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im letzten Schnee
© Horst Ludwig   
16. 04. 2007

Zwei Rehkadaver

beisammen an der Fahrbahn —

im wohl letzten Schnee.

 



Kommentare (8)Add Comment
...
geschrieben von Markus Sulzberger, April 16, 2007
Ein Haiku das mich sehr berührt. Schwer zu sagen wie die Berührung zustande kommt - Einesteils sicher das Bild das vermittelt wird. Andernteils der Rythmus der Sprache: das 'KADA' in Rehkadaver zusammen geführt durch das bei'sammen' und die Auflösung des Bildes und Hinführung in den Nachhall mit einem fast heulenden 'EE'. Auch die Doppeldeutigkeit des 'im wohl letzten Schnee' vermag dem Gedicht die nötige Dichte zu geben.

markus
...
geschrieben von Heike Gewi, April 16, 2007
Bin beeindruckt!

LG
Heike
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, April 17, 2007
Lieber Horst,

ja, das gefällt mir auch!
Das innige und doch letzte Beisammensein noch über den Tod hinaus. Und der Schnee tut sein Übriges dazu und verzögert den Prozess der Verwesung noch eine kurze Zeit.

Das Haiku hat trotz seiner Morbidität etwas Zärtliches und Unschuldiges, wenn man das so sagen kann.

Ich habe mir überlegt, wie es wohl wirken würde, wenn man die Zeilen vertauscht.

Im wohl letzten Schnee
beisammen an der Fahrbahn
zwei Rehkadaver

Das Augenmerk fällt hier erst am Ende auf die Kadaver, während sie in der Originalversion sofort bildlich werden. Dasselbe gilt für den Schnee, nur in umgekehrter Reihenfolge.
Ich finde, das ist auch ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie minimale Umstellungen die Wirkungsweise eines Haiku verändern können.

Einen schönen Frühlingstag und herzliche Grüße nach Minnesota,

Andrea
...
geschrieben von Klaus Stute, April 17, 2007
Die wohl silbentechnisch bedingte, aber haiku-technisch m.E. eher unglückliche Einschätzung des "wohl" letzen Schnees schiebt mich als Leser ziemlich unnachgiebig in die gewünschte Richtung.

Dass dort am Fahrbahnrand gleich zwei Rehe in einer Art trautem Beisammensein liegen, ist mir ehrlich gesagt eines zuviel.

Meine Gedanken zu diesem haiku zwingen mir das Bild auf, dass die Frühlingssonne aus den letzten Schneeresten am Straßenrand ein (dort notdürftig verstecktes) Reh "herausholt".

Worauf ich hinauswill, ist damit klar: als haiku-Moment würde ich diesem haiku gern das bekannte, aber hier mal von einer anderen Seite her beleuchtete "Frühlingserwachens" mitgegeben sehen:

Frühlingssonne -
unter Schnee am Straßenrand
ein Rehkadaver

Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, April 18, 2007
Ich meine nicht, daß "wohl" hier "silbentechnisch" bedingt ist, und das hat Markus Sulzberger, finde ich, sehr gut gesehen. Und zu so kleinen Adverbien und Adjektiven habe ich was in meinem Kommentar in
www.luxarium.ch/luxarium-haiku...lComments
und auch in diesem Text hier schwingt in dem "wohl letzten" etwas mit, was zum inneren Sprecher Gewichtiges aussagt.
Daß "dort am Fahrbahnrand gleich zwei Rehe" liegen: Naja, vielleicht war da gerade ein Wildwechsel, was weiß ich, jedenfalls habe ich sie da nur gesehen, ich habe sie da nicht zusammengelegt. Das mit dem "trauten" ist jedenfalls schon Interpretation, möglicherweise berechtigte, aber es steht nicht so im Text, daß man ihm das vorwerfen könnte.
Das mit dem "Frühlingserwachen" ist mit dem "wohl letzten Schnee" mitgegeben; — aber sicher kann man da nie sein, und das drückt vordergründig das Adverb "wohl" aus. Und hintergründig drückt es zusammen mit "letzten" wohl auch noch mehr aus.
Klaus' Vorschlag ist ein von meinem verschiedenes Haiku. Da frage ich mich aber, woher ich weiß, daß das, was immer da "unter" dem Schnee ist, ein totes Reh ist. Ich fahre an sowas doch bloß schnell vorbei. Auch an den zwei toten Tieren "*im* [...] Schnee" bin ich doch nur schnell vorbeigefahren.
...
geschrieben von Klaus Stute, April 19, 2007
Aus dem "letzten" Schnee schliessen wir doch: "Frühling"; und zum Frühling denken wir uns gerne die wärmende und den letzten Schnee wegtauende Sonne hinzu.

