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Die kleine Schlange
© Joseph Kandl   
13. 06. 2008

Die kleine Schlange

verschwindet im Unterholz –

Sommerparadies.

1. Version
Die Blindschleiche sucht
das schützende Unterholz –
wie schnell sie doch ist.

2. Version
Die kleine Schlange
verschwindet im Unterholz –
wir trauen uns nicht.
Kommentare (19)Add Comment
...
geschrieben von Markus Sulzberger, June 13, 2008
Hallo Josef
auch hier sehe ich den dichterischen Ansatz nicht oder noch nicht. Ein Satz auf drei Zeilen verteilt, vielleicht sogar in siebzehn Silben, habs nicht gezählt...

Markus
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 14, 2008
Hallo Markus,
siehe Kommentar zu:
http://www.luxarium.ch/luxariu...s-378.html

mfg
Jakkede
...
geschrieben von Klaus Stute, June 14, 2008
Einfache Naturbetrachtungen, verknüpft mit persönlichen Einschätzungen, sind noch lange keine haiku. Haiku sind keine einfachen Beschreibungen, sondern Anregungen zum Weiterdenken. Sie müssen die Assoziationkräfte der Leser mobilisieren. Es muss ausser dem Gesagten noch etwas anderes "dahinter" sein. Beispiel:

am rande des heimwegs -
erschrocken die alten haut
einer blindschleiche

Klaus
...
geschrieben von Heike Gewi, June 14, 2008
Klaus, das war meine ... Haut

Unterholz -
neben mir
die Blindschleiche

smilies/cheesy.gif
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 15, 2008
Hallo Klaus und Markus, danke für Eure Nachrichten.
Also zu der Blinschleiche:
Auf einer Wanderung, es war ein sonniger Weg, stehe ich plötzlich vor einer Blindschleiche. Sie hatte sich gesonnt und als sie mich kommen sah, sind wir wohl beide erschrocken. Sie schlängelte sich schnell ins Unterholz am Wegesrand und ich dachte – keine Schlange, eine Blindschleiche! – da ist keine »persönliche Einschätzung« dabei, das war so. Muss ich denn, um diesen Eindruck dieses Erlebnis in ein Haiku zu gießen Zuflucht zu einer ausgedörrten alten Haut einer Blindschleiche nehmen; mir ist doch das quicklebendige Tier in diesem Moment nah und wichtig und der Schreck den wir uns gegenseitig bereitet haben. Die alten jap. Haiku-Meister waren sehr verbunden mit der Natur und sind sehr viel auch gewandert und durch die Lande gezogen. Kleinste Details des Naturgeschehens werden von ihnen in Haiku verpackt ohne damit großartige andere Bezüge herzustellen. Hinter jedem noch so kleinen Naturereignis steht die Schöpfung, meinetwegen auch der Schöpfer, ist das nicht genug?

Ich habe zur Begegnung mit der Blindschleiche drei Zeilen gemacht. Haijin mögen darüber lachen. Von der Form her klassisch 17 Silben zu drei Zeilen 5-7-5 – ich möchte nicht stammeln und stottern nach der Art:

Schöner
Schreck –
Schleiche.

Beispiel:

Am kahlen Astwerk
Vom ersten Frühlingsregen
Die runden Perlen.
[Kyoshi]

Wo, Markus, ist hier der dichterische Ansatz der über die reine Naturbeobachtung hinausgeht? Bin ich blind?

Freundliche Grüße
Joseph
...
geschrieben von Klaus Stute, June 15, 2008
Die "persönliche Einschätzung" ist die letzte Zeile: "wie schnell sie doch ist".

Oha, Joseph. Ich glaube, es ist noch ein weiter Weg, bis du ein Gefühl für haiku entwickelt hast. Wenn du allerdings in Abgrenzung zu allem, was du an vermeindlich komplizierten Dingen und Regeln so liest und hörst - hingehst und dir ein ganz einfaches Postkartenbild von haiku zurecht legst, dann ist das der falsche Weg. haiku ist nicht so simpel, wie du das offenbar gerne hättest.

