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Novembermorgen
© Susanne Jäggi   
24. 11. 2008

Der Frost hat die Landschaft fest in seinem Griff. Eine dünne Schicht Neuschnee bedeckt den Boden. Durch lichter werdenden Kiefernwald erreiche ich den Rand eines Moores und halte inne.

Zwischen verschneiten Bulten und Heidekrautbüscheln verliert sich die Spur eines Fuchses. Dort drüben am Hang glitzern die Birken rauhreifweiss im Sonnenlicht.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …

In der glasklaren Luft hängen klonkende Kolkrabenlaute, bald hier, bald dort, ohne dass ich die schwarzen Vögel zu erblicken vermöchte.


Novembermorgen -

unter meinen Schritten

bricht das Eis


Kommentare (12)Add Comment
...
geschrieben von Klaus Stute, November 25, 2008
Hallo Susanne,

ist dir klar, dass das haiku eine Art Paukenschlag ist? Du reisst ja am Ende den Leser weg von der Landschaft und richtest seine Augen auf dich.

Der Gedanke, warum du jetzt weiter in das Moor gehst, wo man doch einbrechen und versinken kann, will aber nicht zuende gedacht werden!

Der Gedanke, dass unter deinen Schritten oder unter deinem Gewicht das Eis bricht - also dass unter deinem Einfluss am Ende der Geschichte schliesslich etwas passiert - wäre auch komisch. Soviel Ego und finale Fokussierung auf die eigene Person wird hier doch nicht angedacht sein.

Bleibt die Unaufmerksamkeit. Also doch zu weit ins Moor gewagt. Dann werden es aber nicht "all meine" folgenreichen Schritte sein, sondern ein einziger, also ein

Novembermorgen
plötzlich bricht
Eis

Fazit: das haiku-riskante oder irreführende "unter meinen Schritten" könnte m.E. doch einfach entfallen, oder?

Klaus
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 25, 2008
Liebe Susanne,

für mich ist Dein Haibun ein ergreifendes, mich durch und durch fesselndes Stück Lyrik.
Am Rand des Moores hältst Du inne, wartest, zögerst, sollst Du weitergehen, ein Hilferuf, doch als Antwort nur das Rufen der
unsichtbaren Raben. Der Kolkrabe, ein Unheilverkünder? Unheimlich.

Die Ernsthaftigkeit, die ihren Höhepunkt im SchlussHaiku hat, die Spannung, die Du aufbaust wird gestützt vom Eingangsvers des Psalm 121...

Doch dann ist da noch der Zauber der im Raureif glitzernden Birken, die Sonne...
Ich bin fasziniert, gebannt...

Gabriele




...
geschrieben von Markus Sulzberger, November 25, 2008
Hallo zusammen

mir gefällt das Haibun auch ausserordentlich. Ich bin mir nicht ganz sicher über die Bedeutung von klausens Einwand. Das: 'meinen Schritten' stört mich nicht, es setzt den Fokus dramatisch auf das lyrische Ich. Das Moor, der Kolkrabe, die zauberhaften Birken, der Fuchs, die Hoffnung auf Hilfe und das brechend des Eises. Da geht etwas in einem Menschen vor, da zerbrechen Kristallisationen, die jedoch noch genug stark sind ihn am versumpfen zu hindern. Es klingt, glitzert und knirscht in diesem Haibun. Danke.

Markus
...
geschrieben von Klaus Stute, November 25, 2008
Danke, Gabriele. Deine Psalm-gestützen Erläuterungen erklären jetzt auch dem letzten Ungläubigen, was Susanne tatsächlich in ihrem haibun zum Ausdruck bringen wollte. Und meine Wenigkeit stellt zerknirscht fest, dass ihr Kommentar Unverständnis demonstriert.

Aber so ist das mit der Lyrik: das Angebot zur Identifikation funktioniert mal - und mal funktioniert es nicht. Und wenn jemand nicht in gleicher Weise auf der Suche ist wie man selber - oder sich mit den gleichen Fragen beschäftigt, kann er mit meiner Suche wenig anfangen.

