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Feucht-verdrecktes
© Horst Ludwig   
14. 11. 2009
Feucht-verdrecktes Laub
im Häuserschatten fröstelnd
der Gang nach Hause
Kommentare (12)Add Comment
...
geschrieben von Klaus Stute, November 14, 2009
Zum identifizieren und mitfrösteln lädt das haiku ja nicht gerade ein. Die erste Zeile hat Anklänge an ein Fluchen; die letzte schwächelt schon der Erkältung entgegen. Da würde man doch lieber aus einem Fenster einen Blick auf die Szene werfen...

Feucht-verdrecktes Laub
im Häuserschatten verdrückt
sich eine Katze

...und sich dann wieder hinter den Ofen zurückziehen.
Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, November 14, 2009
Wo Schatten ist, da ist auch Licht; und eine zu dieser Zeit ja doch schon winterfellige Katze würde sich dem *haijin* hinterm Fenster (also dem weg vom Fenster der Realität), der genau beobachtet, schön gemächlich und ganz natürlich in die Sonne verziehen und nicht dahin verdrücken, wo für sie nichts zu holen ist. Wichtig ist also, um der Wahrheit der Dichter willen genau zu beobachten und sich nicht gleich "wieder hinter den Ofen zurückziehen". — Mit besten Grüßen aus einer Gegend, wo der November bisher einer der wärmsten der aufgezeichneten Wettergeschichte ist, und da aus dem Hinterland, wo die halbwilden Katzen, wie gesagt, schon ihr Winterfell haben und diesen November genießen können und deshalb vielleicht zu beneiden wären.
...
geschrieben von hans lesener, November 15, 2009
Wir haben gar keinen Ofen , hinter den ich mich zurückziehen könnte-
aber die Füße ans Herdfeuer strecken zu können , das ist etwas durchaus Erstrebenswertes ( meint auch unsere Katze gemeinsam mit dem Dackel ), zumal mit einem kleinen Pils in Reserve ... So kann man mit der Welt wieder ins Reine kommen , und das ist auch wohl das , was Klaus Stute meint, und was mir ganz selbstverständlich erscheint .
Unser aller Weggefährte durch viele Haiku-Jahre -
ich kenne niemanden , der mehr auf dem qui vive ist und weniger daran interessiert , post fornacem seinen Frieden zu machen . Im Gegenteil : Niemand registriert das Welttheater und seine Protagonisten so aufmerksam wie er ,und niemand versteht es wie er , unsere großen und kleinen Schwächen so spitzzüngig aufzuspießen ! Wie oft schon habe ich ihn gebeten , seine Kommentare in einer Reihe von Bänden zu veröffentlichen, aber er will nicht :Nur kein Denkmal !

Dieser kleine Zwischenruf , lieber Horst Ludwig , lieber Klaus - er musste einfach sein .

Einen guten Sonntag wünscht
Hans.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, November 15, 2009
Nun, der Schatten der Vergänglichkeit (angedeutet durch das Laub) läßt einen schweren Gang, den eigenen Heimgang oder eines anderen lieben Menschen erahnen und damit wird's dann doch ziemlich kalt, sodaß nicht nur das im Begriff des Verwesens seiende Laub friert.

Mir fallen da auch Rückerts Kindertotenlieder ein, besonders dieses von Gustav Mahler vertontes:
http://www.youtube.com/watch?v=NCSvYAEF11M&feature=related

Oft denk' ich, sie sind nur ausgegangen,
Bald werden sie wieder nach Hause gelangen,
Der Tag ist schön, o sei nicht bang,
Sie machen nur einen weiten Gang.

Ja wohl, sie sind nur ausgegangen,
Und werden jetzt nach Haus gelangen,
O, sei nicht bang, der Tag is schön,
Sie machen [nur]2 den Gang zu jenen Höh'n.

Sie sind uns nur voraus gegangen,
Und werden nicht hier nach Haus verlangen,
Wir holen sie ein auf jenen Höh'n
Im Sonnenschein, der Tag is schön auf jenen Höh'n.

