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herbstabend
© hans marchetto   
08. 08. 2009
herbstabend -
reinige das letzte meiner werkzeuge
Kommentare (13)Add Comment
...
geschrieben von hans lesener, August 12, 2009
Lieber Hans Marchetto -
ich nehme an , Du meinst Deine Gartengeräte.
Und mit Deinem Haiku triffst Du eine Situation , die jeder Gärtner kennt :
Der Winter kommt , der Garten ist bestellt , es bleibt nicht viel zu tun -
nur die Gerätschaften müssen noch versorgt werden ,damit sie im nächsten Frühjahr wieder bereitstehen.
So weist der Text, der in der ersten Zeile mit "herbst" und "abend"auf die dunkle Jahreszeit hinweist , gleichzeitig voraus auf den nächsten Frühling.

Ob die Formulierung "das letzte meiner Werkzeuge" konkret genug ist - da bin ich mir nicht ganz sicher.
Wahrscheinlich wolltest Du den Text offen halten. Aber wie wär's mit

Herbstabend -
ich reinige meinen Spaten

Nur so als Überlegung ...

Hans.
...
geschrieben von Klaus Stute, August 12, 2009
Ich würde noch das "ich" ersetzen:

Herbstabend -
Regen reinigt
meinen Spaten

Klaus
...
geschrieben von Beate M. Conrad, August 12, 2009
Tja, was könnten die Werkzeuge alles sein? Sprech-, Kau-, Handwerks-, Künstlerwerkzeuge — das fällt mir auf die schnelle neben den Gartenwerkzeugen ein. Ob es unbedingt die letzten und die Werkzeuge mit Possessivpronomen sein müssen, wo der Herbstabend da schon auf einiges verweisen könnte, das muß wohl der Autor entscheiden. Die Werkzeuge ganz für sich genommen haben durchaus einigen imaginativen Wert.
Was die Aussageklarheit, also das Konkrete anbetrifft, frage ich einfach mal, lieber Hans (M.), was ist beabsichtigt, was soll genau dargestellt werden?
Beate
...
geschrieben von hans lesener, August 12, 2009
Ach Leute , wie schön , dass wir uns wieder unterhalten !
Es war so still geworden im Lux ...

Also Hans , was ist beabsichtigt ?

Das letzte meiner(!) Werkzeuge ist jeden Abend die Tastatur ...

Hans L.
...
geschrieben von Klaus Stute, August 13, 2009
Ach - für mich hat der Spaten schon symbolischen Charakter - und mir wird gerade im Nachklang klar, dass ich mit meinem Spaten wohl nicht nur in meinem, sondern auch in fremden Gärten "rumstochere".

Darüber ist es tatsächlich Herbst geworden.

Anfänglich hatte ich ja einen im Garten stehen- oder liegen gebliebenen, also fast vergessenen Spaten vor Augen.

Jetzt frage ich mich aber, ob der (merkwürdigerweise von mir herbeigerufene) Regen mir signalisieren will, doch mal eine zeitlang die Finger davon zu lassen...

:-) Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, August 14, 2009
Herbsttag, nicht wahr, Herr, es ist Zeit. (www.gedichte.xbib.de/Rilke_gedicht_Herbsttag.htm) Dieses "reinige" hier kann auch der Du-Form-Imperativ sein. Denn wer reinigt denn schon alles, besonders also auch Letztes, selbst? — Zur Frage "Was ist beabsichtigt?": Wir fragten als Schüler mal unsern sehr guten Deutschlehrer, Johann Dietrich Bödeker, ob denn der Goethe (oder ein anderer guter Autor) das alles selbst irgendwo zu seinen Texten gesagt hat, was wir jetzt da zu seinen Texten zu sagen hätten. Und die Antwort war: "Der wird sich hüten, das dazu zu sagen!"
...
geschrieben von Klaus Stute, August 14, 2009
Ach - schon wieder der Imperativ!? Also mir gefällt es nicht, dieses "Herbstabend - übernehmen Sie!" bzw. "mach du mal weiter - ich bin am Ende." Ein Zugeständnis der Verausgabung? Nix mehr in petto!? Hm...

D.h.: bin für den Telegrammstil mit verschlucktem "ich".

herbstabend -
reinige die waffen

Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, August 15, 2009
Zu "bin für den Telegrammstil mit verschlucktem 'ich'": Das ist ja in sich eine berechtigte Mitteilung; jedoch interessiert in so einer Besprechung eigentlich nur, wofür die Sprache ist. Denn wie gesagt, selbst wofür der Autor ist, interessiert bestenfalls in einer Beratungssitzung zum sprachlichen Ausdruck des Gemeinten. — Wenn ich Kritik am vorgestellten Text üben wollte: Mich langweilt unbegründete eigene Schreibung, hier die unbegründete Kleinschreibung. Der Text verlöre nichts in normaler Verschriftung. Schon da kann ein Autor oder Besprecher ja etwas zeigen, ob er vom Schreiben was versteht. — Aber der hier vorgestellte Text ist nicht uninteressant, das ist klar. Wobei ich hoffe, daß jemand, der ein deutsches Haiku mit dem Eingangssegment "Herbstabend" schreibt, sich Rilkes "Herbsttag" durchaus auch bewußt ist (was ich hier sogar vermute). Derartiges Bewußtsein hilft einem, lesenswerte Texte zu verfassen, — meine ich jedenfalls.
...
geschrieben von Walter Mathois, August 21, 2009
Liebe Runde,

