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Am dürren Baum
© Walter Mathois   
17. 11. 2008
Am dürren Baum -
ein letzter Apfel spiegelt
den Nebelmond.
Kommentare (19)Add Comment
...
geschrieben von Markus Sulzberger, November 17, 2008
wow
das gefällt mir jetzt wirklich.

Markus
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, November 18, 2008
Finde ich auch sehr schön, Walter!
Ich habe mir zwar überlegt, ob der Mond, wenn es neblig ist, sich in einem Apfel spiegeln kann, aber das ist mir bei dieser Atmosphäre, die das Haiku erzeugt, im Grunde völlig egal.

Bis dann,
Andrea
...
geschrieben von Walter Mathois, November 20, 2008
Vielen Dank für Euren Kommentar.

Ich habe zuerst überlegt, nimmste den Wintermond:

Am dürren Baum -
ein letzter Apfel spiegelt
den Wintermond.

doch blieb ich beim "Nebelmond".

Liebe Grüße
Walter
...
geschrieben von Heike Gewi, November 21, 2008
Nebel ist doch typisch fuer November, Walter.
Die Ueberlegung, ob Ende November (sprich
Winter"mond") als Winternebel mit einem Apfel am Baum gelesen wird,
wage ich zu bezweifeln.
Der spaete, neblige Herbst rueckt aber sofort bei diesem Bild ran.
"Nebel" hat etwas Mystisches. Wenn Du aber bei Wintermond bleibst,
dann schlaegt noch Einsamkeit und ..."erbarme dich meiner"
in die Kerben des duerren Baumes.
Mir gefallen beide Varianten, wobei ich aber jede einzelne
sehr differnziert von der anderen interpretieren wuerde.

Well done!

Herzlichst,
Heike ;-))
...
geschrieben von Horst Ludwig, November 23, 2008
"[...] ob der Mond, wenn es neblig ist, sich in einem Apfel spiegeln kann, [...] ist mir bei dieser Atmosphäre, die das Haiku erzeugt, im Grunde völlig egal." Mir aber nicht. Die Kunst besteht darin, auch mit klanglich und atmosphärisch wohlgewähltem Sprachmaterial die Realität darzustellen (vgl. Mörikes "Septembermorgen"). Statt des überklaren "spiegelt" entspräche schon ein unscheinbares und vages "im" dem Gemeinten eher: "Am dürren Baum - / ein letzter Apfel / im Nebelmond." Auch ginge: "Im dürren Baum (-) / ein letzter Apfel / (und) der/ein Nebelmond." Jedoch wenn schon wild, dann wäre mit "Am dürren Baum - / ein letzter Apfel spiegelt / mich und den Nebelmond" durchaus was los.
...
geschrieben von Klaus Stute, November 23, 2008
Bei einer Geschichte gilt es noch, ein wenig zu zögern: es gibt ja strenge Leute, die monieren die gleichzeitige Verwendung von "im" und "am" in einem haiku. Da könnte man sicher das erste "am" weglassen - und käme dann beispielsweise zu folgendem Ergebnis:

Dürrer Baum
im letzten Apfel
der Nebelmond

Wobei hier die Spiegelung etwas aufgegeben wurde - zugunsten der Durchdringung.

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, November 23, 2008
NK - apropos beispielgebend: so ein "Nachbohren" kriegt man ja selber kaum derartig taktvoll und dezent hin - bzw. erfährt es selber selten so rücksichtsvoll.

Meistens will das Nachbohren nur den Wurm zum Vorschein bringen - bzw. unterstellt einen solchen. Diesen Fall haben wir hier in dem haiku offensichtlich nicht. Anscheinend ist ein haiku eher verständnisvoll...

