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Vergilbtes Foto
© 1o2 1o2 1o2   
24. 08. 2008
Vergilbtes Foto

Péperzin steht auf der abblätternden Fassade des Bahnhofs. Ein Pole erklärte mir die Aussprache. Die erste Silbe klingt wie französisch pain, was Brot bedeutet, und die Konsonantenverbindung rz wie der Anlaut in Gelée. Wieder und wieder spreche ich das Wort vor mich hin, bis es immer vertrauter klingt.

Aus den offenen Fenstern schallt Kinderlachen, aus einem Schuppen auf dem Bahnsteig Gegacker. Die Gleise sind grasüberwachsen.

Ich wende mich nach Osten, der Bahnlinie folgend. Meine Frau bleibt zurück. Diesen Weg gehe ich allein. Mein Schritt passt sich dem Abstand der Schwellen an.

Im Süden erstrecken sich weite Äcker und Weiden. Ein Teich glänzt in der Sonne. Lange beobachte ich ihn. Vor langer Zeit soll hier jeder Hof einen Karpfenteich gehabt haben, aber die Oberfläche wirft keine Wellenringe.

Schwitzend erreiche ich die Brücke, welche auf dem Zettel eingezeichnet ist, den ich aus der Tasche ziehe. Die Schwellen fehlen. Hier könnte ich nicht weitergehen, bin aber auch fast am Ziel. Ich stapfe den Bahndamm hinunter, springe über einen nassen Graben und folge dem ausgefahrenen Weg nach Süden. Schwarzbunte Rinder stehen im Schatten hoher Pappeln. Zu meiner Linken wächst Schilf in einer Senke.

Die Rückseite eines Gehöfts kommt in Sicht. Das Dach des Schuppens ist am Verfallen. Der Wegkrümmung folgend gelange ich vor die Einfahrt des Anwesens. Ein vergilbtes Foto und eine Federzeichnung sollen mir Gewissheit verschaffen. Wo stand der Fotograf? Hier, und dort saß die Konfirmandin, schwarz gekleidet, in der Mitte der Großfamilie. – Das Wohngebäude hat neue Fenster. Die alte Aufnahme zeigt kein Silo und der Pflaumenbaum fehlt, aber die Gebäudeform stimmt mit dem historischen Foto überein. Der Feldweg verläuft wie auf der Federzeichnung. Ich bin mir sicher: Hier wuchs meine Mutter auf.

Lange stehe ich und schaue, bis eine Frau das Haus verlässt und zur Wäscheleine geht. Ich kann nicht mit ihr sprechen.

Auf dem Rückweg gehe ich über die Felder.

Ferner Donner –
tief eingefahren
die Spur nach Westen
Kommentare (14)Add Comment
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, August 24, 2008
Die Zeilenumbrüche kamen nicht rüber, beim Kopieren. Deshalb noch einmal:

Vergilbtes Foto

Péperzin steht auf der abblätternden Fassade des Bahnhofs. Ein Pole erklärte mir die Aussprache. Die erste Silbe klingt wie französisch pain, was Brot bedeutet, und die Konsonantenverbindung rz wie der Anlaut in Gelée. Wieder und wieder spreche ich das Wort vor mich hin, bis es immer vertrauter klingt.

Aus den offenen Fenstern schallt Kinderlachen, aus einem Schuppen auf dem Bahnsteig Gegacker. Die Gleise sind grasüberwachsen.

Ich wende mich nach Osten, der Bahnlinie folgend. Meine Frau bleibt zurück. Diesen Weg gehe ich allein. Mein Schritt passt sich dem Abstand der Schwellen an.

Im Süden erstrecken sich weite Äcker und Weiden. Ein Teich glänzt in der Sonne. Lange beobachte ich ihn. Vor langer Zeit soll hier jeder Hof einen Karpfenteich gehabt haben, aber die Oberfläche wirft keine Wellenringe.

Schwitzend erreiche ich die Brücke, welche auf dem Zettel eingezeichnet ist, den ich aus der Tasche ziehe. Die Schwellen fehlen. Hier könnte ich nicht weitergehen, bin aber auch fast am Ziel. Ich stapfe den Bahndamm hinunter, springe über einen nassen Graben und folge dem ausgefahrenen Weg nach Süden. Schwarzbunte Rinder stehen im Schatten hoher Pappeln. Zu meiner Linken wächst Schilf in einer Senke.

Die Rückseite eines Gehöfts kommt in Sicht. Das Dach des Schuppens ist am Verfallen. Der Wegkrümmung folgend gelange ich vor die Einfahrt des Anwesens. Ein vergilbtes Foto und eine Federzeichnung sollen mir Gewissheit verschaffen. Wo stand der Fotograf? Hier, und dort saß die Konfirmandin, schwarz gekleidet, in der Mitte der Großfamilie. – Das Wohngebäude hat neue Fenster. Die alte Aufnahme zeigt kein Silo und der Pflaumenbaum fehlt, aber die Gebäudeform stimmt mit dem historischen Foto überein. Der Feldweg verläuft wie auf der Federzeichnung. Ich bin mir sicher: Hier wuchs meine Mutter auf.

