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Dem Berg einen See
© Beate M. Conrad   
16. 10. 2009
Dem Berg einen See
zurückgeworfner Töne:
Allerseelentag.
Kommentare (9)Add Comment
...
geschrieben von Beate M. Conrad, October 16, 2009
Kalendarisch noch etwas früh, doch am Text sitz' ich schon etwas länger.
...
geschrieben von hans lesener, October 18, 2009

Wunderbar , Beate -
mein Compliment !
Jammerschade , dass es den Kalender im Lux nicht mehr gibt !
...
geschrieben von Beate M. Conrad, October 24, 2009
Vielen Dank, Hans. Ja, wirklich jammerschade, daß der Lux-Kalender verschwunden ist. Und zum Text selbst: Da finde ich a in seiner Formulierung durchaus etwas provokant.
...
geschrieben von hans lesener, October 25, 2009
Provokant ?
Habe ich weder so verstanden noch empfunden.
Als ich das Haiku las , kam ich gerade aus Bayern zurück ,
wo fast jedem Berg ein See zugeordnet ist...
Ich fand Zeile 1 also ganz natürlich-selbstverständlich.

Und Zeile 2 : Eine Lache , ein ganzer See aus Echo : das finde ich nachwievor eine wunderbare Idee !
...
geschrieben von Klaus Stute, October 25, 2009
Da ist aber noch eine 3. Zeile, Hans! Und dort die Gegenüberstellung, die provokante. Die "zurückgeworfenen", auf sich allein gestellten Seelen träumen - in unseren Breitengraden - schon seit über 2000 Jahren davon, dass es von dem Berg so zurückschallt, wie man raufgerufen hat. Ich glaube, das Rufen wird allmählich weniger und das ist m.E. kein Wunder.

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, October 25, 2009
Mit Verspätung sehe ich gerade, dass Beate selbst ihre erste Zeile als provokant eingestuft hat, nicht die dritte. Besagter See ist also weniger "zugeordnet" (Hans), als vor den Fuß des Berges respektive die Füße geworfen (Klaus, etwas drastisch).

derselbe
...
geschrieben von hans lesener, October 25, 2009
Mein schlichtes Gemüt hat die geschilderte Szene recht vordergründig wahrgenommen :

IM Tal am Fuße des Berges ein Friedhof , leises Stimmengewirr, etwas stille Musik , vielleicht ein paar Orgeltöne ( TÖNE ! )aus der Kapelle , das alles dem Berg zugespült wie eine kleine Welle, die echohaft zurückschwappt -
keine Provokation weit und breit.

Dass " zurückgeworfene Seelen" ( wenn es sie denn gibt , theologisch ) gemeint sein könnten , ist mir nicht in den Sinn gekommen . Sorry . Das ist mir zu spekulativ...

Hans.

...
geschrieben von Klaus Stute, October 25, 2009
Ein Echo ist m.E. etwas, das abprallt, abgeprallt ist. Das Abgeprallte kann u.U. liegen bleiben wie etwas schwer Getroffenes; bei entsprechenden Mengen oder Jahrtausenden kann sich das zur Größe eines Sees ansammeln. Das Abgeprallte ist aber keine wirkliche Antwort, auch keine wirkliche Abweisung; auch keine Reaktion - eine Wand reagiert nicht. Der Rufer/Frager ist genau so schlau wie vorher, wird auf sich selber zurückgeworfen. Er bleibt allein.

Die Rufe/Fragen haben sich zu einem See von Fragen angesammelt. Er bleibt dem Berg zugeordnet. Die unbeantworteten Fragen werden keineswegs zurückgezogen. Sie liegen dem Berg weiterhin vor. Gewidmet sind sie dem Berg allerdings nicht. Ich will jetzt nicht behaupten, dass sie wie ein riesiger Vorwurf am Fuße des Berges liegenbleiben. Ich habe nur in einem Nebensatz gemutmaßt, dass die Menge der Rufenden kleiner wird, weil eh alles abprallt.

Nun haben wir da noch diesen Doppelpunkt nach b. Ein Doppelpunkt ist zwar kein Gleichheitszeichen; auch haben wir nicht Allerseelen in a und einen Doppelpunkt dahinter. Aber dieser Doppelpunkt ist eine Hinführung, eine Überleitung, eine Gegenüberstellung, in der ICH zugegebermaßen das in einen See, pardon Topf, Geworfene gesehen habe; also den See von Seelen, denen wir an diesem Feiertag gedenken. Mit dieser Nebeneinanderstellung landen wir dann aber bei den "zurückgeworfenen Seelen" und meinem Versuch, dieses Frage-Antwort-Echospiel auf den Punkt zu bringen.

