Je öfter ich es lese, umso mehr schmunzele ich. So macht das Heilige ganz menschlich Freude.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
June 26, 2009
Da war ich mir gar nicht so sicher, ob dieses unterschwellige Schmunzeln auch herauskommen würde. Vielen Dank für diese und die tiefere Rückmeldung zu dem Text. Sein Aufschluß könnte nicht ganz unwesentlich am "aufheben" hängen. Ganz anders wirkte da bspw. ein "auflesen".
... geschrieben von hans lesener,
July 17, 2009
Hallo Beate -
so gut ich die erste Zeile sprachlich finde - " eins ums andere" klingt so komprimiert - , so groß ist das Problem , das ich mit dem Ausdruck "Blümchenstreukind" habe : Kann es sein , dass er -s.v.v.- ein wenig konstruiert ist , um die Funktion zu beschreiben ? Ich habe diesen Ausdruck noch nie gehört , sagt man nicht einfach "Blumenkind" ?
Das tut aber natürlich dem Charme der Szene und der verborgenen Bedeutung des Aufhebens keinen Abbruch. Ein Haiku , das mir lange nicht aus dem Kopf gegangen ist ... !
Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
July 18, 2009
Gut beobachtet und gut gestellt die Frage nach den "Komprimierungen" hier, Hans. In a wird "eines" auf "eins" und "um das" auf "ums" zusammengezogen. Und das ist gebräuchliche Umgangssprache, nicht wahr. Ich würde sogar fragen, wieso nicht auch "andere" auf "andre" verkürzen, wenn schon lebhafte Umgangssprache als authentisches Abbild? Und dann beim Hinhören:
"eins ums an-de-re" hebt das Blu-men-streu-kind auf beim Fron-leich-nams-zug
Ganz klar, Sprachklang und Rhythmus transportieren hier zusätzliche Inhalte. Die scharfen s-Laute, die im Zischlaut von "-zug" als Steigerung münden, sind vielleicht am deutlichsten zu hören. Zunächst ein assoziatives Kopfschütteln. Wer schüttelt den Kopf? Das Kind mit einem Bedauern um die schönen Blumen? Die Erwachsenen mißbilligend und/oder schmunzelnd über das Kind? Und als Vorausschau für den Betrachter wandeln sich diese s-Laute, begleitet von den dunklen "a-Lauten" und den rhtythmisch beschwerenden, männlichen Ausgängen in den Segmentenden zunächst (!) zu einem schmerzhafteren "s": Was soll da aufgehoben werden, nicht von uns gehen? Soweit zu diesem einen Aspekt innerhalb der klanglichen und rhtythmischen Gestaltung bzw. Darstellung in diesem Haiku.
Zum "Blumenstreukind", als zusammengesetztes Substantiv auch so eine spannende Erscheinung der deutschen Sprache, um die uns manch andere beneiden oder schimpfen, wenn sie als Fremdsprachler die Bedeutung extrahieren sollen: Das ist natürlich eine besondere Form der Inhaltskonzentration, also vielfache Bilder/Bedeutung in einem Wort. Und das Einladen solcher Bedeutung ist ja eine Form, der sich die Dichtung verdichtend bedient. "Blumenkind" besäße da wohl noch andere Konnotationen (Stichwort "Flower-Power", damit andere Altersgruppen), die hier irreführend wären. "Blumenstreukind" ist also klarer in seiner Aussage und vermittelt sofort ein bewegtes Bild: Ein Kind streut Blumen. Dazu werden Anlässe vorstellbar, meistens wohl eine Hochzeit, der überraschend im letzten Segment aber etwas anderes folgt. Und das Blumenstreuen kontrastiert im gleichen Segment das Aufheben. Es geht hier für das Auge um ein pendelndes Auf- und Ab der (Fort-)Bewegung, das auch vom Sprachrhythmus unterstützt wird. In der übertragenen Bedeutung eine Ambivalenz, die zu weiterer Betrachtung führt. Sie entspricht strukturell dem Bildaufbau und wandelt sozusagen sinnlich (visuell, kinästhetisch und audial) das vieldeutige Aufgehobensein u. a. auch in ein Verschontgebliebensein (auch das Gedenken daran und die Freude darüber). Obwohl ein Sprichwort ausweist: "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben." Für manche mag im Bezug auf Fronleichnam im Aufgehobensein auch noch ganz anderes mitschwingen.
Danke fürs Mitdenken und ein schönes Wochenende!