Aber ebenso Heinrich Heines "Sterbende":
http://www.gedichte.xbib.de/Heine_gedicht_Sterbende.htm
...
geschrieben von Klaus Stute, November 16, 2009
Himmel Beate!! Wir wollen unserem Horst Ludwig doch jetzt keine Todessehnsucht unterstellen. Und andererseits auch nicht hoffen, dass er jetzt schon seinem Tod mit vorbereitenden haiku den Wege ebnen muss, wie das wohl im alten Japan bei den haijin üblich war.

Das "frösteln" repräsentiert m.E. das ego; ich geh also nicht davon aus, dass hier das Befinden und ein schwerer Gang eines anderen beschrieben wird.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, November 16, 2009
Ja, Klaus, gute Fragen. Nämlich:
a. In welchem Verhältnis stehen Autor und Text zueinander?
b. Was wird mit der "Stimmung" in einem Text repräsentiert?

Zum Systematischen vorweg: Damit, daß ein Autor seinen Text anderen zugänglich macht, läßt er ihn los (wie Markus das gerade erst so schön beschrieben hat. Und dazu findet sich auch etwas von Markus und Dietmar auf der Startseite zu diesem Forum). So steht dieser Text hier ganz und gar für sich als ein Eigenes: bescheiden und reichhaltig. Als solchen lese ich ihn. Um es provokant zu formulieren: Mich interessiert gar nicht, ob ein Autor noch zusätzlich (außerhalb des Geschriebenen) irgendwas im Sinn haben könnte; denn das ist ja reine Spekulation. Ich will wissen, und darauf konzentriere ich mich, was der Text als Text selbst im genauen Leseprozeß sagt.
Beim Lesen verbinden sich ganz allmählich die phanopoetische, die onomatopoetische und die logopoetische Wahrnehmung im kulturhistorisch-literarischen Kontext zur Gesamtschau. In dieser Zusammenschau, wenn ich die Einzelebenen richtig erschlossen habe, setzt die literarische I n t e r p r e t a t i o n an (diese in Abgrenzung zur ganzheitlichen, ersten ungewerteten Textwahrnehmung), die dann auch verborgenere Intentionen, so sie im Text kunstvoll eingebunden sind, und Kenntnisse zum W e r k eines Autors reflektieren/deuten mag.
Mit anderen Formen der Interpretation und Feinheiten (u. a. auch zur Persönlichkeit eines Autors) setzen sich andere, auch verwandte Disziplinen auf fachlicher Ebene auseinander. Hier geht es um den allgemeinen und deshalb teilbaren Erfahrungsaspekt, also um das poetische Bild, das als solches zeitlos überdauert und uns immer wieder neu in der Literatur bewegt.
Das gilt auch für die oben von mir angesprochenen Todesahnungen, selbstverstuandlich keine dem Autor unterstellten Todessehnsüchte. Kein das Bild verstellende, sich in den Vordergrund drängendes Ego, sondern der zyklische Ablauf in der (Jahres-)Zeit bis hin zur großen vorausgeahnten Endzeitstimmung in kultureller Tradition, die diesem Text u. a. auch anzumerken ist.

