... geschrieben von Klaus Stute,
December 07, 2008
Oh Niklaus, oh Niklaus - ich sah es genau der Ruprecht ging rein grad bei dieser Frau
... geschrieben von hans lesener,
December 07, 2008
Guten Abend -
Klaus hat etwas gespürt, was auch ich ganz ähnlich empfunden habe : Das Haiku löst den Wunsch nach gereimter Form aus , vielleicht nach empfindsamer Lyrik , vielleicht nach einer Ballade . Nur, dass mir nicht der Erlkönig in den Sinn gekommen ist , sondern Annette von Droste-H., und das meine ich gar nicht ironisch : Es ist eine für sie typische Pose , ans Fenster oder an die Balkonbrüstung gelehnt die Welt zu betrachten, etwa von der Mersburg aus den Blick auf den Bodensee zu richten und dem Treiben der Welt zuzusehen. Die etwas altertümlichen Wendungen, die Beate gewählt hat ( lehn ich , zu später Stund') sind es insbesondere, die diese Assoziation auslösen; und die letzte Zeile "Ruprecht reitet wohl" ist von einer Mischung aus Resignation und Bangigkeit geprägt , die nach meiner literaturhistorischen Kenntnis typisch ist für Annette. Warum fällt mir gerade Annette ein ? Ich lebe hier in Westfalen genau in der Gemeinde, in der Annette geboren ist und lange gelebt hat. Sie ist hier sowas wie eine Regionalheilige, ihre Werke sind sehr bekannt und häufig Gegenstand von Lesungen, Rezitationsabenden oder Bühnenperformances. Und wer am Bodensee ist , besucht natürlich die Mersburg und das sog. Fürstenhäuschen - aus einer Art von Lokalpatriotismus.
Mich heimelt dieses Haiku sehr an. Vielleicht sollte die Interpunktion nochmal überdacht werden.
Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 07, 2008
Liebe Beate,
Am Fenster lehn ich, zu später Stund' Schneetreiben.
So weit, so gut.
Bei der letzten Zeile allerdings stört mich etwas. Du hast es jedoch, ganz bewusst so gesetzt, dieses "wohl".
Was sagt mir das?
Dass Du hier nicht das Adjektiv „wohl“ (heil, in guter Verfassung, wohlauf) gemeint hast, davon gehe ich einfach mal aus.
"wohl" ist eine Einstellungspartikel, was hier so viel heißen soll:
Ich nehme an, dass Ruprecht reitet.
Diese Formulierung „Er reitet wohl“ drückt einen leisen Zweifel aus, man will sagen, dass man nicht ganz sicher ist, ob er denn wirklich reitet...
Irgendwie erscheint mir diese Formulierung gezwungen.
Ich habe das Haiku mehrmals gelesen, auch Hans’ wunderbare Ausführungen, bin aber immer wieder an dieser etwas sonderbaren Aussage hängen geblieben.
Ruprecht reitet wohl.
Das ist natürlich, so denke ich, eine Geschmacksache, aber ich würde eine aufrichtige Stellungnahme dieser etwas vagen Feststellung vorziehen.
Mein Vorschlag wäre, es mit einer Frage zu machen:
Am Fenster lehn ich, zu später Stund' Schneetreiben: „Ob Ruprecht reitet?“
Du kannst Dir denken, dass ich mit Spannung auf Deine Antwort warte...
Gabriele
... geschrieben von hans lesener,
December 07, 2008
Hallo,Gabriele und Beate -
in der Tat habe ich mir auch überlegt, ob die letzte Zeile als Frage formuliert werden sollte : "Ob Ruprecht reitet?" oder "Reitet Ruprecht wieder?" Das würde einen starken Nachhall auslösen , ihn aber gleichzeitig in eine bestimmte Richtung lenken. Vielleicht darf ich in diesem Zusammenhang auf mein Neujahrsfrost-Haiku verweisen "Wandert Wotan wieder?", was Horst in "Wandert ER wieder ?" zu ändern vorgeschlagen hat, wohl um den Nachhall stärker zu öffnen. Aus dem gleichen Grund würde ich hier Beates Fassung beibehalten, weil dadurch die Mischung aus Unruhe und Unsicherheit, ja Besorgnis m.E. stärker ausgedrückt würde, während der Satz "Ob Ruprecht reitet?" auch einfach als eine sachliche, vielleicht sogar unbeteiligt-distanzierte Frage verstanden werden könnte.
