... geschrieben von hans lesener,
October 19, 2009
Hallo Martin ,
zunächst herzlich willkommen im Luxarium . Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude an den Haiku ! Zwar bin ich kein guter Kommentator , aber da ich nicht möchte , dass Dein Beitrag ganz unbeantwortet stehen bleibt , könnte ich Dir vielleicht wenigstens sagen , was mir aufgefallen ist :
Haiku haben üblicherweise keine Überschrift. Durch das Stichwort "Lebensfreude"z.B. nimmst Du dem Leser vorweg , was er eigentlich nach der Lektüre Deines Textes selbst denken oder empfinden kann / soll. Dieser sog. "Nachhall" im Kopf des Lesers ist der Witz beim Haiku; nicht selten geht er zur Überraschung des Autors in eine ganz andere Richtung , als er sich vorgestellt hatte. Dann kann es richtig spannend werden . Also nie den Nachhall vorwegnehmen! In Zeile 2 Deines Textes finde ich den Ausruf "- doch da!" missverständlich. Wahrscheinlich meinst Du : Trotz Vergessenheit und Versandung ist die P. immer noch vorhanden, "lebt" noch( wenn man die Überschrift interpretativ mit einbezieht ). Man könnte aber auch das "Doch da" auf die 3. Zeile beziehen , etwa im Sinne " Da : Plötzlich ein tobendes Sandkorn..." ; ich gebe zu , dass diese Variante wenig für sich hat , beim Lesen hat sie sich mir aber , so unsinnig ein einzelnes tobendes Sandkorn auch erscheinen mag , doch aufgedrängt und zu einigem Kopfschütteln geführt.
Vielleicht darf ich einen Vorschlag machen :
Die Pyramide - vergessen , im Sandsturm schlummernd seit Jahrtausenden.
Das entspricht silbenmässig nicht dem 5 - 7 - 5 Schema ; dies wird aber heutzutage nicht mehr überall so recht ernst genommen. Seine Einhaltung ist Entscheidung des einzelnen Autors. Die Interpunktion ist oft streitig ; am besten sollte sie den üblichen Regeln entsprechen.
Weitere Tips und Anregungen findest Du z.B. auf der Seite haiku-heute.de reichlich.
Grüße , Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
October 24, 2009
Auch meinerseits ein herzliches Willkommen an Martin Fuchsberger. Zum Text: "doch da" als doch anwesend und zugleich eine Neues einleitende und dem Vorausgegangenen widersprechende, interessante Konstruktion. Über "tobend" als Wertendes und die Zeichensetzung könnte man noch etwas nachdenken. Entsprechend fiele die Beziehung von Pyramide, Sand und Bewegung (durch den Wind o. ö.) verschieden aus. Aber hier leitet die Konstruktion des Textes in seiner Widersprüchlichkeit noch zu etwas anderem über: Die natürliche Form des Sandes, die einer Pyramide (als Anhäufung) gleichen könnte. Ich bin mir nicht ganz sicher, inwieweit das Sandkorn in seiner eigenen Struktur der Figur einer Pyramide entspricht; doch sie mag hier auf das Paradoxon des Sandhaufens verweisen. Die Pyramide wäre dann die idealisierte Form, die aber auch einigen kulturellen und anschaulichen Hintergrund beiträgt. Zur anschaulichen Ebene zurück: Auch könnte der im Wind enthaltene Sand für einen Moment an solch eine Pyramide erinnern bzw. der Sand als Hinterlassenschaft als zwei- und dreidimensionales Bild die Form in etwa annehmen. Hier geht es also um eine abstrahierte, aber auch natürliche Form, die sich in den verschiedenen Kulturen über die Zeit immer wieder formt und zwischendurch in Vergessenheit gerät (Aufstieg und Fall). Damit enthält der hier vorgestellte Text u. a. ein recht faszinierendes Sujet von Zeit, Definition, Kultur und Wandlung.
