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Hocketse
© 1o2 1o2 1o2   
25. 07. 2008
Hocketse

„Wie heißt du?“ – „Rudi“ – Das kleine Mädchen schreibt ein Etikett und klebt es mir aufs T-Shirt. Ich setze mich zu den Nachbarn. Mein Gegenüber ist der Uli. Wir tauschen uns aus über Bürokratie beim Daimler und im Schulwesen. Das Bier im Fass geht zur Neige. Es dämmert. Ich lege „Die kleine Hexe“ ins Filmgerät ein und projiziere an die weiße Hauswand. Die Kinder sitzen mit großen Augen davor. Eine Mutter versorgt sie mit Decken. Im nächsten Jahr wollen wir wieder eine Hocketse* machen.

Spätsommer
aus dem Brunnen schlürfen
der unaufhörlich fließt

*schwäbisch, für eine gesellige Runde, abgeleitet von hocken.
Kommentare (4)Add Comment
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, July 25, 2008
Lieber Rudi,

kann es sein, dass der Begriff "Hocketse" von "Da hocken sie" kommt? Mir ist da so was in Erinnerung: "Schau nur rüber, da hocketse scho wieder!"
Oder täusch ich mich da?
Gabriele
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, July 25, 2008
Du bist schon auf der richtigen Spur, liebe Gabriele, aber linguistisch ist das schwierig.
Eine "Panieretse" ist die Panade (Semmelbrösel und Ei), mit der man panierte Schnitzel zubereitet. Ich glaube nicht, dass man den Begriff "Hocketse" auflösen kann in die Wendung "hocken sie". Es gibt nämlich auch einen derben schwäbischen Witz, der diese Ableitung nicht bestätigt: Kinder unterhalten sich über ihr Weihnachtsgeschenk. Jedes Kind ist stolz darauf, was es alles bekommen wird. Ein Kind sagt: "Mir send arme Leut. Mei Vater soicht uns a Schleifetse vors Haus." Übersetzt: "Wir sind arme Leute. Unser Vater pinkelt uns eine Schleife (Schleifspur...?) vors Haus." Gemeint war eben die Glatteisspur, auf der man so herrlich schlittern kann, nachdem man Anlauf genommen hat. Also die Endung -etse ist schon etwas Besonderes. Ich müsste mich auch erst bei Sprachwissenschaftlern kundig machen, wie man diese interpretiert, wenn es überhaupt dafür Spezialisten gibt. Möglicherweise ist ein Infititiv mit "zu" darin verborgen: die Gelegenheit zum Hocken, die Zutaten zum Panieren, die Bahn aus glattem Eis zum Schlittern. Unsere Sprache ist so reich, besonders die Muttersprache, dass wir sie oft anwenden ohne die Ursprünge zu reflektieren. Wenn man sie aber reflektiert, mag das oft auch einen Zugang zu einem Haiku eröffnen. Ich behaupte, das geschieht oft auch unbewusst, aus dem Gefühl der Muttersprache heraus, die man nicht analysieren muss, sondern einfach erlebt hat.

Herzlich
Rudi
...
geschrieben von hans lesener, July 26, 2008
Hallo Rudi -

bei Deinen Nachforschungen zu "Hocketse" könnte Dir sicher das große
vielbändige "Schwäbische Wörterbuch" von Fischer-Pfleiderer Aufschluß geben. Ob es digital einsehbar ist , weiß ich nicht . Aber villeicht hast Du eine gute Bibliothek in erreichbarer Nähe.
Ich habe mal 2 Jahre im Archiv von Schwäbisch Hall gearbeitet, und immer, wenn ich als Norddeutscher in Dialekt-Krisen geraten bin , hat mir der GROSSE FISCHER zuverlässig geholfen.

Das Schlußhaiku gefällt mir sehr gut. Der "Brunnen" ist ja ein Zauberwort der deutschen Lyrik, von Eichendorf bis Carossa, und ich habe auch sofort, neben allen anderen Assoziationen, an die wohl verbreitetste deutsche Gedichtsammlung , den "Ewigen Brunnen" , gedacht. Aber warum daraus "schlürfen" ? Das schlichte "trinken" würde
mir besser gefallen, weil es m.E. auch zu dem schlichten , tiefsinnigen Text noch besser passt. Evtl. ginge auch "schöpfen" ( "Und nur ein Wandrer trat ans Wasserbecken ,der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand ...") Aber das ist eine ganz subjektive Meinung.

Grüße ,
Hans.
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, July 26, 2008
Vielen Dank für Deinen Kommentar, lieber Hans.
Das Übersetzen von schwäbischen Begriffen ist mir kein Problem. Mich interessiert eher die Grammatik und wie ein Begriff abgeleitet wurde. Dabei könnte unter Umständen ein Standardwerk helfen. Ich werde mal nach dem von Dir genannten Wörterbuch forschen.
Die andere Sache mit dem "schlürfen" war auch in der Werkstatt haiku.de ein Diskussionspunkt. Ich fand "schlürfen" lautmalerisch und lustbetont. Allerdings sehe ich ein, wenn man im Spätsommer aus dem Brunnen trinkt, ist die Kehle nicht mehr so ausgedörtt wie in der heißen Zeit. "Schöpfen" ist da wohl passender und auch sehr beziehungsreich, mit einer höheren Bedeutungsebene.

Herzlich
Rudi

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