Um nochmal auf Klaus' Variante zurückzukommen : Möglicherweise meint er denselben Ruprecht, der bei Horst so laut war - "sei doch leise , Mensch!"- und der anscheinend Amt und Gelegenheit auszunutzen versteht ...
Hans.
... geschrieben von Horst Ludwig,
December 07, 2008
Ehrlich, mich wundert manchmal die Vorstellungskraft einiger Kritik ("Vorstellungskraft": Schillers Eindeutschung von "Imagination", wenn ich mich recht erinnere, und was in der Haikubesprechung oftmals als "Nachhall" ausgegeben wird). Ich würde jedoch wohl nicht bei einem Schneetreiben am Fenster "lehnen", sondern da nur nachdenklich "stehen" (aber vielleicht übersehe ich hier etwas). Jedoch gibt es im Ausland tatsächlich Nikolaustraditionen, wonach der Heilige Nikolaus auf dem Pferd durch die Stadt reitet (so'n bißchen wie St. Martin) und manchmal auch wie auch St. Luzia neuerdings bei uns Süßigkeiten unters Volk wirft. Wieweit auch der deutschsprachige Ruprecht dahergeritten kommt, — davon weiß ich nichts, und deshalb würden meine Assoziationen hier nicht in diese Richtung gehen. Dagegen ist beim Schneetreiben Wotans zwölf Nächte lange Reiterei durchaus ein Vorhall. Den allerdings provozierte eher der nachts besonders deutlich hörbare Wintersturm, weniger das am Tage sichtbare Schneetreiben (auch das "zu später Stund'" von drinnen noch sichtbare Schneetreiben nicht); vielleicht fiele aber sogar ein Tanz der Flocken noch unter "Schneetreiben". Womit der rumpelnde alte Ruprecht zu einem neuen Mythos herangezogen worden wäre (und dazu zu einem interessanteren jedenfalls als dem vom amerikanischen "Santa" ["Ho-ho-ho!"], zu dem Ruprecht im Laufe der Zeit protestantisch und kommerziell ja degeneriert ist)! Er reitet "wohl", also a. gut (Adverb zu "gut") und b. wahrscheinlich ("[gut] möglich"). Das altertümelnde "zu später Stund'" ist bei dieser Zusammenziehung zweier verschiedener Mythen gar nicht so schlecht, sogar ziemlich gekonnt. Thema für ein Tongemälde?
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 08, 2008
Allen vielen Dank für die Zeit und Gedanken zu meinem Text. Für mich geht es hier tatsächlich um die Frage, wie würde ein Text gelesen und verstanden werden, der versucht, ein "germanisches Element" und Ruprecht (gemäß grimmscher etymologischer Spekulation soll es da wohl einen Zusammenhang zwischen Wotan oder der Göttin Holle (wir kennen Frau Holle) und Ruprecht geben - und wenn man noch den Ritus der Lebensrute (siehe mein Kommentar. zu St. Niklaus) in Betracht zieht) in einer Zusammenschau zu bringen. Aber ich bzw. der Text war auch ein wenig durch Robert Schumanns "Wilden Reiter" und "Ritter vom Steckenpferd" neben "Knecht Ruprecht" - wenn wir auch von Tongemälden sprechen wollen, die mich seit Kindesbeinen gefangennehmen - neben dem hiesigen kräftigen Schneefall zu Nikolaus eingenommen bzw. motiviert. "Am Fenster lehn ich" könnte auch als ein Storm-Zitat gelesen werden. Wenn hier auch eher als ein etwas melancholisches Voranschreiten der Zeit und damit ein Abschied von der Kinderzeit (mit jedem Winter und nahenden Frühling). Der Schneesturm, der war mir zuviel, ein einfacher Schneefall