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Frühlingssturm
© hans lesener   
08. 05. 2009
Der Frühlingssturm -
nächtens zerschlug er
alle Apfelblüten
Kommentare (16)Add Comment
...
geschrieben von Beate M. Conrad, May 09, 2009
Gewaltig und gewaltsame Wirkkräfte, die da gezeichnet werden. Der Frühling, er läßt nicht nur die Welt mit seiner spielerischen Verführung erblühen, sondern er zeigt auch seine Zügellosigkeit. Eine Zerstörung, die Apfelblüten daselbst nun entzweit und vom Baum getrennt — in alle Winde sozusagen. Das sprachklanglich tiefe und endgültige "zerschlug", das mag auch auf die Zerschlagenheit eines inneren Sprechers, der die Nacht (sorgenvoll) durchwachte, verweisen. Denn da geht's um die zukünftige Fruchtbarkeit (auch eine Symbolik, die sich in der Apfelblüte verbirgt), in der weiteren perspektive um die spätere Ernte und ums Überleben. Das hat es ganz schön in sich.
Für die Durchführung wäre vielleicht zu bedenken
in a: Stürmischer Frühling — das um die Vieldeutigkeit etwas anzuregen, auch die sprachklangliche und sinninhaltliche Verbindung der Umlaute in "stürm-, früh- blü-.
In b alternativ: Zur Mitternacht zerschlug er — dabei ginge es um die lautmalerische Umsetzung im Sprachklang und im Sprachrhythmus (Mitternacht rhythmisch dem Zerschmettern nachempfunden, vielleicht ist's symbolisch auch eine alamierende Zeit), die Z-Alliteration unterstützt das Abreißen und das innerliche Kopfschütteln darüber, ebenso die Wiederholung des "-er" (in Mitternacht) und "er" am Segmentende, dazu die Windbewegung (ch) in "-nacht" und "sch" in "stürmisch", mit dem zusätzlich sorgenvollen "-ach". Aber "nächtens" oder gar "mitternächtens" hätte auch einiges für sich.
In c: Ob der Wind alle Blüten zerschlägt? Wer wird's überprüfen können? Sicher aber die Mehrheit. Darum: die Apfelblüten (eine bestimmte Anzahl, nämlich die sichtbaren (vorher/nachher). Möglich neben der Originalversion wäre also:

Stürmischer Frühling.
Nächtens zerschlug er/ Zur Mitternacht zerschlug er / Mitternächtens zerschlug er
die Apfelblüten.

Lieber Hans, das sind einfach ein paar Gedanken, Ideen (und warum ich darauf komme), nichts davon zwingend. In jedem Fall ein ansprechendes Haiku. Herzliche Grüße Beate
...
geschrieben von hans lesener, May 10, 2009
Dank für Deinen Kommentar , liebe Beate.
Ich bin immer wieder fasziniert davon , wie Du mir auf die Schliche kommst und mir hilfst , meinen Text selbst besser zu verstehen .
Natürlich ging es mir um den Gegensatz hell - dunkel, Nacht und Tag, vorher - nachher. Mir war auch klar, dass dem Frühling - wie aller Natur - etwas Zerstörerisches anhaften kann. Ich habe aber nicht so deutlich die Übertragbarkeit des Bildes auf den Menschen gesehen; wir haben ja gerade erlebt und erleben es immer wieder, wie es z.B. in der Pubertät , die ja eigentlich eine Periode des Werdens und Reifens sein soll, zu heftigen Ausbrüchen von Gewalt kommen kann. Was Du über die sorgenvollen Nächte schreibst und über die Perspektive auf Ernte und Überleben, das war mir selbst allerdings nicht bewusst und "hat es ganz schön in sich". Aber : Distanz ....

