Hallo Andrea, meines Erachtens ist dir hier eine wunderbare Konstellation gelungen mit vielen Ebenen:
wir haben die Schönheit, wir haben die Vergänglichkeit, wir haben die Schönheit der Vergänglichkeit und wir haben im Nachklang das immer-Wiederkehren solcher Momente.
Auf der anderen Seite steht das Verpassen, das Verlieren schöner Momente im Verlorensein in irgendwelchen anderen Dingen. Hier haben wir im Nachklang die Hintertür, dass es immer noch schönere, "traumhafte" Dinge geben kann als die, die tatsächlich gerade - zum Beispiel vor der eigenen Haustür - passieren.
Damit relativiert sich das "verloren" sein. Wir können und müssen nicht alle Dinge mitbekommen - und sind doch mittendrin. Wir haben die wunderbare Gabe, uns alles - aber auch alles - noch viel schöner zu träumen als die Realität es zu realisieren überhaupt in der Lage ist. Viele versuchen sogar, in ihren Träumen zu leben; sie geben sich ihnen auch tagsüber hin. Nur da finden sie die Ruhe, die "Mondstille", die sie benötigen. Das "verloren" ist im haiku also positiv besetzt - es ist ein gut aufgehoben sein bzw. sich fallen lassen können - auch wieder im positiven Sinne.
Am Ende des Nachhalls steht damit etwas sehr Tröstliches. Bei genauem Hinsehen haben wir nichts verpasst - weder die Mondstille geht uns verloren, noch sind wir selber verloren. Wir haben immer die Möglichkeit, am Positiven zu partizipieren - und sei es nur im Traum - und sei es nur für einen haiku-Moment lang.
Klaus
... geschrieben von hans lesener,
March 28, 2008
Ich kann mich dem Kommentar von Klaus nur anschließen , Andrea : Wunderschön , dieses Haiku. Die "mondstille Nacht" ist eine vollendet gelungene Wortschöpfung , die einem sofort den ganzen romantischen Eichendorf vor die Seele stellt, und ein bißchen auch den ganz jungen Goethe. Das "verloren" interpretiere ich im Sinne der "in Gedanken versunkenen " Seelenhirtin . "Wir haben immer die Möglichkeit, am Positiven zu partizipieren" - das gilt nicht nur für Träumer, sondern auch für ganz wache und aufmerksame Leser dieses Textes. Chapeau !!!
Hans.
... geschrieben von Andrea D Alessandro,
March 28, 2008
Guten Abend ihr beiden,
eigentlich hatte ich gedacht, dass die Kritik kommen würde, dass das Haiku viel zu abstrakt sei, dass es das Wort "mondstill" ja gar nicht geben würde und dass man das so nicht erleben könnte.
Vielleicht habe ich aber trotzdem die richtigen Worte gefunden.
Aber Goethe und Eichendorf zu erwähnen, Hans. Au weia...Da sind Welten zu meinem kleinen Text dazwischen!
Einen schönen Abend und noch schönere Träume wünsche ich euch, Andrea
... geschrieben von sonja raab,
March 28, 2008
HA!
ich wollte im ersten moment sagen: "eine nacht mit mondlärm hab ich noch nie erlebt!"
... geschrieben von sonja raab,
March 28, 2008
wobei mich das auf ideen bringt.
im mondlärm sonnengeschwemmte eisdürre stumme worte in wolkenhöhlen feuertiere lahmgetanzt und tonlos zersungen eingegraben in wasserhöhen mit blauwalen von bergen gesprungen lebenstot duft nach nichts verdummte weisheit...
... geschrieben von Heike Gewi,
March 29, 2008
Super, Sonja, Deine Lyrik "im mondlaerm" (freier Stil) - hier auch treffend angebracht, denn was scheinbar un-sinnig mit "mondlaerm" beginnt endet mit "verdummter weisheit". Sehr gute Dynamik im Gedicht durch Gegensaetze (tonlos - zersungen). Bin nur ueber "lebenstot" gestolpert. Meinst Du die Untoten? Bei Deinem Zweitberuf wuerde ich darauf tippen. Sorry, Andrea, bin hier als kurzer Ueberflieger gelandet! Der Traum hat im Haiku-Senryu seinen festen Platz. Wenn es "schrille Farben" geben kann, mag es wohl auch einen stummen/stillen Mond geben. Da aber im Haiku auf's Wahrheitsmoment gepocht wird, habe ich meine Zweifel. In jedem anderen Genre wuerde ich mich der Stille des Mondes anschliessen und hingeben. Die Maerchen, die der Mond - vermittelt durch den Mann darin - erzaehlt, kaufe ich nicht ab.
