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Kettensägenkreischen
© Roger Le Marié   
17. 11. 2008
Kettensägenkreischen
Zwischen Urwaldriesen
keine Seele
Kommentare (3)Add Comment
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, November 17, 2008
Motorsägen -
zwischen Urwaldriesen
wächst der Himmel

Kettensägen -
zwischen Urwaldriesen
(wächst) die Leere

Nur so eine Idee von mir, weil mir das Wort "Seele" so wenig greifbar in diesem Haiku scheint. Ich brauche zum Haiku-Erleben immer ein "fotografisches Bild", das mir dann seine Geschichte erzählt, wenn ich mich darauf einlasse. Hier bin ich sozusagen hängen geblieben, und das Geräusch der Kettensägen zwischen all diesen Bäumen hat mich festgehalten. Stutzig geworden bin ich dann in der dritten Zeile. Seelen kann man nicht sehen. Daher ist die Leere oder der Himmel, von dem man durch die fehlenden Bäume immer mehr sieht, ein vorstellbares Bild, das sich fassen lässt.

Bis dann,
Andrea
...
geschrieben von Roger Le Mari, November 18, 2008
Hallo Andrea,
Danke für deine Zeilen.

Immer wieder nehme ich mir vor nicht allzu viel zu kommentieren und tue es dann doch. Mmh. Manchmal wünsche ich mir (wie an anderer Stelle so schön gesagt wurde): "Lieber Gott, gib mir Geduld! SOFORT !!!" smilies/wink.gif

Eine Sache, die der Leser nicht wissen kann ist: Das Gedicht ist ein Tribut an den Umweltaktivisten Bruno Manser, der im Sommer 2000 spurlos im malaysischen Regenwald verschwand. Mehr zu Bruno Manser unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Manser (Übrigens: das Haiku "Over the Hill" ist ein Tribut an die Umweltaktivistin "Julia Butterfly Hill")

Die andere sehr spannende Sache, die du aufgreifst ist die mit dem Bild. Ich tendiere persönlich klar dazu, leichteren Zugang zu Haikus zu haben, die ein klares visuelles Bild malen. Und das tut dieses nicht unbedingt, da hast du recht.
Ich frage mich aber: Könnte ein Bild statt visuell auch auditiv, taktil, olfaktiv und oder kinästhetisch "gemalt" werden? Da ich eindeutig der visuelle Typ bin sind für mich persönlich allerdings nach wie vor die visuellen starken Bilder am einfachsten um Haiku-Momente zu erkennen bzw. zu erzeugen. Manchmal funktioniert der bewusste Wechsel innerhalb eines Haikus von einem Sinn (z.B. visuell) zu einem anderen (z.B. audio) bei mir als Leser auch oft gut.

Dein Vorschlag

Kettensägen –
zwischen Urwaldriesen
wächst die Leere

gefällt mir aber sehr gut.

Gruss, Roger
...
geschrieben von Andrea D Alessandro, November 18, 2008
Und schon stecken wir mitten in einer interessanten Diskussion über ein interessantes Haiku!

An diesem anderen Text hat mich vor allem sehr gestört, dass du diesen "Slogan" in der ersten Zeile benutzt. Das wühlt auf und sämtliche Alarmglocken schrillen! Jetzt steht der hier auch noch ausgerechnet in der "rechten" Spalte. Aber lassen wir das einfach, um das soll es hier nicht gehen. Strich drunter!

_____________

Ich denke schon, dass man Haiku auch anders als visuell erleben kann. Natürlich! Denken wir nur mal an den Unterschied ein Haiku geschrieben zu lesen und ein Haiku (mit Musikuntermalung) zu hören. Fühlen oder riechen? Ja, wenn das Haiku dazu gesehen oder gehört wird, kann das, wie ich meine auch mit der Sinneserfahrung von fühlen oder riechen verbunden werden.
Ich denke auch, dass man einen Haiku-Moment erleben kann, wenn man einen bestimmten Geruch riecht, oder wenn man mit dem Finger über etwas streicht. Nur wird es schwer sein, diesen Moment ohne Worte weiterzugeben. Jeder wird bei einem Geruch oder einer Berührung vielleicht etwas anderes empfinden, somit wären, um das erlebte Haiku weiterzugeben Worte nötig.

Hans "Kreuzgewölbe-Haiku" ist ein schönes Beispiel für auditiv und visuell empfundene Momente. Dieses Haiku kann man auch ohne Worte nachempfinden, wenn man sich ein solches Konzert anhört. Findet jemand dann die richtigen Worte für dieses Erleben, reicht es, wenn man diese liest, und schon ist man mitten in der Situation, wie sie der Autor wohl ähnlich erlebt hat.

Bruno Manser kannte ich bisher nicht. Wenn ich mir den Artikel so durchlesen, dann beschleicht mich das Gefühl, dass es noch viel mehr Bruno Mansers auf der Welt gibt.

Bis dann,
Andrea

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