Manchmal werden einem Haiku auch Überschriften vorangestellt: Vielleicht ist hier das "Rätsel/Geheimnis des Lebens (Sein und Nichtsein, Aufstieg und Fall)/die Paradoxie (der Anschauung)" etwas, das Freude ausdrückt und empfinden läßt? Wie dem auch sei. Mich freut der Text an und für sich. In seiner Umsetzung wäre vielleicht zu bedenken:
Die Pyramide /vergessen doch da der Sand / in alle(r) Winde
... geschrieben von hans lesener,
October 25, 2009
Hallo Beate , diesen Deinen Kommentar habe ich nicht verstanden .... Sorry , H.
... geschrieben von Klaus Stute,
October 25, 2009
In diesem haiku sehe ich den Traum nach einem deus ex macchina, der uns dazu verhilft, zu einer Bedeutung zu gelangen - hier: via einer bedeutenden Entdeckung, die uns aber eigentlich der Zufall oder wer auch immer vor die Füße bläst.
Das Schmücken mit fremden Blumen paart sich ja gerne mit unserer Sehnsucht nach Anerkennung und Beachtung. Wer es irgendwie schafft, sich etwas Bedeutendes anzueignen, vergisst sofort, wo es herkommt und schreibt es sich auf die eigene Fahne.
Der Weg dahin steht allerdings voller Defizite.
Klaus
... geschrieben von hans lesener,
October 25, 2009
"... ein faszinierendes Sujet von Zeit , Definition , Kultur und Wandlung ..." : Ja , durchaus . Aber das muß auch zum Ausdruck kommen , die formale Gestaltung muß stimmen . Da habe ich nur sehr vorsichtig drauf hingewiesen . Auch Dein Einschub , liebe Beate , eine unterschiedliche Wertung von "tobend" und von der Zeichensetzung könne zu unterschiedlicher Interpretation führen , ist , wohl um Martin F. nicht gänzlich zu verschrecken , recht diskret ausgefallen. Ich habe den Eindruck , dass er sich selbst nicht ganz darüber im Klaren war , was er zum Ausdruck bringen wollte. Das Haiku ist interessant , aber formal und inhaltlich zu vage.
Macht ja nix . Und sollte Martin F. bitte nicht vom Weitermachen abhalten.
Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
November 02, 2009
Zunächst geht es bei einem vorgestellten Text ja um das Dargestellte. Das steht ganz für sich, also unabhängig vom Autor, ― bei dem wir aber hoffen, daß er seine Texte in vollem und kritischen Bewußtsein schreibt, auch der literaterarischen und kulturellen/-historischen Zusammenhänge.
Was wird hier also dargestellt? Und die Frage ist zuerst rein anschaulich gemeint. Da befindet sich also irgendeine Pyramide unterm Sand. "Vergessen" verweist auf reichlich Sand (nicht sichtbar) und schon recht lange (aus den Augen aus dem Sinn). "doch da" verweist auf der anschaulichen Ebene auf ein plötzlich eintretendes Ereignis: "tobendes Sandkorn". Hier könnte der Wind also den Sand wegblasen und die Pyramide wieder freilegen. Aber er könnte genauso die Pyramide unter weiterem Sand begraben. "Vergessen" und "doch da!" haben aber auch kommentierenden Charakter eines literarischen Subjekts im Sinn von: Vergessen, aber doch noch vorhanden. "doch da" wirkt im Text ähnlich wie ein Einschnitt (kireji) und führt den Betrachter in die tieferere Anschauung als einen nicht abgeschlossenen, halbmetaphorischen Vergleich von Pyramide und Sand(korn) bis hin zur gegenseitigen Durchdringung. Das läßt weitere Bilder zu, die ich in meinem obigen Kommentar angerissen habe: Die Pyramide ist hier also nicht nur als ein versandetes Bauwerk zu sehen, sondern es geht auch um die Form, die im Sand als bloße Anhäufung (Sandhaufen wie bspw. in der nubischen Wüste zu sehen), als Form im Sandsturm und als Detail des Sandkorns daselbst sichtbar wird und damit den Wüsteneindruck (als Ort) verstärkt. Dieses Pendeln in der Anschauung, das Vage, das Flüchtige, worüber wir nicht umsonst "stolpern", das entfaltet die anschauliche Dynamik (Vielfalt der Bilder und damit der übertragenen Bedeutung) im Text.