Zu den Details :
In 1 kann ich Deine Neigung zu den Umlauten gut nachvollziehen. Ich habe aber Zweifel, ob nicht "stürmischer Frühling" nicht doch etwas anderes aussagt als "Frühlingssturm". Nicht der Frühling zerschlägt , sondern der gewalttätige Sturm. Und die beiden scharfen s in "Frühlingssturm" finde ich eigentlich auch ganz gut. Evtl. ginge auch der Plural "Frühlingsstürme" !?
Dann müsste es in 2 auch im Plural weitergehen . also "zerschlugen".
Das "nächtens" in 2 ist mir ans Herz gewachsen . Ich hatte es spontan im Kopf , war dann aber überhaupt nicht sicher, ob es noch gebräuchlich ist und musste erst nachschauen. Der Ausdruck gilt laut Duden als
"dichterisch" und insofern als zulässig, während das schöne alte "nächtig" als veraltet abgetan wird. Eigentlich ist "nächtens" ein cadeau für Horst Ludwig, der mich dazu gebracht hat, stärker auf die sprachliche Komponente beim Haiku zu achten - und hier ging es mir um die s - z Kombination als Lautmalerei für die Schärfe des Zerschlagens.
"Alle" Apfelblüten ist sicher übertrieben, entspricht aber meinem tatsächlichen Eindruck: Am Vortage waren die Apfelbäume noch alle ganz weiß , als hätten sie große gepuderte Perücken übergestülpt. Und am nächsten Mprgen wirkten sie grün-braun und irgendwie kahl , wenn auch einzelne Blüten den Sturm überlebt haben könnten.

Daraus ergibt sich als Alternative etwa folgende Fassung :

Frühlingsstürme -
nächtens zerschlugen sie
die Apfelblüten.

Besser ? Was meinst Du ?

Nochmals vielen Dank und einen schönen Sonntag !
Hans.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, May 10, 2009
Ja, auch ein implizit dem Frühling entgegengesetztes Winterbild (Jugend-Alter), das der kahlen Äste und das viele Weiß (assoziativ Schnee) auf dem Boden bei Dunkelheit, lieber Hans, ist enthalten. Selbst das Verführerische bzw. die Verführung der Jugend ob ihrer vielen überschüssigen Kräfte gehört in aller Konsequenz dazu.
Und neben dem Sprachklang, der ja gar nicht so bewußt, aber doch emotional stark anspricht, die sinnliche Ebene erweitert und dabei die Assoziation mit der intellektuellen Erfassung sinninhaltlich neu verbindet, geht es hier auch um den in einem einzigen Bild konzentrierten Gegensatz, der die Intention einer Aussage vertieft. Das wird größtenteils durch die bewußte Ausschöpfung einer Mehrdeutigkeit eines bzw. mehrerer Begriffe erreicht. Und genau darum geht es beim stürmischen Frühling: stürmisch als schnell, ungebändigt, (zu-)viel auf einmal, ungezügelt, haltlos, überwältigend (im doppelten Sinn), gewaltsam und als starker Wind, Sturm. Also: die noch ungezügelte Verausgabung, das Wachstum (der Apfelblüte vorher), darüber hinaus der Wildwuchs (auch typisch Jugend) und als stürmisches Wetter im Frühling/Frühlingssturm.
Der Vorteil, den ich dabei sehe, liegt u.a. auch darin, daß für den Leser etwas nicht sofort Ausgesprochenens in der jeweiligen Einzelschau von a und von bc als auch einen neuen Sinn in der Zusammenschau beider Bilder entdeckt.
Das ist natürlich ein etwas anderer Bildaufbau, als den Du verfolgt hast: übergeordnetes Thema in a und in bc dann die Ausführung. Fragt sich, was, wieviel und wie Du es den Lesern vorsetzen möchtest.
Allerdings empfinde ich, die von Dir nachgearbeitete Version bedenkend, den "Frühlingssturm" im Singular mit "zerschlug" als sprachklanglich und inhaltlich stärker.
Bei "nächtens" vermutete ich schon die poetische Dimension. Mir gefiele als poetische Wortschöpfung ebenso das "mitternächtens", ob der indizierten schauernden Dunkelheit, ob des Alarmierenden, aber vor allem auch wegen des eigenen naturnachbildenden Wortrhythmus und ob des Rhythmus bzw. der Dynamik im Gesamttext neben der Form. Doch ist das mein eigener Hang zur Textgestaltung. Rhythmus und Sprachklang ist aber die individuelle Handschrift eines Autors. Einen schönen Sonntag auch Dir, lieber Hans, Beate.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, May 10, 2009
Bei weiterem Sinnieren über: "nicht der Frühling, sondern der Sturm zerschlägt". Eine wichtige Anmerkung, lieber Hans, die ich oben wohl nur gestreift habe. Ja, da mag "stürmischer Frühling" im ersten Moment als Akzentverschiebung erscheinen. Doch ist die Aussage nicht die, daß der Frühling in seiner stürmischen Äußerung etwas zerschlug? Der jahreszeitliche Zusammenhang, die verborgene, die weniger offensichtliche Kraft, bringt das nicht die Spannung/Würze? Herzlichen Gruß nochmals. Beate.
...
geschrieben von hans lesener, May 12, 2009
Dein Sinnieren hat mich auch nochmal zum Nachdenken gebracht , liebe Beate.
Es ist wohl wirklich so , dass der Frühling die treibende, gewalttätige Kraft ist, die sich des Sturms
nur "bedient". "Stürmischer Frühling" wäre dann eine sehr richtige Aussage.
Dann kann auch der Plural, der mir ohnehin nicht so recht geschmeckt hat, wegfallen.
Nur mit "mitternächtens" kann ich mich nicht anfreunden; der Ausdruck ist vielleicht einerseits zu genau
( Sturm genau um 12 ...), andererseits zu sehr belastet mit einschlägiger Lyrik ( jedenfalls in meinem Kopf :"Um Mitternacht ging ich , nicht eben gerne, klein-kleiner Knabe,jenen Kirchhof hin ..." , oder so ähnlich).
Du wirst verstehen was ich meine.
Nochmals Dank für den souveränen Kommentar, und herzl. Grüße !
Hans.