"Stille Mondnacht" und ich gehe mit Klaus' & Hans' Meinung konform.
... geschrieben von Klaus Stute,
March 29, 2008
Hallo Heike, wenn wir die "mondstille Nacht" einmal laut aussprechen, kann durchaus ein "Mond, Stille-Nacht" dabei herauskommen. Andreas haiku ist zwar kein Weihnachts-haiku, aber dieser winzige Anklang an DIE Stille Nacht gibt dem haiku m.E. eine Färbung, die die Gesamt-Rezeption prägt.
... geschrieben von hans lesener,
March 29, 2008
Hallo Andrea , nichts liegt mir ferner als hier plumpe Komplimente zu machen. Aber wenn ein Motiv wie "mondstille Nacht" auftaucht , ist es m.E. richtig, daran zu erinnern , dass solche sprachlichen Wendungen / Zusammenziehungen ihre Tradition haben , und niemand muß zusammenzucken , bloß weil Namen wie Eichendorf oder Goethe fallen . Für die Romantiker waren der Mond und die "mondbeglänzte Zaubernacht" ( Tieck )der Inbegriff der Poesie , und das ließe sich durch zahllose Zitate belegen . Der junge ( und später der sehr alte) Goethe war ein Meister im Prägen bildhafter sprachlicher Wendungen : "Füllest wieder Busch und Tal / hell mit Nebelglanz..." oder "Schon stund in Nebelkleid die Eiche/ wie ein getürmter Riese da , wo Finsternis aus dem Gesträuche / mit tausend schwarzen Augen sah ..." Wie ist das gesagt ! Und wer würde es heute wagen , Wörter wie "Nebelglanz, Nebelkleid, getürmter Riese" in einem Haiku zu verwenden? Wenn es denn aber mal gewagt wird , dann muß man auch sagen dürfen, dass ein Wendung wie "Mondstille Nacht" ( Nicht "Stille Mondnacht" , liebe Heike , das ist etwas anderes !) gut in diese Gesellschaft passt, und sei sie noch so vornehm ... Also nur keine Angst vor Klassikern! Unbefangen lesen muß man sie ! Ein literarisches Gedächtnis , das nicht weiter zurückreicht als bis zu Hermann Hesse , ist zu kurz ! Schon vor25o Jahren hieß es : "Wer wird nicht einen Klopstock loben ! Doch wird ihn jeder lesen ? Nein! Wir wollen weniger erhoben und umso mehr gelesen sein !" ( Ich hab vergessen von wem das ist). Eigentlich kenne ich z.Zt. nur eine Stelle, wo von einem Haiku-Poeten und -Sammler unbefangen und kenntnisreich mit hochrangigen Schriftstellern und Dichtern umgegangen wird, nämlich von H. Thum in seinem "Sperling" . Das ist wirklich vorbildhaft und sehr vergnüglich !
Mir ist bei dieser Gelegenheit aber noch etwas anderes aufgefallen , und zwar auf grund Deiner Äusserung, Du habest das haiku für zu abstrakt gehalten : Ich meine , der Ausdrucks - Minimalismus im Haiku kann zu wunderbaren Ergebnissen führen, aber er birgt m.E. auch die Gefahr, bei aller Konkretheit etwas "dröge" zu werden . Das trägt wohl auch zur Absonderung der Haikupoesie vom Literaturbetrieb bei ( vermute ich ). Wenn z.B einem Autor , der in einem schönen poetischen Bild seine Seemöwen "auf" dem Ruf des Muezzins fliegen lässt, mit großem Bemühen dieses Bild ausgeredet wird und letztlich eine Textfassung der gemeinsamen Kommentatoren herauskommt , die zwar immer noch gut ist , aber der m.E. der poetische Pfiff fehlt , dann finde ich das schade, aber gleichzeitig exemplarisch. Wobei ich gern einräume, dass ich selbst von Kommentatoren-Kritik immer profitiere und sie nötig habe.