In der Übertragung geht es dann um ein Verständnis der Pyramide nicht nur als Sandauftürmung, sondern bspw. als Götterberg/Himmelshügel (die vergessenen Götter und Kulturen und ihre Naturpräsenz --> göttliche Immanenz und Transzendenz (Tempel und Grab) durch die Weltreligionen. Es geht auch um das Prinzip des Axioms, der Idee im Verhältnis zu Bewußtsein und Anschauung in der Erkenntnistheorie und in den Wissenschaften). Und im Zusammenhang von Pyramide, Aufstieg und Zerfall denke ich an vergangene Kulturen der Ägypter, der Maya, Inkas und Babylonien (die biblische Überlieferung des Turmbau zu Babel). Ebenso an Jesajah Psalmen: Civitas sancti tui facta est deserta, Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. (Ganz nebenbei gibt es da eine wunderbare Vertonung als Choral von William Byrd: "Ne Irascaris" aus den "Cantiones sacrea I von 1589) Im Sandkorn steckt zusätzlich zum Sand das Korn, das Fruchtbare und das Unfruchtbare mit entsprechend verweisendem Charakter, das mit dem Bild der Wüste auch schon anklingt.
Natürlich gilt es, wenn das Grundsätzliche der Darstellung geklärt ist, zu fragen: Was ist die Intention des Autors? Inwieweit stimmen das Dargestellte, die Intention und generelle Haikuanforderungen überein? Und das Dargestellte präsentiert sich ja in nichts anderem als im sprachlichen Ausdruck. Ich belasse mein Fragezeichen am Ausrufezeichen. "tobend" bietet auf den zweiten Blick neben der Bewegung des Sandes auch die übertragene Komponente einer Präsenz, eine Gemütsverfassung bis hin zum Auflehnen, was hier Bildeigenes beiträgt. Abzuwägen wäre wohl noch das Aussageverhältnis von "bedeckt" und "vergessen." Ich hoffe, das ist jetzt alles etwas verständlicher geraten.
... geschrieben von Horst Ludwig,
November 15, 2009
Meines Erachtens versucht der Text zuviel. Was seine Sprache mir in der schriftlichen Form hier hergibt, ist dies: Da ist eine Pyramide, immerhin ein mächtiges dauerhaftes Menschenwerk; aber sie ist durch die noch weit mehr Zeit überdauernde Natur bedeckt worden und deshalb vergessen. Aber sie ist trotzdem noch da, als sie selbst zwar nur, nicht als Teil des menschlichen Lebens der Gegenwart. Doch letzteres stimmt wohl nicht ganz; sie ist irgendwie doch noch da, Ausrufezeichen. Und dann bekommen wir noch "tobendes Sandkorn", welches wir sowohl als ein einzelnes kleinstes Steinchen, das trotz seiner Kleinheit offenbar in großer Bewegung großen Einfluß hat, als auch als Kollektivum unzähliger vieler davon verstehen können. Das Ganze unter der Leseanleitung "Lebensfreude", die aber eigentlich ja nicht zum Haiku gehört, denn Haikusprache ist am besten, wenn sie ins Leben des Lesers einfach etwas darstellt und nicht für oder gegen etwas argumentiert. (Letzteres 17 Silben aufbürden zu wollen, ist ziemlich sicher zum Scheitern verurteilt.) Und hier gleich stimmt etwas nicht: Diese Pyramide ist zwar bedeckt, aber eben nicht vergessen; denn für den Autor ist sie ja "doch da!" Selbst wenn ich eine langsame Wiederentdeckung durch den Autor in der eigentlich ganz interessanten Sequenz "vergessen", aber nur weil "bedeckt", denn in Wirklichkeit "doch da" aus dem Text herauslese, fühle ich mich lediglich belehrt, aber nicht eigentlich in die Betrachtung eines ja wirklich großen Geschehnisses hineingezogen. Denn daß es sich hier um ein wirklich großes Geschehnis handelt, ist jedem Beobachter klar; und bei dieser einfachen Klarheit stört eigentlich das expressionistische "tobend" als Attribut zum Sandkorn. Ein "gleitendes" Sandkorn täte es auch und entspräche wohl mehr dem, was der Text zur Sprache bringen will.