...
geschrieben von Klaus Stute, May 18, 2009
Hallo Hans,
leider kriege ich dein haiku nicht "gebacken". Das heisst: es bleibt für mich verdreht.

Der Unterschied zwischen "morgens" und "eines Morgens" ist doch, dass "morgens" JEDER Morgen ist. Wie kann dann "nächtens" auf einmal "neulich, in EINER Nacht" sein!? Ich würde sagen: "nächtens kommt Nachbars Katze IMMER an unsere Veranda-Tür und schaut ins Wohnzimmer".

Oder anders herum: "morgens fiel mir die Tasse runter" - geht für mich nicht; ist m.E. falsch. Ich glaube auch, dass die Eingrenzung oder "Präzisierung", die man gelegentlich hört, also ein "neulich morgens" (fiel mir die Tasse hin) so nicht geschrieben werden kann, sondern "neulich (eines) Morgens" meint und groß geschrieben werden muss.

Ähnlich verhält es sich mit dem "tags" welches "allein" m.E. praktisch nicht existiert, sondern nur als "tagsüber" (mache ich IMMER...) - und dann dieses anscheinend aus der Reihe fallende "tags darauf".

Genau: auch hier "hören" wir ein "tags darauf" - was wiederum falsch geschrieben ist und natürlich ein "Tags darauf" ist. DER eine präzise morgige und groß geschriebene Tag. Genauer gesagt: DAS morgige Tags - noch weit weg von dem heutigen Heute :-)

Nun hat Beate die Groß-Kleinschreibung umgangen mit einem Punkt am Ende der ersten Zeile. Damit haben wir zwar ein großgeschriebenes "Nächtens" - es heißt aber nicht "Morgens", sondern "des Morgens" (fiel die Tasse...). Und es heißt "des" Nachts. Dem "Nächtens" fehlt also eigentlich das "des".

Also kurz: das "nächtens" bzw. "das" Nächtens ist m.E. irgendwie schwierig. Oder wie ich oben sagte: verdreht. Ich höre da ein "immer nächtens" heraus. Das passt natürlich nicht zu dem einmaligen Sturm - und stimmt somit nicht. Ein zusätzliches "des" (zum groß geschriebenen Nächtens") ist aber m.E. hier, dichterisch gesehen, des "Zuviels" des Guten :-)

Nichtsdestowenigertrotz - sollten wir jetzt langsam des Ignorierens gedenken. Zu schade wär, das m.E. durchaus schöne "nächtens" jetzt zu streichen. Ich würde ja das m.E. eher zu deutliche "zerschlug" streichen und eine vielleicht nicht ganz so haiku-gemäße Regelmäßigkeit zulassen.

