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Fasten words please
© hans lesener   
22. 02. 2009

.09

Fasten words please

 

Dreizehnuhrzwanzig. Pünktlich ist das Flugzeug zu hören, das mich vom nahegelegenen Flughafen auf die Kanaren hätte bringen sollen.  Das Dröhnen der Turbinen wühlt den Himmel auf, donnert über mich hinweg. Ich schaue dem Lärm nach.

Dort oben wäre ich jetzt, so kurz nach dem Start noch angeschnallt, eingezwängt in den Sitz, mit den Händen die Lehne umklammernd. Überwältigt von Flugangst. Es würde lange dauern, bis ich mich entspannen könnte. Meistens geschah das erst in größerer Höhe : Wenn unter mir ein sonnenbeschienenes, in ständiger Metamorphose sich wandelndes Wolkenmeer lag. Mein Fantasialand, auf dessen Gipfel und Tiefen, Berge und Klüfte sich Ängste und Träume projizieren ließen. Grenzenlos über den Wolken - die Freiheit... 

Bis dahin aber konnte ich über meinem Zustand nicht sprechen, mir auch keine Notizen machen. Die Wörter versiegten. Die Leuchtschrift über dem Sitz “ Fasten seat belts please”  verwandelte sich für mich in die Aufforderung “Fasten words please”. Die Fähigkeit, mich auszudrücken erstarrte, war erfroren oder gefesselt. Ich selbst mit trockener Kehle, mit Unbeweglichkeit und dem Fluch der Stummheit geschlagen.

                            

                              Zugvögel  

                              westwärts vor dem Wind       

                              laut rufend

 

Auch jetzt, während der Flugzeuglärm immer schwächer wird, empfinde ich Angst. Kalter Schweiß steht auf der Stirn, der Rücken ist feucht, das Hemd klebt. Da sind sie wieder, die Symptome, die mich gezwungen hatten, oder anders : die ich zum Anlass genommen hatte, eine bereits gebuchte Flugreise abzusagen. Mehrmals war ich zum Arzt gegangen, in Labors untersucht worden, hatte Gespräche geführt : “Ohne Befund “. 

So waren die Ursachen für meine Angstattacken unklar geblieben. Schließlich, im gleichen Maße, in dem ich mich an sie gewöhnte, wurden sie seltener und schwächer, traten hinter die Geschäftigkeit des Alltags zurück, flackerten kurz auf, schwanden wieder. So wie jetzt das letzte Verhallen der Triebwerke hinter dem Horizont ... 

Es ist vorbei. Die Enttäuschung über die verpasste Reise, die beklemmende Reaktion meines Körpers, die Erinnerung an quälende Flugangst - vorbei. Kein Erschrecken mehr, keine Ratlosigkeit. Wichtig ist jetzt nur, die Kleidung zu wechseln. Langsam gehe ich ins Haus.

                             Auffahren aus tiefem Schlaf   

                             zu Hause sein

Kommentare (4)Add Comment
...
geschrieben von Heike Gewi, March 02, 2009
Deine Flugangst, lieber Hans, habe ich schon als KG gelesen. Als Haibun spricht es mich noch mehr an, denn die Haiku dazwischen finde ich Klasse.

ABER

Meistens geschah das erst in größerer Höhe : Wenn unter mir ein sonnenbeschienenes, in ständiger Metamorphose sich wandelndes Wolkenmeer lag.


- haibunmaessig?

Bisheriger Text > Praesens und Konjunktiv;
dann > geschah --> geschieht (es passiert doch immer wieder oder?)
lag --> liegt

Sehr gut (meiner Meinung nach):

westwärts vor dem Wind
(das Raeumliche)

und die zwei Schlusszeilen ohne Interpunktion, was ich glatt weg so lassen wuerde.

Wie gesagt, ich habe nicht die grosse Erfahrung im Haibunschreiben, aber da die Haiku alle in einer best. Zeitform stehen, sollte das im Prosatext nicht anders sein. Deine KG laesst sich besser in ein Haibun umwandeln als die Erinnerungsgeschichte (die ich gut finde; sollte aber eine KG bleiben) von Gabriele.

LG - Heike ;-)
...
geschrieben von hans lesener, March 02, 2009
Vielen Dank , Heike ,für Deine Anmerkungen.

Deswegen stelle ich ja Texte hier ein, um zu erfahren , was besser sein könnte.
Bei diesem Haibun hatte ich selbst Zweifel wegen der unterschiedlichen Tempi und wollte gerne wissen,
ob im Rahmen eines Haibun zeitliche Rückgriffe im Imperfekt tolerabel sind.
Eigentlich bin ich der Meinung : Sie sind es nicht - aber man kann es ja mal versuchen ...

