... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 16, 2009
Ein anregender Text, Hans. Also theoretisch, anscheinend doch erhitzt bei all dem "idealen" Gedankengut, daß der Kopf schwirrt und das literarische Ich erst einmal kühle, lindernde Luft schöpfen muß. Unvermittelt wandelt sich dabei die natürliche Erfahrung der Nacht (und des Schönen) zur Die "Idee des Schönen" als ein Schaffen aus der Nacht, die auf das Unbewußte oder Unterbewußte oder auch auf ein "Schaffen aus dem dunklen Grunde" (Schelling) verweisen könnte und damit der Eingangsfrage in a eine Antwort bei ausreichend Offenheit entgegenstellt. Überhaupt interessante Gegensatzpaare: Wärme-Kühle, Idee, Klarheit-Nacht,Diffuses, drinnnen-draußen, ausgesprochene Frage - stille Antwort in der Erfahrung.
Das 5-7-6, so nicht beabsichtigt, ließe sich m. E. überführen in:
"Was ist das Schöne?" Nach dem Vortrag Luft schöpfen in der kühlen Nacht.
Das Vage, Flüchtige der Antwort bliebe erhalten, doch auch eine leichte Verschiebung hinsichtlich des "gelehrt". Vielleicht ist es verzichtbar, da die Frage schon andeutet, daß es um "Kopfarbeit" geht?
... geschrieben von Klaus Stute,
January 16, 2009
Na ja - bei so einer Fragestellung darf m.E. in einem haiku der Leser in keinster Weise in Richtung einer möglichen Antwort geschoben werden. Das Geheimnis muss bleiben.
"Was ist das Schöne?" Nach dem gelehrten Vortrag kühlt die Frage ab
Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 17, 2009
Nachtrag: Hier geht es ebenso um das Göttliche und die Schöpfung (das sollte mit dem Verweis auf Schelling schon angedeutet sein). Aber auch schon viel früher und mit etwas anderer Prägung: "Das Göttliche aber ist das Schöne, das Weise, das Gute und was sonst derartig ist. Von diesen nun nährt und kräftigt sich der Seele Gefieder am meisten, vom Häßlichen aber und Bösen und was sonst von jenem das Gegenteil ist, schwindet es und vergeht." (Phaidros, Platon)
Im schöpferischen Akt verwirklicht sich die Idee des Schönen an sich, die allen Erscheinungen natürlich innewohnt, die allen Menschen a priori zugänglich ist und die der einzelne bspw. als Kunst, als Moral und Tugend (Gutes) versucht, zu vergegenständlichen als Zweck an und für sich gemäß der Idee daselbst. Dies vermag dem Einzelnen Befriedigung und Freude vermitteln und durch den im komkreten Dasein unterschiedlichen Geschmack zu einer Vielfalt führen. Die Erfahrung des Schönen wird durch die Teilhabe an der Idee des Schönen möglich. - Das wird im oben eingestellten Text mit der Nacht wunderbar im Vagen belassen.
Christian Andersen hat mit dem Märchen "Die Nachbarfamilien" die Frage nach dem "Schönen im Dasein", insbesondere vermittels der Rosen, umgesetzt: http://www.zeno.org/Literatur/M/Andersen,+Hans+Christian/Märchensammlung/Märchen/Die+Nachbarfamilien
Insgesamt eine schöne und zugleich heikle Frage, durch alle Disziplinen (Kultur, Religion, Wissenschaften ...), die uns seit Beginn der Menscheit in Atem hält, auch als konkrete Erfahrung.
... geschrieben von hans lesener,
January 18, 2009
Hallo Beate - was für ein kluger Nachtrag zu dem gelehrten Vortrag !
Bereits mit Deinem ersten Kommentar hast Du sehr sicher deutlich gemacht , worum es mir , der ich nicht so analytisch denke , ging : Nach eineinhalb Stunden Vortrag und Diskussion in einem mässig großen Hörsaal brauchte ich einfach frische Luft im Freien , so wie man nach draussen geht , um etwas "Luft zu schöpfen". Schon beim ersten Atemzug wurde mir aber bewusst - und dies ist wohl der eigentliche Haiku-Moment - was es mit dem "Naturschönen" auf sich hat . Weil der Vortrag sich im wesentlichen mit dem Katalog der Kriterien zur Definition des Schönen beschäftigte und mit dessen Veränderungen durch die Jahrtausende, immer bezogen auf die Verklammerung von Schönheit und Kunst , ohne auch nur einmal das Wort Natur zu erwähnen, hatte ich in der Diskussion nach der Relevanz des Naturschönen für diese Kriterien gefragt und war mit der Bemerkung abgespeist worden , das sei ein Thema für sich. Jetzt aber , draussen allein im Dunklen der Nacht , die kühle Frische einatmend , erhielt ich "die stille Antwort" durch die schlichte Erfahrung des Natürlichen. Wie Du es nach Schelling so treffend gesagt hast : Aus dem Grunde der Nacht stieg die Gewissheit einer Idee des Schönen , vermittelt durch die Natur.