Stürmischer Frühling.
Nächtens
in den Apfelblüten

Da fällt mir noch ein: das absolute "Der" (unvermeidliche) Frühlingssturm in der Ausgangsversion sollte - gerade auch noch im Zusammenhang mit dem "zerschlug" - sicherlich so absolut rüberkommen.

Meines Erachtens ist der Raum damit aber zu hart ab- und eingegrenzt. Ich tendiere ja mentalitätsmäßig - auch im Angesicht von Schäden - lieber zu einer "denn sie wissen nicht, was sie tun" Sichtweise.

In dem um die Zerschlagung verkürzten Bild hat das "nächtens" m.E. eher eine klangliche Nähe zum "Tanz". Fliegene Fetzen gibt es doch immer erst im Nachklang.

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, May 18, 2009
NS: ...insbesondere, wenn man in Apfelblüten wildert.
...
geschrieben von Klaus Stute, May 20, 2009
Jetzt doch noch vergessen, zu erwähnen:

wenn die implizite Wiederholung zugelassen wird (und das einmalige-Handlungs "zerschlug" wegfällt), dann kann "nächtens" natürlich klein bleiben:

Stürmischer Frühling nächtens in der Apfelblüte

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, May 20, 2009
Last but not least wäre in einer verkürzten Version m.E. nun doch wieder ein "Der" (Frühling) denkbar oder

Ein stürmischer Frühling nächtens in der Apfelblüte

...was allerdings in diesem haiku nicht die eigentliche Frage ist. Die Frage ist, ob man einer Art jugendlicher Ungestümtheit den Vortritt lassen will - und besagte mögliche "Fetzen" dem Nachklang überlassen, oder ob der Schwerpunkt tatsächlich - und wie ich oben sagte, mit Absolutheit, Unausweichlichkeit etc. - auf einer Art letztendlicher Zerschlagung "aller" (s.o.) Träume liegen soll und dieselben als "Blüten" erweisen.

Ich würde allerdings sagen: die Endlichkeit liegt nur in meiner "Blüte" - nicht im Blühen an sich. Es wird immer einen Frühling geben, der die Apfelblüte voran treibt, um sich ihrer anschliessend zu bedienen. Der Schwerpunkt der Gesetze des Lebens liegt m.E. aber in der Wiederholung, nicht in der Zerschlagung. Beides sollten wir aber eher gelassen sehen, als mit Kopfschütteln oder gar Angst.

Ein Hinweis im Scherze noch: Hans! Du bist der Ältere von uns beiden - und du wirst jetzt nicht hingehen, diese semi-philosophischen Gedanken von mir als ein Schreiben auf deine Fahne verstehen. Danke.

:-) Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, May 21, 2009
>>Der Unterschied zwischen "morgens" und "eines Morgens" ist doch, dass "morgens" JEDER Morgen ist.>morgens fiel mir die Tasse runter>Dem "Nächtens" fehlt also eigentlich das "des".>[D]ieses anscheinend aus der Reihe fallende "tags darauf">praktisch>existiert
...
geschrieben von Horst Ludwig, May 21, 2009
»Der Unterschied zwischen "morgens" und "eines Morgens" ist doch, dass "morgens" JEDER Morgen ist.« Nein, so kraß ist das nicht: "Mein Plan für morgen? Also morgens hätte ich keine Zeit; mittags schon eher. [usw.]" Wobei die "Nacht" parallele Form übrigens nicht "nächtens" wäre, sondern "nachts". Und »morgens fiel mir die Tasse runter« ist nicht falsch: "Was für ein Tag! Gleich morgens fiel mir die Tasse runter und brach in tausend Stücke. Mittags kam der Anruf, daß ich endlich die 1000 Euro überweisen sollte; usw. Nachmittags blahblahblah. Abends las ich dann, daß "morgens fiel mir die Tasse runter" falsches Deutsch wäre. Ich sag dir: Was für ein Tag!" Und: »Dem "Nächtens" fehlt also eigentlich das "des".« Wieso denn? Dies zugegeben vielleicht etwas ungewohnte "nächtens" ist ein Umstandswort wie "hier" und "heute", wie "nicht" und "gern" und "trotzdem". Und zu "tags": »[D]ieses anscheinend aus der Reihe fallende "tags darauf"« zeigt doch, daß es »praktisch« doch »existiert«! Ich kann mir auch gut andere Beispiele vorstellen, wo "tags" als Gegenstück neben "nachts" steht. — Und zum Text selbst: Beate Conrad hat aus einem guten Haiku von Lesener mit der Version "Stürmischer Frühling. / Mitternächtens zerschlug er / die Apfelblüten" durch gekonnte weitere lautliche Beladung ein sehr gutes Haiku gemacht.
...
geschrieben von hans lesener, May 21, 2009
Liebe Beate , liebe Freunde -

