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im zarten neuschnee
© Gabriele Brunsch   
24. 11. 2008



im zarten neuschnee
der schlurfende schuhabdruck
vom kranken nachbarn
Kommentare (9)Add Comment
...
geschrieben von Horst Ludwig, December 20, 2008
Ja, einmal würde ich (einer also, den die 5-7-5-Form besonders anspricht und der ihr oft viel mehr abgewinnt als meist dem oft feigen Freistil) "der" ins Segment b ziehen. Und zum andern bewegt mich unheimlich selbst nach fast vier Wochen noch das "schlurfende", ja eine Bewegung darstellend, noch dazu eine mit einem stark audialen Zug, im Zusammenhang mit dem "Abdruck", etwas Statischem und Lautlosem also. Entweder ist das also einfach großartig, oder aber es läßt doch was zu wünschen übrig. Naja, und deshalb werde ich sicher noch weiter über diesen Text nachdenken. Kalt läßt er einen nämlich auf keinen Fall. - Ach ja, auch fürs "zarten" in a ließe sich m. E. etwas finden, was nicht so "sanft" klingt. (Zwei Wörter, die ich auch oft in Haiku benutzt habe, — von denen ich aber gar nicht mehr so begeistert bin und darum den Bleistift lasse. Aber andere sprechen anders als ich [zum Manne gemacht / durch das feindliche Leben]; das ist also eine Frage des persönlichen Stils.)
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, December 20, 2008
Ich danke Dir für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass Du Ratschläge für dieses Haiku, das mir sehr am Herzen liegt, anbietest.

Dass mir der Artikel "der" in die erste Zeile gerutscht ist, ist reine Schlamperei. Natürlich war es als 5/7/5 gedacht und in der Ursprungsfassung auch so. Wie ich es nach dem Einstellen übersehen konnte ist mir schleierhaft. Ich habe es oben wieder korrigiert.

Der "zarte Neuschnee", hat natürlich etwas sanftes (vielleicht sogar feminines), aber so ist diese kaum Zentimeter dicke Schicht , bei der noch der Boden leicht durchschimmert.
Im dünnen Neuschnee...
Im leichten Neuschnee...
Diese Varianten hatte ich im Entwurf zur Auswahl, doch entschied ich mich gerade für das "zart". Es unterstreicht das "zerbrechliche", das "unbefleckte", das "makellos hingehauchte Daliegen" (um nicht zu sagen „jungfräuliche“) dieses Schnees und steht zum Folgenden (dem darüber hinschlurfenden, kranken Nachbarn – alt = impliziert) in starkem Kontrast.

Wer Fußspuren betrachtet, der wird an ihnen die Art des Ganges ablesen können.
Ein flotter Spurt hinterlässt andere Spuren, als ein mühsames Gehen. Das Schlurfen lässt sich daran erkennen, dass die Fußabdrücke miteinander verbunden sind, es sind über den Schnee gewischte Spuren, welche die Schwerfälligkeit, das Mühsame des Ganges erkennen lassen.

Dass hier Bewegung, wie Du sagst sogar ein hörbarer Zug mit dem Statischen, Lautlosen verbunden ist, das ist ein schöner (m.E.) Nebeneffekt.

Bis bald
Gabriele
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, December 20, 2008
...ich weiß, ich weiß...

ein Abdruck kann nie und nimmermehr schlurfend sein, ist er doch das Ergebnis vom Schlurfen.

Aber, ein Abdruck ist ein Abbild - das Bild stellt etwas dar, es sagt etwas aus, es erzählt etwas. Es sagt, dass hier ein Mensch gelaufen ist, der...
...der schlurfte!
Der "geschlurfte Schuhabdruck" wäre sicherlich korrekter, aber erscheint mir schauderhaft.
Vielleicht ist die, vom reinen Sachverhalt her nicht ganz logische Variante, doch akzeptabel?

Gabriele
...
geschrieben von Klaus Stute, December 20, 2008
Der "schlurfende Schuhabdruck" des kranken Nachbarn ist offenbar ein akustischer Fingerabdruck, den er im zarten Neuschnee hinterlassen hat.

Der Autor sah sich also in der Rolle des Detektivs; und der Nachbar war überführt.