Das ist jetzt vielleicht etwas verkürzt dargestellt ,aber ich war in diesem Moment sicher , dass es ohne Einbeziehung des Natürlichen keine hinreichende Definition des Schönen geben kann, sondern dass das Naturschöne immer mit einbezogen werden muß.
Die Gegensatzpaare , die Du herausgearbeitet hast, treffen haargenau zu , auch wenn sie mir im Moment der Erfahrung nur andeutungsweise klar waren . Aber dann beim Schreiben des Haiku wollte ich auf jedenfall in der letzten Zeile eine Antwort auf die Vortragsfrage ausdrücken .
Und ich hoffe , lieber Klaus , dass ich keinen zu dicken Pfahl eingeschlagen habe... Das Geheimnis soll schon bleiben, aber wir wollen ja doch im Haiku , bei aller Sorgfalt der Schilderung der Oberfläche unserer Lebenswelt, in die Tiefe wirken und dem Leser einen unauffälligen Wink geben ( ohne unverständlich oder verrätselt zu werden).
Nochmals meinen Dank , Gabriele und Klaus , für Eure Gedanken, vor allem Dir, Gabriele, für die Schelling-Zitate . Das Thema ist so weit , dass es hier sicher nicht ausgeschöpft werden kann. Offen sind für mich u.a. die Fragen nach der Relevanz für die Literatur, insbesondere die Haiku-Dichtung, und nach der Fortgeltung der tradierten Schönheits-Definition seit dem ausgehenden 19. und während des 20. Jahrhunderts bis heute. Noch einen schönen Sonntag , Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
January 18, 2009
Lieber Hans,
Leider, leider, der Hinweis auf Schelling kam nicht von mir, Dein ganzer Dank geht an Beate!
Wenn ich nicht wüsste, dass die Schönheit, das Schöne in der Kunst ganze Bibliotheken füllt, fiele es mir leicht hier etwas zu sagen.
Ich will mal mit etwas Konkretem antworten. Als Gemüse gab es heute Romanesco-Kohl. Eine wohlschmeckende Beilage, die mich immer wieder in Verzückung versetzt, wenn ich sie vor mir liegen habe, viel zu schade um mit dem Messer hineinzuschneiden, einfach zu schön! Und das ganz aus sich selbst, ohne menschliches Hinzutun, ganz natürlich.
Es durchziehen mich Gedanken an Architektur, an Burgen/Zinnen/Schlösschen/Gartenpavillions/Pagoden/Asiatische Dachkonstruktionen/Türmchen/Parkanlagen, etc. wenn ich diesen Kohl anschaue.
Mathematik, Geometrie, die Schönheit eines Bildes von Escher tauchen vor mir auf, und ist doch nur Natur.
Ob gezüchtet oder nicht, wie groß der Anteil menschlichen Hinzutuns auch immer sein mag, die Orchidee, die Kastanienblüte, der Schwanz des Pfaus, der Nebelhauch über der Wiese, das blasse Abendrot im Weiher, alles ist Natur und ist schön. Und auch wenn es ein Gemeinplatz sein mag, so komme ich doch immer wieder darauf zurück, dass alles vom Menschen Gedachte und Erschaffene im eigentlichen Sinn bereits da ist, oder da war... keine Form, die Kunst erfindet ist wirklich "neu" -
Noch ein Zitat, das den Erkenntnissen der modernen Quantenphysik und der sie umgebenenden Philosophie voll entspricht:
David Hume (1711-1776) - Beauty in things exists in the mind which contemplates them.
Ich kann Deine Erschöpfung gut verstehen, lieber Hans, die Definition des Schönen und der Ästhetik von Kunst ist nicht vereinbar mit "Natur", weil die Form der wissenschaftlichen Besprechung den Bezug zu ihr ausschließt, denn sonst wäre es ja nicht Kunst, sondern eben Nicht-Kunst (die man ja nicht bespricht) - und Nicht-Kunst wiederum ist selbstverständlich nicht sofort "Natur"...