Sicher - nein: nicht sicher, aber offenbar, aus meinem obigen Vorschlag zu entnehmen - gingen meine Gedanken zu dem haiku in eine nicht gänzlich andere, aber m.E. zusätzliche Richtung. Ich wollte das oder die Rehe halt aus dem Schnee sichtbar "aufgetaut" dargestellt sehen; aus dem Schneehaufen "herausgekommen" wie nebenan die ersten Blumen auf der Wiese.

Eine reine Aufbahrung auf ihrem dann "wohl" letzten Schnee, und die Betonung darauf, war mir - mit der Bitte um Nachsicht - zu wenig. Dann hätten sie auch auf der Frühlinswiese neben der Strasse liegen können und wir hätten im wohl letzen Aufblühen vor dem hoffentlich raschen Ende unseren haiku-Moment gefunden.

Man muss dem Leser wohl zugestehen, dass er bei einer Lektüre etwas übersieht. Wenn mir das hier passiert ist, weiss ich natürlich noch nicht, was es war.

Und bei mir kann man wohl nicht verhindern, dass ich ein haiku-Bild offenbar "des öfteren" mit einem "eigenen" überlagere, oder das beschriebene Bild zumindest mit irgendetwas ergänze - wenn mir die haiku-Erfahrung in dem Bild - welches mich durchaus angesprochen hat - nicht ausreicht. Ich bin aber immer davon ausgegangen, dafür die Legitimation durch diese Werkstatt-Situation zu haben.

Also Horst: Freundschaft und Nachsicht, ja!?

:-) Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, April 19, 2007
"[...] nicht verhindern, dass ich ein haiku-Bild offenbar 'des öfteren' mit einem 'eigenen" überlagere': Das tut jeder Leser. Mich als k r i t i s c h Lesenden interessiert jedoch wirklich zuerst: Was ist eigentlich da? Bevor ich das "beschriebene Bild" ergänzen könnte, müßte ich ja zuerst das Bild genau sehen. Beim Haiku-Werkstattsgespräch ist meine erste Frage: Ist der Text in sich schlüssig, oder hat er Ausdrucksschwächen, die die Schlüssigkeit infrage stellen? Also: Was wird hier genau vorgestellt? Erst dann frage ich: Was ist seine Eigenart, und welche Abänderung würde was bewirken (Andreas "minimale Umstellungen")? Dann: Welchen neuen Text könnte man zum gleichen Thema schreiben, wenn "die haiku-Erfahrung in dem Bild [...] nicht ausreicht"? (Klaus) Zum "wohl letzten Schnee" wäre z. B. auch das mögliche Alter des dargestellten inneren Sprechers zu bedenken, also ist da möglicherweise nicht nur der sichere "Frühling", sondern auch damit untrennbar verbundenes Unsicheres ("wohl"). Mann, was da alles "beisammen" sein könnte, in nur 17 Silben, das würde ich mir nicht entgehen lassen wollen! Und ich bin hier also immer noch bei der Frage: "Was wird hier genau vorgestellt?" Der vielberufene Nachhall ist nämlich gar nicht von Dargestellten herauszulösen! — Aber ein neues Haiku würde ich auch noch gerne schreiben wollen; ich will ja nicht nur lesen: "Glänzende Furchen. / Paar Schneeflecken noch und schon / Schatten der Erde." Und der Abitursaufsatz hätte das Thema: Gleiches, Ähnliches und Verschiedenes in zwei "Frühlingshaiku" von Klaus und Horst. Und diese Aufsätze korrigieren wir dann. Welche Überlagerungen da wohl nicht alle in die Frühlingssonne treten werden! Besprechen wir das mal etwas näher anhand von Beispielen weiterhin im Luxarium.
...
geschrieben von Klaus Stute, April 19, 2007
Ein lyrisch alterndes ICH, das zwar noch aufmerksam über die Strassen huscht, dessen Aufmerksamkeit aber eher der Frage nach seinem eigenen wohl letzten Schnee gilt, als dem der Rehe, hab ich übersehen. Das war es also. Ja danke! Dabei war es so einfach...

Damit kriegen die "zwei" Kadaver auch wieder eine schöne Berechtigung: für das alte ICH in diesem haiku sind die Kadaver nicht etwas ärgerliches, sondern es ist tröstlich, wenn man im letzten Schnee nicht alleine liegt.

Das vermeindlich schlimme Bild wird so zur tröstenden Andacht - wenn man denn als geübter haiku-Leser weiss, in die richtige Sichtweise zu schlüpfen. Oder wenn man dahin geführt wird. Und das haiku-Erlebnis ist denn auch, ja...

...jetzt wollen wir aber keinen Abitur-Aufsatz daraus machen.

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