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© Heike Gewi
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26. 06. 2007 |
Woran denkst du?, dringt es zu mir durch. Irgendwie hatte es meine Nichte geschafft, die Gedankenbarrikade zu durchbrechen, die sich um mich und den Teppich aufgebaut hat, auf welchem ich vergeblich versuche, mir es lässig im Schneidersitz bequem zu machen, an einem Freitagvormittag, der nur heißt: Familienzusammenkunft und verkochte Schwägerinliebe. Im Sonnenlicht über dem Ornament des uralten Teppichs, der im Grundton Rot wie das Blut eines erlegten Rehs ist, flimmern meine Gedanken und die Partikelchen in der Luft. Hier muß ihr Flug begonnen haben. - Oh, und da dieses wissensdurstige Kind, das mich für eine wandelnde Enzyklopädie hält, mit den nicht enden wollenden Fragen.
Da wir beide vorher in einer stillen Stunde über das Schulsystem in ihrem Land geplaudert hatten, wobei die angehende Studentin, wovon - noch nicht entschieden, sehr interessante Aspekte zu einem anschaulicheren Unterricht aus Schülersicht vorbrachte, und wir dann endlich beim Mathematikunterricht der siebenten Klasse landeten, die ihre Cousins besuchen oder gerade beenden, schwirren meine Gedanken zu nichts Geringerem als der Mengenlehre und Assoziationen wie Amboß oder Hammer sein, aber auch die Mächtigkeit der Mengen.
All das lasse ich sie wissen. Im Gegensatz zu den anderen Nichten, ist diese in keiner Weise erstaunt. Sie stellt prinzipiell alles in Frage und nimmt ein Nein vorerst nicht als Antwort. Es hat etwas von Seelenverwandtschaft, denn sie ist die Tochter des Bruders meines Ehemannes... Kein genetischer Link, also! Diese Luft einatmend, angefüllt mit den flimmernden Partikelchen und meinen Gedanken, führt sie die Kette weiter und erzählt über ihren Platz in der Familie, in ihrer vorgestellten zukünftigen Arbeit, in der Gesellschaft. Dabei geraten wir unweigerlich in einen Disput über die Stellung der Frauen im Jemen. Amboß oder Hammer?, frage ich sie und erkläre ihr nebenbei, daß es sich um ein Gedicht von Goethe handelt, in welchem er darauf verweist, daß das Lernen die Beantwortung dieser Frage erleichtert.
Ein Vater, der seine Tochter liebt, wird ihr diese Entwicklung ermöglichen, finanziell und moralisch, sagt sie. Bei uns ist die Familie der Rückhalt der Mädchen und Frauen. Ohne deren Unterstützung und Einverständnis geht nichts. Außerdem habe ich die Hoffnung, daß in Zukunft auch noch mehr staatliche Anreize geschaffen werden, sodaß die Berufstätigkeit auch bei uns zum normalen Lebensalltag einer Frau wird. Sie kann die Familie finanziell unterstützen. Mitunter ist sie ja schon Alleinverdienerin in der Familie. Andererseits sind viele Absolventen arbeitslos. Jede Mutter verzichtet auf die eigene Karriere, wenn Mann und Sohn Arbeit finden. ' Wenn! ', denke ich. Als sie ausatmet, scheint Goldstaub aufzuwirbeln. Oder gewann das Licht plötzlich an mehr Helligkeit? Wie ist das in Deutschland?, fragt sie mich. Der wilde Tanz der Partikel hatte sich beruhigt. Nicht viel anders, mein Kind. Nicht viel anders und sehe dabei auf den blutroten Teppich.
Einmal mehr denke ich an den Merksatz von Brecht: Radikale erzeugen einen auflösbaren Körper! ... vom Komitee der Untermengen.
Was ist der Hammer ohne Amboß? Ein Leben ohne Gegensätze, welcher Art auch immer...
face veil -
Why do I wonder about
big eyes?
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Liebe Christine,
ich erlaube mir, diesen Antwortbrief als Kommentar im Luxarium zu veroeffentlichen,da vielleicht auch andere Leser ein Problem mit meinem "Spaziergang" durch die Assoziationen haben. Der Aufhaenger dieser waren harmlose Gespraeche mit meiner Nichte und das Ziel, die Geschichte des Nicht-Ausgesprochenen "erzaehlen" zu wollen. Aber wiederum auch keine vollstaendige Geschichte (dem Sujet des haibun treubleibend),sondern eher einen Streifzug derer.
- Mengenlehre (naive Mengenlehre von Georg Cantor definiert) beinhaltet das fuer mich sehr
interessante "einschliessende" ODER (=und) bei den Vereinigungsmengen.
---> Amboss oder Hammer sein?
Maedchen, Frauen von Morgen, sind Toechter, Schwestern, Ehefrauen, Muetter.
"Amboss oder Hammer", "Amboss und Hammer", mal "Amboss" und mal "Hammer"......
Eine Mitverantwortung schwingt da mit jedem "Hammerschlag" mit.
- Radikale: Entsteht hier nicht die Frage nach ihren Entstehungsursachen? Die Kette der "Hammerschlaege" weitergedacht und nach B. Brecht:"Radikale loesen absolute Koerper auf...".
ODER, "einschliessend" = Aufweichen von verhaerteten Positionen absoluter oder absolut wirkender Maechte?
- Dann die Feststellung meinerseits: "Nicht viel anders, mein Kind. Nicht viel anders."
Wovon wird hier abstrahiert? Was ist das Gemeinsame? Trennen uns wirklich Welten?
- Ebenso das haiku:
faceveil = Tradition/traditionelle Sicht(weise),
a b e r
big eyes = Erwartungshaltung/Neugierde,
die jeder heranwachsenden Generation eigen ist. - Hier eine Anknuepfung an Issas:
.../a deer pokes its face/through the fence
deer = غزال , das an arabisch-lyrische Metapher = junges Maedchen/Frau anknuepft.
Ich moechte keine festgelegte Lesart vorgeben oder alles interpretieren, sondern will weiterhin
Dinge unausgesprochen lassen...dem Nachhall mehr Raum bieten.
Danke fuer Dein Interesse.
Herzlichst - Heike!