Ok: soweit das Wort zum Sonntag.
:-) Klaus
...
geschrieben von Beate M. Conrad, November 24, 2008
Walters Text spricht vor allem durch seine Einfachheit, durch seine schlichte Atmosphäre und Ästhetik an. Da steht neben der Kargheit die volle Form, die durch das "dürr" implizit flüchtiger (vergänglicher) wird; im Nebelmond findet sich genau das als Konzentration (Form,Fülle und Flüchtigkeit als ein Verschwimmen). Eine Gesamtaussage, die sich auch in der äußeren Versform als Symmetrie präsentiert.
Diese grundlegende Erfahrung macht nach meinem Empfinden den Charakter von Walters Haiku aus und sollte erhalten bleiben.
"Spiegelt" steht dem gegenüber sinninhaltlich und aus natürlicher Anschauung im Widerspruch. Es schwächt eher den wesentlichen Eindruck der Unschärfe, des Vagen und Flüchtigen. Hingegen wirkt ein Einschnitt gedanklicher, rhythmischer und klanglicher Art nach Apfel als natürliche Stärkung: "Am ..." oder "Im Baum ein letzter Apfel" ist das erste Bild - "im" würde hier zur Räumlichkeit des Bildes beitragen. Denn nach kurzem Innehalten zur Aufnahme des Bildes folgt die Aufwärtsbewegung des Blicks zum Mond und Nebel (als vertikale und/oder Hintergrund-Bildergänzung). Dabei bleibt dem Leser schon die visuelle Vervollständigung des Bildes in der Gesamtschau als ein Was-ist-was überlassen. Diese schlichte Offenheit bzw. Gegenüberstellung der sinnlichen und gedanklichen Bezüge mittels des Einschnitts bzw. Umbruchs von b nach c (ohne direkte sprachliche Anbindung) bestimmt alle weitere Dynamik der einzelnen Form und ihres Verschmelzens im Nebel, so wie sich alle Form und alles Leben auflöst und zu neuem verbindet. Damit beginnt sich die Symbolik (Baum, Apfel, Mond, Nebel) entfaltungsreicher und zugleich geheimnisvoller zu fügen:

Im dürren Baum/ein letzter Apfel,/der Nebelmond.
...
geschrieben von Walter Mathois, November 25, 2008
Liebe Haiku-Freunde,

vielen Dank, dass Ihr Euch mit meinem Haiku beschäftigt habt. Es freut mich, dass diskutiert wird, Meinungen dargebracht und gute Ratschläge (dies meine ich nicht ironisch) gegeben werden. Es zeigt mir, wie verschiedenartig Haiku aufgenommen werden; ich bin begeistert.

Heike: du hast recht. Natürlich sind es zwei differenzierte Varianten. (Mystik..Einsamkeit). Was mir nach Tagen auffiel, dass ich ZWEI kigo verwendet habe („dürr“, „Nebelmond“; „dürr“, „Wintermond“). Ich – für mich – denke, dass ein kigo ausreichend ist. Ich werde darüber noch nachdenken.

Horst Ludwig: „Spiegeln“ wäre das Auszulassende. Vielleicht habe ich mich wirklich von dem optischen Erleben „über den Tisch ziehen“ lassen. Ihre vorgeschlagene Version:

Im dürren Baum
ein letzter Apfel
und der Nebelmond.

gefällt mir besonders.

Klaus: Deinen Hinweis zu „im“ und „am“ werde ich gerne verinnerlichen, obwohl er nur mittelbar mein Haiku berührt.

Dürrer Baum
im letzten Apfel
der Nebelmond

hier kommt wieder das „Auszulassende“ zum Klingen. Danke.

Beate: Deine Interpretation. und Deine Version:

Im dürren Baum
ein letzter Apfel
der Nebelmond

ich schreib einfach „Danke“.

Ich werde darüber nochmals gründlich nachdenken (zwei kigo, wie oben erwähnt.