...leg deinen Schatten auf den Rasenmäher...

nun möchte ich eine Version, so wie ich sie empfinde, einhängen:

Herbstabend -
verfaultes Laub vom
Spaten wischen

Liebe Grüße
Walter
...
geschrieben von Beate M. Conrad, August 22, 2009
Mit "was ist beabsichtigt" meinte ich nicht welches Werkzeug, sondern eher ein "was ist gemeint". Aber damit die Aussagenfrage einfach an den Autor zurückzugeben, das ist ja nicht die richtige Verfahrensweise, nicht einmal aus Zeitmangel. Denn es geht um den Text selbst, also um das, was der Text ganz für sich hergibt. Und das ist nun dank Horst Ludwig doch noch zur Sprache gekommen:
Jemand reinigt an einem Herbstabend sein, und doch irgendwelches Werkzeug. Es ist nicht entscheidend, welches Werkzeug, entscheidend ist, daß es bei den Werkzeugen um alles und nichts geht. Die ganze Spannung des Textes spielt sich zwischen "Herbstabend" und "Werkzeug" ab. Klar ist, daß es sich da wohl um einen schon andauernden Reinigungsprozeß handeln muß, denn es ist das letzte Werkzeug. Der Herbstabend verweist darauf, daß es also um eine abschließende Tätigkeit — nach getaner Arbeit kommt das Reinigen — in der Jahreszeit geht, der von einem neuen Abschnitt der Ruhe gefolgt wird. Damit läßt sich der Herbstabend zusätzlich als Abend des Herbstes, also als ein stark vorangeschrittener Herbst lesen. Das Reinigen selbst ist fast abgeschlossen. Auf der übertragenen Ebene stünde zunächst der persönliche Lebensabend bspw. durch Berufsruhestand/Geschäftsaufgabe an, der aber mit dem späten Herbst sowohl individuell als auch in der Natur selbst schon so gut wie abgeschlossen ist. Damit geht es bei dieser Reinigung um eine Vorbereitung und um ein Bereitsein für den Winter, eine Beschränkung auf das Wesentliche in Anbetracht des Todes als ein Überschreiten alles Indivuduellen. Das "Reinige" bekommt etwas Flehentliches oder zumindest Apellartiges. Und mit "Herr, es wird Zeit" reinigt dann also nicht nur der Herbst das Werkzeug.
Zur Verschriftung wäre mein Vorschlag eine vielleicht etwas gewagte, aber nicht ganz ungerechtfertigte Segmentaufbrechung:
Herbstabend.
Reinige das letzte
meiner Werkzeuge.
...
geschrieben von Horst Ludwig, August 22, 2009
Ich stimme Ihrem Aufbrechungsvorschlag zu, liebe Beate Conrad. So funktioniert der Text als Haiku am besten. Und Ihr Vorschlag zeigt interessanterweise auch, daß die künstliche "eigen"-artige Kleinschreibung nichts zur Bedeutung beiträgt, sondern sogar davon ablenkt, — eben weil sie nichts zur Bedeutung beiträgt. Zur Verschriftung bei "Herr, es ist Zeit" hatte Rilke noch einen Doppelpunkt hinter "Herr". Das Komma da jetzt ist Anpassung an die (später) normale Schreibung. Rilke selbst hatte auch noch "gieb" statt des späteren "gib" ("gieb ihnen noch zwei südlichere Tage"). Derartige Anpassungen an aus gutem Grund standardisierte Schreibungen ändern jedoch nichts an der Mitteilung. Individualistische Eigenheiten bei der schriftlichen Mitteilung brauchen jedoch Begründung vom Text her, — und nicht jeder ist ein Stefan George oder ein Gottfried Benn ("schwälende Tage", mit bewußt gewählter [aber von Duden und Wahrig nicht anerkannter] Variante zu "schwelen")!
...
geschrieben von hans marchetto, August 22, 2009
hallo hans lesener,ich besitze gar keine gartengeräte.ich hab auch keinen "grünen" daumen.....nur soviel zu deinen "mutmassungen".

mir gehts bei diesem haiku eigentlich ums handwerk, konkret ums maler handwerk.