"Zurückgeworfen" - ist ja das einzige Verb in diesem haiku; die einzige Aktion, die im Echo-Falle keine wirkliche ist, also immer etwas Halbherziges hat. Es ist aber ein kraftvolles Wort, ein aggressives Wort. Es ist kein freundlich harmloses Zurückschwappen.

Die "Töne" - sind natürlich freundlich (gewesen); so wie eine Frage freundlich ist, wenn ich eine freundliche Antwort haben will.

Eigentlich haben wir ja keine Antwort auf die Frage, was mit diesem See von Tönen aus Fragen und nach-klingenden (unser Gedenken der Verstorbenen etc.) Seelen passieren wird. Wir wissen nur, wie wir bis auf Weiteres damit verfahren: sie bleiben im See.

DEM Berg einen See zurückgeworfner Töne...

Wir geben DEM Berg, was des Berges ist: "seine" Rufe/Fragen/Bitten an ihn, "seine" Seelen.

Klaus
...
geschrieben von Beate M. Conrad, November 04, 2009
Nun endlich meinen Dank für Eure reichhaltigen Gedanken hier zum Text. Ich hoffe, ich gehe hiermit auf alles Wesentliche ein. Auf der anschaulichen Ebene also der Berg mit dem See, so wie es häufig in Bergregionen vorkommt. Hans' Deutung der Formulierung "Dem Berg einen See" als "natürliche Zuordnung", etwas substantivisch, aber darin ist doch etwas Aktives, ein Zuordnen ausgedrückt. Wer ordnet zu? Wir beim Anschauen und das ist selbstverständlich. Ebenso drückt die Formulierung ein aktives Kreieren aus: Der Berg bekommt einen See. So wie sich die Wolken am Berg abregnen und im Tal oder in einer Bergwanne sich das Wasser sammelt, was zugleich auf die Höhe des Berges und den Prozeß als Dauer verweist.
Beim "fertigen" See geht es dann zunächst um eine ruhige Spiegelung des Berges, dessen Farbtöne. Außerdem vermittelt "zurückgeworfen" die Bewegung des Sees (wie eine Wasserwelle, die dann in der Bewegung und akustisch (Echo) vom Berg zurückgeworfen/reflektiert wird). Damit sind die Töne visuell, audial und kinästhetisch sinnlich erfahrbar und in ihrer Gesamtbetrachtung ein interdependenter Prozeß.
Dieser fast zeitlosen Naturlandschaftsanschauung steht ein anderes Bild, ein konkreter Zeitpunkt, ein Tag in der Jahreszeit und damit ein kulturgebundener Brauch als Tradition einer Lebensgemeinschaft gegenüber. Damit wandelt sich das Bild bspw. schlicht zu "Im Tal am Fuße des Berges ein Friedhof , leises Stimmengewirr, etwas stille Musik , vielleicht ein paar Orgeltöne ( TÖNE ! )aus der Kapelle , das alles dem Berg zugespült wie eine kleine Welle, die echohaft zurückschwappt -"

Auf der übertragenen Ebene: Der Berg symbolisiert Ewigkeit, auch den Wohnort der Götter (in den verschiedenen Kulturen) und durch die Bergeshöhe auch Gottes- oder Himmelsnähe. Der See steht für die Anhäufung von Wasser, also das Leben in Fülle. In der Zusammenschau geht es um das ewige Leben, das durch die Formulierung "Dem Berg einen See" in sich ruht und zugleich aus sich schafft, Schöpfung (dem Schöpfer ein Geschöpf oder "dem Berg, was des Berges ist") als der Beginn der Welt. Dem steht der Tod gegenüber, die Toten, derer wir dem Brauch nach an Allerseelen gedenken, die da ihrem Schöpfer (im Fegefeuer — Feuer und Wasser ebenso Symbole der Reinigung) harren.
Und mit "der Lache", mit dem Echoseelensee" bleibt es eine interessante Frage, die Klaus klar benennt, ob nun die Seelen den Berg anrufen? Ob der Berg antwortet. Oder ob gar der Berg alle Seelen an-, den jüngsten Tag einberuft, was ja auch eine tiefere Bedeutung in der Fortentwicklung von Allerseelen darstellt. Anfang und Ende gehen in diesem ewigen, nun mit dem jüngsten Tag heller und lauter werdenden Echo in der (dunkleren Jahres-)Zeit ineinander über.

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