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Hamam
© Gabriele Brunsch   
19. 01. 2009
"Hamam-Dampfbad"

Auf der Suche nach einer Toilette in einem alten Restaurant mitten im Souk, wo im großen Saal fast ausschließlich Männer sitzen, die ihren Thé à la Menthe trinken und sich angeregt aber leise unterhalten, folge ich einem Pfeil mit arabischem Schriftzug tief hinunter in einen düster vor mir liegenden Kellergang, an dessen Ende ich Licht sehe.
Ich gehe darauf zu.
Weit in der Ferne höre ich die Geräusche der Stadt. Dann plötzlich ein Knick im Gang.
Da ist Lachen, heiteres Frauenlachen. Ich halte zögernd inne, vor mir ist eine Schwingtür, die sowohl unten als auch oben einige Zentimeter offen ist.

In der Dunkelheit
Duft von Minze und Seife
Klänge ertasten

Feuchte Luft kommt mir entgegen. Vorsichtig drücke ich den rechten Türflügel nach innen auf und gehe mutig hinein. Vor mir öffnet sich ein riesiger Raum, mit leichtem Dampf, Wärme und Hitze. Wenige Meter vor mir sitzt eine junge Frau auf dem weiß gekachelten Boden, neben ihr eine ältere, die gerade dabei ist, die Nackte abzuseifen.

Es ist wie ein Bild von Ingres, "Die große Odaliske", nur, dass mich die Frau nicht ansieht und dass der Ort ein anderer ist. Kein mit reichen Kissen und Decken verziertes Bett, sondern ein kahler von unten her beheizter Fliesenboden in einem sonst verwaisten Dampfbad. Nichts ist romantisch und doch nicht minder faszinierend. Die feuchten Haare der Badenden sind in groben Wellen hochgesteckt, einige Strähnen fallen über ihre weißen Schultern herunter. Es ist ein Bild in weichem konturlosem Weiß, mit Dampfschwaden und Weiß und Weiß, aus dem die schwarzen Haare das einzige hervorstechende sind.

Glut in den Wangen
Ein verbotenes Gebiet
Neugier hält mich fest


Die beiden bemerken mich nicht, sie unterhalten sich weiter, lachen dabei und die intensive Körperpflege, die mich an meine Kinderzeit erinnert, als mich meine Mutter liebevoll geschrubbt hatte, kommt mir neidvoll in den Sinn. Ich verharre reglos einige Augenblicke. Dann sehen sie mich. Sie lachen, winken mir zu ohne wirklich ihre Tätigkeit zu unterbrechen, ohne sich wegzudrehen, ohne den Versuch zu machen sich zu verhüllen.
So stehe ich da, in meinen Straßenkleidern am Eingang des Hamams, denn da bin ich gelandet, gar nicht verlegen, denn alles scheint das Natürlichste auf der Welt, und frage nach der Toilette. Gleich draußen, nur zwei Türen weiter vorne sei sie, ich sei zu weit gegangen. Sie lachen wieder, ja, ich solle doch bleiben, es sei gerade nicht viel los, sie seien auch gleich fertig, ich könne mich schon einmal ausziehen und mich bereit machen, es sei doch so ein wunderbarer ruhiger Tag, ich solle doch die Gelegenheit beim Schopf ergreifen: "Saisissez l'occasion, Madame!" - Ich lache auch, bedanke mich und winke zum Abschied.
Das Lächeln, das sich in mir ausgebreitet, wird noch lange anhalten, das weiß ich...

In der Zinkwanne -
Mutters Lachen
auf der Suche nach dem Floh
Kommentare (7)Add Comment
...
geschrieben von hans lesener, January 24, 2009
Hallo Gabriele ,

was für ein interessantes Haibun über eine interessante Situation.
Ich kenne selbst mehrere Männer-Hamam in der Türkei , die ich auf verschiedenen Dienstreisen in die innere Türkei besucht habe. Der schönste war ein Hamam von Suleiman dem Prächtigen, mehrere hundert Jahre alt ,mit einer zentralen Kuppel, die zahlreiche kleine Lichtöffnungen aufwies wie ein Sternenhimmel, und viel viel Marmor.
Die Atmosphäre war wohl nicht ganz so entspannt wie Du sie beschreibst , eher ein bißchen "sportlicher"
durch die Jungs , die da rumtobten . Und es ging extrem züchtig, ja verschämt zu.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man nicht weiß , was es heißt , sich zu waschen , bevor man nicht in einem türkischen Hamam war ... Das stimmt !