Die zugrundeliegende KG ist schon viele Jahre alt , und obwohl ich sie inzwischen in mehrere Partieen zerlegt habe, ist die Flugangstpassage noch immer überholungsbedürftig.
Ich werde mich also nochmal dranmachen...

Dass Du die beiden Haiku gut findest , freut mich wirklich. Bei dem ersten geht es mir auch um das "Rufen", im Gegensatz zur eigenen Sprachlosigkeit . Und wenn bei dem letzten die Reaktion rüberkomnmt "Wo bin ich denn ? Ach ja , zu Hause, gut !" bin ich sehr zufrieden !

Dir eine nicht allzu stressige Woche und viele Grüße !

Hans.
...
geschrieben von Klaus Stute, March 02, 2009
Hallo Hans,
beim ersten Lesen des Titels - also vor dem Lesen des weiteren Textes - schlich sich in meinen Kopf die "Übersetzung" ein: fasse dich kurz!

Mit dieser Vorprägung musste ich dann wohl nach der Lektüre zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte doch sehr detailbetont geschildert wurde und damit, wie von Heike anschliessend angemerkt, sehr einer Kurzgeschichte ähnelt.

Was mir insbesondere aufgefallen ist: in dem Wort "Flugangst" sind ja, genau genommen, all die von dir beschriebenen Symptome schon enthalten; und jeder von uns kann sich das genau ausmalen, auch wenn er selber keine Flugangst kennt. Aber du hast sowohl die Symptome beschrieben, als auch noch das Wort "Flugangst" selber bemüht. Letzteres müsste nach meinem Gefühl wegfallen. Die Details würde ich auch noch kürzen. Sicher geht damit Intensität flöten. Aber das ist m.E. die Intensität, mit der ein Spannungsbogen einer Kurzgeschichte aufgebaut wird. Haiku und haibun können m.E. distanzierter sein; von mir aus emotionsloser; einfach beschreibend halt.

Mit der Bitte um Entschuldigung wegen der kleinen Anmaßung hier also eine geraffte Version. Ob damit wirklich mehr Verdichtung erreicht wird oder ob es eine Verstümmelung ist... Mal schauen, was die Bäuche der Leser dazu sagen :-) Du bist ja schlank, Hans, nicht!?

Also----------------------------------

Dreizehnuhrzwanzig. Das Flugzeug, mit dem ich eigentlich auf die Kanaren fliegen wollte, startet in meinem Kopf. Der Blick folgt dem Dröhnen der Turbinen. Ich bin angeschnallt.

Zugvögel
westwärts getrieben
vom Wind

Eingezwängt in meinem Sitz, umklammern die Hände die Lehnen. Erst in großer Höhe verwandelt die Sonne das Wolkenmeer in ein Schneeparadies. Ich entspanne mich und lese.

Fasten words please
die trockene Kehle
verstummt

Ich schließe die Augen, spüre die feuchten Hände, den nassen Rücken, die Symptome, die ohne Befund vom Arzt zur Kenntnis genommen wurden. Diesmal sage ich die Reise ab. Schliesslich könnte ja das Herz ...

Die Triebwerke verhallen. Die Erinnerungen schwinden, die Enttäuschung, die Ratlosigkeit.
Ich sollte mir ein frisches Hemd anziehen.

Aufgefahren
der tiefe Schlaf
zu Hause
...
geschrieben von hans lesener, March 03, 2009
Lieber Klaus ,
das werde ich mir hinter die Ohren schreiben :FASSE DICH KURZ !
Du hast ja recht , die ganze Geschichte ist viel zu detailversessen; irgendwie habe ich im Lauf der Jahre zu sehr die Distanz zu dem Text verloren , um ihn noch haibunmässig kürzen zu können.Ich weiß auch , dass es zu meinen Schwächen gehört, zu viel Einzelheiten schildern zu wollen .
Dass Du es mir vorgemacht hast , wie es gehen könnte , verstehe ich nicht als "Anmaßung", sondern als
Dein bewährtes und bewundertes Mitdenken !

Ich werde den Text jetzt zwar nicht in die Tonne kloppen, aber ihn wieder auf Eis legen, um ihn in einiger Zeit wahrscheinlich doch als Geschichte wiederzubeleben ...

Nochmals Dank und Grüße !
Hans.

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