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Oh, ihr süßen Quanten!
© Heike Gewi   
06. 06. 2007
"Nimm die Quanten vom Tisch!", hallt es von der Gartenveranda. Gemeint waren natürlich die Füße unseres Großen.
Opa, der Ingenieur war und von jeher in die Physik vernarrt, kann nicht umhin, mittels der für ihn so typisch-physikalischen Begriffe
erzieherisch einzugreifen. - Da ist es wieder:
Das Problem mit den angehenden Teenagern meiner kleinen Familie. Seit etwa einem Jahr tagtäglich. Wer kennt nicht das Flatterhafte, Schlaksige, das dieser Altersgruppe so eigen ist, und  wahrlich an rot werdende Tomaten in diesem trockenen Sommer erinnert. Sie werden an Stützstäben festgebunden, damit ihnen ihr eigenes Wachstum, die Austreibung und Reife der Früchte, nicht zum Verhängnis wird. Ein Band der Hilfe, keine Fesseln. Auseinandersetzung mit den Eignern wachsendender Gliedmaßen:
"Opa! Was sind Quanten?", hinterfragt der Fünfklässler die anhaltinische Redensart. "Naja, ein Einstein bin ich nicht, aber vielleicht geht's so: Deine Füße auf dem Tisch, mein Freund, sind die Quanten. Objekte, die durch einen Zustandswechsel erzeugt wurden. - Ja, denke ich, müde vom Gehen und nicht "Ankommen"! Der Tisch als Ablage, das muss er aus irgend einem Film haben, denn in Aden sitzen wir auf dem Fußboden, da gibt es so reizvolle Chancen nicht. -
"Jeder  Fuß für sich ist eine physikalische Größe mit abzählbaren Strukturen.", fährt er fort. " Welche Schuhgröße hast du?  Wie viele Zehen sind an jedem Fuß?". Stolz beantwortet der fast Zwölfjährige jede Frage und findet, das sei kinderleicht. - Oh, Einstein!entfährt es mir leise. -
"Vati, hör' auf damit!", flehe ich ihn fast an, "Quantenobjekte zerfließen nämlich mit der Zeit.". Doch er meint nur: "Na und? Siehst du noch Füße auf dem Tisch?". Verdutzt drehe ich mich zu ihnen und entdecke zwei sich sehr einige, mich anlachende Hobbyphysiker.
Mir schwirren noch andere Gedanken, Kohlweißlingen im elterlichen Garten gleich, durch den Kopf: Die Pubertät im Allgemeinen, die meiner Kinder im Besonderen, die unseres Großen im Einzelnen.
Ausrufe wie: "Ich wünschte, ich wäre nie geboren!", hallen in Eltern nach. Woraufhin diese eine indirekte Antwort auf das lebhafte Interesse ihrer Sprößlinge an Zeitmaschinen und Zeitreisen erhalten. Unsere Kinder im rotierenden Strudel des Flusses Zeit mit den ihnen eigenen Quanten.
Aber: Kommt Zeit, kommt Rat!

Zeit - 
Alles Geschehen
sickert durch Papier

Kommentare (6)Add Comment
...
geschrieben von Günther Peer, June 07, 2007
Liebe Heike,

das ist aber eine wahrlich schöne Geschichte, ja
so einen Opa wünscht sich wohl jedes Kind, denn
oft ist gerade diese ein wenig strengere Art, die
viel mehr dem Kind in Erinnerung bleibt, als wenn
ein Großvater alles zulässt oder ein Kind alles
tun darf und den Großvater ausnützt. Das ist
jedenfalls meine Ansicht, die natürlch ganz subjektiv ist und selbstverständlich auch niemals immer und überall zutrifft.

Einen Physiker als Vater bzw. Großvater,Mensch das
ist großartig, wie viele Dinge würde ich ihn von
der Quantenphysik fragen,die ich von den Vedischen
Wissenschaften kenne. Und seine Meinung über ein
Buch,"Der kreative Zufall" -Wie das Neue in die Welt kommt von Klaus Mainzer,das ich gerade zu le-sen versuche,aber so kompliziert wissenschaftlich ist, dass ich keine Zeile mehr davon wiederholen
könnte.

Herzliche Grüße auch an Vater Gewi

Günther

...
geschrieben von hans lesener, June 10, 2007
Hallo Heike ,

erst jetzt nach meinem Urlaub habe ich Dein Quanten-Haibun gelesen.
Das Spiel mit den beiden Quanten-Begriffen finde ich reizvoll , und Du hast es mit viel wörtlicher Rede und einer Portion nachdenklicher Ironie sehr nachvollziehbar gemacht.

Wonach ich fragen möchte , ist das Schluß-Haiku :
Inhaltlich kann ich kaum erkennen, was Du mit dem Sickern der Zeit / des Geschehens "durch Papier" meinst ; da musst Du mir auf die Sprünge helfen. Und formal : Ist es nicht eher eine aphoristische Feststellung ?