Wenn ich mir noch eine Anmerkung erlauben darf :
Ich überarbeite gerade meine eignen Haibun und habe dabei gemerkt ( bei einem Abstand von mehreren Jahren ) , dass ich manches doch kürzer hätte sagen können. Vielleicht siehst Du das in einiger Zeit beim Überlesen Deines Textes ebenso .

Ein gutes Wochenende !
Hans.
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, January 24, 2009
Lieber Hans,

danke für Deinen Kommentar. Ja, das mit der Länge, mit der Fülle von Gedanken, die man hineinstopft, weil einem jeder einzelne Aspekt der Begegnung wichtig erscheint...

Dies ist mein erstes Haibun, sicherlich, schon jetzt sehe ich an einigen Stellen Ansatzpunkte für den Rotstift.

Auch Dir ein schönes Wochenende
Gabriele
...
geschrieben von Heike Gewi, January 24, 2009
Nein, Gabriele. Es liest sich erfrischend und Du kannst stolz sein auf Dein erstes Haibun. War schon lange nicht mehr so gefesselt. Nicht nur, weil es um das Bad (Saunabad) geht und man Eindruecke erhaelt.

Vielleicht:

Glut in den Wangen.
Im verbotenen Gebiet
hält mich die Neugier.

oder

da Du schon "in" im letzten Haiku hast:

Glut in den Wangen.
Das verbotene Gebiet
hält mich.

> Was kann es anderes als die Neugier sein, da sich der Prosatext vorstellt und anschliesst.

LG - Heike
...
geschrieben von hans lesener, January 28, 2009
Nein, liebe Heike,
es ging mir nicht darum , Gabrieles Kreativität bei der Bewältigung dieses schönen Sujets zu schmälern.
Sie hat meine volle Bewunderung .
Meine Andeutung , dass sie in einiger Zeit vielleicht kleine Kürzungen wird vornehmen wollen , ist aus der Erfahrung mit meinen eigenen Texten abgeleitet . Um nun nicht zu abstrakt zu bleiben , nenne ich mal die Stelle, bei der mir dies Problem zuerst auffiel :
Es ist die Schilderung der( "fast ausschließlichen" ) Männer im ersten Absatz ( The de menthe, leise aber angeregte Unterhaltung); soll das hier einen bewußten Gegensatz zur Welt der Frauen aufbauen oder ist es vielleicht nur liebgewordene Situations-Schilderung ?
Eine andere Frage : Wieso "verbotenes Gebiet" ? Hat es nicht eine ausdrückliche Einladung der Frauen im Hamam an Madame gegeben ? Verbotenes Gebiet : doch wohl nur für Männer !?

Liebe Gabriele , ich hoffe Du verzeihst meine kleinen Anmerkungen. Sie sollen Deiner Leistung keinen Abbruch tun ! Und das Schluß-Haiku : Große Klasse !

Beste Grüße , Hans.
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, January 30, 2009
Liebe Heike, lieber Hans,

ich danke Euch sehr für Eure wohlwollenden Kommentare. Was ist für einen Schreiber schöner, als das Gefühl verstanden zu sein. Ich will alles was Ihr gesagt habt, genau überdenken. Das wird noch eine Weile dauern, bis ich mich dran mache, aber trotzdem möchte ich kurz versuchen, Hans, Deine Fragen zu beantworten:

In den ersten Satz wollte ich ganz bewusst den ganzen äußeren Rahmen hineinpacken. Ich habe mich vor sehr langer Zeit mit der Theorie der Kurzgeschichte, wie wir sie z.B. bei Hemingway vorfinden, beschäftigt und war immer begeistert, wie er es schafft mich mit wenigen Worten mitten in ein mir vorher ganz unbekanntes Terrain hineinzuziehen, mich darin bekannt zu machen und gleichzeitig Spannung zu erzeugen, die in einem Atemzug bis zum Schluss, dem sogenannten Plot, hinreicht und dort ihren Höhepunkt findet.