Lange stehe ich und schaue, bis eine Frau das Haus verlässt und zur Wäscheleine geht. Ich kann nicht mit ihr sprechen.

Auf dem Rückweg gehe ich über die Felder.

Ferner Donner –
tief eingefahren
die Spur nach Westen
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 24, 2008
Gefällt mir!
Nein besser: Gefällt mir sehr! Und zwar Prosa und Haiku.

Kleinigkeiten fand ich, aber in einem Lobkommentar passt das nicht...

Bis gleich...
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 24, 2008
Ich habe zwischenzeitlich den Text erneut gelesen (werde es sicher morgen auch wieder tun). Prosateil und Haiku packen mich. Die Ausführungen zum Klang des Ortsnamen, bringen mich dazu, auch die Aussprache zu versuchen. Ich höre aus meinem Mund ein ungewohntes Land, komme in einer unbekannten Gegend an...

Die Nennung der Himmelsrichtungen finde ich bei meinem zweiten Lesevergnügen noch faszinierender, als ich es bei dem ersten Lesem empfand. Die Komposition: Jemand wendet sich nach Osten, sieht im weiteren Verlauf der Handlung nach Süden, nimmt im Haiku die (tief eingegrabene! - wunderbar der tiefere Sinn) Spur nach Westen wahr. Aber 2x Süden ("Im Süden...", "...Weg nach Süden...") müsste m.E. nicht sein.

Zu oft taucht der Begriff Weg (auch als Wortteil) auf ("Diesen Weg...", "...folge dem ausgefahrenen Weg...", "...Weg nach Süden...", "...Wegkrümmung...", "...Der Feldweg...", "Auf dem Rückweg...". Auch wenn sich da jemand auf den Weg (!) gemacht hat, um nach Spuren zu suchen...Vielleicht könnte man irgendwo etwas einsparen.


Heißt es: "...ist am Verfallen."?



Jetzt habe ich den Text inzwischen 3x gelesen...Und mir fällt wieder etwas Interessantes auf: Der Erzähler lässt seine Frau zurück, geht "Diesen Weg...allein.". Später spielt das Foto eine Rolle, die Konfirmandin (junges Mädchen), dann ist von der Mutter die Rede. Gegen Ende der Geschichte verlässt eine Frau (die dort heute wohnt, aber nicht die deutsche Sprache spricht) das Haus. Wie ein roter Faden diese ganz unterschiedlichen Frauen (in ganz unterschiedlichen Bindungen, Beziehungen, Zeitebenen).

Wenn ich jetzt nochmals lese, dann...

Aber ich trinke nun Tee.


(wenn Tippfehler drin sind, sind sie drin... - sorry im voraus)
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 24, 2008

aber das geht nun doch nicht...
"...ich höre aus meinem Mund ein ungewohntes Land,..." > sollte heißen: einen ungewohnten Klang
...
geschrieben von Klaus Stute, August 24, 2008
Diese erste Irritation mit der zurückbleibenden Ehefrau hat mich den ganzen Rest der Beschreibung verfolgt. Ich empfand es als ein starkes Stück angesichts so einer wichtigen Spurensuche, dass diese nicht mit dem Partner geteilt wurde.

Aber Rudi hat ja nicht gesagt, dass er seine Frau aussen vor lassen und allein gehen wollte. Ich höre sie jetzt im Nachklang sagen: "geh du diesen Weg mal alleine". Es gehört Feingefühl dazu, zu spüren, wann jemand mal allein gelassen werden muss.

Das letzte Stück des Weges wird lang; alle Details werden mit höchster Aufmerksamkeit registriert; es baut sich eine Spannung auf...

Ja dann... steht man da. Findet etwas Fremdes, fremde Leute, mit denen man nichts anfangen kann. Man schaut sich eine Zeitlang um. Sucht nach Übereinstimmung mit den Bildern, die man mitgebracht hat. Das funktioniert nur ansatzweise...

Und das war es dann. Ausatmen. Sich losreissen. Schnell weg.

Die Gedanken laufen schon mit.

Nun: diese Episode hat den Leser auch mit auf die Reise genommen. Und wer selber schon mal so etwas gemacht hat, wird die Gefühle danach auch gut kennen und hier nachempfunden haben: diese Mischung aus Melancholie, Enttäuschung und etwas Schmerz darüber, dass vieles so unwiederbringlich vorbei ist.

Klaus
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, August 24, 2008
Herzlichen Dank für Eure Kommentare, liebe Angelika, lieber Klaus. Ich freue mich, dass meine Intentionen angekommen sind. Ich habe auch zwei Jahre dran gearbeitet.
Angelika, Dir sage ich wieder: Wo Du recht hast, hast Du recht. Es fällt mir immer schwer, Wiederholungen zu vermeiden. Als Autor habe ich oft zu wenig Distanz. Es ist wie beim Korrekturlesen einer wissenschaftlichen Arbeit: Die eigenen Fehler, obwohl man sie sehen müsste, sind verdeckt.