zu wenig, für all das, was sich da äußerlich, innerlich und durch die Zeit bewegt. Auch deshalb die "etwas altertümelnde" Formulierung der späten Stund'. Und im Schneetreiben, da sieht man (von drinnen durch die Scheiben oder draußen) nicht so optimal. Aber Ruprecht, der reitet und er reitet gut, hoffe ich doch. Horst Ludwig hat das und obiges bestens erkannt, was natürlich auch erfreut, neben Hans' heimeligen Gedanken und Gabrieles Fragen. Klaus und Hans, ob da auch etwas von einem derberen Senryû-Charakter drinsteckt: vielleicht, vielleicht auch nicht. Je nachdem, wieviel Glühwein wer verträgt.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 08, 2008
Nachgetragen zum Wotan und dem Schneesturm: Vielleicht kann das Schneetreiben auch von einem hörbaren Wind herrühren und zugleich die sanfte Variante des Flockentanzes beinhalten? Da wäre evtl. u. m. E. durch das bewußte alte und moderne "reitet wohl" in der Rückschau eine Veränderung des sanfteren Flockenwirbels hin zum "heulenden" Schneetreiben möglich? So in etwa mein Empfinden zur Qualität des Schneetreibens.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 08, 2008
Liebe Beate,
...jedes Stückchen Poesie, zumal ein Haiku mit seiner unglaublichen Kürze, sollte, hier und jetzt, dem Leser etwas sagen.
Dein Haiku tut das.
That's the win!
Wotan et alii - ohnehin nur von den "happy few" der intellektuell tiefschürfenden Kommentargemeinde des Lux nachgetastet (Exceptio firmat regulam!)- tragen bei der normalen Leserschaft eines Haiku nicht weit - und die gilt es doch zu erreichen.
Also von vorne:
In der allgemeinen deutschen Sprache wird heute absolut kein Leser das Wort "wohl" als "Adjektiv" empfinden. Das Wort existiert in unserem Sprachgebrauch nicht mehr. Selbst die Wendung "Ich bin wohlauf!", würde ein junger, jugendlicher Mensch nicht sagen! Er würde sagen: "Ich bin fit!" "Ich bin O.K!" "Alles Roger!" "No Problemo!" „Gesund, na klar“ und so weiter...
Dann frage ich mich, welche Zielgruppe Du mit Deinem intellektuellen "was-hab-ich-da-nicht-alles-reingepackt" in meinen Text, eigentlich erreichen möchtest.
Sei gewiss, mir gefällt Dein Text, es ist nur so, dass ich befürchte, dass ihn nur eine Minderheit so wird lesen können, wie du ihn intendierst.
Wenn wir schreiben, dann tun wir es doch nicht zur eigenen Selbstbefriedigung, sondern für andere. Sie sollen doch, neben uns, auch das genießen, was uns erfüllte, was uns beflügelte, was uns heiß machte... so heiß, dass wir uns aufmachten, einige Worte hinzuschreiben... Diese Glut soll sie doch auch erwärmen, das ist doch der Sinn von Lyrik...
...ich freue mich, dass Du im Nachklapp vom Schneesturm, vom Schneetreiben, vom hörbaren Wind und dem Flockentanz gesprochen hast...
Einen schönen Abend!
Gabriele
... geschrieben von hans lesener,
December 08, 2008
Liebe Gabriele ,
veröffentlichst Du alle Deine Texte ? Hast Du nicht auch einige, die Du für Dich zurückhältst , weil sie zu persönlich , zu verräterisch , zu schwierig sind ?
Schreiben wir wirklich nur oder in erster Linie für die anderen, damit "unsere Glut sie wärmt" ? Ich für mein Teil habe da meine Zweifel ... !