Der Trick mit den japanischen Meister-haiku funktioniert dabei übrigens auch nicht - genauer gesagt: andere Schlaumeier mit irgendwelchen gefundenen haiku vorführen zu wollen. Die alten haiku sind anerkanntermaßen oftmals so kompliziert, dass es überhaupt ohne Bedeutung ist, wenn uns nichts dazu einfällt!! Die ganzen Konnotationen - so heisst das Wort; auf deutsch Nebenbedeutungen - der einzelnen Begriffe eines alten japanischen haiku können wir gar nicht kennen. Selbst wenn man das studiert hat, ist es noch sehr schwer und wahrscheinlich immer unvollständig, weil man davon ausgehen muss, dass die damaligen Assoziationen nicht alle überliefert sind - und die Anspielungen auf damals bekannte bzw. gängige Dinge, die "in aller Munde" waren, halt auch verloren sind.

Es ist aber unbestritten, dass in die damaligen haiku eine Vielzahl an solchen Gedanken-Verknüpfungen eingeflossen ist. Sicher sind viele haiku an der Oberfläche erstmal Naturbetrachtungen. Aber sie waren dass, was ich jetzt einfach mal mit dem Wort "Stichwortgeber" kennzeichnen will. Zu bzw. mit jedem "Stichwort" des haiku wurden automatisch diese Konnotationen beim Leser abgerufen; und erst mit diesen Zusätzen hat sich dann die eigentiche Bedeutung des "Natur"-Bildes erschlossen.

Klaus

NS also: der Blindschleichen-Dreizeiler ist m.E. leider kein haiku. Da ist ja nicht mal das kleinste Gefühl drin, geschweige denn passiert da haiku.
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 16, 2008
… die Schleiche war doch wirklich schnell! smilies/smiley.gif

Hallo Klaus,
vielen Dank für Deine interessanten Erklärungen – ich sehe es ein.
Es ist alles viel kompliziertewr als ich dachte smilies/sad.gif

...
geschrieben von Markus Sulzberger, June 16, 2008
tja - darin scheint die fertigkeit zu liegen, aus einem solchen erlebnis ein haiku zu konstruieren. Blindschleichen sind ja wunderschön, wenn man sie mal in ruhe betrachten kann. es ist wahrlich ein moment, aus dem man ein haiku machen kann, den du da schilderst. offenbar hattet ihr da eine gewisse gemeinsamkeit, ihr zwei da, im wald! ihr seid euch aber als wesen fremd, ja ihr habt angst voreinander. die blindschleiche kann ich ja verstehen, aber der josef - warum erschrickt denn der vor einer blindschleiche, die erst noch so wunderschön schimmert, ja fast golden? da freuen sich also zwei ab einem sonnigen plätzchen mitten im wald und wähnen sich beide alleine - aber wie klaus sagt: oha!

versuch es einfach nochmals, josef, das wäre eigentlich ein gutes erlebnis als ausgangslage...

markus
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 16, 2008
Ich mache zunächst einmal Pause um mich zu sammeln! smilies/smiley.gif
Vorerst vielen Dank für Eure Mühe.

Freundliche Grüße
Joseph
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, June 16, 2008
Ich melde mich jetzt einfach mal unter diesem Text zu Wort.

Es freut mich sehr, dass im Lux mal wieder Leben eingekehrt ist. Wurde ja langsam auch Zeit smilies/wink.gif

Was mir ein bisschen missfällt ist, dass es einfach zu viele Texte/Haiku sind, die hier auf einmal eingestellt werden. Man liest sich einen Text und die Kommentare dazu durch und -schwupps- steht schon das nächste Haiku oder auch "Nichthaiku" zur Diskussion. Wäre es nicht besser, wenn man erst mal die Gedanken zu einem Text vertiefen und durchdiskutieren könnte, statt mit Texten "zugetextet" zu werden?
Ich wollte mich ja wieder ein bisschen mehr hier mit einbringen, aber ehrlich gesagt, verliere ich langsam den Überblick.

Nix Pause machen, Joseph, sonst läuft das Lux Gefahr, dass es hier wieder zu ruhig wird. Vielleicht geht es den anderen aber auch so, dass sie einzelne Texte gerne ein bisschen mehr vertiefen und/oder auch mithelfen möchten, sie insoweit zu verbessern, dass man den Haiku-Effekt besser nachvollziehen kann. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass du "Haiku nicht kannst oder verstanden hast", sondern, dass es einfach noch an Erfahrung deiner- und unsererseits fehlt, um eine Haiku-Sprache zu finden, damit wir uns verstehen und ein Leser deine Erlebnisse so nachvollziehen und nacherleben kann, wie du es rüber bringen möchtest.
Nicht der Dichter schreibt das Haiku, erst durch den Leser kann sich ein Haiku entfalten und diesen berühmten Aha-Effekt auslösen.
Wenn diese Verständigung zwischen Autor und Leser klappt, dann ist "es" geschafft.