aus verschiedenen, nicht durchweg erfreulichen persönlichen Gründen komme ich erst heute zu einer Antwort - besser : dem Versuch einer Antwort - auf Eure Kommentare.

Vorweg : Ich empfinde solche tiefschürfenden Überlegungen stets als ganz unverdiente Ehre , sozusagen
als "Ritterschlag". Ein Text , der soviele Kommentare anregt, kann doch nicht ganz schlecht sein... Und lieber Klaus , natürlich weiß ich Deine gründlichen und geistreichen Beiträge einzuordnen : Wir kennen uns so lange , da gibt es nichts, was ich in den "Falschen Hals" kriegen würde , und das Gleiche weiß ich von Dir. Und wieder einmal schlage ich Dir vor , "Stutes gesammelte Kommentare" herauszugeben . Das wäre ein Gewinn für die >Haiku-Szene !!!

Die Haiku-Fassung , von der ich definitiv ausgehen möchte , lautet jetzt , auf der Basis von Beates Kommentaren :

Stürmischer Frühling -
nächtens zerschlug er
die Apfelblüten.

Ich bin also Beate weitgehend gefolgt , nur das "mitternächtens" widerstrebt mir gefühlsmässig; ich kann es nicht ändern.

Was das "nächtens" angeht , so hatte ich mir das gleiche Beispiel wie Horst überlegt :" Was für ein Tag -
schon morgens ging alles schief!" , etc. pp . Ich bin also der Meinung , dass "nächtens" durchaus allein für sich als Umstandswort verwendet werden kann . Sicher ist es nicht mehr "modern"; deshalb habe ich ich ja gleich zu Anfang darauf hingewiesen, dass ich erstmal im Duden nachgeschlagen habe, ob es überhaupt
noch "verwendbar" ist. Nach dem Placet dort und wegen der sprachlichen Kombination mit "zerschlug"
hatte ich keine Bedenken,mich dieses Ausdrucks zu bedienen.
Offen gesagt hätte ich ihn auch gewählt, wenn er als veraltet gekennzeichnet gewesen wäre. Die Freiheit
nehm ich mir ... Denn die Wendung "nächtens zerschlug" ist ja nicht sinnentstellend, und ausserdem finde ich sie sprachlich schön, bildhaft und eindringlich und werde sie aus philologischen Gründen nicht verraten. Sie ist mir einfach ans Herz gewachsen.
Ich habe mich schon oft für Grammatische Korrekturen eingesetzt , wenn sie sinn-verfälschend wirkten. Das ist hier aber nicht der Fall. Und so werde ich "nächtens" stehen lassen als Ausdruck meiner - und das ist das erste Mal , dass ich für mich diesen Anspruch erhebe - dichterischen Freiheit.
Ich habe keine Zeit mehr , schüchtern zu sein. Mein Haiku-Schreiben ändert sich in letzter Zeit, nicht zuletzt infolge des Bemühens um eine anspruchsvollere, vielleicht auch individuellere Sprache - ein Ergebnis der Arbeit im Lux , ganz klar. Im Übrigen bin ich sicher : Würde man die Deutsche Lyrik mal auf Grammatische Fehler durchsuchen, würde man bestimmt oft fündig , und bestimmt wären es oft die schönsten, die gelungendsten poetischen Stellen, die philologische Kritik auf sich zögen.
Leider fällt mir nur ein Beispiel von Goethe ein .
"Wohlerleuchtet, glühend milde / Zog der Fluß im Abendschein, / Über Brück und Stadtgebilde/
Finsternisse sanken ein." Wolf von Niebelschütz , der zu Unrecht Vergessene, hat dazu in einem Vortrag 1947 in Herne ausgeführt :
" Jeder brave Dichter von einiger Plastizität hätte brav gedichtet : 'Über Brück und Stadtgebilde / Sank die Finsternis herein.' Wäre auch schön gewesen, und niemand wäre darauf verfallen, dass man mit einer synkopischen Umstellung den Abgrund aufreissen könnte :'Finsternisse sanken ein.' Pluralis majestatis. Obwohl doch die Finsternis physikalisch einzählig ist und den Plural nicht duldet. Und nur aus dem Plural .... resultiert die beklemmend wilde Pracht der Strophe..." (W.v. Niebelschütz , Freies Spiel des Geistes, 1961).
Mein lieber Klaus : Nichts für ungut! Ich will mich nicht mit G. vergleichen. Aber das Beispiel zeigt , welche poetische Kraft in einem Ausdruck stecken kann , der philologisch möglicherweise anfechtbar ist .
Das Wort , ihr sollt es lassen stahn...
Wenn Haiku Überschriften hätten , würde ich diesem drüber schreiben : "Ein haiku , nächtens zu lesen..."