Klaus
...
geschrieben von Susanne Jggi, November 25, 2008
Oioioi ...!
So ein "Paukenschlag", lieber Klaus, war durchaus nicht beabsichtigt, und wenn das tatsächlich so "Ego-lastig" herüberkommt, muss ich es schleunigst ändern!

Zunächst: Es war wohl falsch, vorauszusetzen, dass die Leserschaft sich eine solche Moorwanderung im nordischen "Frühwinter" konkret vorstellen kann. Das ist nämlich nicht halb so dramatisch. Dass "Moor" (dieses hier oben so alltägliche Landschaftselement) gern Assoziationen von "unheimlich" und "Gefahr" hervorruft, das vergesse ich leicht, und jetzt bin ich offenbar wieder einmal in die Falle getappt.
Also: Wenn man im November über ein gefrorenes Moor geht, droht keine Gefahr, einzubrechen und zu versinken. Im Boden ist bereits solider Frost, und das Eis liegt in dünnen Schichten auf seichten Tümpeln. Es braucht gar kein so grosses Gewicht, bis unter dem einen und anderen Schritt Eis bricht, und mehr als einen nassen Stiefel riskiert man nicht.

Dann: "Das Eis bricht" im übertragenen Sinn hatte ich in Gedanken. Dass etwas in der steifgefrorenen Umgebung in Bewegung kommt.
Und dass das nicht passiert, ohne dass "man selber" in Bewegung kommt, Schritt für Schritt. Daher "unter meinen Schritten". Es könnten auch deine Schritte sein, oder seine, oder ihre.
Die Du-Form im ganzen Text wäre vielleicht ein Weg aus der "Ego-Falle". Aber das würde dann mit dem Psalm-Zitat nicht mehr stimmen.

Der Eingangsvers vom Psalm 121 kam in den Text hinein als Anklang an das Bedürfnis nach Hilfe und "Wegleitung", das man ja immer wieder empfinden kann - unterwegs in den Bergen und Wäldern, unterwegs im Leben, in frostiger Umgebung mit steifgefrorenen Strukturen, oder wohin die Gedanken da auch immer wandern mögen. Nicht unbedingt ein verzweifelter Hilferuf in einer gefahrvollen Situation.

Und schliesslich die Kolkraben: Auch da, liebe Gabriele, habe ich nicht an unheimliche Unheilverkünder gedacht, sondern eher an ihre Funktion als Übermittler von Botschaften (in der nordischen Mythologie). In meinem Text sind ihre Signale hörbar, aber es ist nicht auszumachen, woher genau sie kommen, vielleicht auch nicht, was genau sie bedeuten, oder wie auch immer man da weiter denken mag.

Fazit: Ändern muss ich. Ich muss wohl auch mehr ändern als nur das abschliessende Haiku.
Vielleicht sollte ich das Moor ganz wegzulassen versuchen?

Im Haiku möchte ich die Schritte gern behalten, ohne zu sehr auf meine Person zu fokusieren. Vielleicht:

Novembermorgen -
bei jedem Schritt
bricht Eis

???
Das "plötzlich" in Klaus' Vorschalg passt ja (wie oben ausgeführt) nicht in die beschriebene Situation.


Im Augenblick bin ich etwas ratlos - und das ist gut so. Ein guter Ausganspunkt zum Weiterdenken.
Danke euch!

Susanne
...
geschrieben von hans lesener, November 25, 2008
Hallo Susanne ,

ich kann mich den Kommentaren von Klaus, Gabriele und Susanne nur anschließen.
Meisterhaft !

Einzige Frage : Der Ausdruck "Bulte" ist mir nicht geläufig. Was ist damit gemeint ?

Hans.
...
geschrieben von Klaus Stute, November 25, 2008
Also Susanne,
das haibun gefällt mir eigentlich ganz gut. Und mit diesem Ineinandergreifen der Dinge, der Frage nach Stringenz und was hat das eine mit dem anderen zu tun - beschäftigen wir uns hier ja gerne bzw. sowieso immer.