Aber natürlich gebe ich Dir recht , wenn Du meinst, dass Beate mit ihrem Haiku auf grund des Inhalts und vor allem auch der Wortwahl keine breite Leserschaft erreichen würde. ABER : Ist das so schlimm ? Gerade diese Eigenschaften des Textes machen seinen Reiz aus, den wir ja alle empfunden haben mit unseren diversen literarischen Assoziationen : Beati possidentes. War es nicht schon bei den Altmeistern so, dass die Dichtung, - auch die Haiku und die Kettengedichte - eine elitäre , sogar höfische Angelegenheit war,die man lernen, für die man sich qualifizieren, in die man sich einarbeiten musste ? Warum sollte also nicht ab und zu ein solches "Haiku des gehobenen Tons" mit durchgehen? Es gibt doch , Gott sei's geklagt , genügend platte Texte ( darunter eine ganze Reihe von mir, und das ist kein fishing for compliments ; was mich wiederum auf den Gedanken bringt, dass man ja schon froh sein sollte, dass es noch einige haiku gibt, die in deutscher Sprache abgefasst und auch nicht ins Englische übersetzt werden, wenigstens nicht sofort ... ).
Ach ja !
Nächtliche Grüße , Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 09, 2008
Lieber Hans,
ich danke Dir für Deine Gedanken. Ich stimme Dir auch in "fast" allen Argumenten zu...
Natürlich bin ich Realist und weiß, dass unsere kleinen Haiku wirklich nur eine erlesene Leserschaft erreichen werden. Es ist auch richtig, dass die Sprache niveauvoll sein soll.
Ich habe nur versucht klarzulegen, dass die Anzahl der jüngeren Leser, welche das Wort "wohl" hier als Adjektiv verstehen könnten, verschwindend gering ist.
Mir erscheint das Wort so verwendet "altbacken" und "gespreizt".
Selbst bei niveauvollstem Anspruch, wo wird das Wort „wohl“ noch als Adjektiv verwendet, so dass es jedermann verstehen kann?
Er fühlt sich wohl. Wohl bekomms! Es ist wohl geraten!
Das war es aber auch schon!
Sätze wie: „Das vormals kranke Kind spielt jetzt wohl!“ oder „Die Spaziergängerin tappst wohl durch den Nebel.“ gibt es nicht!
Als Einstellungspartikel allerdings wird es wohl bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten eingesetzt.
Aber das habe ich oben schon gesagt.
Ich denke nicht, dass es Sinn macht, in einem so schlichten Haiku – das ein relativ leicht zu erfassende Aussage birgt, mit Gewalt diese „obsolete“ Wortbedeutung einzufordern. Ich finde es schade, wenn es so wäre, da dem Haiku wohl etwas aufgezwungen würde, was ihm nicht wohl bekommt.
:-) etwas ermattet
Gabriele
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 09, 2008
bzw. - was ihm nicht wohl bekäme! Huch!
Gabriele
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 17, 2008
Einige im Haikuzusammenhang wesentliche Aspekte haben sich durch Hans' und Gabrieles Anmerkungen - vielen Dank dafür - ergeben. Ich möchte sie z. T. aufgreifen: 1. Lesart und Textverständnis: Die erste einfache Anschauung der Person am Fenster, die vermutlich nächtens etwas im Schneetreiben entdeckt, die scheint zu berühren. Das ist wesentlich, damit ein Haiku auf den vielen verschiedenen Ebenen funktioniert. Zunächst sind da die Ebenen der Wahrnehmung mit allen angesprochenen Sinnen. Was auf der sinnlogischen und übertragenen Ebene verstanden wird, das hängt von der jeweiligen Lebenserfahrung, der Sozialisation und Bildung, auch anderen Persönlichkeits- und kulturellen Faktoren eines Individuums in einer Gesellschaft, auch von seiner Erfahrung im Umgang mit Texten ab. Haiku ist zwar ein Bild, häufig auch eine Naturerfahrung, beinhaltet jedoch noch mehr: bspw. die Ebenen der kulturellen (literarischen, mythologischen, religiösen, historischen, philosophischen und wissenschaftlichen Anspielungen, auch aus Musik und Kunst - all das gehört zum Haiku (schon bei Bashô) - somit wird ein Leseverständnis immer variieren - auch im obigen Fall. Damit, daß der Text in der Öffentlichkeit steht, bekommt er ein Eigenleben, unabhängig von den Intentionen eines Autors. Manche werden also das erste Bild erkennen, andere lesen weiter, dringen tiefer ein. Für das Haiku gilt, das es mehr ist als es zunächst vorgibt. Prägnanz bis zum äußersten als das Geheimnis der Kürze, nicht eine Einfachheit im Sinn der Simplizität.