Euch allen vielen Dank , Respekt und Grüße ,
Hans.






...
geschrieben von Klaus Stute, May 21, 2009
Entschuldige Hans - ich brauche noch einen kleinen Nachsatz; allerdings eher zur Selbstanalyse.

Also: vielleicht hab ich mich tatsächlich von zuviel googlen etwas verwirren lassen. Gefunden hab ich so Sachen wie:

"Es gibt im nominalen (Zeitraum) Genitiv "des Morgens" und "der Nacht", und es gibt im adverbialen (Zeitpunkt) Genitiv "des Morgens" und "des Nachts". Es gibt auch die adjektivische Form: morgens, nachts und nächtens,..."

Genau. Aber Zeitpunkt hin - Zeitraum her; ich will jetzt hier als Nicht-Germanist natürlich keine Grammatik-Diskussion vom Zaune brechen. Die obigen Ausführungen von mir waren nur ein Skizzieren meiner eigenen Verwunderung - ja von mir aus Verwirrung - über ein paar gefundene Dinge zu dem Thema.

Was mir heute auffällt an den "Gegen"-Beispielen von Horst Ludwig: sie fußen auf einer VORAUSGEHENDEN Eingrenzung:

Gestern - morgens schien die Sonne, nächtens dann der Sturm.

Was machst du morgen? Morgens muss ich zum Zahnarzt, mittags können wir dann endlich wieder essen gehen.

Randbemerkung: ich falle jetzt sofort wieder in meinen alten Trott nach dem obigen Aus- bzw. Blindflug in die Grammatik, d.h. Groß-Kleinschreibung, ß oder Doppel-s, die augenblicklich gerade angesagte Rechtschreibung etc. werden mich wieder nur periphär tangieren. Ich hatte allerdings oben schon entschuldigend gesagt: jetzt aber schnell ignorieren und Schwamm darüber.

Einen Blick möchte ich aber noch auf besagten "zeitlichen Zusammenhang" werfen. Wenn ich eine Geschichte beginne, würde ich sie doch mit "Heute morgen" beginnen oder "Eines Morgens"; nicht mit Morgens oder Nächtens. Das haiku beginnt mit

Stürmischer Frühling. Nächtens "zerschlug" er...?

Oben sagte ich: hier "verdreht" sich mir was. Ich höre ein "zerschlägt" (er immer...). Warum?

Weil hier noch eine andere Sache mit hineinspielt: und das ist der von mir mitgelesene allgemeine Definitionscharakter. Der stürmische Frühling ist für mich offenbar der stürmische Frühling - AN SICH. Die Eingrenzung auf den letzten Tag hab ich nicht zugelassen oder hingekriegt; oder auf den letzten gestrigen Sturm.