Das Frösteln ist doch als allererstes ein Frösteln in der Jahreszeit: Laub -> Herbstkigo, feucht-verdrecktes Laub, also am Boden ->fortgeschrittener/(Spät-)Herbst mit all der Feuchtigkeit und dem Gematsche, das sich wunderbar im Kehlverschluß von "ck-t" konsonatisch bemerkbar macht. Dazu pfeift's und tobt's auch noch durch die Enge-Konsonaten in f-eucht, v-er- und f-röstend, im sch-atten in Verbindung mit dem stimmhaften Frikativen "r" bei "v-er-dre-ckt, Häus-er, fr-östelnd." Dazu der brausende Kommentar in den Vokalen bzw. Diphtongen: "au, äu, ang, ause." Das braust's, fegt's feuchtklatschematschekalt und heult's richtig novemberschattengrauungemütlich um und zwischen den Häusern (mit implizites Echo von den Häuserwänden) bei entfernterer und schwacherem Licht (längere, aber weniger stark als im Sommer gezeichnete Schatten). Und da paßt auch das von Klaus eingangs erwähnte assoziative Fluchen zum Feucht-Verdreckten, watt'n Schietwedder!
Mit dem Gang (wie ein Flur oder eine Flucht zwischen den Häusern ist der Luftzug, die Bewegung angedeutet, aber auch ein anderer Gang, der menschliche Gang durch das Novemberschietwedder nach Hause — die Perspektive eines möglichen inneren Sprechers — und der Gang, der Ablauf der Dinge, der Zeit, des Seins — hier ein Abwärtstreiben in den Boden, in den Dreck und unter die Erde ins Dunkle. Und in der Tat geht der Rückzug des Lebens, das Absterben im November sehr schnell in Erwartung des noch kärglicheren und harscheren Winters. Dieser Schattenseite (des Lebens) steht das Licht gegenüber, denn "wo Schatten ist, ist auch Licht [...]." Mit dem stürmenden Wind, dem Luftzug, dem Odem gibt natürlich auch die Bewegung im Raum und nach oben zum Licht.
Und was mag hinter der scheinbaren Doppelung von Häusern und Hause stecken?
Zu allem anderen und an den anderen Stellen etwas später. Beate
...
geschrieben von Horst Ludwig, November 17, 2009
richtig november-
schattengrauungemütlich
zwischen den Häusern

Das ist doch endlich mal sachgerechte Haikukritik! Und sowas wollen die Rechtschreibreformierereierkopfigen und KultusministerInnen mit ihrer vorgeschriebenen dümmlichen Schreibung den Kindern in der Schule verbieten. Kein Wunder, daß einem da Todessehnsucht naheliegt oder wenigstens nahegelegt wird. Das mit dem "Kehlverschluß von 'ck-t'" hatte ich nicht bewußt bemerkt, ist aber klasse gehört. Mann, Beate, Sie können hören! Vielen Dank! — "Und andererseits [wollen wir] auch nicht hoffen, dass er jetzt schon seinem Tod mit vorbereitenden haiku den Wege ebnen muss". Warum eigentlich nicht? Der innere Sprecher in einem Text ist sowieso nicht der Autor, aber was vom Autor ist sicher auch bei Mephisto und Mackie Messer drin, zumindest die Anerkennung, daß es sowas halt in unserer Welt gibt und daß das einige interessiert. Und in jeder Kunst was angesichts letzten Endes zu formen ist doch gar nicht so schlecht; einem kommt dabei vielleicht einiges wirklich Gewichtige in den Sinn, und das freut dann einen sogar richtig. Ehrlich! Und es ebnet den Weg. (Gar nicht so schlecht formuliert, Klaus Stute. Danke. Werd ich mir merken, dies zur Woche eingebrachte durchaus sachgerechte Wort.) — Übrigens: Diese eben angesprochene Freude über als richtig Erkanntes und Wohlgeformtes ist es m. E., die mit dem "hai" in Haiku gemeint ist.

...
geschrieben von Heike Gewi, December 13, 2009
Ja, warum dann nicht "Heimgang" in der dritten Zeile ?!

Muss es 5/7/5 sein? "Nach Hause" ist wirklich mit Ofen zu assoziieren, da vorher noch gefroestelt wird. "Heimgang" ist doppeldeutig und laesst uns ahnen ...
Au Backe, mein Zahn!

