... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 20, 2010
liebe beate,
ich tauche wie aus dunklem unterwasserblau auf und lese diese zeilen, vermutlich viel zu spät, als dass du noch unmittelbar die stimmung der entstehungsstunden ganz in dir hättest. but alas...
dieses haiku berührt mich. es spricht mich auf eine ganz besondere weise an.
a. gebrochener deich:
ein deich ist ein schutzwall, errichtet um das absolute, kapitale, dräuende, dunkel drohende, vielleicht durch jahrhunderte hindurch nicht hervorgetretene, schlummernde zeichen der natur, die überschwemmung, die flut einzudämmen, sie zu beherrschen, sie zu zwingen....
er ist gebrochen:
so, jetzt ist er also entkräftet, der deich, der damm, das jahrhundertbauwerk, gegen die jahrhundertflut, damals, vor jahrhunderten, doch das gedächtnis der menschen reicht nicht...
und entlässt die flut, oder noch nicht, oder schon wieder, wer vermag es denn zu sagen, wenn er die worte liest:
gebrochener deich:
wer weiß, was genau in diesem zirkelkreis geschehen ist, welches unheil die menschen erfasst hat, welches wasser wann was weggeschwemmt hat oder wegschwemmen wird, wir wissen es nicht.... wir wissen nur, dass der deich gebrochen ist, und wir ahnen, was das bedeutet.
toll, nicht? ein wunderbarer, aufwühlender gedanke, ein groteskes mienenspiel der natur, und dort, wo niemals, seit generationen kein wasser war, wo man baute (und billig) - und lebte (weil naiv überheblich)- und nicht den alten damm bemerkte, der unendlich lang, über kilometer hin das land durchzog und wie ein skurriles zeichen dastand, so verlassen, so alt, so schütter, so verzagt, vernachlässigt, abgeschrieben-belächelt, ... ein albernes mahnmal, greisenhaft elend, schlichtweg lächerlich... dort fließt plötzlich, stetig steigend und mancherort reißend ein wasser heran...
b. so weit wie das Auge reicht
ja, so ist es, unsere umsicht zeigt uns die welt. diese ist so weit, so unendlich weit, so weit das auge reicht.... und das reicht ja auch über google-earth hinweg, durch länder, gebirge und täler, //so hilfreich (route berechnen), so beängstigend (gebirge von afghanistan), so einschüchternd (golf of mexico)//
überschwemmung - wer vermag denn das elend in sich aufzunehmen, das in diesem raum – gebiet – talbereich ruhend harrt – so weit das auge reicht.... und er damm ist gebrochen...
c. ein Regenbogen
...ist das nicht schön?
eigentlich jubeln wir, es durchdringt uns so ein gefühl als hätte uns ein göttliches zeichen berührt, als schlänge sich aus dem elend der welt etwas so unendlich ebenmäßiges heraus: ein regenbogen.
unglaublich, es ist ein halbkreis, eine geschwungene aus mehreren linien gestaltete brücke, die (so weit das auge reicht – welt) mit ihrer schönheit farblich physikalisch zuverlässig gleichbleibend, ortsunabhängig und wiederkehrend die landschaft umspannend – nüchtern erklärbar, rational nix besonderes... so ein naturphänomen, das einfach nur da ist, ohne wenn und aber, ohne für uns und ohne für sie, ohne für ihn und ohne für mich, einfach nur sichtbar, weil die konstellation von wasser und licht es bedingen...
und der schauende in diesem augenblick – der in diesen augenblicken den richtigen winkel hat und das wunder durch seinen besonders positionierten blick-winkel s i e h t: vor der sonne und hinter dem regen... oder war es andersrum – ist ein auserwählter... ?
...ein regenbogen ist in unserer europäischen kultur ein zeichen für das überwundene chaos... die sphären einigen sich, das leid ist vorbei... überwunden...
so...
was das im falle des vorliegenden haiku bedeuten mag ist eindeutig positiv besetzt – wenn nicht abschließend, so doch ein positives zeichen...
jubel...
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 20, 2010
...ich bin bewusst nicht auf zeichensetzung etc. eingegangen, sondern nur auf das, was mir die abfolge von wort und zeile sagte...
jubel...
... geschrieben von hans lesener,
August 24, 2010
Schon beim ersten Lesen hatte ich von diesem Haiku einen zwiespältigen Eindruck : Einerseits wirkt der Regenbogen über dem überschwemmten Land versöhnlich; allerdings würde ich nicht soweit gehen wie Gabriele und in Jubel ausbrechen. Andererseits schlich sich auch der Gedanke ein : Es ist ja ganz egal , welche Katastrophe der gebrochene Deich auslöst, Hauptsache der Regenbogen findet seine poetische Würdigung ... Nun will ich diese 2. zynische Variante Beate keineswegs unterstellen . Nur ich selbst werde diesen Eindruck nicht los .
Noch eine Kleinigkeit : Das "wie" in Zeile 2 stört mich etwas. M.E. heisst die Redewendung üblicherweise "soweit das Auge reicht ". So verwendet Gabriele diese Wendung auch mehrfach in ihrem Kommentar. Ähnlich " Soweit die Füsse tragen " - auch ohne "wie".
Auf jeden Fall ein Haiku , das mich lange beschäftigt hat.
Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
August 26, 2010
Zunächst vielen Dank Euch beiden für Eure engagierten Rückmeldungen. Danke besonders Dir, Gabriele für die reichhaltige Ausführung.
Ganz unspektakulär wollte ich das darstellen, was ist bzw. war. Der Regenbogen über einer Wasserfläche, die zum Meer hin mit Deichresten umschlossen war. Segment b gibt dann noch zusätzliche Information über die räumliche Ausdehnung (als Perspektive eines inneren Sprechers, aber auch als Verweis. (Sicher, ohne "wie" entspricht's besser der Redewendung. Vielen Dank, Hans.) In erster Anschauung geht es um eine Analogie der Umfassungen und der Formen; auch um eine Spiegelung des Regenbogens; also der Verhältnisse von unten und oben bzw. von unter, auf und über dem Wasser. Eigentlich ein schöner und erhebender Anblick, wäre da nicht der auf Vorausgegangenes verweisendende Deich. Auch Regenbögen bei all ihrer Flüchtigkeit verweisen auf den gewissen ungewissen Gang der Schöpfung. In dieses uralte Spiel der Kräfte sehen wir uns hineingeworfen. Und das ist natürlich mit einer ganzen Reihe an innerlicher Bewegung verbunden.
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ich tauche wie aus dunklem unterwasserblau auf und lese diese zeilen, vermutlich viel zu spät, als dass du noch unmittelbar die stimmung der entstehungsstunden ganz in dir hättest.
but alas...
dieses haiku berührt mich. es spricht mich auf eine ganz besondere weise an.
a. gebrochener deich:
ein deich ist ein schutzwall, errichtet um das absolute, kapitale, dräuende, dunkel drohende, vielleicht durch jahrhunderte hindurch nicht hervorgetretene, schlummernde zeichen der natur, die überschwemmung, die flut einzudämmen, sie zu beherrschen, sie zu zwingen....
er ist gebrochen:
so, jetzt ist er also entkräftet, der deich, der damm, das jahrhundertbauwerk,
gegen die jahrhundertflut, damals, vor jahrhunderten, doch das gedächtnis der menschen reicht nicht...
und entlässt die flut, oder noch nicht, oder schon wieder, wer vermag es denn zu sagen, wenn er die worte liest:
gebrochener deich:
wer weiß, was genau in diesem zirkelkreis geschehen ist, welches unheil die menschen erfasst hat, welches wasser wann was weggeschwemmt hat oder wegschwemmen wird, wir wissen es nicht.... wir wissen nur, dass der deich gebrochen ist, und wir ahnen, was das bedeutet.
toll, nicht? ein wunderbarer, aufwühlender gedanke, ein groteskes mienenspiel der natur, und dort, wo niemals, seit generationen kein wasser war, wo man baute (und billig) - und lebte (weil naiv überheblich)- und nicht den alten damm bemerkte, der unendlich lang, über kilometer hin das land durchzog und wie ein skurriles zeichen dastand, so verlassen, so alt, so schütter, so verzagt, vernachlässigt, abgeschrieben-belächelt, ... ein albernes mahnmal, greisenhaft elend, schlichtweg lächerlich... dort fließt plötzlich, stetig steigend und mancherort reißend ein wasser heran...
b. so weit wie das Auge reicht
ja, so ist es, unsere umsicht zeigt uns die welt. diese ist so weit, so unendlich weit, so weit das auge reicht.... und das reicht ja auch über google-earth hinweg, durch länder, gebirge und täler, //so hilfreich (route berechnen), so beängstigend (gebirge von afghanistan), so einschüchternd (golf of mexico)//
überschwemmung - wer vermag denn das elend in sich aufzunehmen, das in diesem raum – gebiet – talbereich ruhend harrt – so weit das auge reicht.... und er damm ist gebrochen...
c. ein Regenbogen
...ist das nicht schön?
eigentlich jubeln wir, es durchdringt uns so ein gefühl als hätte uns ein göttliches zeichen berührt, als schlänge sich aus dem elend der welt etwas so unendlich ebenmäßiges heraus: ein regenbogen.
unglaublich, es ist ein halbkreis, eine geschwungene aus mehreren linien gestaltete brücke, die (so weit das auge reicht – welt) mit ihrer schönheit farblich physikalisch zuverlässig gleichbleibend, ortsunabhängig und wiederkehrend die landschaft umspannend – nüchtern erklärbar, rational nix besonderes...
so ein naturphänomen, das einfach nur da ist, ohne wenn und aber, ohne für uns und ohne für sie, ohne für ihn und ohne für mich, einfach nur sichtbar, weil die konstellation von wasser und licht es bedingen...
und der schauende in diesem augenblick – der in diesen augenblicken den richtigen winkel hat und das wunder durch seinen besonders positionierten blick-winkel s i e h t: vor der sonne und hinter dem regen... oder war es andersrum – ist ein auserwählter... ?
...ein regenbogen ist in unserer europäischen kultur ein zeichen für das überwundene chaos... die sphären einigen sich, das leid ist vorbei... überwunden...
so...
was das im falle des vorliegenden haiku bedeuten mag ist eindeutig positiv besetzt – wenn nicht abschließend, so doch ein positives zeichen...
jubel...