dem Zettel eingezeichnet ist, den ich aus der Tasche ziehe. Die Schwellen fehlen. Hier könnte ich nicht weitergehen, bin aber auch fast am Ziel. Ich stapfe den Bahndamm hinunter, springe über einen nassen Graben und folge dem ausgefahrenen Weg nach Süden. Schwarzbunte Rinder stehen im Schatten hoher Pappeln. Zu meiner Linken wächst Schilf in einer Senke.

Die Rückseite eines Gehöfts kommt in Sicht. Das Dach des Schuppens ist am Verfallen. Der Wegkrümmung folgend gelange ich vor die Einfahrt des Anwesens. Ein vergilbtes Foto und eine Federzeichnung sollen mir Gewissheit verschaffen. Wo stand der Fotograf? Hier, und dort saß die Konfirmandin, schwarz gekleidet, in der Mitte der Großfamilie. – Das Wohngebäude hat neue Fenster. Die alte Aufnahme zeigt kein Silo und der Pflaumenbaum fehlt, aber die Gebäudeform stimmt mit dem historischen Foto überein. Der Feldweg verläuft wie auf der Federzeichnung. Ich bin mir sicher: Hier wuchs meine Mutter auf.

Lange stehe ich und schaue, bis eine Frau das Haus verlässt und zur Wäscheleine geht. Ich kann nicht mit ihr sprechen.

Auf dem Rückweg gehe ich über die Felder.

Ferner Donner –
tief eingefahren
die Spur nach Westen
 
Do'an
© Heike Gewi   
31. 07. 2008
Im Canyon der grüne Fluß - Palmenwald - noch ohne Fußbad.
Schwarz verschleiert ... kommt Regen.


Zuerst
am Wadi..
Kamelschatten
weiter …
 
Hocketse
© 1o2 1o2 1o2   
25. 07. 2008
Hocketse

„Wie heißt du?“ – „Rudi“ – Das kleine Mädchen schreibt ein Etikett und klebt es mir aufs T-Shirt. Ich setze mich zu den Nachbarn. Mein Gegenüber ist der Uli. Wir tauschen uns aus über Bürokratie beim Daimler und im Schulwesen. Das Bier im Fass geht zur Neige. Es dämmert. Ich lege „Die kleine Hexe“ ins Filmgerät ein und projiziere an die weiße Hauswand. Die Kinder sitzen mit großen Augen davor. Eine Mutter versorgt sie mit Decken. Im nächsten Jahr wollen wir wieder eine Hocketse* machen.

Spätsommer
aus dem Brunnen schlürfen
der unaufhörlich fließt

*schwäbisch, für eine gesellige Runde, abgeleitet von hocken.
 
Mondstille Nacht
© Andrea D Alessandro   
19. 04. 2008

Mondstille Nacht


 

Viel zu spät! Die Fahrkarte nicht zu finden. Verboten, das Auto der Eltern zu benutzen. An einem unbekannten Ort dieser grauen, alten Frau den Weg erklären, den es nicht gibt. Ich fahre voraus. Drei Mal ums Quadrat. An der Windschutzscheibe ein Flattern und Wehen. Der Fahrausweis!
Mein Kind auf dem Beifahrersitz treibt mich an. Schneller, schneller! Das Kind ist meine Schulkameradin, ist mein Mann. Wir lachen und (überfahren ein paar Blätter, damit der Hund sie nicht frisst) Lachen.
Den Weg zur Schule vergessen. Diese graue, alte Frau wusste Bescheid. Verschwunden ist sie im Nebel hinter den hohen Häusern der Siedlung. Verschwunden ist sie, verschwunden. Keine Leere, keine Existenz…



Versunken in die Dunkelheit.
Kein Körper, keine Worte, kein Gefühl, kein Denken.  
- Kein Ich -  
Losgelöst, alles ist Nichts   



Mondstille Nacht -
verloren in der Tiefe
eines Traums



 Irgendwann langsam und behutsam die Erinnerung. Dein Atmen neben mir wieder wahrnehmen.
 

Ich bin 
(weiblich, 44 jahre, verheiratet, drei kinder)

hier



 
 
Night ends…
catapulted back
into human life





 
mond-schein
© Heike Gewi   
30. 03. 2008
Blicke wandern am Bach vorbei, den Bergpfad hinauf. Er führt zum Mond.