Liebe Grüße
Walter
...
geschrieben von Beate Conrad, December 03, 2008
Wenn man danach ginge, lieber Walter, dann steckte da praktisch eine ganze Aneinanderreihung von Kigo: dürr (kahl), Apfel, Nebel, Mond bzw. Nebelmond. Darf es deshalb so nicht vorkommen? Sicherlich darf es das!
Grundsätzlich weisen Texte, und da auch das Haiku mitunter Jahreszeitenwörter auf, weil die Natur und die (Jahreszeit) Teile unseres alltäglichen Daseins, unserer Alltagserfahrung sind; weil das Haiku als Jahreszeitendichtung (aber nicht ausschließlich) mit Naturerfahrung/-anschauung befaßt ist.
Unter dem Aspekt, daß ein Jahreszeitenwort oder -thema als bewußtes Gestaltungsmittel eingebracht wird, wäre zu bedenken:
Es gibt Texte, die weisen ein Kigo auf und trotzdem erfüllt es darin keine Funktion, kommt es im Text nicht zur Entfaltung als emotionale Färbung und als Zeit, weil das eben nicht der ganze Text als Gesamtgefüge von seiner Anlage her unterstützt bzw. davon durchdrungen ist. Die bloße Aneinanderreihung und nominale Identifikation "Kigo" macht lange noch keines aus. Unter welcher jahreszeitlichen Färbung ein Text tatsächlich gelesen und verstanden wird, hängt immer von seiner Gesamtkomposition ab. Mitunter können sogar zwei Jahreszeitenwörter durchaus sinnvoll eingesetzt werden, um bspw. in besonderer Weise Jahreszeitenübergänge und eine entsprechende Dynamik des übertragenen Themas schlechthin zu bewirken. Ich erinnere mich da gerade an einen Text bei Haiku.de, weil ich dazu etwas schrieb und dieser zunächst auch etwas mit Kigo angefüllt erschien:
http://www.haiku.de/haiku2/fudo07/index.php?action=vthread&topic=1861&forum=16&page=-1
Wie unterschiedlich durch die restliche Gestaltung ein Kigo bzw. mehrere Kigo zur Wirkung kommen können, zeigt sich auch in dieser Diskussion:
http://www.haiku.de/haiku2/fudo07/index.php?action=vthread&topic=1546&forum=16&page=-1
Kurz:
Das Kigo bzw. die jahreszeitliche Färbung drückt in einer überzeugenden Gesamtkomposition das ganze Verständnis, die emotionale und ästhetische Essenz des Erfahrenen und zum Haiku Verdichteten aus.
In Deinem Haiku, Walter, steht zuerst Deine Erfahrung und Empfindung, Dein genauer Blick, Deine Wahrnehmung des Wesentlichen, das Authentische. Die kommt abzüglich des Spiegelns angemessen zum Ausdruck. Das "Kigoproblem" ist hier erwartungsgemäß natürlich gelöst: Ganz klar und übergeordnet ist der Herbst, sogar der Spätherbst in seiner Eigenschaft des Flüchtigen, des Vagen, des Auflösens, also des Vergänglichen spürbar. "dürr" (synonym zu kahl; kahle Äste wäre das eigentliche Winterkigo) und der Nebel(-mond) (Herbst) sind dabei die Motoren, die die Fülle des Apfels und des Mondes schmälern, vergänglich werden lassen. Der Nebelmond unterstreicht das Karge des Baumes und des Lebens, das Einsame, das Vage und Melancholische mit dem jedoch klaren Wissen um die Aufgabe auch noch des Letzten (Apfels) verbunden. Hier wirkt alles stimmig zusammen und sich gegenseitig durchdringend. Die beiden Jahreszeitenwörter, wenn man so will, präzisieren den Herbst als fortgeschritten, die Schwelle zum Winter wird erahnbar.
Zur Randfrage:
"im" und "am" zugleich in einem Haiku, dafür kann es gute Gründe geben: neben der sprachlichen, sinnlogischen Klarheit vor allem fühl- und hörbare in der Gesamtkomposition (Klang und Rhythmus). Sie tragen bei zum unausgesprochenen Berührtsein, zur Lebhaftigkeit, zum Geheimnisvollen und Magischen, das uns an einem Text intuitiv anzieht. Zugleich sind Klang und Rhythmus individueller Gestaltungsausdruck eines Autors.
...
geschrieben von Klaus Stute, December 03, 2008
Im dürren Baum
ein letzter Apfel
der Nebelmond

Das ist sehr meditativ. Sehr schön.