Ich brauche hier anscheinend einen zeitlichen Zusammenhang, ein "letzte" Nacht zerschlug er die Blüten - oder der "letzte" Frühlingssturm tat dies. Beates "Mitternächtens" kommt dieser Eingrenzung mit wenigstens halbautomatischem Blick auf die aktuelle letzte Mitternacht da m.E. schon etwas näher als das ursprungliche eines oder jeden Nächtens.

Hans! Es tut mir leid, dass wir hier etwas ins Zerreden gekommen sind. Du bist etwas freundschaftlicher als Horst Ludwig mit meinen Einwürfen umgegangen. Danke. Ich lasse bis auf weiteres das googlen sein. Sonst landet man in Foren, in denen über "nächtens" und "des Nächtens" diskutiert wird etc.

Das "nächtens" gefällt mir aber gut - und so arg dichterisch oder gar veraltet finde ich es gar nicht. Das "Mitternächtens" mit Scharnier-Charakter macht die Gegenseiten noch deutlicher; gefällt mir aus unerfindlichen Gründen aber auch nicht so. Ein Rückblick - in Vergangensheitform - im haiku - ist zwar selten, aber nicht seltsam.

Gut. Der Fokus auf dem sich zerschlagen...

...besser als seine Kinder fressen.

:-) Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, May 21, 2009
"Würde man die Deutsche Lyrik mal auf Grammatische Fehler durchsuchen, würde man bestimmt oft fündig". — Nein, gar nicht! An der University of Minnesota wurde vor Jahren einmal eine Doktordissertation geschrieben, ich glaube, zu Rilkes Gedichten, und da stellte sich heraus, daß die formell sehr gebundene Sprache der großen Lyrik gar nicht die normal möglichen Sprachstrukturen verletzt, sondern sie im Gegenteil höchst gekonnt gebraucht! — Zur Mehrzahl "Finsternisse" bei Goethen: Die Finsternis mag physikalisch ja einzählig sein (was ich übrigens nicht glaube, was immer hier mit "physikalisch" gemeint sein mag), aber das heißt doch nicht, daß sie sprachlich den Plural nicht duldet, wenn eben mehr als eben nur eine Finsternis zur Sprache kommen muß. Dazu auch Hofmannthal: "Ganz vergessener Völker Müdigkeiten / Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, / Noch weghalten von der erschrockenen Seele / Stummes Niederfallen ferner Sterne." Die Macht solcher Sprache treibt einem den naïven Glauben an den Duden schon aus, der ja heutzutage sowieso nichts mehr wert ist und nur soviel wie möglich sprachlich verarmten Leichtgläubigen verkaufen will und deshalb jede unsinnige Reform und deren Reformen höchst willkommen heißt, so daß er Käufern zu allem möglichen raten kann, obwohl er selbst zu allem Möglichen überhaupt nicht immer richtigen Rat weiß.
...
geschrieben von Horst Ludwig, May 22, 2009
Den Unterschied zwischen "nächtens" und dem möglichen "mitternächtens" in b würde ich so sehen: Bei "mitternächtens" weiß der innere Sprecher bei seinem Rückblick, daß es so um Mitternacht rum war, was da als Erfahrung geschah; er war also wach zu dieser Zeit und erlebte sie zu diesem Zeitpunkt intensiv, bewußt. Beim bloßen "nächtens" erlebt er das Resultat danach und betont eher das Nächtliche, Dunkle an diesem Geschehnis, das dann erst tags zu einer Erfahrung wird. (Ich hatte gerade einen Text in der *VDH*, wo ich "nächtens" verwendete. Dieses [ja nicht gerade häufig gebrauchte] Wort hat's tatsächlich in sich!)
...
geschrieben von Beate M. Conrad, May 22, 2009
Sei versichert, lieber Hans, es ist verständlich, daß Dir "nächtens zerschlug er" so wie es ist, etwas unverzichtbares aus Deiner ästhetischen Empfindung (die direkte sinnliche Anschauung und die daraus resultierenden Affekte/Emotionen) bis hin zur besonderen literarischen Gestaltung bedeutet. Dazu ist mir etwas aus meiner Neigung zur Musik eingefallen, das vielleicht zu Deinem Text paßt:

Franz Theodor Kuglers (1808 - 1858)
Nächtens

Nächtens wachen auf die irren,
Lügenmächt'gen Spukgestalten,
Welche deinen Sinn verwirren.