Herzlich
Rudi
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, August 24, 2008
Nachtrag: Was mein Sprachgefühl und google mir sagt…

Etwas „ist am Verfallen“ betont den Prozess.
Funde im Internet (Google-Suche nach „am Verfallen“, in Anführungszeichen gesetzt:
„Viktoria Fälle am Verfallen.“
„Sprungschanzen in Norwegen sind am Verfallen.“

Etwas befindet (ich betone „befindet“smilies/wink.gif sich „im Verfall“, ist „im Verfall begriffen“, betont den Zustand.
Beispielhafter Fund im Internet (Suche nach „im Verfall“ in Anführungzeichen):
„Im Triumph und im Verfall
Eine Marbacher Ausstellung beschäftigt sich mit Gottfried Benns "Doppelleben".“

Ich glaube „im Verfall“ bezieht sich mehr auf einen geistigen Zerfall, den Zerfall eines Systems oder einer Beziehung. „Am Verfallen“ bezieht sich mehr auf konkrete Dinge, die marode sind und nicht mehr lange halten werden.

Herzlich Rudi
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 25, 2008

Und diese links sind nun die Gewähr, dass...

?


senior - jumping | Sprungschanzen in Norwegen sind am Verfallen ...
Sprungschanzen in Norwegen sind am Verfallen: "Wir sind gründlich hinter den Schweden". http://www.adressa.no/sport/article1121510.ece ...
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Zimbabwe: Viktoria Fälle am Verfallen
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Aber meine Frage oben war keine rhetorische Frage. Ich bin keine Grammatik-Expertin.

Liebe Germanisten bitte informiert mich (uns).
...
geschrieben von Markus Sulzberger, August 25, 2008
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, August 25, 2008
Vielen Dank für den Link, lieber Markus. Interessant ist, dass Polen wieder ein Krisenherd zu werden scheint. Damals, 1945, floh die Familie meiner Mutter von Pempersin bei Bromberg (heute "Péperzin") aus Westpreußen vor den anrückenden Russen. Nun rücken Raketen der Amerikaner an, vor denen sich Russland bedroht fühlt. Was für eine Welt! Aus der Geschichte lernt wohl nur ein kleiner Teil der Menschen, die unmittelbar am Ort betroffen waren. Immer wieder passieren dieselben Fehler oder Variationen der alten Fehler.

Herzlich
Rudi
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 25, 2008
Mein Sprachgefühl sagt mir anderes, aber ich kann ganz falsch liegen. Wenn es mein Haibun wäre, würde ich einen Experten fragen.

Der Hinweis auf die beiden links (ich googelte, wollte mal die links hier präsentieren, aber der Beitrag wurde vom admin nicht freigegeben) überzeugt mich nicht. Was sind schon im Ozean des net zwei links...

Natürlich ist nicht alles, was ich für falsch halte, auch wirklich falsch.
Und natürlich ist nicht alles, was man bei so google findet, richtig. Wenn es denn nur 2x auftaucht (jedenfalls, wenn man auf die Schnelle forscht), dann macht es mich stutzig.
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, August 25, 2008
Das Helferlein sorgte bei der ersten eingestellten Version für den Zeilenumbruch. Danke!

Angelika, ich bot keine Links an. Ich bot die Eingabe bei google an. Gib mal bei google in Anführungszeichen "im Verfallen" ein. Die Anführungszeichen sind wichtig, damit google die beiden Wörter quasi als einen einzigen Begriff, eine feste Wortgruppe, sucht. Dann findest Du mehr als zwei Beispiele. Gerade eben fand ich 937 Treffer. Wenn ich weiter verunsichert werde, kann ich von mir sagen:
"Ich bin am Verzweifeln." Ich würde nicht sagen: "Ich bin im Verzweifeln." Aber "in der Verzweiflung" werde ich vielleicht ganz anders formulieren.

Wenn ich "im Verfallen" eingebe, erziele ich 523 Treffer, aber die Floskel wird anderes verwendet. Beispiel: "Im Verfallen ist das Sein zum Seienden nicht ausgelöscht..." (Heidegger). Hier steht "im Verfallen" als Ersatz für einen Nebensatz (Wenn das Sein verfällt, ist das Sein zum Seienden nicht ausgelöscht...). Das wäre aber ein umständlicher Satz, deshalb das Kürzel "im Verfallen".

Herzlich
Rudi
...
geschrieben von Markus Sulzberger, August 25, 2008
Hallo Angelika
habe ab und zu die Reklamation, dass ein Beitrag vom Admin nicht freigegeben wird. Habe den Kommentar allerdings gefunden und Veröffentlicht.
Dazu möchte ich folgendes sagen:
Ich gebe keine Artikel frei oder gebe sie nicht frei... ich weiss nicht wo der Fehler liegt, an mir jedenfalls nicht, es gibt keine Zensur. Vielleicht ist es eine Zeitüberschreitung des Systems. Konkret könnte das heissen, dass, wärend du recherchierst und googelst, die Session abläuft und wenn du dann speichern willst heisst es njet, vielleicht...!

Gruss
Markus
...
geschrieben von Angelika Wienert, August 25, 2008
Danke für die Information, Markus!

Diese Zeitüberschreitung passt zum heutigen Tag. Ich bin heute eine Schnecke...

smilies/smiley.gif

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