Das Erkennen bzw. Identifizieren des Nachbarn ist schön umschrieben. Dem Leser bleibt dann, den akustischen Eindruck in einen optischen zu übersetzen - was sicher automatisch geschieht und ein entsprechendes Bild vor dem geistigen Auge produziert.

Diesen Übergang vom akustischen in den optischen Eindruck kann man m.E. hier sicher als den haiku-Moment bezeichnen.

Ok. Klaus' Nachhall - mit der Bitte um Entschuldigung - geht dann allerdings mal wieder eigene Wege:

zarter neuschnee
auf dem weg zur besserung
der alte nachbar

Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, December 22, 2008

"Der "zarte Neuschnee" hat natürlich etwas Sanftes (vielleicht sogar Feminines)": Das hatte ich zum Sanften (vielleicht sogar Femininen) mit meinem Hinweis auf die "Frage des persönlichen Stils" gemeint.
"Es unterstreicht das "zerbrechliche", das "unbefleckte", das "makellos hingehauchte Daliegen" (um nicht zu sagen „Jungfräuliche“) dieses Schnees [...]" — Ja, warum sollte man das Eingeklammerte nicht sagen?
"Vielleicht ist die vom reinen Sachverhalt her nicht ganz logische Variante doch akzeptabel?" — Es ist eine Synästhesie, — und sie läßt einen nicht los. Nach wie vor nicht!
Wo ich das schreibe, sind wir jetzt schon den dritten Tag eingeschneit. Wenigstens sind die Blizzardbedingungen (wenig Sicht wegen aufgewirbelten Schnees) nicht mehr gegeben, und die Straßen sind befahrbar, wenn man Vorsicht walten läßt und langsam fährt. So weit kommt's aber bei mir nicht; ich komme vom verwehten Hof nicht runter auf die Straße. Kein Wunder, daß mir unter diesen harschen Umständen zartester Neuschnee nicht so ganz nahe liegt.
Gesegnete Weihnachtstage allen im Lux.
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, December 22, 2008
Ich will es mal aussprechen:

jungfräulicher schnee
die schlurfende spur
vom kranken nachbarn


Auf einmal scheint alles wieder alles offen.

Jetzt habe ich das 5/7/5 verlassen...

Gabriele

...
geschrieben von Gabriele Brunsch, December 22, 2008
...alles wieder offen.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, December 23, 2008
[ im zarten neuschnee / der schlurfende schuhabdruck /vom kranken nachbarn ]
Der schlurfende Schuhabdruck, vielleicht ist das expressiv, fast ein wenig idiosynkratisch; vor allem in diesem beachtlichen Text nicht unbedingt notwendig. Die Spur mildert das etwas.
Beim Vorschlag des jungfräulichen Schnees ist interessant, wie sich Qualitäten wie frisch, neu, zart bedeutungserweiternd und sinneserweiternd begrifflich fassen lassen. In Hinblick auf c ist jung (als Teilbedeutung) ein impliziter Gegensatz zum kranken Nachbarn, der nun nicht nur krank, sondern auch noch alt erscheint ( gestützt wird dies durchs Schlurfen).
Die Version "Jungfräulicher Schnee / die schlurfende Spur / vom kranken Nachbarn" empfinde ich als Verbesserung, aber irgendwie noch etwas unausgewogen.
Als ein weiteres Wort, das die Qualität des Schnees u.a. als einfach daliegend beschreiben könnte, implizit ein jungfräulich enthielte und auch eine Synästhesie (von Eigenschaft und Bewegung) beinhaltete, ist mir unberührt eingefallen. Unberührt als unangetatstet, unverbraucht, frisch, unbefleckt, rein, jungfräulich, ferner: zart, neu.
Da die Eigenschaft des Schnees sowieso schon Gegenstand der Betrachtung ist, wäre vielleicht zu überlegen, ob der Abdruck bzw. die Spur nicht sogar erst im Betrachter mittels einer schon abgeschlossenen, aber langen und hörbaren Bewegung entstehen könnte:
Unberührter Schnee. / Ganz sachte entlang geschlurft / der kranke Nachbar.
Ganz behutsam (be)rührte dann auf der klanglichen, kinästhetischen und übertragenen Ebene einiges (an) bei aller Unberührtheit.
U. a. tatsächlich eine Frage des persönlichen Gestaltungsstils und der bewußten Akzentsetzung.
...
geschrieben von Klaus Stute, December 24, 2008
Hm, Beate - dein "sachtes" gebrechliches Schlurfen scheint mir aber etwas vollkommen anderes zu sein als das tumbe, ignorante - fast hätte ich gesagt: etwas herunter gekommene Schlurfen des alkoholkranken (sag ich jetzt auch einfach mal) Nachbarn aus Gabrieles Ausgangs-haiku. OK - ich hab jetzt etwas übertrieben :-)