Klaus
...
geschrieben von Susanne Jggi, November 25, 2008
Hallo ihr alle,

meine lange Antwort auf Klaus' und Gabrieles Kommentare hat sich mit den nächsten Kommentaren offenbar überschnitten.

Das ist ja überwältigend, so viel "Feedback", und "meisterhaft", Hans, nun, das ist ja wohl doch übertrieben! (Jetzt nur nicht hochmütig werden, Susanneli ...)

Bulten:
Auf einem Hochmoor gibt es "Bulten" (trockene Torfmooskuppen) und "Schlenken" (nasse Vertiefungen, in denen dann eben besagtes Eis liegt).
http://de.wikipedia.org/wiki/Hochmoor

@ Klaus:
Trotz der Psalmen-Referenz möchte ich mich nicht unbedingt als "gläubig" im engeren Sinn bezeichnen, als "auf der Suche" vielleicht, aber ohne eigentlich zu erwarten, je einmal die endgültige(n) Antwort(en) zu finden ... Mein Interesse an "spirituellen" Dingen geht in alle möglichen Richtungen. Die Psalm-Refrenz allein genügt nicht als Schlüssel dazu, was ich "eigentlich zum Ausdruck bringen wollte".
Das "Ineinandergreifen der Dinge" - ja.
Deine ursprünglichen Einwände finde ich immer noch relevant - ich denke halt doch, dass ich ändern muss ...

Jetzt aber zurück an die ("seriöse") Arbeit!

Euch allen einen schönen Abend,
Susanne
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 25, 2008
Liebe Susanne,

Ich verstehe überhaupt nicht, wie Du das Moor weglassen kannst, dann hätte doch auch das Hinwenden an himmlische Hilfe keinen Sinn mehr.

Bitte lass dich nicht durch die vermeintlich kritischen Kommentare dazu verleiten zu viel zu ändern. Das Haibun ist doch gelungen, wir haben Dir viele "Huldigungen" geschickt, ich denke, die sollten doch bei Dir angekommen sein. Ich fände es sehr schade, wenn Du eine Änderung vornehmen würdest, sie könnte hier nur eine "Verschlimmbesserung" werden.

Mit herzlichen Grüßen
und dem Dank für ein Haibun mit großem Nachhall

Gabriele
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, November 25, 2008
Hallo zusammen,,

mich fasziniert dieses Haibun auch!

Grad dieser Bibelvers passt wunderbar, Susanne. Von dem "Irdischen" blickt man hinauf in den Himmel, ins "Überirdische". Dann die Verbindung zu den Kohlkraben, die auch eine mystische Bedeutung haben. Sie sind hier die "magische Verbindung" zwischen Himmel und Erde.nnMan wird sich ein Stück weit seiner Kleinheit in dieser Welt bewußt, wo man sich doch ganz oft für sooo wichtig hält.

Auch das brechende Eis hat für mich hier zwei Bedeutungen. Einerseits ist es gut so, dass man mit dem Klang des brechenden Eises mit einem Mal die Erkenntnis gewinnt, wo und wer man ist. Andererseits erinnert es mich daran, dass man immer aufpassen sollte wohin man tritt und welchen Weg man geht.

Das Einzige, was mir aufgefallen ist, und was mich ein ganz kleines bisschen stört, sind die vielen harten "k"-Laute im Kohlkrabensatz. Ich denke mir, dass es wohl auch von dir, Susanne, beabsichtigt war, um die Rufe dieser Vögel klanglich in den Text mit einzubinden. Aber beim lauten Lesen muss man aufpassen, dass es nicht zu einem Zungenbrecher wird, und das würde dann eher komisch wirken.

Vielleicht bin ich auch einfach nur das richtig gut zu lesen, kann natürlich auch sein ;-)
Aber trotzdem ein wunderbares Haibun!