... geschrieben von Beate M. Conrad,
July 18, 2009
P.S.: Das "Blümchenstreukind", so wie oben eingetragen und intendiert, ist natürlich auch kommentierend mitsamt "Niedlichkeitscharakter" und damit weniger Schärfe, mehr Schmunzeln im Kopfschütteln. Klanglich werden Blümchen und Fronleichnam bedeutsam verbunden.
... geschrieben von hans lesener,
July 18, 2009
Es gibt manchmal Zufälle - man glaubt es nicht. Eben noch habe ich "Blümchenstreukind" für ein sprachliches Konstrukt gehalten , und jetzt läuft es mir in einer Illustrierten über den Weg ... . Es scheint also doch sprachlich nicht so ungewöhnlich zu sein , wie ich gedacht habe !
H.
... geschrieben von hans lesener,
July 19, 2009
Hallo Beate , ich möchte nochmal auf das Fronleichnam-Haiku eingehen :
Deine Ausführungen zu Inhalt und Bedeutung von "Blumenstreukind" leuchten mir ein und sind gut nachvollziehbar.
Hinsichtlich Deiner Bemerkung "Sprachklang und Rhythmus transportieren zusätzliche Inhalte" und Deiner Erläuterungen dazu würde ich gern wissen , ob und, wenn ja, inwieweit diese Erwägungen bereits bei der Enstehung des Haiku eine Rolle spielen , also den intuitiven Akt begleiten und beeinflussen , oder ob sie erst im Nachhinein als von Bedeutung erkannt und gewürdigt bzw. noch stärker akzentuiert werden .
Für mich glaube ich sagen zu müssen : Ich würde nie ein haiku fertig kriegen , wenn ich schon bei der Konzeption über die Auswirkungen bestimmter Vokale und Konsonanten nachdenken würde. Will sagen : Ich bewundere diese Fähigkeit, bin aber nur in sehr begrenztem Rahmen in der Lage, ebenso zu verfahren . Nun ja - jeder ist anders... Und ich hoffe, du missverstehst mich nicht !
Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
July 21, 2009
Das "Blümchenstreukind" in der Illustrierten, lieber Hans, das ist wirklich ein netter Zufall. Übrigens wäre es wohl auch als Konstrukt nicht unbedingt zu verurteilen, weil es ja doch in der Art und Weise seiner Bildung dem natürlichen Sprachgebrauch folgt, Imagination über das Gesagte hinaus anregt und im Gesamtgefüge einige interessante, hier noch nicht erwähnte Funktionen erfüllt.
Zu Deiner Frage: Fließen Erwägungen zu Rhythmus und Klang in den Entstehungsprozeß ein? Generell ist jede Wahrnehmung und auch der Schaffensprozeß ganzheitlich. Der ganze Körper, die Sinne, der Geist, die Gefühle sind bei aller Tätigkeit beteiligt; nichts davon ist abspaltbar. Allerdings ist es eine Frage der Persönlichkeit oder das ins Leben Mitgebrachte und unserer jeweiligen Biographie (Erziehung, Bildung, Konditioniertes und Gelerntes), wo, worauf und wann in unseren Tätigkeiten und in unseren Perzeptionen bewußt und unterbewußt eine stärkere Aufmerksamkeit gesetzt wird. Auf der anderen Seite ist Sprache nicht nur mit Begrifflichkeit, Wortsinn behaftet, sondern sie ist ihrer Anlage nach schon Bild, Klang und Rhythmus. Jeder Text, jedes gesprochene Wort im Alltag trägt das ganz natürlich (und von uns relativ ungewollt als Vokal- und Konsonantenabfolge in der Zeit) in sich und ist ein Teil der Prosodie. Wobei ich hier mit Rhythmus nicht Metrum und mit Klang Naturton meine. Mensch muß das natürlich hören und fühlen können (die Empfindsamkeit, das ist das Individuelle), wenn es zu wirksamer Klang- und Rhythmusgestaltung im Vers, also im Haiku kommen soll: Wenn also eine Aussage als Bild, Klang und Rhythmus unterstützt, bereichert und erweitert werden soll. Und darin liegt der Unterschied zum rein zufälligen "Treffer".
