... geschrieben von Beate M. Conrad,
March 02, 2008
[Die Glocken tönen / von der alten Ostseestadt / Flucht in die Märznacht]
Hier sind einige meiner Assoziationen und Gedanken zu diesem äußerst gehaltvollen Haiku:
Eine Glocke (und dann noch mehrere) klingen nicht in einem reinen Ton, sondern ihr Klang setzt sich aus mehreren Zusammen, die in bestimmten (Ton-) Verhältnis (Intervallen) zueinander stehen. Sie TÖNEN: Und das scheint mir hier fast buchstäblich farb- und stimmungsweisend zu sein: Hier überlagern sich die vielfältigen Töne und Klänge des im Haiku Dargestellten bzw. des Evozierten.
Es beginnt mit einem einfachen Hör- und Sehbild der Glocken. Glocken tönen nur zu außergewöhnlichen Tagen und zu besonderen Ereignissen. Spontan kommt mir Adalbert Stifters Erzählung "Granit" in den Sinn: Die Glocken tönen hier und da: "In dem Augenblike gleichsam wie durch die Worte hervor gerufen, tönte hell klar und rein mit ihren deutlichen tiefen Tönen die große Gloke von dem Thurme zu Oberplan. [...]. 'siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit vernehmlichen Worten, wie gut und wie glüklich und wie befriedigt wieder alles in dieser Gegend ist.'" Das könnte der erste Eindruck sein - nur die Gegend nicht in Böhmen, sondern die alte Ostseestadt, die ich ganz spontan mit Danzig assoziiere. Eine Stadt, die durch ihre Bauwerke und als Handels- und Hafenstadt sowie mit dem Schiffsbau beeindruckt(e). Hier wird also auch die "Prächtigkeit" dem Leser vor Augen geführt. Und eine Stadt mit einer langen, bewegten Geschichte, die bis zu den Völkerwanderungen der Goten zurückreicht. Eine Geschichte, die wohl kaum ein anderer kürzer zusammengefaßt hat als Gunter Grass in seiner "Blechtrommel". Dort in Danzig tönten die Glocken zu freudigen als auch sehr ernsten Ereignissen von Flucht, Besiedelung, Prachtbauten, Leben, Krankheit und wieder Flucht und Eroberung von den verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten (Goten, Slawen, Dänen, Deutsche, Russen, Polen) die Geschichte hindurch bis in die heutige Zeit. Die Glocken lassen eine Vielschichtigkeit an Themen wie Macht, Unterdrückung, aber auch Freiheit, Kunst und Wohlstand anklingen. Diese Vielfalt der Ereignisse wird mit dem letzten Segment auf eine bestimmte Zeit in mehrfacher Hinsicht fokussiert als Jahreszeit (als Übergang vom Winterende in den Frühling) und als Tages- bzw. als Nachzeit. Die Nacht macht das Tönen der vielen Glocken besonders eindrücklich und dunkel im Klang. Es setzt ein Signal: hier ein Notsignal zur Flucht. Ende März 1945 wurde Danzig von der Roten Armee belagert und erobert, dabei sind größte Teile der Innenstadt zerstört worden. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein altes Kinderlied, das ich selbst noch lernte: "Flieg, Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg, deine Mutter sitzt im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, flieg Maikäferchen flieg." Diese Variation, die auf das Maikäferlied von Achim von Arnim aus dem 3. Bd. der Liedsammlung (von Arnim & Bretano) "Des Knaben Wunderhorn":
"Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg! Dein Häuschen brennt, Dein Mütterchen flennt, Dein Vater sitzt auf der Schwelle, Flieg in Himmel aus der Hölle"
zurückgeht, führt die Fluchtsituation (meistens der Mütter mit Ihren Kindern) von damals vor Augen. Die Glocken tönen: höchste Lebensgefahr, die alte Ostseestadt Danzig brennt zum Ende des 2.Weltkrieges. Brände, Lärm, Kriegshandlung - die gesamte traumatische Palette des Kriegs- und der Fluchtereignisse beleben sich vor dem inneren Auge. So tönen in den Glocken und im Kinderlied, die Warnung, die Angst und die Beklemmung durch die fundamentale Existenzbedrohung. Es tönt das tatsächliche Sterben, das Durcheinander und die Ungewißheit des Auf-der-Fluchtseins mitsamt der heimatlichen Entwurzelung, Existenz- und Angehörigenverluste, die es für viele mit sich gebracht hat. Die Dunkelheit der Märznacht steht hier symbolisch für die Ereignisse, die die ältere Generation unter uns als Kinder und Jugendliche durchlebten mit der ängstlichen Frage, ob der Maikäfer ausreichend Kraft hat, selbst wenn er womöglich ganz allein, abgeschnitten von allen um Leib und Leben aus der "Hölle" fliegen/fliehen mußte.