Nimm dich ganz aus der Situation heraus, wenn du die Worte für dein Erlebnis suchst.

Die Schnelligkeit der Blindschleiche ist nur dein subjektives Empfinden. Im Gegensatz zu einem Düsenjet oder dem Lauf der Sterne aber ist sie extrem langsam.
Vielleicht kann man das im o.g. Haiku auf diese Art ein wenig verdeutlichen.

Also weiter machen und weiter schreiben.

Herzliche Grüße,
Andrea

...
geschrieben von Joseph Kandl, June 16, 2008
Hallo Andrea, bitte sieh mal unter:
http://www.luxarium.ch/luxariu...-386.html

Freundliche Grüße
Joseph
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 16, 2008
...
geschrieben von Heike Gewi, June 17, 2008
Am kahlen Astwerk
Vom ersten Frühlingsregen
Die runden Perlen.
[Kyoshi]



apropos "runde perlen":
fuer den "fluechtigen" leser mag das eine blosse naturbetrachtung sein. an dieser stelle meine ich: lies weiter! d.h., zwischen den zeilen.
frage: wann sind die tau-oder regentropfen rund?
antwort: wenn sie AUF dem blatt liegen.
dieses nennt man denn wohl "das haiku-moment".
haengt der tropfen, liegt der vergleich mit einer Traene nahe.
so gesehen, handelt sich sich im obigen beispiel keineswegs NUR um eine naturbeschreibung.

sorry, aber wie meinte mal jemand im Forum:
"...auch haiku lesen, will gelernt sein."
war das ramona nach ihrem kanada-trip...(?)

gibt zu bedenken
heike
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 18, 2008
Liebe Heike,
da sind keine Blätter, da ist »kahles Astwerk«. Ob jetzt »am« Astwerk runde oder tränenförmige Tropfen liegen oder hängen, das ist Physik …

mfg
Joseph
...
geschrieben von Heike Gewi, June 18, 2008
"wir" machen fortschritte ;-))
..auch im lesen

...
geschrieben von Heike Gewi, June 18, 2008
P.S.:
Warum es mir auf "runde Perlen" ankommt, wo doch jeder weiss, dass Perlen rund sind, und der Dichter es fuer hervorhebenswert hielt:


http://i.pbase.com/o4/75/68377...arl31.jpg


Physik ist gut, auch wenn die "Verwunderung" ueber Wunder der Natur bleibt - zen-like haiku moment

smilies/cheesy.gif heike
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 18, 2008
Hallo Heike,
auf obigen Link kann/darf ich nicht zugreifen.
Natürlich muss das Staunen über die Natur erhalten bleiben und vielleicht auch erst wieder belebt werden.
Apropos Natur, da hätte ich eine Lernfrage: Ist auch beim modernen Haiku ein Bezug zur Jahreszeit, ein Jahreszeitenwort (Kigo) obligatorisch?
Gibt es auch Haiku ohne Kigo?
mfg
Joseph
...
geschrieben von Heike Gewi, June 18, 2008
nein, deswegen habe ich in deinem "modifizierten" beitrag zum thema auf das notwendige "schluesselwort" verwiesen.
kein kigo ---> ergo: schluesselwort

Angelika weiss da viel mehr bei zu steuern

smilies/wink.gif heike
...
geschrieben von Joseph Kandl, June 19, 2008
Die Blindschleiche sucht
das schützende Unterholz –
wie schnell sie doch ist.


ist folgendes besser?

Die kleine Schlange
verschwindet im Unterholz –
wir trauen uns nicht.

»trauen« im Sinne von: arglos sein, vertrauen und
»trauen« im Sinne von: sich trauen, Courage haben.

ist das immer noch eine persönliche Einschätzung? Ich und die kleine Schlange wahrscheionlich auch, wir sind unsicher.

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