Herzliche Sonntagabend-Grüße !
Hans.
...
geschrieben von Heike Gewi, June 11, 2007
Lieber Hans, lieber Guenther!

Danke fuer Eure Kommentare.
Ob ich im Haiku aphoristisch bin (bin mir keiner Schuld bewusst), kann Klaus wohl besser beantworten. - Da ich das Haiku als Qintessenz auf die kommende Zeit und die Ratsuche beziehe, meine ich, dass es anderen schon vor mir so ergangen ist und bestimmt zur Themenauseinandersetzung (Pupertaet und Paedagogik) in irgendeinem Papier Spuren hinterlassen wurden. Geistige Erguesse, Ratschlaege, die sich auf Papier manifestiert haben. So viele Buecher. So viele Zeitzeugen.

Einen schoenen Wochenanfang
wuenscht Heike
...
geschrieben von Heike Gewi, June 11, 2007
Aphorismus und seine Elemente (die ihn zum Aphorismus machen)

1. philosphischer Gedankensplitter?

- Im haibun bereitet der Prosatext das haiku vor. Im Text war die Rede von:
a) Quantentheorie/Physik (wie auch immer interpretiert, jeder Vergleich "hinkt"),
b) Einstein vergleicht die Zeit mit einem Fluss/Strom, der sich um die Sterne und Galaxien schlaengelt...
---> ... sickert ...
- Im haibun ist die Anspielung auf Gedankenbilder beruehmter Gelehrter stilvoll.

2. Lakonik?

---> Lakonie = einfache Form/Art des Ausdrucks
Wovon lebt das haiku?

3. elliptischer Satz od. mehrere Saetze?

Der elliptische Satz (mehrere Saetze kann ich hier in der Argumentation wegfallen lassen) ist ein sprachliches
Stilmittel und erinnert an den Telegrammstil.

- Ist das dem haiku-genre fremd?
- Segment b und c bilden einen vollstaendigen Satz!
- Eine klar definierte Obergrenze wird im Aphorismus abgelehnt.
---> Wie ist hier Segment a einzuordnen?

4. Formulierung betont subjektiver Gedanken mit Anspruch auf Allgemeingueltigkeit [apodiktische Aussage, deren Gegenteil inmoeglich sein kann]?

a) Segment c kann, wenn man will, leicht widerlegen, da die Einschraenkung "Papier" existiert (nur der Autor
hat das Empfinden, dass dem so sei....),
b) Einsteins Theorie vom "Zeitstrom" (Beweis, dass die Uhren auf dem Mars anders ticken als auf der Erde)
widerlegt von Kurt Goedel ---> abgeloest von Roy Kerr ... und
die Verfechter der Superstring Theorie arbeiten nach wie vor an Loesungen.

5. enthalten ein Werturteil?

Wir wissen: Keine Wertungen/Unterstellungen im haiku!

Ergo: Die Aussagen im Senryu sind widerlegbar (ebenso die Bilder), sind nicht apodiktisch.
Und...ist ein Seelenerlebnis/Senryu nicht immer subjektiv?

Abschliessend: Das haiku/Senryu mag auf den ersten Blick aphoristische Zuege haben, aber ist kein Aphorismus.

Noch eine schoene Woche!
Sagt--->Heike smilies/wink.gif
...
geschrieben von hans lesener, June 12, 2007
Hallo Heike -

ich bin kein Germanist und ein friedlicher Mensch ,
und Dein Schlußstatement "aphoristische Züge" genügt mir.
Als bekennender Fan von Georg Christoph Lichtenberg habe ich eine Schwäche für Aphorismen und verstehe darunter eine kurze, betont subjektive Aussage in rhetorisch reizvollem Gewand. Das scheint mir bei Deinem Text zuzutreffen , und das ist doch auch ein Kompliment !
Um bei Lichtenberg zu bleiben : Er hat schon vor mehr als 200 Jahren eine
Anmerkung gemacht , die ich stets auch für die Produktion von Haiku als wesentlich angesehen habe :
"Die Natur ist sozusagen das Laufseil , woran unsere Gedanken geführt werden , dass sie nicht ausschweifen ... "

Einen schönen Tag !
Hans.
...
geschrieben von Klaus Stute, June 12, 2007
Das "Geschehen" ist ja bekanntlich so eng an die Zeit geknüpft, dass wir daraus ein Wort gemacht haben: Zeitgeschehen.

Heike trennt nun Geschehen und Zeit und stellt fest:

das Geschehen sickert durch Papier.

Völlig richtig - müssen wir Aphoristiker hier stante pede bestätigen, weil:

die Zeit bleibt auf Papier STEHEN

:-) Klaus

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