Und doch wurde diese Stadt wieder von anderen Menschen polnischer Nationalität auf- und umgebaut und bewohnt. Ein weiteres, jüngeres Ereignis der 80er Jahre: Die Gewerkschaftsbewegung der Danziger Werft als Beginn der Widerstandsbewegung gegen die kommunistische Herrschaft und deren weiteren gesellschaftspolitischen und kulturellen Implikationen bis zur Gegenwart für Danzig und als ein erstes Signal für das, was in Osteuropa bis nach Deutschland hinein folgen sollte.
Bei aller Schwere und Beklommenheit, die das im Haikubild Dargestellte mit dem letzten Segment erhält, wird mit diesen Ereignissen jedoch auch noch ein weiterer Aspekt angesprochen, und der ist im Text wiederum in der nun bis zur Gegenwart erweiterten zeitlichen Perspektive selbst angelegt: Nach der Nacht kommt der Tag, und die Glocken verkünden wieder freundlichere Töne und Ereignisse. Vielleicht auch "kleinere", aber für uns genauso wesentliche wie es in den "Liedern aus dem Jungbrunnen", (Choralwerk von Johannes Brahms) hier im speziellen in der "Märznacht" (Op. 44, Nr. 12) semi-metaphorisch anklingt:
Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht hin! Schaurig süsses Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst! Damit wandeln sich die tiefen und schweren Glockentöne zum hoffnungsvolleren, hellen Frauenstimmengesang und machen, neben allen anderen reichlich angesprochenen Sinnen von den Augen bis zur Gänsehaut, für mich dieses Haiku zu einem ganz besonderen Hör- und Zeitereignis.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
March 02, 2008
P.S.: 1. Hier liegt auf der übertragenen Ebene in der Zerstörung und Aufgabe der Jungbrunnen zur Erneuerung. Der Frühling, der erahnbar wird.
2. Der Frauenstimmengesang bezieht sich auf das Brahmswerk: "Märznacht" ist ein à capella Gesangsstück für Frauen.
... geschrieben von Horst Ludwig,
March 16, 2008
Es erstaunt mich immer wieder, wie Beate Conrad Klangwerte in einem Haiku beschreiben kann, die einem, selbst wenn man der Autor ist, zu hohem Grade nicht einmal auffallen.
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Hier sind einige meiner Assoziationen und Gedanken zu diesem äußerst gehaltvollen Haiku:
Eine Glocke (und dann noch mehrere) klingen nicht in einem reinen Ton, sondern ihr Klang setzt sich aus mehreren Zusammen, die in bestimmten (Ton-) Verhältnis (Intervallen) zueinander stehen. Sie TÖNEN: Und das scheint mir hier fast buchstäblich farb- und stimmungsweisend zu sein: Hier überlagern sich die vielfältigen Töne und Klänge des im Haiku Dargestellten bzw. des Evozierten.
Es beginnt mit einem einfachen Hör- und Sehbild der Glocken. Glocken tönen nur zu außergewöhnlichen Tagen und zu besonderen Ereignissen.
Spontan kommt mir Adalbert Stifters Erzählung "Granit" in den Sinn: Die Glocken tönen hier und da: "In dem Augenblike gleichsam wie durch die Worte hervor gerufen, tönte hell klar und rein mit ihren deutlichen tiefen Tönen die große Gloke von dem Thurme zu Oberplan. [...]. 'siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit vernehmlichen Worten, wie gut und wie glüklich und wie befriedigt wieder alles in dieser Gegend ist.'"
Das könnte der erste Eindruck sein - nur die Gegend nicht in Böhmen, sondern die alte Ostseestadt, die ich ganz spontan mit Danzig assoziiere. Eine Stadt, die durch ihre Bauwerke und als Handels- und Hafenstadt sowie mit dem Schiffsbau beeindruckt(e). Hier wird also auch die "Prächtigkeit" dem Leser vor Augen geführt. Und eine Stadt mit einer langen, bewegten Geschichte, die bis zu den Völkerwanderungen der Goten zurückreicht. Eine Geschichte, die wohl kaum ein anderer kürzer zusammengefaßt hat als Gunter Grass in seiner "Blechtrommel".