... geschrieben von Klaus Stute,
November 15, 2009
Tobende Sandkörner pflegen doch schon mal Dinge zu bedecken, als dieselben auch irgendwann wieder frei zu geben - wobei der Wind ihnen bekanntlich auf die Sprünge helfen muss.
Ich habe bei dem Ausruf "doch da!" die Betonung nicht auf "doch", sondern auf "da" gelegt und das haiku als große Entdeckung oder Licht aufgehen verstanden - bzw. als Träumen davon. Die Überschrift hätte m.E. also nicht "Lebensfreude", sondern Entdeckerfreude heißen müssen. Und das haiku wäre damit eine Aufmunterung an alle anderen Schatzsucher, also an den Leser.
Oder sollte es ein Glückwunsch sein? Soeben fündig geworden... :-) Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
November 15, 2009
Lieber Markus, gerade entdecke ich, daß hier Deine Beiträge gelöscht sind. Dabei war ich bei Deinem sehr interessanten Gedankensatz noch auf Deine Fortsetzung gespannt. LG Beate
... geschrieben von Markus Sulzberger,
November 16, 2009
Hallo Beate - das war in einem anderen Gedankengespinnst, 'die deutschan Haiku':
zunächst herzlich willkommen im Luxarium . Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude an den Haiku !
Zwar bin ich kein guter Kommentator , aber da ich nicht möchte , dass Dein Beitrag ganz unbeantwortet stehen bleibt , könnte ich Dir vielleicht wenigstens sagen , was mir aufgefallen ist :
Haiku haben üblicherweise keine Überschrift. Durch das Stichwort "Lebensfreude"z.B. nimmst Du dem Leser vorweg , was er eigentlich nach der Lektüre Deines Textes selbst denken oder empfinden kann / soll. Dieser sog. "Nachhall" im Kopf des Lesers ist der Witz beim Haiku; nicht selten geht er zur Überraschung des Autors in eine ganz andere Richtung , als er sich vorgestellt hatte. Dann kann es richtig spannend werden . Also nie den Nachhall vorwegnehmen!
In Zeile 2 Deines Textes finde ich den Ausruf "- doch da!" missverständlich.
Wahrscheinlich meinst Du : Trotz Vergessenheit und Versandung ist die P. immer noch vorhanden, "lebt" noch( wenn man die Überschrift interpretativ mit einbezieht ). Man könnte aber auch das "Doch da" auf die 3. Zeile beziehen , etwa im Sinne " Da : Plötzlich ein tobendes Sandkorn..." ; ich gebe zu , dass diese Variante wenig für sich hat , beim Lesen hat sie sich mir aber , so unsinnig ein einzelnes tobendes Sandkorn auch erscheinen mag , doch aufgedrängt und zu einigem Kopfschütteln geführt.
Vielleicht darf ich einen Vorschlag machen :
Die Pyramide -
vergessen , im Sandsturm schlummernd
seit Jahrtausenden.
Das entspricht silbenmässig nicht dem 5 - 7 - 5 Schema ; dies wird aber heutzutage nicht mehr überall so recht ernst genommen. Seine Einhaltung ist Entscheidung des einzelnen Autors. Die Interpunktion ist oft streitig ; am besten sollte sie den üblichen Regeln entsprechen.
Weitere Tips und Anregungen findest Du z.B. auf der Seite haiku-heute.de reichlich.
Grüße , Hans.