... geschrieben von Horst Ludwig,
January 02, 2010
Besprechen wir hier mal Heike Gewis Haiku aus dem Lux-Kalender (sie ist damit einverstanden). Der Kalender hat ja keine Diskussionsmöglichkeit, und so stelle ich hier mal eine andere Fassung daneben, weil ich tatsächlich mal hören möchte, wieweit Verkürzung Gewichtiges wegläßt oder etwas stärker zur Sprache bringt. Ich selbst hatte in c zunächst "Silvester", auch des Anklanges an "Knistern" wegen, meine aber, daß der Übergang ins nächste Jahr auch einiges für sich hat. Auch an einem Zwei-Silben-Segment parallel zum Zwei-Silben-Segment a wäre mir wohl gelegen. (Ich selbst bin ja, wie Leute sicher wissen, für die klassische 5-7-5-Silbenform, und da geht's nicht um Weglassen, Weglassen, sondern darum, Wesentliches in einfach klassischer Form [und das heißt auch, in ganz natürlicher Sprache] richtig zu sagen.)
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 02, 2010
Das 2-5-2 zentriert das Bild, bei dem der Wandel ja in b liegt und ist auch rhythmisch interessant. Augenfällig: die zweite Version ist optimistisch formuliert, die Ursprungsfassung weist in seiner Unausgewogenheit von Silben, Rhythmus und mit "stirbt" und "Jahresende" eine etwas andere Stimmung auf. Reizvoll empfinde ich dabei das Widersprüchliche von "Lodern" und "stirbt." Und "Neujahr" nimmt etwas die Redundanz aus dem vielen Enden bzw. beinhaltet ja implizit das Jahresende, vertieft es also auf seine Weise. Eine weitere Möglichkeit zur Darstellung der "knisternden Schwellenspannung" wäre vielleicht, vielleicht auch nicht: Mit Knistern / erstirbt das viele Lodern — / Silvester
... geschrieben von Klaus Stute,
January 03, 2010
Das irritierende, fast hätte ich gesagt irisierende an Heikes haiku ist das Präsenz ("stirbt") - verknüft mit einem "nachdem". Damit wird m.E. Spannung hergestellt und der Leser gezwungen, verschiedene Perspektiven einzunehmen - um das Irisieren noch mal aufzugreifen.
Mit diesem "nachdem" steht das Präsenz nämlich mit einem Bein im Futur: das Lodern liegt hier offenbar im Sterben - aber erst "nachdem das Lodern stirbt", also nachdem es endgültig tot ist (gestorben sein wird), setzt das Knistern ein (wird es einsetzen) - passend zum Jahreswechsel und anscheinend mit der gleichen Unausweichlichkeit. Nota bene: diese Futur-Lastigkeit gilt, wenn wir die Lage aus dem Blickwinkel unmittelbar VOR dem Wechsel betrachten.
Gehen wir einen Schritt weiter, dann überlagern sich sterbendes Lodern und Knistern. Das erstgenannte Knistern wird nun förmlich hinübergezogen über die Mittellinie.
Im nächsten Betrachtungs-Schritt ist das Lodern dann Vergangenheit, "überholt" vom Knistern.
Schliesslich trifft das Knistern auf das Jahresende, wobei das "Jah-res-en-de" mit seinen gleich betonten vier Silben nahezu insistiert - und damit sowohl das zweisilbige Knistern platt macht, als auch das Lodern, also das zweite zweisilbige Wort, sozusagen endgültig "in sich aufnimmt". Nachdem Lodern und Knistern das Jahresende quasi vorbereitet haben, ist das Jahresende auch ihr Ende.
Mir gefällt das Knistern des Perspektiv-Wechsels wirklich gut; man stelle sich doch dagegen nur mal die einfache lineare Abfolge vor: "von allem Lodern geblieben ein Knistern - zum Jahresende". Nein - geradezu "abgegriffen" wäre diese Sichtweise. Das vorangestellte Knistern ist da wirklich ein Kunstgriff und wird in Zusammenhang mit der zweiten Zeile sogar zum Ausblick.
In Horst Ludwigs Vorschlag mit dem "Knistern nach vielem Lodern" ist das Lodern eindeutig Vergangenheit. Nach kurzem Knistern sind wir dann auf dem Punkt und es ist (endlich) Neujahr (...nach all dem Tamtam). Einen Optimismus (Beate) sehe ich hier nicht. Horst Ludwigs Vorschlag ist m.E. ein knappes und unterkühltes Abhaken.
Durch das Mehr an Silben bei Heike ist in ihrer Version viel mehr Bewegung drin, nahezu ein Hüpfen. Genau dieses erlaubt aber das Weiterschauen: das auf den ersten Blick dramatische Sterben löst sich im Nachklang auf und wird zum wiedererstarkten Knistern.
Und wer weiss: vielleicht liegt in dem feinen Knistern auch schon wieder das nächste Lodern.
Klaus
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