Das haiku lebt aber nicht von der "behutsamen" Berührung, sondern von der Diskrepanz: wir haben einmal einen (alten) kranken Menschen, der unser Mitleid verdient - und dann dieses Schlurfen durch den Schnee, das am Rande einer Zumutung spazierengeht und ein ziemlich derber Akt ist angesichts der "Jungfräulichkeit" des Schnees.

Die Frage des "persönlichen Gestaltungsstiles" zeigt sich in diesem - wie in vielen anderen haiku daran, wie sehr ein Autor zum Überspitzen neigt - oder wie ich immer sage: ob er es schafft, ohne Zaunpfähle zu arbeiten. Viele Autoren schaffen es nicht, das zu unterlassen. Eine dezente, kaum noch wahrnehmbare Andeutung ist ihnen zu wenig.

Im vorliegenden haiku wäre das "jungfräuliche" m.E. ein Zaunpfahl - und ein "unberührt", welches dem schlurfenden Schuhabdruck vorangestellt wird, damit auch ja keine Unklarheiten aufkommen, ist auch übertrieben. Allein die Tatsache, dass um die Schuhabdrücke des Nachbarn im Neuschnee ein haiku herumgebaut wurde, sagt doch schon, dass nicht noch tausend andere Abdrücke im Schnee sind.

Kurz: in der "zarten" Ausgansformulierung sind die Eigenschaften jungfräulich, unberührt, unangetatstet, unverbraucht, frisch, unbefleckt, rein, neu etc. bereits umfassend enthalten - und zwar haiku-gemäß, d.h. man KANN sich diese Bedeutungen dazudenken. Bei jungfräulich dagegen wäre es ein "muss".

Die Frage des persönlichen Stils bei haiku bedeutet doch immer: inwieweit will der Autor den Leser festlegen bzw. in eine ganz bestimmte Richtung zwingen. Dazu kann ich nur ein Credo abgeben: haiku bedeutet m.E. NICHT: Nägel mit Köpfen machen!!

Meines Erachtens sind haiku, die allzu viel festlegen bzw. vorgeben, aufdringlich. Oder wie andere sagen würden: die haben zuviel ego. Der Autor drängt seine Sichtweise auf bzw. stülpt diese über das Bild.

Aber nochmal zum Kern des vorliegenden haiku: alles dreht sich doch um den "schlurfenden Schuhabdruck", also dieser Mischung aus akustischem und optischem Eindruck - oder wie der Volksmund sagt: dieser idiosynkratischen Kombination.

Drumherum gebaut wurde dann - nicht der Postman, sondern ein alter kranker Nachbar. Darüberhinaus wurde dem alten Kranken das Recht der ersten Begehung gewährt...

Nun - ich habe es oben doch schon dezent angedeutet: wo ist der Nachhall? Ist es das Geräusch? Ist es das Bild der Fußspur? Ist es Mitleid mit einem "armen" alten Kranken? Wurde hier ein "etwas herunter gekommener" (Klaus), nein, Nachbar gezeigt? Geoutet? Geht es um einen Affront? Um Anmaßung? Ignoranz?

Nein. Wir haben ein "Klangbild" - mit "zarten" und merkwürdigerweise auch mit "kranken" Assessoirs. Dem Nachbarn gilt "im Nachklang" allerdings nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er erklärt nur die Fußspur. Selbst die "Jungfräulichkeit" dient nur der Verdeutlichung der Spur. Es geht ja keineswegs um die Befleckung von zartem Neuschnee. Wir erinnern uns: der "schlurfende Schuhabdruck" ist das Zentrum dieses haiku!

Ja - was ist denn nun der Nachhall? Ein "Unerhört!" - zum ge-hörten Schuhabdruck? Sicher auch nicht. Ja dann...

erstmal ein schönes Weihnachtsfest
und ein "gesundes" neues Jahr...

:-) Klaus

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