2. Sprache und Wortwahl im Haiku: Das hängt neben einem gefundenen Sujet natürlich von der Sprachbeherrschung eines Autors ab. Umgangssprachliches ist ja nur ein knapper Ausschnitt der Sprache. Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Sprachverwendung bzw. ein unterschiedliches Sprechen. Lyrik - und da das Haiku - stellt besondere Sprachanforderungen hinsichtlich Effizienz und Klarheit. Die Übernahme von Alltagsfloskeln, wörtlicher Rede usw. kann sich als Erlebnissprache, auch Wortschöpfungen und -konzentrationen im Haiku günstig auswirken. Ebenso kann die Verwendung eines bestimmten Sprachstils (wie hier das "zu später Stund" und "wohl") verweisenden und damit bedeutungserweiternden Charakter haben. Neben der Bedeutungsvielfalt, die zur Prägnanz beiträgt, spielt die klangliche und rhythmische Qualität von Wörtern im Gesamtgefüge eine wichtige (emotional und ästhetisch ansprechende) Rolle.
3. Zum Schreiben: " eine [...] Angelegenheit [..] , die man lernen, für die man sich qualifizieren, in die man sich einarbeiten muß(te) ..." (Hans).
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 18, 2008
Vorab noch einmal: Dein Haiku gefällt mir sehr - siehe obige Kommentare.
"Für das Haiku gilt, das es mehr ist als es zunächst vorgibt." (Beate)
Dass es mehr ist, als es zunächst vorgibt, gehört zum Grundverständnis und ist so fundamental, dass es nicht diskutiert werden muss, zumal in einer Werkstatt wie dem Lux.
Ich lese immer mit großem Interesse Deine fundierten und niveauvollen Kommentare, liebe Beate, bin aber hin und wieder erstaunt darüber, wie es Dir gelingt, aus dem "Kontext" des gerade besprochenen Haiku und der Kommentare herauszusteigen und allgemein zu werden.
Die Lektüre Deines langen Kommentars hat mich in Bezug auf das "wohl" als Adjektiv keinen Schritt weitergebracht.
Unser Bildungsstand, unsere Belesenheit, unser wissenschaftlich fundiertes Wissen vermag doch keinen Widerhall zu finden, wenn wir uns einer Wortwahl befleißigen, die nicht verstanden werden kann, da sie aus der Sprache verschwunden ist.
Wäre es ein Zitat, dann verstünde ich Deinen Entschluss!
"Neben der Bedeutungsvielfalt, die zur Prägnanz beiträgt" (Beate) richtig bei "zu später Stund" - jedoch keineswegs für das "wohl" zutreffend.
Die Arbeit hier im Lux macht viel Spaß, weil sie intellektuell anregend ist und man viele Fenster öffnet, sozusagen in den Seelenpalast der Haikuschreiber hineinschauen darf.
Für mich selbst, wenn ich mich dazu aufraffe einen eigenen Text einzustellen, ist das jedesmal ein von leichtem Zittern begleitetes "coming-out". Aber so wird es uns allen gehen.
Der Text mag bisweilen leicht aus der Feder/den Tasten fließen, aber steht er erst einmal da, dann beginnt die Arbeit, die Du oben so schön beschreibst... Rhythmus, Sprachmelodie, Bedeutungsvielfalt der verwendeten Wörter, Farbe der Vokale/Diphtonge/Konsonanten, Sprachniveau, ... Das alles schwirrt doch wohl jedem von uns durch den Kopf und wären wir nicht einigermaßen zufrieden mit unserem Oeuvre, wir trügen es doch niemals ein in die Liste der Veröffentlichungen.
Dass dann darüber diskutiert wird und darf und soll, ist, denke ich, der Wunsch von uns, denn sonst wären wir nicht hier.
Ein Scherz am Rande:
mir deucht' ich stürbe mein odem würd' zu eise: ritt er wohl vorbei...