In meinem Nachklang passiert aber nun folgendes: der Mond spiegelt, hinterfragt, beschäftigt, gesellt sich nicht zu dem Apfel, sondern er verdrängt ihn!

Die Aufzählung bzw. Nebeneinanderstellung im haiku-Moment - der Apfel UND der Mond - wird im Nachklang zu einem "wie". Der Apfel wird insofern doch hinterfragt, als dass sein tatsächliches Hängen im Baum ungewiss wird und der Mond hängt schliesslich "wie ein letzter Apfel" im Baum. Allein. Allein die unweigerliche Pause in der "Aufzählung" bzw. durch den Zeilenumbruch führt zu einem Aha-Moment:

ein letzter Apfel...?
Ach: der Nebelmond!

Dieser Rückschluss - dass der Mond im leeren Baum hängt "wie" ein letzter Apfel - ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig bzw. durch das abendliche Glas Rotwein gesehen: erstens sind Äpfel nicht weiss; zweitens sieht man im nächtlichen Schattenriss-Baum sowieso keinen letzten Apfel mehr, es sei denn, man hängt selber darunter - und drittens kommt der Mond im Baum - von den Proportionen her, sagen wir, doch wohl eher einem großen Kürbis nahe...

Na gut: den Klausschen Nachklang bitte mit Heiterkeit aufnehmen bzw. mit besagtem Glas Rotwein begießen zu wollen - aber in den ersten Versionen hing der Apfel zweifellos etwas eindeutiger in dem Baum. Nun gibt der Mond im Nebel den letzten Apfel, er gaukelt ihn vor.

Was natürlich ein Scherz ist: selbst im Nebel ist der Mond unverkennbar der Mond. Und wenn er nicht selber im Schatten steht, stellt er alles andere in den Schatten.

Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, December 03, 2008
Der Beitrag gleich nach dem letzten von Walter Mathois (November 25, 2008) wurde "geschrieben von Klaus Stute, November 26, 2008"? So schreibt Klaus Stute nicht. Der "geschrieben von Klaus Stute, November 26, 2008" gleich vor meinem jetzt hier, der entspricht eher seinem Stil. Ist hier was im Programm falsch gelaufen?
...
geschrieben von Markus Sulzberger, December 03, 2008
geschrieben von Horst Ludwig, December 03, 2008
Ist hier was im Programm falsch gelaufen?

Ich glaube es war da mal etwas, eine Panne, aber das können wir wieder in Ordnung bringen, danke für den Hinweis.
Markus
...
geschrieben von Klaus Stute, December 03, 2008
Ach - vor ein paar Tagen verwechselte mich noch eine der Damen mit einem Indianer - und nun schmückt mich jemand mit amerikanischen Federn. Nicht dass ich mich als nächstes in den ewigen Jagdgründen wiederfinden muss!

Oder wollte das Helferlein das Stelldichein von Apfel und Mond in die Comic-Abteilung einstellen und hat die Herren Copy und Paste verwechselt, als er es wieder rückgängig machen wollte. Wer weiss.

Jedenfalls ist nun doch ein Wurm drin. Mein Reden.

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, December 03, 2008
Wie ich sehe, ist Beate (in der Überschrift) wieder Autorin ihres obigen Kommentares. Nunja - wenn man etwas korrigiert, steht natürlich das heutige Datum drüber. Verfasst wurde es aber in der letzten November-Woche.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, December 03, 2008
Vielen Dank dem fleißigen Helferlein bzw. Markus für die Korrektur des "Kuddelmuddels" - und Horst Ludwig für's genaue Lesen mitsamt Hinweis zur Veranlassung.

Kurz zur Zeichensetzung bei:
"Im dürren Baum / ein letzter Apfel, / der Nebelmond." (siehe mein Eintrag vom 24.11.)
Sie verweist hier auf die sinnlogische Beziehung als Aufzählung u n d als ein "Als-ob" neben der "Hintergrundbeleuchtung". Anstelle des Kommas ein "und" einzufügen, legte eine Tendenz der Wahrnehmung vielleicht schon fest?! Gerade das Pendeln der Wahrnehmung in der bzw. durch die nebelige Atmosphäre hat das gewisse Etwas, das für das Haiku spricht.

