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© hans lesener
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10. 05. 2007 |
Nur auf die Bitte der alten Dame hin hatte ich mich bereit erklärt, diesen literarischen Abend zu besuchen. Nun saßen wir nebeneinander in der ersten Reihe des Vortragssaals, mit guter Sicht auf die Wandfläche für die Projektion der Werke, über die die Rednerin des Abends sprechen würde.
Brigitte K. war auf literarische Gemäldeinterpretationen spezialisiert; deshalb las sie heute abend auch nicht in irgendeinem Saal, sondern im Foyer des Kunstmuseums. Zwar war der Raum nicht besonders gut für Vorträge geeignet : viel zu breit, nicht sehr tief, der Blick von den hinteren Reihen beeinträchtigt durch breite Säulen .Aber immerhin hatte man vorne für das Lesepult eine Art zweistufiges Podium errichtet , an das die Autorin nun resolut herantrat.Zunächst ließ sie Dias der Gemälde zeigen, die sie besprechen würde. Dabei gab es die üblichen Schwierigkeiten : falsche Reihenfolge , ein Bild seitenverkehrt, eins auf dem Kopf stehend, eins fehlte völlig. Es überraschte mich, dass ich nur ein einziges kannte.
Der hohe Stapel
ungelesener Bücher
vor dem Nachttisch ...
Noch mehr überraschte mich, wie sich vom Beginn des Vortrags an die gesamte Szenerie verändert hatte, die Stimmung im Raum eine andere geworden war: Die Neonröhren an der Decke waren erloschen, statt dessen strahlte ein großer Scheinwerfer, nur knapp über dem Fußboden installiert, ein warmes, gelbliches Licht auf die Wand hinter der Rednerin , von wo es diffus reflektiert wurde.Durch die verdeckte kleine Leseleuchte am Pult wurde das Gesicht der Vortragenden von unten angestrahlt. Das Kinn trat spitz hervor, die Lippen, sprechend bewegt , leuchteten sehr rot und glänzend , die Spitzen der langen blonden Haare flammten fast weiß. Wenn die Rednerin den Kopf hob, um einen Satz zu wiederholen, der ihr wichtig war oder besonders gut gelungen schien, geriet auch die Mundpartie ins Dämmrig-Halbdunkle , Augen und Stirn waren kaum deutlich zu erkennen, nur die Haltung zeigte an , wohin der Blick ging : über das Publikum hinweg. Das Publikum : Sich durch eine halbe Drehung des Oberkörpers meinerseits den Zuhörern zuwendend, sah ich deren Gesichter in den beiden vorderen Reihen durch das Scheinwerferlicht ebenfalls von unten beleuchtet, warm erhellt wie vom Licht einer Kerze, von einer verdeckt hinter der abschirmenden Hand gehaltenen Kerze , deren Leuchten Hemd- oder Blusenkragen, Halskette oder Schlips deutlich betonte, die Kinn- und Mundpartie hervorhob , die Nase durch einen schwarzen Schatten schärfer erscheinen ließ als sie wohl wirklich war, auf den Augenlidern glänzte, Stirn und Haare , je nach Kopfhaltung des Hörers, ins Dunkle entließ. Als einer der Gäste in der ersten Reihe eine Bierflasche an den Mund hob - es war ein sehr warmer Sommerabend, im Saal stickige Hitze -
schimmerte das Glas des Flaschenbodens dunkelgrün .
Keine Staus. Kein Stress.
Keine Kompromisse.
Kein anderes Bier. Jever.
In diesem Moment wusste ich es : Ich bin in einem Bild, sagte ich mir, in einem Gemälde, das ich früher schon einmal gesehen habe und das genau so ein Leuchten zeigt, ein warmes indirektes Licht, ausgestrahlt von einer Öllampe mitten auf einem Tisch, die man aber nicht sieht, weil würfelspielende Soldaten ihn umlagern. Auf ihren Helmen und Brustpanzern spielen Lichtreflexe , aber nur ein einziges Gesicht ist deutlich und klar erkennbar: das eines lachenden jungen Mannes mit roter Mütze, der wohl gerade gewinnt. Am Rande der Gruppe, so erinnerte ich mich jetzt, stehen zwei Personen, eine junge Frau, in der Linken ein brennende Kerze, vor die sie wie verheimlichend ihre rechte Hand hält, sodass nur ein schwacher Widerschein davon auf das Gesicht des alten Mannes fällt, der ihr gegenüber steht, mit hilfloser Geste die Hände hebend. Und während die Stimme der Brigitte K. gleichmässig auf- und abschwoll, während ein Dia nach dem anderen an die Wand projiziert wurde , während meine Mit-Hörer sich unruhig und ermüdet leise bewegten, fühlte ich mich hineinversetzt, ja gebannt in die Gesellschaft der lärmenden Soldateska, die in Vorfreude auf eine Hinrichtung morgen den verängstigten alten Mann und seine Begleiterin nicht mehr beachteten . Erst der Beifall am Ende des Vortrags erlöste mich aus meinem Tagtraum, spülte gleichzeitig den Namen des Malers wieder ins Bewusstsein: Georg de la Tour, und beigewohnt hatte ich der Verleugnung des Herrn durch Petrus.Keins der anderen Dias hatte ich wahrgenommen. Als ich auf die Strasse trat, in den späten Frühlingsabend, und der alten Dame die Stufen herunter half, schwieg ich nachdenklich.
im Abendwind
schon Lindenduft -
so kurz vor Ostern
 De La Tour
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da kriegt man ja eine Gänsehaut beim Lesen!
Sprachlich und stilisitsch gefällt mir das sehr gut. Und auch die Idee, den Werbespruch einzubauen ist außergewöhnlich und klasse. Ich sehe diesen Biertrinker während des Vortrags immer vor mir und grinse. Wie sehr muss ihn der Vortrag interessiert haben, wenn er sich ein Fläschchen Jever (keine Schleichwerbung!) dazu genehmigt? Und dann noch aus der Flasche!
Jedenfalls lockert das die Gänsehautatmosphäre schön auf, und genau das finde ich gut daran! Man wird in den Bann dieser diffusen Beleuchtung gezogen und verliert sich dennoch nicht darin, eben weil dieser Mann da sitzt und ganz unspektakulär aber doch auffällig sein Bier trinkt. Das lenkt ab und trotzdem ist man doch mitten drin.
Schöne Idee mal ein Haibun zu einem Gemälde zu schreiben! Hans ist eben immer für Überraschungen gut.
Und das Schlusshaiku passt (jetzt) auch
Bis dann,
Andrea