Dort in Danzig tönten die Glocken zu freudigen als auch sehr ernsten Ereignissen von Flucht, Besiedelung, Prachtbauten, Leben, Krankheit und wieder Flucht und Eroberung von den verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten (Goten, Slawen, Dänen, Deutsche, Russen, Polen) die Geschichte hindurch bis in die heutige Zeit. Die Glocken lassen eine Vielschichtigkeit an Themen wie Macht, Unterdrückung, aber auch Freiheit, Kunst und Wohlstand anklingen.
Diese Vielfalt der Ereignisse wird mit dem letzten Segment auf eine bestimmte Zeit in mehrfacher Hinsicht fokussiert als Jahreszeit (als Übergang vom Winterende in den Frühling) und als Tages- bzw. als Nachzeit.
Die Nacht macht das Tönen der vielen Glocken besonders eindrücklich und dunkel im Klang. Es setzt ein Signal: hier ein Notsignal zur Flucht. Ende März 1945 wurde Danzig von der Roten Armee belagert und erobert, dabei sind größte Teile der Innenstadt zerstört worden.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein altes Kinderlied, das ich selbst noch lernte:
"Flieg, Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg, deine Mutter sitzt im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, flieg Maikäferchen flieg."
Diese Variation, die auf das Maikäferlied von Achim von Arnim aus dem 3. Bd. der Liedsammlung (von Arnim & Bretano) "Des Knaben Wunderhorn":
"Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg!
Dein Häuschen brennt,
Dein Mütterchen flennt,
Dein Vater sitzt auf der Schwelle,
Flieg in Himmel aus der Hölle"
zurückgeht, führt die Fluchtsituation (meistens der Mütter mit Ihren Kindern) von damals vor Augen. Die Glocken tönen: höchste Lebensgefahr, die alte Ostseestadt Danzig brennt zum Ende des 2.Weltkrieges. Brände, Lärm, Kriegshandlung - die gesamte traumatische Palette des Kriegs- und der Fluchtereignisse beleben sich vor dem inneren Auge. So tönen in den Glocken und im Kinderlied, die Warnung, die Angst und die Beklemmung durch die fundamentale Existenzbedrohung. Es tönt das tatsächliche Sterben, das Durcheinander und die Ungewißheit des Auf-der-Fluchtseins mitsamt der heimatlichen Entwurzelung, Existenz- und Angehörigenverluste, die es für viele mit sich gebracht hat. Die Dunkelheit der Märznacht steht hier symbolisch für die Ereignisse, die die ältere Generation unter uns als Kinder und Jugendliche durchlebten mit der ängstlichen Frage, ob der Maikäfer ausreichend Kraft hat, selbst wenn er womöglich ganz allein, abgeschnitten von allen um Leib und Leben aus der "Hölle" fliegen/fliehen mußte.
Und doch wurde diese Stadt wieder von anderen Menschen polnischer Nationalität auf- und umgebaut und bewohnt. Ein weiteres, jüngeres Ereignis der 80er Jahre: Die Gewerkschaftsbewegung der Danziger Werft als Beginn der Widerstandsbewegung gegen die kommunistische Herrschaft und deren weiteren gesellschaftspolitischen und kulturellen Implikationen bis zur Gegenwart für Danzig und als ein erstes Signal für das, was in Osteuropa bis nach Deutschland hinein folgen sollte.
Bei aller Schwere und Beklommenheit, die das im Haikubild Dargestellte mit dem letzten Segment erhält, wird mit diesen Ereignissen jedoch auch noch ein weiterer Aspekt angesprochen, und der ist im Text wiederum in der nun bis zur Gegenwart erweiterten zeitlichen Perspektive selbst angelegt: Nach der Nacht kommt der Tag, und die Glocken verkünden wieder freundlichere Töne und Ereignisse. Vielleicht auch "kleinere", aber für uns genauso wesentliche wie es in den "Liedern aus dem Jungbrunnen", (Choralwerk von Johannes Brahms) hier im speziellen in der "Märznacht" (Op. 44, Nr. 12) semi-metaphorisch anklingt:
Horch! Wie brauset der Sturm
und der schwellende Strom
in der Nacht hin!
Schaurig süsses Gefühl!
Lieblicher Frühling, du nahst!
Damit wandeln sich die tiefen und schweren Glockentöne zum hoffnungsvolleren, hellen Frauenstimmengesang und machen, neben allen anderen reichlich angesprochenen Sinnen von den Augen bis zur Gänsehaut, für mich dieses Haiku zu einem ganz besonderen Hör- und Zeitereignis.