Schon das erste Abzählen der Silben mit den Fingern ist eine erste Form, um in den Rhythmus zu kommen. Wenn ich dabei auch noch laut spreche, bekomme ich eine erste Idee des Klanges dazu, auch wie er sich innen anfühlt. Es geht zunächst einmal nicht so sehr um eine abstrakte Konzeption eines Textes nach Vokalen, Konsonanten und Versmaß (dessen Kenntnisse aber trotzdem gut und wichtig sind), sondern es geht beim Niederschreiben um das ganz konkrete Hören der Töne, um das Fühlen der Bewegung wie das Pulsieren des Herzens als ganz natürliche und unmittelbare Qualitäten unserer Sprache, die unsere Umgebung abbildet und selbst dann wiederum eine eigene Wirklichkeit darstellen kann. Jede Haikuerfahrung ist eine ästhetische, die also intuitiv und bewußt in ein anderes Medium mit ihr entsprechenden Gestaltungsmitteln übersetzt und dabei zu einer Einheit mit dem in ihm ausgedrückten Gegenständlichen wird. Und wenn man dann noch erkennt und fühlt, daß zwischen diesen Ebenen und der intellektuellen wiederum ein ganz natürliches Band besteht, dann wird die bewußtere Auswahl an Worten richtig spannend. Und da kommt der zweite Teil Deiner Frage: Dem ersten rudimentär unterbewußten oder intuitiven Gestalten folgt also ein bewußteres, das wiederum zum intuitiven wird — letztendlich eine gegenseitige Durchdringung. Es ist auch eine Frage der Zeit, der Sorgfalt, der Kenntnis, der Schulung und der Erfahrung. Eine Frage der feineren Wahrnehmung, so daß bspw. viele Ausdrücke unserer Alltagssprache natürliche 5er oder 7ner-Silbenkonstruktionen sind, die einem irgendwann fast von allein ins Ohr springen. Die feinere Eigeninnenwahrnehmung und ihre Beschreibung kann ebenso geübt werden. Auch aus der Analyse guter Texte läßt sich sehr viel zum Wie der Gestaltung lernen. Aufgrund der beschriebenen Charakterisik der Sprache ergeben sich viele Möglichkeiten ganz natürlich, die also intuitiv und bewußt einfließen können, sodaß es zu einer mehr ganzheitlichen und vor allem gezielteren klanglichen, rhythmischen und sinninhaltlichen Gestaltung kommt. Die "Profis", die schaffen das sehr weit in den verschiedenen Phasen des Entstehungsprozesses zu planen, es bleibt aber immer einiges, das dann die guten Kritiker erst erkennen. Für mich und den vorliegenden Text kann ich aber sagen, daß ich mich intuitiv, bewußt und gezielt schon bei der Entstehung (und das ist meistens einige Zeit pro Text, also intuitive, halbbewußte und bewußt-gezielte Phase) um eine im obigen Sinn ganzheitliche Gestaltung bemühe — definitiv gezielter als noch vor 2,3 Jahren — sicherlich nicht immer erfolgreich, aber doch mit einiger Freude. Und mein Interesse daran durchläuft eigentlich schon von Beginn an meine Kommentare zu vorgestellten Texten. Lieber Hans, ich hoffe, ich habe Deine Frage richtig verstanden und einigermaßen beantwortet. HG Beate
... geschrieben von Horst Ludwig,
July 23, 2009
Ich hatte Hans Lesener auf seinen Beitrag vom 19. hin am selben Tage in einem Brief auch den unten folgenden Auszug geschickt. Ich setze ihn jetzt hier ein, weil er gut zu Beate Conrads Gedanken zum Schaffensprozeß paßt. Bashô sagt zwar, daß das Haiku so nahe wie möglich am Erlebnis bleiben sollte, — und das mit dem "nahe" ist auch zeitlich zu verstehen! Dennoch ist die sprachliche Arbeit an einem Text auch bei ihm nicht so gleich abgeschlossen; die kann noch dauern. Und um die sachgerechte sprachliche Fassung zu einer Haikuerfahrung zu finden, muß man viele Ausdrucksmöglichkeiten (sprachliche Varianten) "interpretieren", d. h. genau unter die Lupe nehmen, so daß das Haiku schließlich auch das darstellt, was der Autor darstellen will. "Lieber Hans Lesener, [...] Zu Ihrer Frage am Ende: Ist man sich beim Schaffensprozeß all dieser Klangwerte und alles Möglichen bewußt? Jain. Aber man probt viele Möglichkeiten, und verwirft so manche davon, weil sie nichts zur Form beitragen. Und ob man "andre" oder "andere" wählt, hängt nicht von der 5-7-5-Silbenform ab, sondern davon, ob man einfach, natürlich, unbeschwert sprechen will (was also schon "Dargestelltes" und nicht nur Darstellung ist) oder ob man langsam, getragen sprechen will (was also auch schon "Dargestelltes" ist und eben nicht nur Darstellung ist). Der gute Autor ist eben auch sein erster Interpret. Das gilt auch für Prosa, wenn es auch da nicht so offensichtlich ist. — Das aber nur nebenbei."
Kommentar schreiben
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben. Bitte registrieren, wenn Sie noch kein Konto haben.