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Eisschichten
© Horst Ludwig   
16. 02. 2008
Polizeiautos.
Ganz langsam daran vorbei
auf dünner Eisschicht.

Kommentare (6)Add Comment
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, February 17, 2008
Dieser Text ist für mich geradezu ein Paradebeispiel, wie die Prägnanz unter dem 5-7-5-Schema leidet, lieber Horst Ludwig.

Polizeiautos.
Langsam vorbei
auf dünnem Eis.

Das dünne Eis ist für mich eine Floskel (sich auf dünnem Eis bewegen, aufs Eis begeben). Dass das Eis auf der Straße nur eine dünne Schicht bildet, nicht so dick ist wie das Eis auf einem über längere Zeit zugefrorenem See, wird geläufig sein. Gerade das Eis auf der Straße ist eine gefährliche Sache - man begibt sich im Winter aufs Eis (im bildlichen Sinne), wenn man bei Frost Auto fährt.

Herzlichen Gruß
Rudi Pfaller
...
geschrieben von Angelika Wienert, February 18, 2008

Warum soll es von Vorteil sein, sich in Zeile 3 in die unmittelbare Nähe dieser Floskel (sich auf dünnem Eis bewegen) zu begeben?

Bei der Originalversion `kribbelt` es in meinem Bauch (in dem Bauch einer Leserin, die enorme Angst vor Wirbelblockaden und vor Glatteis hat), wenn ich lesend lange ("Ganz langsam daran vorbei/auf dünner Eisschicht") in dieser Situation bin.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, February 18, 2008
[Polizeiautos. / Ganz langsam daran vorbei / auf dünner Eisschicht.]

In Segment a erfahre ich über eine Ansammlung, nicht nur eins, von Polizeiautos. Da gehe ich als Leserin auf größere Achtung, ohne jedoch näher zu wissen, was da wohl los ist.

Mit Segment b erfahre ich, daß die Polizeiautos soweit den Weg versperren, daß man anscheinend nur noch ganz langsam - nicht mal mehr langsam - also vielleicht noch im Schrittempo daran vorbei kann. Bedeutsam scheint mir hier auch das "daran". Es verweist auf etwas mehr als die Polizeiautos: Auf etwas, was alle, die in solch Situation kommen, gerne wüßten und deshalb extra gucken. Wer oder was ist zu Schaden gekommen, ist eine Vollsperrung zu befürchten etc. Also auch deshalb langsam, vielleicht sogar viel langsamer als nötig fahren. "Daran" verweist auch auf die emotionale Situation eines inneren Sprechers, dem es kribbelig wird aufgrund:
a) der äußeren gegebenen Situation, also der Straßenverengung.
b) weil es ihn womöglich nervt, daß die anderen wegen des Gegaffes zu langsam machen; ihn das gar nicht interessiert, er anderes im Kopf und es eilig hat.

Durch Segment c wird dann klar, daß es eine besondere Wintersituation ist, die durch Eisbildung zu einem wohl größeren Unfall geführt hat. Und damit daß es nicht nur dünnes Eis, sondern um eine dünne Eisschicht geht, verweist diese Schicht auf ein Darunter. Dieses Darunter unterstreicht die Gefährlichkeit und Bedrohlichkeit der Wintersituation, die jeder fürchten muß. Es verweist auch auf die Gefährlichkeit bzw. die Kribbeligkeit des Fahrenden im übertragenen Sinn (was da alles unter der dünnen Eisschicht zum Vorschein kommen könnte), egal ob er tatsächlich etwas auf dem Kerbholz hat, oder nicht.
Und: An so viel Polizeipräsenz, da kann man nicht so einfach dran vorbei, sondern nur ganz langsam - so verunsichernd kann das sein - wie auf Glatteis. Aber auch die Sicherheit im Winter wird für ein Weiter, selbst in schwierigen Situationen wie auf Glatteis, auf diese Weise gewährleistet.

Was da alles in nur 5-7-5 zum Vorschein kommt, das ist prägnant und erstaunlich - wie das Leben selbst, das hier in einem Augenblick festgehalten wurde.