Ciao,
Heike
...
geschrieben von Horst Ludwig, December 13, 2009
Liebe Haikufreundin Heike, so hart und eindeutig zuschlagend wollen wir doch mit der Zusammenfassung in c nicht sein. Und für mich wäre "Heimgang" nun wirklich allzu eindeutig; da bin ich also für die 5-7-5-Silbenform sogar zutiefst dankbar; sie erlaubt mir herumzureden. — Und nun, nach all der Tiefe hier, zugegeben: Manchmal hängt zu Hause der Haussegen schief. Das kommt ja in den besten Familien vor, und somit verrate ich hier also kein großes Haiku-, Senryû- oder anderes Geheimnis. Aber hinzufügen möchte ich — damit keine falschen Nachhalle aufkommen und mein eigener Hausfrieden gesegnet bleibt —, daß a. in einem literarischen Werk der Autor und der innere Sprecher sehr oft, ja sogar meist, ganz verschiedene Personen sind (wenn auch manchmal nicht so ganz verschiedene, das stimmt nun wieder aber auch) und b. ich selbst jedenfalls zehn amerikanische Meilen, also etwa 17 km, im Auto nach Hause f a h r e, und zwar im nach fünf Meilen doch warmen Auto. Wem immer ich also hier den Gang nach Hause im Häuserschatten zuschiebe, — ich bin es nicht. (Oder etwa doch? Wenigstens etwas? Was Ihr Zahn, liebe Heike, wenn Sie so richtig zubissen, also alles aus mir letztlich so herausziehen könnte!)
Eine mit gutem Haussegen gesegnete Weihnachtszeit wünscht allen hier Ihr Autor und innerer Sprecher Horst Ludwig
...
geschrieben von Heike Gewi, December 13, 2009
Tut mir leid, die letzte Zeile wirkt auf mich "waermeheischend".

Und die "Todesahnung" habe ich ueberhaupt nicht assoziieren koennen. Bin wahrscheinlich und "Gott sei Dank" zu jung dafuer.

Der frustrierte Trott nach Hause [das Bild entsteht bei mir] koennte in der letzten Zeile fuer "anderes" bereit gehalten werden.

Verdreckt [so gut wie es "klingen" mag] > froesteln
> nach Hause ...
ist mir zu dick! Deswegen: Au Backe, mein Zahn.

Die Klausens Katze erinnert an schnurrige waerme und ist mir sehr symphatisch.

Eine Haikufreundin ;-)
...
geschrieben von Walter Mathois, December 15, 2009
Liebe Haikugemeinde,

nun - mein Vorschlag:

Der Gang nach Hause klingt für mich sehr feierlich. War es so gewollt?

Feucht-verdrecktes Laub
im Häuserschatten fröstelnd
nach Hause gesehen

Hier drängt sich gleich eine weitere Version (Version ist sie ja nicht), doch eine Ähnlichkeit in diesen sozialen Tagen:

Feucht-verdrecktes Laub
im Häuserschatten fröstelnd
Ein Stadtstreicher

Liebe Grüße
Walter Mathois
...
geschrieben von Klaus Stute, December 15, 2009
Der Stadtstreicher, lieber Walter, hat natürlich genauso wie meine Katze nichts mit dem vorgestellten haiku zu tun; dergleichen "Verbesserungsvorschläge" besagen nur, dass einen das Ausgangshaiku in Teilen nicht überzeugt oder angesprochen hat.

Freundlicherweise hat der Autor aber in den Kommentaren selbst ein paar Hinweise gegeben, in welche Richtung das haiku auch zu verstehen sein könnte - wobei aber bitte keine weiteren Rückschlüsse auf Todes- oder sonstige finsteren Ahnungen innerhalb der Privatsphäre des Autors gezogen werden sollten.

Ich bringe es mal auf einen anschaulichen Punkt: bei "Häuserschatten" haben wir wohl alle an die Hochhäuser einer Stadt gedacht. Das muss aber nicht sein: auch die blitzsauberen Einfamilienhäuser einer Vor-, Klein- oder sonstigen Stadt werfen Schatten. Eine dieser "Schattenseiten" ist zum Beispiel der alljährliche, ziemlich lästige Entfernungsbedarf des herbstlich "feucht-verdreckten Laubes".

Das kann sich sogar zu einem veritablen Schatten mit Bedrohungscharakter ausweiten - nämlich dann, wenn die Dame des Hauses schon seit Tagen die Entfernung der unschönen Rasenbedeckung angemahnt hat. Dieses kommt einem pflichtschuldigen Göttergatten dann gerne auf dem Heimweg wieder in den Sinn, läßt ihn mit seinem Gedächtnis hadern und frösteln ob seiner Verfehlungen. Der Heimweg wird dann zu einem "Gang nach Hause" - kann allerdings auch Canossa-unerfahrenen haiku-Päbsten schon mal zu einem frostigen Herbst-Werk verhelfen.

:-) Klaus

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