Ein unerschöpfliches Thema, das uns, wenn wir denn Natur vor der Nase haben, nicht hindern wird, ihre Schönheit zu erkennen - und in dem Augenblick, da wir sie besprechen, in ein Haikuverslein hineinholen, haben wir einen Vorgang der Transzendenz vollzogen - und was gerade noch Natur ... ist ... jetzt (im besten Falle): Kunst.
Gabriele
... geschrieben von Claudia Melchior,
January 18, 2009
Ein schönes Thema.
Und ein schönes Haiku. Gerade auch in der Version von Beate. Ich probiere mal, noch ein Wort auszutauschen (in->aus), um diesen Gedanken, des aus der Natur Schöpfens noch etwas herauszuheben. Gelingt es?
"Was ist das Schöne?" Nach dem Vortrag Luft schöpfen aus der kühlen Nacht
Herzliche Grüße Claudia
... geschrieben von hans lesener,
January 18, 2009
Pardon , Pardon, ich bitte vielmals um Entschuldigung , meine Damen -
da ist mir doch eine Verwechselung unterlaufen im Eifer des Gefechts. Ich wollte Dir , Beate, nicht unrecht tun , und Dich , Gabriele, nicht mit hineinziehen in die Diskussion . Nun hat Claudia sich noch angeschlossen mit einer weiteren "schönen" Version des Haiku - das tut dem Münsterländer, der hier in seiner verregneten Natur sitzt , richtig gut ! Nochmals Danke!
Ich würde gern eine meiner Lieblingsstellen von Schiller zitieren , die von der Schwierigkeit künstlerischer Produktion spricht ( ganz klassischer Kunst-und Schönheitsbegriff, ganz Winkelmann und Goethe )und die man wohl auch auf das Haiku-Schreiben anwenden könnte , das ja ebenso schlank und leicht sein soll :
Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre und im Staube bleibt die Schwere mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück. Nicht der Masse qualvoll abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick ...
Schlank und leicht - wer so schreiben könnte ...
Herzlich Hans.
... geschrieben von Klaus Stute,
January 20, 2009
Ich hatte das haiku von Hans eigentlich weniger als die Gegenüberstellung oder Verflechtung einer von Menschenhand geschaffenen Schönheit und der Schönheit der Natur verstanden, sondern als ein bewusstes Heraustreten aus einem Kriterienkatalog, der immer künstlich ist - und religiös, ideologisch oder was weiß ich wie gefärbt ist.
Das Heraustreten aus dem vorgesetzten oder gar propagierten Schönheitsbegriff - und womöglich noch dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit - habe ich im Nachklang als eine anschließende Konfrontation - nicht mit der Natur - sondern mit der Realität verstanden. Und die ist m.E. kalt und voller Konkurrenz. Der haiku-Moment meines Vorschlags nach Anhörung all der schöngeredeten Schönheit und dem, was der Mensch so gut und noch viel besser bzw. unübertroffen kann, lautet demzufolge auch: "mir ist kalt".
Die Frage, die sich einem dann stellt nach der Überhäufung mit einer vor die Nase gehaltenen Schönheit, ist: wo bin ich dabei eigentlich, wo bleibe ich mit meiner (!?) Schönheit, mit meinem Bedarf nach Schönheit? Was ist für mich eigentlich schön; was bedeutet mir Schönheit. Welchen Maßstäben vertraue ich eigentlich.
Und was ist eigentlich "das Schöne schaffen", also künstlerisch tätig sein? Das ist mir nicht gegeben, also bleibt mir nur die Rolle des Konsumenten? Und wenn ich es mir nicht leisten kann, bin ich draussen?
In der Regel berufen wir uns auf allerlei Autoritäten, und schwelgen in deren Fahrwasser von der Schönheit in den gängigen Mustern. Das gibt uns Sicherheit. Aber ich bin da skeptisch. Ich sehe in all den Definitionen vornehmlich das Streben der Menschen, alle Dinge ihres Lebens besser und schöner zu machen als andere - und damit leider auch diesen unsäglichen Bedarf nach Abgrenzung, mit dem wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Abgrenzung und Definition des Elitären funktioniert ja bekanntlich auf Basis von Ausgrenzung. Jede Definition von Schönheit in Kunst und Literatur etc. dient doch dem Herausheben aus der Masse.
