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von oben gesehen...
© Gabriele Brunsch   
15. 02. 2009

dieses spiel hatte ich von klein an gespielt. nach einem besonderen tagesereignis setzte ich mich in gedanken auf einen stein, schaute hinunter und betrachtete mir das erlebte. die einzelnen szenen des tages öffneten sich in meinem kopf wie zimmer einer puppenstube in die ich von oben hineinblickte und die menschen, denen ich begegnet war, spielten mir zwanghaft im zeitraffer noch einmal alles vor. die blickwinkel waren verengt, und die gefühle, die ich beim ablauf und danach gehabt hatte, waren klebrige bänder, die mich mit dem erlebten verbanden und es bis heute an mir haften lassen.           

      aha, sagte ich dann also, dort sitzt anna und brüllt. anna war an dem tag meine kontrahentin im sandkasten gewesen. annas mutter war während des geschreis aus dem haus gelaufen und hatte schließlich die gewünschten sandförmchen herbeigeschafft. weil anna aus einer laune heraus nicht zufrieden gewesen war, hatte sie ihrer mutter sand ins gesicht geschmissen. ihre mutter war mit kläglichem gewimmer wieder verschwunden. die ist blöd, hatte anna geknurrt. das verstand ich nicht, denn meine mutter war nie blöd, schon gar nicht, wenn sie mir sandförmchen hinterhertrug. aber bei anna war das anders.

    auf meinem stein sitzend, dachte ich an annas mutter. die war jetzt im haus und wartete darauf, wie der kuckuck aus der uhr hervorzuschießen, nur weil anna glaubte, dass es zeit dazu wäre. mehr als den kuckuck und die uhr konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich doch noch ein kind war. aber das reichte schon, um eine gewisse monotonisierung im ablauf der welt zu erkennen. und weil das mit anna und mit barbara und mit peter ähnlich war, mit kleinen abwandlungen natürlich, (ramonas, kevins und michelles  waren noch nicht geboren),  prägte sich mir das bild der welt als ein habgierig schnappendes maul ein, das in die hand, die ihr futter gab, hineinbiss.

 

gleichmäßig pocht

im gehäuse das uhrwerk

in meinem kopf

 

zu füßen dieses steins vollzogen sich allabendlich ganze bühnenstücke, aus dem was mir der tag so geboten hatte. es reihte sich z.b. auch die szene beim arztbesuch ein. ich hatte mich bei einem sturz an der hand verletzt. die ärztin, die mir beim verbinden meiner hand erst scherzend geraten hatte nicht zu weinen, weil sie es schrecklich fände, wenn kinder grundlos herumbrüllten, hatte kurz darauf begonnen lauthals auf ihre assistentin zu schimpfen. die wäre jetzt nicht da und hätte sogar vergessen neues verbandszeug auf dem tisch bereitzulegen.

      ich wollte ihr sagen, was ich beobachtet hatte: kurz bevor ich in das untersuchungszimmer gerufen worden war, hatte ich aus dem augenwinkel heraus beobachtet, dass draußen der bäckerjunge blutüberströmt und mit dreck an stirn und wangen von der assistentin unter mithilfe meiner mutter auf eine liege verfrachtet worden war. ich kam nicht dazu. es hatte wohl zu lange gedauert, bis ich die worte beisammen hatte um das bild zu beschreiben, denn sie wartete nicht. man könne sich auf niemanden verlassen, jammerte sie, zurrte meinen verband fest und bugsierte mich entschlossen zur tür. da stand der bäckerjunge. seine stirn war frisch gewaschen, seine wangen sauber, seine hände vom blut befreit, nur am kinn sah man eine wunde. die ärztin wandte sich ihrer assistentin zu und sagte wie nebenbei, dass niemand fürs rumstehen bezahlt würde. mit einem scherzhaften-entschuldigenden blick an meine mutter fügte sie aber noch hinzu, dass sie den gemütlichen plausch jetzt leider unterbrechen müsse, da es noch viel zu tun gäbe. als sie einen nassen fleck auf dem kleid meiner mutter sah, den ich vorher nicht gesehen hatte, wich ihr wohlwollendes lächeln einem geringschätzigen grinsen, sie zuckte mit der schulter und wandte sich ab. meine mutter wollte etwas sagen, hatte aber keine gelegenheit mehr dazu, da die drei mit hastigem gemurmel im behandlungszimmer verschwanden. als ich verwirrt nach der hand meiner mutter griff, spürte ich, dass diese zitterte.

 

schamesröte

die augenlider gesenkt

staub auf schuhspitzen
Kommentare (2)Add Comment
...
geschrieben von Heike Gewi, February 21, 2009
Wunderschoene Geschichte, Gabriele.
Aber meines Wissens ist das schon eine Kurzgeschichte.
Ich-Perspektive, Praeteritum/Perfekt/Plusquamperfekt.

Haibun sollten doch (wenn ich mich recht entsinne) im Praesens geschrieben
werden. Bitte korrigiere mich, falls ich was verpasst habe.

In sich geschlossene Sache mit schoenen Bildern, z.Bsp.:

die einzelnen szenen des tages öffneten sich in meinem kopf wie zimmer einer puppenstube in die ich von oben hineinblickte


mehr als den kuckuck und die uhr konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich doch noch ein kind war.


HAIKU:

gleichmäßig pocht

im gehäuse das uhrwerk

in meinem kopf

>> 2 x "in"!

gleichmäßig pocht
das gehäuse des uhrwerks
in meinem kopf


Nur ein Denkanstoss meinerseits ... und nur EINE Meinung.

LG - HG ;-)
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, February 21, 2009
Liebe Heike,

Ja, einige Stunden, nachdem ich es eingestellt hatte, dämmerte es mir bereits sehr unangenehm, dass ich mich hier wohl vertan hatte. Also, kein Haibun, sondern einfach eine Kurzgeschichte mit Haiku... macht auch nichts. Ich habe von diesen Geschichtchen eine ganze Reihe, leider nicht im Präsens. Du hast nichts verpasst, ich war einfach zu ungestüm.

Dein Änderungsvorschlag zum Haiku vermeidet das doppelte "in", aber leider lässt es das Gehäuse pochen - und das pocht ja nicht, sondern es ist das Uhrwerk im Gehäuse in meinem Kopf... Das ist ein dummes Wortspiel, das sicherlich so auch wieder mal nicht viel mit Haiku und Co. zu tun hat.
Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du Dich damit beschäftigt hast, und zumindest auch Gefallen dran gefunden hast - über die mangelhafte Form hinaus.

Liebe Grüße
Gabriele

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