im einzelnen : das reinigen von werkzeugen ist in meinem beruf eine wichtige voraussetzung, für eine anständig gemachte arbeit.
mit einem dreckigen pinsel einen fertiganstrich zu machen, verschafft einem mehr ärger und heisst eigentlich immer - nochmals machen. zudem braucht man für die verschiedenen farben auch verschiedene pinsel. kunstharzpinsel für kunstharzfarben, acrylpinsel für acrylfarben usw.
dasselbe beim reinigen: kunstharz - terpentin, acryl - wasser.

warum "meine" werkzeuge ? ein maler hat gerne seinen eigenen set an pinseln. da er weiss welche für einen voranstrich, welche für einen fertiganstrich brauchbar sind und welche nicht. in der regel benützt man die neuen exemplare für den vor - ältere (eingearbeitete) pinsel für den fertiganstrich. ich hab schon erlebt, dass sich zwei an die "kehle" gingen, weil der eine, pinsel eines anderen benützt hatte.....

das letzte.....
da ich vorallem mit acryl arbeite, reinige ich die werkzeuge meist auf der jeweilligen baustelle. (ich meine mit reinigen nicht nur die pinsel, sondern alle werkzeuge die ich für die arbeit brauche)es kommt also vor, dass ich das letzte erst spät abends gereinigt habe und ich froh bin nach hause zu kommen. es kann aber auch sein, dass ich fertig bin mit der baustelle und ich mir zeit lasse, mit dem reinigen.

der herbst und sein abend...
am liebsten arbeite ich im herbst. genug warm. nicht zu heiss und die farbe lässt sich länger verarbeiten. herbst steht hier aber auch für den "alten" handwerker. für denjenigen der seine arbeit auf anhieb beurteilen kann, der mit "den augen, mass nimmt". der herbst steht hier für die erfahrung. (nicht für das dogma)

so das wärs gruss hans

ps basho entwickelte in seinen letzten lebensjahren den stil des "karumi". für ihn bedeutete das unteranderem auch, etwas ungesagt und unvollständig zu lassen.


...
geschrieben von Klaus Stute, August 23, 2009
Mit dieser Erklärung, lieber HM, rückst oder "erleichterst" du den zentnerschweren Herbstabend in Richtung eines etwas alltäglicheren Feierabends.

Deine Erklärung zeigt aber auch, dass du im haiku eine Verdrehung eingebaut hast: in der haiku-Konstruktion gehst du von einem Herbstabend aus; d.h. du nutzt praktisch den Herbstabend, UM das letzte deiner Werkzeuge zu reinigen.

In der eigentlichen Arbeit reinigst du aber (schliesslich auch noch) das letzte deiner Werkzeuge - und DANACH ist Feierabend bzw. rückt der (Herbst)Abend in den Blickpunkt. Die Begründung ist hier also genau anders herum: das letzte Reinigen führt zum Abend. Von daher hättest du das haiku eigentlich umdrehen müssen oder sagen müssen:

Herbstabend -
das letzte Werkzeug
gereinigt

Dein Verharren im Moment des Reinigens ist m.E. allerdings viel besser als eine Monokausalität wie: die Arbeit getan, ALSO Feierabend. Und damit spricht also immer noch alles für die Ausgangsversion - nachdem wir den Spaten beiseite gelegt haben. Und ich wär auch dafür, die von dir geschilderte, eher alltägliche Prozedur des Arbeitens und Reinigens jetzt unberücksichtigt zu lassen und uns wieder der Einmaligkeit dieses besonderen Herbstabends zuzuwenden.

Zugegeben: ich habe auch etwas mit dem "letzten" gehadert. Es provoziert Fragen wie: "was macht er denn da die ganze Zeit" oder "na dann ist er ja endlich fertig" oder "gibt er jetzt den Gärtner" oder "ach - noch eins gefunden" etc. :-)

Dieses "letzte" ist aber in erster Linie eine Verstärkung des Herbstabends. Wir stehen damit allerdings mitten drin in der Todesahnung, denn der Blick geht zweifellos nach vorn.

Herbstabend.
Reinige das letzte
meiner Werkzeuge

Wenn wir es jetzt so noch einmal lesen, wird klar: solch ein Ordnen seiner Sachen soll ja nicht nur einem selber, sondern insbesondere auch der Nachwelt zugute kommen. Die Betonung auf "meine" Werkzeuge ist also unverzichtbar. Die durchschimmernde Todesahnung (auf die wir uns anfänglich wohl noch nicht einlassen wollten) erklärt aber m.E. nun alles.

Dieses Reinigen, dieser Abschluss, führt damit auch sehr gut in den Nachhall: in das Ordnen, das Ebnen.

Die Aussage schwankt durch das fehlende "ich" zwischen etwas Resolutem und Absolutem einerseits - aber auch einem Unterstützungsbedürfnis andererseits bzw. im Hinblick auf das Kommende.

Eh bien. Ich habe seinerzeit mal ein ähnliches haiku geschrieben bzw. ein ähnliches haiku-Erlebnis, als mein Vater mir seine Werkzeugsammlung übergab.

Klaus

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