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Am alten Bahngleis
© Joseph Kandl   
13. 06. 2008

Am alten Bahngleis

die tanzenden Glühwürmchen –

nicht zu erhaschen.

Kommentare (7)Add Comment
...
geschrieben von Markus Sulzberger, June 13, 2008
Hallo Josef

auch hier sehe ich nicht was die Zeilen zu einem Haiku machen soll.

Markus
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 14, 2008
Hallo Markus,
ich übe mich im Haiku und bleibe dabei wohl oft in der bloßen Beschreibung eines (Natur)-Ereignisses stecken.

Wenn ich bei den alten Meistern lese, dann kann ich oft auch das Spezielle des Haiku nicht ergründen.
Beispiel:

Ein großer Glühwurm
Mit leichtem Schaukeln flackernd
An mir vorbeischwebt.
[Issa]

Natürlich könnte man sich da in ganz ausgeklügelte und tiefschürfende Interpretationen verstricken – aber auf den ersten und auch den zweiten Blick…? – es ist die Beschreibung eines Erlebnisses, eines Augenblicks; die flüchtige Begegnung mit einem Glühwurm.

Kannst Du mir da helfen?

mfg
Jakkede
...
geschrieben von Klaus Stute, June 14, 2008
Issa ist leicht angetrunken an einer Laterne vorbeigekommen. Das ist nicht meine Interpretation, sondern das steht da in seinem haiku mit aller Deutlichkeit. Wegen dieser gelungenen Umschreibung ist das ja ein haiku.

"Deine" Glühwürmchen am alten Bahngleis - dass sie dort tanzen, glaub ich eher nicht und dass sie nicht zu erhaschen sind, ist auch Quatsch: sie stehen doch genau deswegen da rum, um sich für ein paar Euro erhaschen zu lassen:

von den glühwürmchen
am alten bahngleis
manches schon verglüht

:-) Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, June 14, 2008
OK. Ich hab mich jetzt vom Tenor des Ausgangs-haiku auch zu einer eher allgemeinen Betrachtung hinreissen lassen. Damit so etwas ein haiku werden kann, muss der Moment der Betrachtung mit rein; das haiku muss immer Züge eines in diesem Moment gemachten Fotos haben. Es muss sozusagen fokussiert werden. In meinem Beispiel wäre das also sowas wie "eines grad verglüht". Aber ich ziehe den Vorschlag wieder zurück: es ist mir zu traurig.

Also zurück zum Ausgangs-haiku:

abends mit dem hund
am alten bahngleis tanzen
die glühwürmchen

:-) Klaus

NS das alte Bahngleis ist wohl doch noch ein Dreh- und Angelpunkt...
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 15, 2008
Hallo Klaus,
danke für Deine Nachrichten und Deine »Interpretation« zu Issas Glühwurm; darauf wäre ich so schnell nicht gekommen. smilies/smiley.gif
Zu den Glühwürmchen:
"Deine" Glühwürmchen am alten Bahngleis - dass sie dort tanzen, glaub ich eher nicht und dass sie nicht zu erhaschen sind, ist auch Quatsch

Meine Glühwürmchen habe ich erst vor kurzem entlang eines alten vergrasten Bahngleises »beobachten« können. Auf einer Länge von ca. 2 km blinkte es über dem hohen Gras unaufhörlich, es waren Tausende und erwischt habe ich keines.
Da ihre Lichter jeweils im Flug nur Sekundenbruchteile an sind, ergibt sich in der Nacht schon der Eindruck als ob sie »tanzen«. Es war ein schönes, selten gesehenes Bild. Diesen einmaligen Eindruck muss man doch in ein Haiku fassen können ohne jetzt viel ungesagt sein zu lassen bzw. hinein zu geheimnisen. Dieses Erlebnis muss doch ein Haikumoment, muss ein Haiku wert sein.