Ja - was macht man, wenn man nicht zu den Schönen und möglichst noch selber Kunstschaffenden gehört? Man tritt entweder raus aus dem Kriterienkatalog, besinnt sich in der Kälte der hoch hängenden Messlatten auf sich selber und entdeckt Eigenes oder für sich Neues - oder man ergibt sich in die zugewiesene Position und betrachtet mehr oder weniger traurig seine Schuster-Leisten.
Schönheit ist ja etwas, in das wir eingewiesen werden - im Sinne von gepolt; also im Sinne des Platzanweisers. Der packt uns unerbittlich an unserer Schwachstelle - und die heisst: an unserem Bedarf nach Anbetung und Götzenverehrung. Wir wollen geführt werden und an das Schöne herangeführt und sitzen allem auf, das schön... ist. Und wir schauen ja auch so gerne zu und auf und träumen letztendlich nur davon, selber ganz oben zu sitzen.
Nein: die etablierten Vorstellungen von Schönheit sind mir alle dubios. Wenn ich die heutigen Auswüchse sehe: wie die Teenager in den Klamotten- und Parfumläden versuchen, sich Schönheit zu kaufen bzw. an dem teilzuhaben, was ihnen als Schönheit verkauft wird, tun sie mir leid. Sie wollen dazugehören, füllen aber in erster Linie ihre Rolle als Konsumenten aus.
Hör ich da ein: aber hier geht es um die Schönheit in der Kunst - und das darf nicht mit Werbung, Manipulation, Konsum etc. verwechselt werden. Götzenverehrung..., womöglich Fetischismus, also bitte. Kunst!!
D'autre chose - ach ja? Will die Kunst nicht gekauft werden?
Der Seitenblick mit kleiner Rückbesinnung auf eine mögliche Erdung gilt zwar immer wieder der Natur... Aber das ist nur eine opportune Bestätigung einer heiligen Kuh - die wir bekanntlich melken. Viel wichtiger ist uns bei allen Dingen des Lebens, was wir daraus machen. Wie wir davon profitieren können.
Und das will halt einerseits immer erklärt werden - und andererseits wird mit den besagten Mitteln davon überzeugt, warum das Erklärte, Präsentierte besser und schöner und richtiger ist als alles andere.
Das, was über allem steht, das, wo wir immer hinwollen, ist der Triumph. Und sonst gar nichts. Definitionen von Schönheit sind nur Krücken; sie dienen dem Herbeireden des Triumphes. Sie sind immer angepasst an das Ziel.
...
Und dann treten wir mal hinaus
vergessen diesen merkwürdigen Vortrag
nehmen einen tiefen Atemzug von der kalten Nachtluft
und stellen fest
hier steh ich und kann nicht anders
und dann sagt diese Stimme aus dem off
you are so special
und wir erinnern uns
jeder Mensch ist ein Künstler
wie schön
:-) Klaus
... geschrieben von hans lesener,
January 23, 2009
Hallo Klaus - Dein Hinweis auf die bedauernswerten Teenager , die versuchen, sich "Schönheit" zu kaufen , um dazuzugehören , ist ganz sicher berechtigt. Das Problem ist aber nicht nur auf die Teenager beschränkt , sondern geht quer durch alle Altersgruppen . Der gesamte Bereich der sog. Schönheitsindustrie gehört hier , die Schönheitschirurgie und der Wellnessbereich ebenso. So wie ich neuere Überlegungen der Aesthetik-Philosophen verstanden habe ,handelt es sich aber nicht nur um das Streben nach Zugehörigkeit zur Gruppe der "Schönen und Reichen" , sondern um das Streben nach Glück ! Klingt überraschend , hat aber was ...! Ich möchte aber nun nicht zu einem Haiku "Was ist das Glück?" ansetzen ... Vielleicht willst DU ?
Grüße , Hans.
... geschrieben von Horst Ludwig,
January 28, 2009
"Was ist das Schöne?" Nach dem Vortrag Luft schöpfen in der kühlen Nacht.
ist, meine ich, eine reifere Fassung. Mit "aus" in c ist es ähnlich, aber das wäre vielleicht etwas zu direkt und auch wohl zu einseitig.
Ich würde es — mit Anspielung auf Eichendorff [und damit sowohl aufs Kulturschöne als auch aufs Naturschöne] — so fassen:
"Was ist das Schöne?" Nach dem Vortrag frische Luft in sternklarer Nacht.
... geschrieben von hans lesener,
January 28, 2009
Ich habe bei diesem Haiku von Anfang an immer Carossa ( gesprochen von Albrecht Goes ) im Ohr :
"... und nur ein Wandrer trat ans Marmorbecken , der schöpft vom Brunnen mit der hohlen Hand."