Nächtens ist im Blumengarten
Reif gefallen, daß vergebens
Du der Blumen würdest warten.

Nächtens haben Gram und Sorgen
In dein Herz sich eingenistet,
Und auf Tränen blickt der Morgen.


und hier in der Vertonung von Johannes Brahms:
http://www.youtube.com/watch?v=Qp9A0qXA4BA

Zugleich freue ich mich darüber, wie zwei Autoren, Horst Ludwig und Du, dieses "nächtens" aus ganz unterschiedlicher Perspektive jeweils "gefunden" und für besonders tauglich erachten. In der Zusammenschau ein weiterer Aspekt wie sich die "Aussagefärbungen" im jeweiligen Kontext verändern können. Auch ein schönes Geschenk.

Und mit allen weiteren Anmerkungen geht es mir um eine gedankliche Reaktion auf Teile dessen, was in den verschiedenen Kommentaren noch angesprochen wurde. Es ist kein Appell zur weiteren Umgestaltung Deiner nun vorgestellten Fassung.

Zu "mitternächtens" in begrifflicher und zeitlicher Abgrenzung zu "nächtens" als ein "irgendwann nachts" bzw. "während der/einer Nacht":
Genau, das "mitternächtens" führt weiter ins direkte Erleben hinein: Das ängstliche Bangen bei den tobenden Gewalten bis hin zum konkreten Aufwachen (das schon erwähnte Alarmierende, die Geräusche; kein Gruseln, aber ein Schaudern), die in der übertragenen Zerschlagenheit des nächtlichen Wachens und Sorgens des inneren Sprechers münden. Das ist exakt mit "mitternächtens" gemeint. Auch paart sich in diesem Ausdruck eine besondere Tiefe der Nacht mit dem tiefen "u"-Laut des "zerschlug" und als Intensität der Bedrohung sch-l-Konsonanten als ein gewaltig Niederdrückendes und Niedersinkendes des Sturmes (der angesprochenen Finsternisse ähnlich). In der Dynamik entwickelt sich die diffuse stürmische Kraft zum konkret aktuallisierten Erlebnis der Zerstörung (obwohl sie durch die Vergangenheitsform des Verbs schon stattgefunden hat) und wird im "tags drauf" in seinem ganzen Ausmaß klar, eine Bildverstärkung.
Es geht also um einen diffizilen dramatischen und dynamischen Aufbau in der Zeitebene des "generellen Jetzt" in a (Frühling), das durch das Aktualisieren der Vergangenheit in b (mitternächtens zerschlug) zum Gestern gemacht wird. C (Apfelblüten zerstört, weg), aus der Perspektive von b noch die nahe Zukunft, wird alsdann zur aktuellen Anschauungsstufe. Dabei wird a zum Vorgestern (aber auch wieder zum Jetzt im Fazit) und b zum Gestrigen der letzten Nacht.

Zum Poetischen: das ergibt sich bspw. aus der präzisen Verwendung von Worten, die sich unmittelbar sinnlich als Bild selbst und als direkte Klangerfahrung dem Leser eröffnen: das Wort ist das Bild, der Naturlaut, das Ding daselbst (E. Pound, Kenneth Yasuda). Darum die ausgiebigeren rhythmischen, klanglichen Betrachtungen und das Abtasten der unterschiedlichen Möglichkeiten weiter oben. Das Poetische ist also etwas Lebhaftes, das ein Autor durch seine Kenntnisse der Sprache in all ihrer Feinheit und Vielheit sowie der sie einbettenden Kultur gemäß seines inhaltlichen Anliegens eigenständig gestaltet — der Geschmack "dichterischer Freiheit", denke ich.


Zum anderen regten mich die Beiträge hier zu einem Text an, der durchaus auch mit Verweis auf Trakl und Boldt gedacht ist:

Nächtige Irrfahrt.
Ein Orgelchoral erfüllt
die kaltende Zeit.

Herzlich Dank an alle! Beate.

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