In etwas "vergrippter" vorweihnachtlicher Verfassung grüße ich Dich herzlich aus dem alten Bayern
Gabriele
... geschrieben von Klaus Stute,
December 18, 2008
säh er das grüne Gesicht stockt' ihm wohl der Atem
... geschrieben von Horst Ludwig,
December 18, 2008
Ein Scherz am Rande: "mir deucht' ich stürbe [...]" — Ja, eigentlich, um beim Thema zu bleiben, zu dem wir uns haben gleiten lassen: "mich deucht, ich stürbe", nicht wahr, ja. Aber auch der Dativ geht hier wohl; schließlich hat ihn Papa Gleim schon im 18. Jahrhundert benutzt. Aber doch wohl falsch...
... geschrieben von Klaus Stute,
December 19, 2008
at the window late night's snow flurried by Ruprecht
Naja. Mein Englisch ist leider nur mittelprächtig. Aber bei der Hinterfragung von Beates snow stößt man halt auf das flurry.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 19, 2008
Teuerster Horst,
ja, ja, ja! Ihr habt wohl Recht! Entstanden ist er folgendermaßen, dieser grobe Verstoß gegen die Sprachregel:
mir deucht' ich stürbe und mein odem ward zu eise als er ritt wohl vorbei...
Dies war die Urfassung, an der ich dann herumnestelte, der gar zu vielen Silben wegen. In die Gegenwart hineinrutschend vergaß ich ihn dann, den kleinen Apostroph, ja, ich ward seiner nicht gewahr!
Möget Ihr nicht zu viel Schmach auf mein Haupte laden, ob dieses gar nicht lässigen Vergehens, werter Horst.
So möge die ordentliche Fassung Euch ergötzen und Euer Gefallen finden:
mir deucht, ich stürbe mein odem würd' zu eise: ritt er wohl vorbei...
Mögen unsere kleinen gemeinsamen Bestrebungen auch der Gesamtheit zum Nutzen und Frommen werden.
Gabriele
... geschrieben von Horst Ludwig,
December 19, 2008
Ach, werteste Gabriele, der Apostrophe braucht's nicht so. Aber beim Fall sollten wir, dünkt mich, wohlberaten Vorsicht walten lassen. Der Dativ (Haupte) statt des Akkusativs (Haupt) reitet wohl allzu erstarkt — auch wenn da ein Bastian Sick falsch liegt, wenn er in siechem Unwissen über die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Sprache da vielzitierte Sprüche losläßt, wonach der Dativ den Genitiv verdrängt, ja sogar getötet habe. Mehr Intelligentes fällt mir gerade nicht ein, am Fenster, wo's draußen dick geschneit hat und wir deshalb nicht aus dem Haus können und wo in wenigen Stunden noch mehr Schnee fallen wird und wir also eine Zeitlang gar nicht mehr aus dem Haus können und ich deshalb aus der Vorstellung schreibe: Violette Zeit. Glocken tönen weit ins Land, und Flocken tanzen. und somit allen im fernen Lux aus wohliger Stimmung meinen Weihnachtsgruß zusende. Unterthänigst Euer Horst Ludwig
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
December 19, 2008
Schon frug ich mich bangen Herzens, welch Regelfrevel ich diesmal beging.
Denn so flink es auch fließt aus der Feder mir, kommt's doch wie aus fernsten Tagen daher, als sei zwischen mich und die Welt, die alte, Schneewatte gepackt, in Lagen, hundertfach.
Hab ich doch, in dreistem Übermut, erneut mich getäuscht. Derlei Getümmel im Meer der begrenzten Erinn'rung gereicht mir zur maßlosen Scham!
Schon fühl auf meinem Haupte ich Flocken von Asche, und reibe die Stirn mir zu tilgen die Schmach!