Herzliche Grüße
Beate
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geschrieben von Horst Ludwig, February 18, 2008
Aber, aber, lieber Rudi Pfaller, zeigen S' doch ein bißchen mehr Mitgefühl für die Situation als es der Ersatztext hergibt. In dem haben wir offenbar einen Fahrer als inneren Sprecher, der nur weiter will, und zwar so schnell wie unter den Umständen möglich, und alles andere geht ihn nichts an, — der also evtl. nicht mal die Polizei benachrichtigen würde, wenn er als erster da an so einem Unfall vorbei- und halt seines Weges weiterführe... Sowas gibt's ja, und auch das ist Thema für Haiku oder Senryû. Gut ist bei meinem Text, meine ich, und Beate Conrad hat das aufgespürt, daß auch das Kerbholz bei diesem Menschlichen, allzu Menschlichen eine Rolle spielt. Aber nicht zu vergessen ist bei den wiederholten verlangsamenden "a" und den ihnen folgenden Nasalen ("lesend lange" - klasse gesagt!) auch die Sorge um die Schutzleute, die mit ihrer gefährlichen Arbeit auch dem sorglosen bei jedem Wetter Einfach-Weiterwollenden die nicht weiter bedachte Weiterfahrt ermöglichen. Ihm sollte eigentlich auch der Klang von "Eisschicht" eine Warnung sein; aber dazu müßte er ja genau hinhören. — Auch das Ersatzhaiku ist "prägnant", und das heißt heute "kurz- [sic] u. doch vielsagend" [Wasserzieher]. Aber die ursprüngliche Bedeutung "trächtig" (noch in engl. *pregnant*) ist auch bei der Prägnanz des Haiku am Werk, und ich freue mich, daß mein Baby für Angelika Wienert und Beate Conrad nicht überfettet wirkt, sondern im Gegenteil so gesund aussieht, daß es ihnen richtig "kribbelt".
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geschrieben von Heike Gewi, February 19, 2008
thin ice , drifting ice ... spring kigo / Fruehling

Bin jetzt etwas ueberrascht, was eben dieses "duenne Eis" angeht. Bewegt man sich auf einem Teich, See, Bach, Fluss?

Bei Strassen faellt mir [gebraeuchlicher] Glatteis ein. Da spielt all das rein, worauf Beate verwiesen hat - ebenso die "Schlingerbewegung" und doppelte Vorsicht.

...
geschrieben von Horst Ludwig, February 21, 2008
Liebe Heike, wenn man nach einem *kigo* suchte, so wäre das hier wohl "Eisschicht". Dazu noch: Da gibt's das "Glatteis" als technische Bezeichnung (das engl. sog. "black ice"), das das Auge nicht so schnell oder gar nicht wahrnehmen kann und wovor einen Gott sei Dank die Verkehrsnachrichten warnen, nachdem die Polizei es festgestellt hat, — das meist allerdings erst, weil's schon fürs erste zu spät war. Wenn dieses Glatteis besonders dünn ist (und auf diese "dünne Eisschicht" weisen die Erklärungen oft — und aus gutem Grund — hin!), fühlt man es meist auch nicht so richtig, wenn man ins Auto steigt. Im originalen Haiku schließt "daran" aus, meine ich, daß es sich hier um Eis handelt, in das man einbrechen kann; die Gefahr für Leib und Leben ist aber im Straßenverkehr glatt die gleiche. Im Ersatzhaiku ist, finde ich, nicht ganz klar, ob vielleicht nicht sogar die Polizei an irgendetwas (an dem wartenden aus irgendeinem Grunde festsitzenden [aber hoffentlich nicht eingebrochenen] inneren Sprecher?) vorbeifährt, vorsichtig zwar, aber eben nicht allzu seitsichtig. Wie gesagt: Es ist ein vom Original ganz verschiedener Text, nicht gerade vom vielfältigen Leben begeistert, aber selbständig durchaus auch etwas Bemerkenswertes konzentriert darstellend. (Erinnern wir uns auch an die Schulaufsätze, wo wir etwas mit etwas anderem vergleichen mußten. Gut, daß wir hier einen zweiten Text neben dem Original haben. Vergleiche führen zu Erkenntnissen von Unterschieden und dem, was die Welt, hier in zwei Haiku, im Innersten zusammenhält.) — Schönes Wochenende, — auch mir, der ich mich immer noch auf vereisten Straßen fortbewegen muß, um überhaupt wohin zu kommen, während Heike da am Jemener Tor bei offenem Autofenster wundersamer gewaltiger Musik lauschen kann und auf goldenem Sand wohl nie ganz so gefährlich ins Rutschen kommt. (Wo ich nicht bin, ist das Glück [in sieben Silben — und gar nicht hineingezwängt].)

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