Einen schönen Abend,
Andrea
...
geschrieben von hans lesener, November 25, 2008
Guten Abend miteinander -

nun ist mir doch noch eine sprachliche Kleinigkeit so wichtig geworden, dass ich darauf eingehen muss.
Es ist das letzte Wort des Textes , "vermöchte" , im Zusammenhang "ohne dass ich ... zu erblicken vermöchte". Je öfter ich es lese, auch laut lese, desto mehr stoße ich mich daran. Ich empfinde es als etwas gesucht.
Mir ist klar , dass es das Verb "vermögen" gibt , i.S. von "können". Ich bin aber nicht sicher , ob nicht die 1.Person Singular von diesem Verb "ich vermag " heißt. Mein Sprachgefühl geht in diese Richtung, und ich fände es auch für den letzten Satz des Haibun schöner , weil sich der Satz und damit das ganze Haibun am
Ende in einem kürzeren Wort mit dunklerem Klang absenken würde.
Wenn man es laut liest , kann man vielleicht spüren , was ich meine. Es geht mir dabei aber ausschließlich um ein sprachliches Einfühlen , nicht um richtig oder falsch. Und mein kleiner Einwand zeigt auch , wie intensiv dieser Text auf mich wirkt.

Im Übrigen : Das Moor solltest Du auf keinen Fall eliminieren, Susanne. Es bringt ein Element des Unsicheren, Unwägbaren, Gefährlichen in den Text, das im Schlußhaiku durch das brechende Eis deutlich aufgenommen und noch stärker artikuliert wird.

Hans.


...
geschrieben von Susanne Jggi, November 26, 2008
Guten Morgen miteinander,

liebe Andrea, herzlichen Dank für dein Lob, es bedeutet mir sehr viel, da ich viele deiner Haikus sehr schätze. Und in deinen Gedanken zu meinem Haibun erkenne ich die meinen gut wieder.

Mit den Kolkrabenlauten (Kolkrabe übrigens ohne h, hat nichts mit "Kohl" zu tun ;-)) habe ich mich tatsächlich schwer getan, und ich habe mit Reaktionen darauf gerechnet. Kolkraben haben eine Vielfalt von Lauten. Und lautmalerisch wollte ich da schreiben, ja, aber "hart" sollte es nicht tönen. In (Ost-)Skandinavien heisst der Vogel "korp" - ganz lautmalerisch. Einige seiner Laute erinnern auch an einen Korken, der aus einer Flasche gezogen wird - "Klunk", "Klonk". Ich habe mir dann ergoogelt, dass "klonkend" in deutschen Texten zumindest vorkommt, wenn es auch nicht sehr gebräuchlich ist. Ganz zufrieden bin ich aber damit nicht, zugegeben.

Lieber Hans, ich habe eine Schwäche für Konjunktivformen, die manchmal überhand nimmt. Deshalb steht da "vermöchte" statt "vermag". Dem Klang zuliebe kann aber ebenso gut "vermag" stehen, da hast du recht.

Dann: Gut, ich lasse das Moor drin. Ich hätte ja tatsächlich Probleme damit, es zu ersetzen, denn wo sonst findet man Eis, das beim Gehen brechen kann, wenn nicht auf einem See oder einem Fluss - und das wäre nun wirklich gefährlich, auf neuem Novembereis!
Nur eben: Ich wollte ein "Element des Unsicheren, Unwägbaren, Gefährlichen" gar nicht so deutlich im Text haben, und jeder Gedanke an "O schaurig ist's übers Moor zu gehn" war mir fern.

Aber so ist es halt - und das macht die Schreiberei ja auch spannend: Wenn man einen Text von sich gibt, lässt man den Assoziationen und Gedanken der Leser freien Lauf - was ja auch der Zweck der Übung ist. Meinen eigenen Gedankensträngen kommt Andrea am nächsten - aber das ist ja vielleicht gar nicht so wesentlich. Dass mein Haibun offenbar eine starke Wrkung hat, die auch in verschiedene Richtungen gehen kann, ist für mich natürlich ein "Erfolgserlebnis", das sehr zum Weitermachen mit Haibun-Schreiben motiviert.

In Zukunft werde ich jedoch wohl mit den Mooren in meinen Texten vorsichtiger umgehen, im Wissen darum, was für Assoziationen ein "Gang übers Moor" unweigerlich hervorruft ...

Herzliche Grüsse in die Runde
Susanne

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