Gabriele
... geschrieben von Horst Ludwig,
December 20, 2008
Ihr zweiter Lux-Beitrag vom 19. Dezember ist eine Wohltat, liebe Gabriele. Wie wohlformuliert! Einfach prima! Zu "Die Lektüre Deines langen Kommentars hat mich in Bezug auf das "wohl" als Adjektiv keinen Schritt weitergebracht": Natürlich nicht. Denn es ist keins. Es gibt weder einen *wohlen Nikolaus noch dessen *wohle Reiterei auf *wohlem Hengst, noch sagt er am Ende seiner arbeitsreichen Nacht, daß sein Ritt *wohl war; es gibt nur, daß er seinen Gaul wohl reitet. Aber welche Bedeutung das Adverb "wohl" in diesem Zusammenhang hat, das hängt von der Absicht des Sprechers ab und vom Verständnis des Angesprochenen, will der Sprecher mit seinem Sprechen kommunizieren und eben nicht bloß privatisieren. Darum geht's bei Gabrieles Einwürfen hier. Allerdings, und das also auf der anderen Seite: Auch wenn bestimmte Kulturhinweise "bei der normalen Leserschaft eines Haiku nicht weit" tragen, die "es doch zu erreichen" gölte (auch "gälte" ginge hier, nicht wahr, ja), heißt das noch lange nicht, daß sie tabu sind. Wir verdienen ja kein Geld mit unserer Haikuschreiberei und gehen also nicht nach Brot, nach dem so manche andere Künste gehen müssen. Ja, wir gehen nicht einmal auf die erleuchtete Zustimmung aller *happy few* im Lux aus, sondern sagen, was wir aus unserer Erfahrung Interessantes zu sagen haben, auf unsere Art, so gut wir's können, auf daß es auch anderen, die dafür einen Sinn haben, wohl bekomme. Aber wer absolut (also losgelöst) nichts mit einer durchaus echten menschlichen Erfahrung und deren klarer sprachlichen Darstellung anzufangen weiß, ja dem können wir auch nicht helfen. Aber das heißt nicht, daß wir mit unserer Erfahrung und unserem Versuch ihrer sprachlichen Darstellung hinterm Berge halten müßten: Seinen Kindern sagt vielleicht später unser Dargestelltes viel besser, was wir hier auf dem Herzen haben. Und vielleicht versteht seine Freundin uns sogar jetzt schon etwas, wenn wir hier der Kultur anvertrauen, daß z. B. besonderem Raum angemessene Musik steinernes Gewölbe für den sicher trägt, der Ohren hat, sachgerechte Sprache dazu zu hören... Na, und das wäre doch schon ein Anfang! Oder?
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 21, 2008
Wie kreativ es hier durch das Stolpern über einen besonderen Sprachstil und im Bemühen um dessen nähere Erfassung geworden ist. Erfreulich, liebe Gabriele. Und überhaupt freut mich diese Form der Forumsarbeit hier. Daß ich den Sprachstil ("lehn ich", "zu später Stund' " und "reitet wohl") als ein verweisendes Gestaltungsmittel gebrauche, es auch stimmig hinsichtlich der "Gesamtposition" des Haiku ist, haben z.T. Hans Lesener und Horst Ludwig schon angedeutet. Was den modernen Sprachgebrauch von "wohl" anbetrifft, der liegt hauptsächlich in der Bedeutung als gut, angemehm und als wahrscheinlich, anscheinend, vermutlich, gut möglich und allerdings (Mackensen). Und das Spekulative ist zunächst auch das im Haiku Gemeinte als eine allgemein verständliche Aussage. Hier zeigt sich, daß so ein Satz wie "Für das Haiku gilt, das es mehr ist als es zunächst vorgibt." aus dem Zusammenhang gerissen als Gemeinplatz wirkt, es jedoch in sich hat. Denn dahinter steht ja die Frage, wie diese Vielschichtigkeit zustandekommt. Das interessiert im besonderen Fall, aber auch generell als Transfer für Haikurelevantes. Und hier speziell: Ein "Ob Ruprecht reitet?" ist eine Möglichkeit, "Ruprecht reitet wohl" zu verstehen. Es mit der Formulierung auszutauschen, mag moderner wirken, schränkte jedoch das Angesprochene auf eine gedankenliche Abstraktion (als Spekulation: vielleicht reitet er ja, vielleicht nicht; er reitet wenn, er reitet nicht, wenn ... ) ein. Das "wohl" lädt zu näherem Hinschauen ins Schneegestöber ein als ein "da ist etwas im Schneetreiben zu sehen, aber es ist nicht so genau