Über den Fichten
die Unschuld

meines Lachens.

 

 
Nichts für Dich
© hans lesener   
04. 08. 2007
Nichts für Dich

Spätnachmittags, lesend. Ins Wohnzimmer nebenan scheint die tiefstehende Sonne.  Rot leuchten die Mahagoni-Möbel, der verblichene Gobelin schimmert farbig, Lichtreflexe spielen über Bilder und Wände, Staub flimmert golden. Einen Augenblick lang alles überdeutlich.“Das ist es”, denke ich, “das war’s. Nie wieder wirst du das so sehen, nie wieder dein Zuhause in dieser gläsernen Klarheit wahrnehmen , in deinem ganzen Leben nicht.”Und während ich versuche, die hellsichtig gesteigerte Wirklichkeit noch einen Atemzug länger festzuhalten, verschattet sie sich schon wieder, wird alltäglich und grau.

Ich nehme ein Buch aus dem Regal
höre Vater flüstern
“Das ist nichts für Dich" 
 
Zukunft
© Heike Gewi   
26. 06. 2007
Woran denkst du?, dringt es zu mir durch. Irgendwie hatte es meine Nichte geschafft, die Gedankenbarrikade zu durchbrechen, die sich um mich und den Teppich aufgebaut hat, auf welchem ich vergeblich versuche, mir es lässig im Schneidersitz bequem zu machen, an einem Freitagvormittag, der nur heißt: Familienzusammenkunft und verkochte Schwägerinliebe. Im Sonnenlicht über dem Ornament des uralten Teppichs, der im Grundton Rot wie das Blut eines erlegten Rehs ist, flimmern meine Gedanken und die Partikelchen in der Luft. Hier muß ihr Flug begonnen haben. - Oh, und da dieses wissensdurstige Kind, das mich für eine wandelnde Enzyklopädie hält, mit den nicht enden wollenden Fragen.
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Nautilus Pompilius
© hans lesener   
24. 06. 2007
Nautilus Pompilius

Auf den beiden Fensterbänken des winzigen Fischerhauses entdecke ich viele kleine Gefässe, Schalen und Schüsselchen, gläserne Krüge, Vasen und Becher, alle gefüllt mit Muscheln, und sorgfältig beschriftet. “Baltische Plattmuschel” lese ich, “Gemeine Islandmuschel”, “Artemis-Muschel”, “Norwegische Herzmuschel” und “Pfeffermuschel”.
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Oh, ihr süßen Quanten!
© Heike Gewi   
06. 06. 2007
"Nimm die Quanten vom Tisch!", hallt es von der Gartenveranda. Gemeint waren natürlich die Füße unseres Großen.
Opa, der Ingenieur war und von jeher in die Physik vernarrt, kann nicht umhin, mittels der für ihn so typisch-physikalischen Begriffe
erzieherisch einzugreifen. - Da ist es wieder:
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Im Bilde
© hans lesener   
10. 05. 2007
Nur auf die Bitte der alten Dame hin hatte ich mich bereit erklärt, diesen literarischen Abend zu besuchen. Nun saßen wir nebeneinander in der ersten Reihe des Vortragssaals, mit guter Sicht auf die Wandfläche für die Projektion der Werke, über die die Rednerin des Abends sprechen würde.

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Durchs Feuer
© hans lesener   
06. 04. 2007
"Dein Gestüt brennt!" sagte ich zu meinem Freund am Telefon um Mitternacht.

"Rettet die Stuten mit den Fohlen!" sagte mein Freund.

"Niemand betritt das Haus!" sagte der Feuerwehrmann, der vor dem Eingang stand,während die Nachbarn durch die Hintertür die Möbel bargen.

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Landscape near Caux
© Markus Sulzberger   
22. 03. 2007
Ferdinand Hodler weilte ab und zu in Caux und malte die wunderbare Aussicht auf den Genfersee und die angrenzenden Berge. Seine Bilder sind sehr licht gehalten mit viel blau, rosa und goldgelb. Es ist anzunehmen, dass dies seinem Empfinden während der Arbeit an den Gemälden entsprach.
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