Hier habe ich noch mal zwei Meister-Haiku:

Im Morgengrauen
Dort aus dem Weizen vorne
Der Ruf des Kuckucks.
[Issa]

Es ruft der Kuckuck
Vom fünf Fuß hohen Kraute
Der gelben Iris.
[Bashô]

Was habe ich denn hier übersehen? Was sind die Assoziationskräfte die ich mobilisieren könnte? Was steckt da noch dahinter?
Für mich schöne pure Naturbilder, Natureindrücke. Vielleicht bin ich zu einfach gestrickt, aber mir genügt das vollkommen. Ich muss nicht immer und überall nach Manie der Deutschen einen »tieferen Sinn« hinter jedem Satz suchen.

Freundliche Grüße
Joseph

PS: Ich habe keinen Hund. smilies/smiley.gif
...
geschrieben von Klaus Stute, June 15, 2008
Nachträgliches sorry: der "Quatsch" mit dem tanzen war etwas schnodderig formuliert - natürlich "tanzen" die Glühwürmchen.

...allerdings nicht "die" Glühwürmchen, auf die ich in meiner horizontalen Betrachtung hinauswollte. Diese war dann aber völlig ernst gemeint, weil ich dich deutlich mit der Nase darauf stoßen wollte, wo der Hase langläuft.

haiku sind nämlich genau NICHT nur einfache Naturbilder. Die Bilder sprechen nicht einfach für sich, sondern sie erzählen Geschichten, die mit den Bildern nur am Rande zu tun haben. Eine solche Geschichte entsteht aus den Bedeutungen, die den verschiedenen Dingen, die im haiku erwähnt sind - also Pflanzen, Tieren etc. - zugeschrieben werden.

Der Kuckuck beispielsweise steht (im japanischen) für den Sommer. Das heisst also: sein Ruf erinnert daran, dass der Frühling schneller vorbei ist, als man "kucken" kann.

Wenn er ruft, ist das auffällige die rote Farbe in seinem geöffneten Schnabel.

So. Und jetzt darfst du dreimal raten, was da gerade in Issa geweckt wird an diesem seinem nicht mehr ganz so taufrischen Morgengrauen - und was er am liebsten jetzt in dem Weizenfeld gerne machen würde bzw. in Gedanken gerade tut...

Noch weiter treibt es Basho. Ich werde mich da aber jetzt nicht an einer weiteren Analyse verschlucken.

Das tolle ist: die Jungs hatten damals kein Problem damit, offen zuzugeben, dass sie auch ausgiebig an "das eine" gedacht haben. Vielleicht war haiku damals durchaus auch das, was wir heute Ersatzbefriedigung nennen. Wenn ich an unsere heutigen z.B. visuellen Möglichkeiten denke, dann sehe ich die Leute damals allerdings eher sexuell verhungern.

Aber im haiku ging es natürlich nicht nur um erotische Dinge: die geistreiche Umschreibung aller zwischenmenschlichen Vorgänge und auch die der transzendenten war der Antrieb, der ihnen intellektuelle Freude gemacht hat.

In dieser Tradition müssen wir haiku sehen und auch weiterhin handhaben. Wir können haiku also nicht auf das einfache Bild reduzieren. Dafür haben wir heutzutage die Fotografie. Aber selbst dort legen die Künstler unter den Fotografen längst Wert darauf, dass sie mit einem einzigen Bild gleich eine ganze Geschichte "dahinter" zum Ausdruck gebracht haben.

Klaus

NS. Die "Manie der Deutschen, einen tieferen Sinn hinter einem haiku zu suchen", ist natürlich Quatsch. Nur wenn ein Dreizeiler im haiku-look einen tieferen Sinn hat oder zumindest tiefere Gefühle im Leser wachruft, ist er ein haiku. Irgendein nettes Gefühl im Autor oder gar nur ein Gedanke reicht nicht.
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 16, 2008
danke Klaus, ich sehe schon, da bin da viel zu naiv und unwissend.

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