auszumachen". Es führt das Vielleicht in ein Etwas der sinnlichen Wahrnehmung; es führt zur näheren Betrachtung des Schnees und der Person Ruprechts auch als ein ganz normaler Mensch (aber eben auch nicht - Ruprecht --> Perchta, Holle (auch als Zuständige für die Menge des Schnees) sein könnte. Und weil es auf der Bildoberfläche weiterhin im Vagen bleibt, regt es zu mehr an, so daß vielleicht der Schnee durch Ruprechts Reiterei so geschickt (eine andere adverbiale Bedeutung von wohl) getrieben wird, daß er darin gut getarnt bleibt, oder er trotz des "Schietwedders" reiten kann (andere blieben vielleicht zuhause) oder die Stärke des Schneetreibens etwas mit seiner Reiterei zu tun hat (oder mit sündigem, aber wohligem Tanz). Und so lädt dann auch das Lehnen zum längeren Schauen, zum Verweilen ein und allmählich wird das Glitzern im Schneefall (Ruprecht und Perchta als Glänzende und Beschenkende, auch Lucia (Licht)) sichtbar. Auch daß da etwas auf der übertragenen Ebene wohl geschieht und zum Wohle (Heil) geschieht. Alsdann natürlich der "eisige Odem" der Raunächte mit Wotans und Perchtas bzw. Hels als besorgniserregend und da zu später Stund' wachhaltend (auch ob des nun hörbaren Windes, der den Schnee treibt). Was mich in der Gesamtschau am meisten überraschte, ist, daß das "wohl" gewagt erscheint, aber das "reitet" durchgeht. Allerdings hat Horst schon drauf verwiesen: "Wieweit auch der deutschsprachige Ruprecht dahergeritten kommt, — davon weiß ich nichts ..." Da liegt für mich das "Aha-Erlebnis", das für meine Lebenssituation authentisch ist: "Jedoch gibt es im Ausland tatsächlich Nikolaustraditionen, wonach der Heilige Nikolaus auf dem Pferd durch die Stadt reitet (so'n bißchen wie St. Martin) und manchmal auch wie auch St. Luzia ..." (Horst) als ein Wietergedachtes: Der moderne Santa Claus und der ganze "Weihnachtsmannkult" fußt auf Ruprechts Wurzeln und stellt damit eine "moderne" Gegenüberstellung ("wie wir's (heut') erleben") zum etwas altertümelnden Sprachstil mit seinen Verweisen dar - auch die "interkulturelle" moderne Entwicklung/Annäherung/Verschmelzung vom Nikolaustag zum Weihnachtsfest. Klaus, Dir meinen Dank für Deine "Übersetzung" mit einiger Interpretation, die etwas Wesentliches erfaßt. Ich freue mich darüber.
Ich bedanke mich nochmals bei allen ganz herzlich für die anregenden Betrachtungen und wünsche allen (im Forum) ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr Eure Beate
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 06, 2009
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 06, 2009
Okay, da stimmte etwas mit der HTML-Syntax noch nicht. Also noch einmal: Ruprecht
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 06, 2009
In der Vorschau hat's noch funktioniert, also:
Ruprecht
... geschrieben von Beate M. Conrad,
December 06, 2009
Liebes Helferlein, wie kann's richtig funktionieren? Mit MniBB-Code wird anscheinend nur auf Dateien im Lux verwiesen und "Echt-HTML" scheint nicht wirklich übernommen zu werden, sondern nur in der Preview. LG Beate
... geschrieben von Klaus Stute,
December 06, 2009
Wenn man von deinem Beate-Link den überflüssigen Lux-Vorspann weglässt, kann man die Vertonung hören. Gefällt mir gut! Es hat Magie.
Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 18, 2010
Hallo Klaus, etwas arg verspätet, aber nicht vergessen: Danke für Deine Rückmeldung zur Vertonung. Das Magische ist hier sicher ein wesentlicher Teil der musikalischen Mitteilung. Musik ermöglicht einem da noch eine ganz andere Möglichkeit, die ästhetische Seite, also die Stimmung als Klang so zu gestalten, daß er ganz unmittelbar beim Hörenden ankommt. Sie ist u. a. auch eine Tongemäldeform, die die onomatopoetisch-rhythmischen Seite eines Haikus ergänzt.
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der Ruprecht ging rein grad bei dieser Frau