P.S.: Und prima, Klaus, daß Du alles mit Humor trägst.
...
geschrieben von Klaus Stute, December 04, 2008
Und prima Walter, dass wir hier auf Basis DEINES haiku so angeregte Werkstattarbeit leisten und uns so gut unterhalten konnten.

Klaus
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 07, 2008
Es ist schon sehr spannend, wie verschieden man ein und dasselbe Haiku auslegen kann. Mir kommen nämlich ganz andere Bilder als die hier besprochenen.

Das Wort "Nebelmond" habe ich als erstes als einen historischen Monatsnamen für "November" verstanden. Die Assoziationen "Mond" und "Nebel" kommen mir zwar schon auch, aber erst als viel später, fast als Nachhall.

Wenn Walter statt "Nebelmond" einfach "November" eingesetzt hätte, hätte hier in der Diskussion wohl niemand über den "Mond" und den "Nebel" diskutiert.

Aber selbst wenn der Mond als realistisch sichtbar angesprochen wäre, dann sagt mir nichts im Haiku, ob wir gerade Vollmond haben oder Neumond oder Mondsichel, zunehmend oder abnehmend, ob Tag oder Nacht... Für mich lässt sich eine solche Interpretation ("da ist ein Vollmond" oder "da ist kein Mond am Himmel" etc.) schon sehr auf "die Äste raus" ;-)

Bei "Nebelmond" als historischen Monatsnamen verstanden kommen dann die ersten Spannungsbogen. Wie kann ein Apfel den November spiegeln? Der dürre Baum spiegelt symbolisch für mich viel eher den November.

Das Potenzial dieses Haikus sehe ich in dem Bild der Frucht (Apfel), der Vergänglichkeit (dürrer Baum), dem Ende beziehungsweise Tod (November, Winteranfang, Dürre) und dem Neuanfang (Der Apfel als Frucht mit Samen, die - gesäht - wieder zum Neuanfang führen, zu einem neuen Apfelbaum.


Im kahlen Baum
ein letzter Apfel -
Nebelmond

Vielleicht wäre es spannender, das Wort "kahl" zu nehmen statt "dürr". Mit dem Wort "dürr" assoziiere ich eher "ausgetrocknet", "hager", "dünn", "schmal". Der Baum hat (in meiner Interpretation von Walter's Haiku) aber nicht keine Blätter mehr, weil er ausgetrocknet ist, sondern weil Winteranfang ist, er ist "kahl". Keine Blätter mehr, keine Früchte mehr... bis auf: eine.

Lustigerweise sehe ich vor meinem inneren Auge den Apfel konkret und symbolisch als "das neue Leben", "den Samen, der neu gesät wird" und deshalb einen wunderschönen, drallen, roten Apfel im kahlen Baum. Wie weit das realistisch ist, im November noch einen frischen, unbeschädigten, schönen Apfel an einem Baum zu finden ist eine andere Frage. Vielleicht geht da auch meine Fantasie mit mir durch. Und vielleicht ist es auch egal, wie man sich den Apfel vorstellt.


Ein weiterer Punkt ist: obwohl ich nachvollziehen kann, wieso Walter den Gedankenstrich am Ende der ersten Zeile gemacht hat, finde ich es im Gesamtbild eher irritierend. Für mich wird das Haiku viel flüssiger und auch verständlicher, wenn der "break" am Ende der zweiten Zeile gemacht würde:

Im kahlen Baum
ein letzter Apfel -
Nebelmond

Auf einer ersten Ebene lese ich jetzt: «Da ist also im November tatsächlich noch ein letzter Apfel am Apfelbaum. Welche Freude, im nebligen, kaltnassen, grauen November noch einen so schönen Apfel im Baum zu sehen!»