Nun ist es aber ein Haibun, etwas, das bei meinen vielen Haibunstudien sich mir doch als ein sehr wandelbares Gebilde zeigte. Diese Mischung, in kurzer Form Prosa und Dichtung eng aneinander zu stellen, ist unglaublich reizvoll. Wie ich lese sind die Regeln sehr weitgespannt und das kommt mir natürlich entgegen.

Nach dem Einführungssatz geht es eigentlich im Schritttempo des Laufens und Erkennens in eher kurzen Stanzen weiter.

Ich habe versucht so weit wie möglich offen zu lassen, ob es sich beim „Ich“-Erzähler um einen Mann oder eine Frau handelt. Auch die Nennung der Teetrinker bedeutet ja nicht sofort, dass der Ich-Erzähler zum anderen Geschlecht gehört, sondern erst einmal nur, dass er die hier üblichen Sitten und Gebräuche als „anders“ einstuft. (Der Leser, der meinen Namen liest, wird in Deutschland ohnehin sofort auf eine Frau tippen und somit fällt dieser Überraschungseffekt von vorneherein weg. In Italien, bzw. im romanischen Sprachgebiet allerdings wäre das anders.)

Da die Geschichte im Orient spielt, ist auch klar, dass es sich um eine Trennung zwischen Männer- und Frauenwelt handelt. Dass ich trotzdem in der Einleitung darauf hinweise, dass da hauptsächlich Männer zusammensitzen ist natürlich notwendig, wenn ich später auf die Offenheit und Arglosigkeit im Zugang
dieses Bereiches komme. Dies ist natürlich für ein Darüberhinausweisen sehr wichtig, da es zeigt, mit welcher Achtsamkeit man hier mit dem relativ öffentlich zugänglichen Frauenhamam umgeht. Man stelle sich vor, sie erschraken nicht, sie waren wirklich arglos...

Dieses unbeabsichtigte Eindringen in das Bad, die Störung dieser so ganz intimen Situation, dazu noch in Straßenkleidern, lässt, so hoffe ich, die Annahme, dass es ein „verbotenes Gebiet“ sei, zu.

Wenn ich sage, dass es eben genau diese sonderbare Mischung ist, die ich hineinlegen wollte:
feinste Intimität einerseits und dann Enthüllung/Entweihung, völlig arglose Offenheit gepaart mit fast schamloser Freizügigkeit und im Hintergrund das Wissen um die Schleierordnung muslimischer Frauen und dahinter noch das Wissen um die eigene, strenge Erziehung (meine Eltern mussten erst alt und krank werden, bevor ich sie nackt sah!), und darüber noch die befreiende Empfindung der Harmlosigkeit, dass das Eindringen in das „verbotene Gebiet“ kein Vergehen war, und dazu noch die Assoziation mit Bad und Mutter und Liebe und Fürsorge und Pflege...
Das alles...
Und dann noch das Lächeln...das ich immer wieder spüre, wenn ich die Zeilen lese.
Und wenn es mir gelänge, dass Ihr es auch lächelt, dieses Lächeln, beim Lesen dieser Zeilen, dann wäre es gelungen, das kleine Textchen mit Haiku.

Gabriele
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, February 11, 2009
Liebe Heike,

jetzt habe ich doch wirklich lang genug Zeit gehabt, mich mit Deinem Vorschlag auseinanderzusetzen und habe es auch getan. Dein erster Vorschlag gefiel mir - den setzte ich dann in mein Hamam-Haibun ein...
doch, als er drin stand, da erschien er mir fremd.

Also habe ich es wieder umgetauscht. Ich denke, mein Entscheidungsprozess ist noch nicht ganz fertig - einfach gesagt: Ich muss es noch ruhen lassen, bis ich mehr Abstand habe und mich objektiv an die Sache heranwagen kann.

Liebe Grüße
Gabriele
...
geschrieben von Heike Gewi, February 12, 2009
'n halbes Jahr weg damit! So mache ich das.
... und bleib Dir treu!

;-))

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