Und noch immer bin ich nicht schlüssig, ob ich "in" oder "aus" oder "von" der klaren Nacht schöpfen soll ...
Dies Haiku muß wohl noch ein bißchen lagern ...
Jedenfalls aber sehr herzlichen Dank für die intensiven Kommentare !
H.L.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 29, 2009
Ja, bei "aus" und bei "von" wird die Natur zum reinen Zweck und der Mensch ist bzw. befindet sich nicht mehr so direkt in ihr, das Dunkle, das Magische und doch Klare, das uns, die Schöpfung umfängt.
Neben der "stillen Antwort" zur Schönheit, gab es für mich die ganze Zeit über eine "stille Frage": Ist das Verb schöpfen essentiell für das Darzustellende? Mit der Version:
"Was ist das Schöne?" Nach dem Vortrag frische Luft in sternklarer Nacht.
finde ich sie nun beantwortet neben anderem, das sie erweiternd berücksichtigt. Hier öffnet sich die mit "schöpfen" grammatisch bzw. sinnlogisch enge Konstruktion in eine beziehungsreiche Gegenüberstellung. Dabei wird – wie es Hans' Anliegen ist – eine Antwort gegeben: Die Frische Luft (ebenso das Geistige), die sternklare Nacht (Erkenntnis, Einsicht ins Dunkle, auch die Vereinigung von Gaia (Erde) und Uranus (Himmelsgewölbe) bei Eichendorffs "Mondnacht") ist das Schöne nach dem Vortrag und geht kühl in die Tiefe bzw. in die Höhe: Diese ästhetische (Natur)Erfahrung muß keine dualistische sein (wie sie im Haiku zunächst angelegt scheint und im weiteren aufgelöst wird), sondern bindet Erkennenden (Subjekt) und Erkanntes (Objekt) in eins, die ursprüngliche Erfahrung (wie bei Otsuji beschrieben). Damit berührt sie die von Hans gestellte Frage nach Schönheit und Ästhetik im Haiku an sich: Die (künstlerische) Ästhetik deutet sich jeweils in der Rezeption der Schöpfung (Natur) an: Die Landschaft des Menschen, seine Seele, ist in der Natur als Parallelwelt gespiegelt (und kehrt/sehnt sich in der Einsicht in sein Haus, zum Himmel zurück) Romantik, Eichendorff); zugleich verwischen sich die Grenzen unter dem Aspekt "Mensch als Natur (des göttlichen Prinzips) in der Natur": Ein Gedanke, der an die Teilhabe an der Idee und Platons Ideelehre (auf die ich oben mit dem Zitat aus dem "Phaidros" (Platonische Dialoge) verwies) mit dem Mythos* anspielt; alsdann als andere Prägung wiederzufinden ist in Schellings "dunklen Grund", aus dem ein freier Gott als freie Wesenheit schöpft und frei schafft, damit alles alles bzw. nichts ist, doch zugleich gut und böse, schön und unschön); es erinnert ebenso an C. G. Jungs Anima und das kollektive Bewußtsein. Mit anderen Worten, das Kunst- und das Naturschöne als Identität: Form ist hier Inhalt, Inhalt ist Form.
*Wenn die Seele des Menschen auf Erden etwas Schönes erblickt, erinnert sie sich an die Ideen, die in der überhimmlischen Region beheimatet sind, ihre Federn beginnen wieder zu wachsen, sie erbrennt in Liebe (ein Spiegel des Selbst) und erinnert die Seele an ihre eigentliche Heimat, die anfänglich bei den Göttern war.
P.S.: Der Eifer des Gefechts und seine Folgen, lieber Hans, wem geht das nicht hin und wieder so.
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Überhaupt interessante Gegensatzpaare: Wärme-Kühle, Idee, Klarheit-Nacht,Diffuses, drinnnen-draußen, ausgesprochene Frage - stille Antwort in der Erfahrung.
Das 5-7-6, so nicht beabsichtigt, ließe sich m. E. überführen in:
"Was ist das Schöne?"
Nach dem Vortrag Luft schöpfen
in der kühlen Nacht.
Das Vage, Flüchtige der Antwort bliebe erhalten, doch auch eine leichte Verschiebung hinsichtlich des "gelehrt". Vielleicht ist es verzichtbar, da die Frage schon andeutet, daß es um "Kopfarbeit" geht?