Auf einer ersten Metaebene lese ich (hier stellt sich bei mir tatsächlich ein Haikumoment ein): «Aus der Vergänglichkeit (kahler/dürrer Baum; November) geht da also noch neues Leben (Apfel) hervor. Der Neuanfang (Apfelsamen) spiegelt sich schon - sozusagen vorweggenommen - im Ende (November, kahler/dürrer Baum).

Als Nachhall kommen noch diverse andere Assoziationen: der runde Apfel und der Vollmond, der Nebel als Ende/Tod/Blindheit, kein Mond (Neumond) als symbolischer Neuanfang... dann noch später, noch weiter hinten die Mondsichel als Symbol für die Sense (des Schnitters) oder als Symbol für die Ernte (der Frucht).

Der Gebrauch des Wortes «letzter» macht Sinn, da erst so der starke Kontrast zwischen kahlem Baum und Apfel entsteht, beziehungsweise überhöht wird. Hingen da noch mehrere Äpfel im Baum würde das Bild definitiv abgeschwächt werden.

Das Wort «spiegelt» macht für mich in Walter's Version wie gesagt keinen Sinn. Die Spiegelung ist nämlich das, was im Kopf des Lesers passiert und das Haiku-Moment hervorruft. Der Gebrauch des Wortes «spiegelt» wäre also sozusagen die Assoziation vorweggenommen, die sich ja eigentlich erst nach der Lektüre des Haikus einstellen sollte.

Silbenverteilung und Metrik finde ich in Ordnung.

Hoffe, Walter, ich habe dein Haiku jetzt nicht allzusehr zerzaust.
Gruss, Roger :)
...
geschrieben von Klaus Stute, December 08, 2008
Ach - diese Verknüpfung bzw. dieser alte Name für den November gefällt mir. Google sei Dank lernen wir ja ständig dazu - bzw. können es, wenn wir auf diesen gigantischen Verwaltungsapparat unseres kulturellen und sonstigen Lebens zurückgreifen.

Mond und Nebel standen also in alten Zeiten einmal Pate für diesen Monat. Das ist aber m.E. für dieses haiku nur ein schöner Nebeneffekt - und heisst nicht, dass es hier vornehmlich um den November geht.

Das haiku lebt meiner Ansicht bzw. meinem Gefühl nach weniger von der Apfel-November-Verknüpfung als vielmehr von der Apfel-Mond-Nähe bzw. Gemeinsamkeit in diesem von Walter festgehaltenen Moment im Baum. Da es keine Sichel-Äpfel gibt, kommt für die Betrachtung, Vergleiche, Parallelen etc. übrigens nur der volle Mond in Frage.

Der "dürre" Baum verweist mich ja weniger auf den status quo, sondern auf kommende magere (Winter-) Zeiten. Den Neuanfang sehe ich in dem letzten Apfel nicht. Erst wird er noch fallen bzw. der Mond verschwinden. Dass allem Ende ein neuer Anfang innewohnt - dieser alte Spruch ist ja mittlerweile derart ausgelutscht, dass er, fürchte ich, langsam in Richtung Kalauer rutscht. Ich persönlich scheue mich längst, ihn zu verwenden.

Das heisst: der Neubeginn, der sicher auch kommen wird, ist für mich hier nicht der nächste Schritt, sondern erst der übernächste - also in dem Augenblick hier m.E. nicht relevant. Abgesehen davon setzt der Nebel ja schon dem Erkennen oder Abschätzen des nächsten Schrittes Grenzen.

Der Nebel korrespondiert mit dem "dürren" Baum m.E. besser, als er es mit einem lediglich "kahlen" Baum machen würde. Das schemenhafte Sehen im Nebel, das Verschwommene macht ja die Silhouetten etwas dürrer, wenn man so will. Das "dürre" macht einen der wesentlichen Reize des haiku aus und sollte m.E. auf jedenfall erhalten bleiben.

Nachdem wir das haiku entspiegelt haben, ist die Metapher doch auch klar: der letzte Apfel, so wir ihn denn sehen wollen, steht für die Hoffnung. Der Mond nimmt sich dieses letzten Apfels an...

Und der Mond hat bislang einiges überlebt.
Klaus

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