Wie schön die spontane Befreiung vom Regelzwang sein kann , zeigt Sonjas schwungvoller "Mondlärm".
Andrea und Sonja - beide hatten eine Sternstunde !
Hans.
... geschrieben von Andrea D Alessandro,
March 29, 2008
Hallo zusammen,
Sonja, dieser Text ist klasse! Lass es mich mal so ausdrücken: Er bringt einen monotonen und angenehmen Klang aus dem Rhythmus und verwirbelt ihn. Als ob man einen Tropfen schwarzer Farbe in ein weisses Feld fallen lässe und drin herum rührt. Absurd und trotzdem Teil der Realität.
______
Komischerweise war dieses Erlebnis um die Zeit nach Weihnachten. So abwägig ist Klaus "Mond-Stille-Nacht" Idee gar nicht, allerdings hatte daran überhaupt nicht gedacht. Aber von Klaus ist man ja gewohnt, dass er die entferntesten Zusammenhänge aufzudecken vermag, die man selbst niemals finden würde. Gell, Klaus?
"Stille Mondnacht" passt nicht ganz zu dem Text. Es ist so, dass ich durch die "mondstille Nacht" noch einen Teil des Traumes andeuten möchte. Etwas, was nicht zu dem, was wir als Realität bezeichnen, gehört. Ich verstehe die Schwierigkeiten mit diesem Wort, aber ist es nicht so, dass wir, wenn wir versuchen einen Traum zu beschreiben, meisten gar nicht in der Lage sind, das mit unserem Wortschatz zu beschreiben? Mir geht es oft so, dass ich einen Traum ganz anders erlebe, als ich ihn erzählen kann und ich ihn mit meinen Gefühlen erlebe. Als sei das Bewußtsein während eines Traums ein ganz anderes als im Wachzustand.
Im dem von Hans zitierten Gedicht von Goethe (das ich unheimlich gerne mag) könnte ich mir vorstellen, dass ein ganz ähnlicher Gefühlszustand zu Grunde lag. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre und ein ganz besonderes Gefühl, das beim Lesen entsteht, wenn man sich darauf einlässt. Mir geht es nicht darum, besonders poetische neue Wortschöpfungen zu schaffen, sondern eine Stimmung zu erzeugen, die der nahe kommt, die ich beim Erleben empfunden habe. Und da scheint mir "mondstille Nacht" passend zu sein.
Ein Haiku von Wolfgang Beutke, das mir sehr gut gefällt, fällt mir dazu noch ein:
Mondschale – wie der Klang schwebt über den Zedern
Das hat für mich auch diese Stimmung eines Traums.
Ja, und der Hesse, der gute, alte Hesse! Ich liebe es immer wieder, wenn der irgendwo erwähnt wird
Einen schönen Abend und ein sonniges Wochenende, Andrea
... geschrieben von Heike Gewi,
March 30, 2008
Warum, Ihr Lieben, dann ueberhaupt noch die Nacht erwaehnen?
Mondstille - verloren in der Tiefe eines Traums
P.S.: Niemand ist gluecklicher als ich, dass Andrea damit durch kommt. [passt naemlich genau zu meinen Ambitionen...Danke, fuer das "Gruene Licht"!]
Heike
... geschrieben von Andrea D Alessandro,
April 01, 2008
Des Klanges wegen, Heike. Nur "mondstille" liest sich zu schnell und hört sich an wie abgebrochen. Füge ich die Nacht noch mit an, rundet es das ganze ab. Beim Lesen senkt man die Stimme. Die Tiefe wird damit schon mit dem Klang in der Stimme angedeutet.
Wo war denn hier ne Ampel? Die hatte ich doch glatt übersehen .
Andrea
... geschrieben von Horst Ludwig,
April 13, 2008
"Wir haben immer die Möglichkeit, am Positiven zu partizipieren - und sei es nur im Traum - und sei es nur für einen haiku-Moment lang." Doch'n bißchen kurz, oder? Wie wär's realo-romantisch mit "mondstille Nacht - / verloren in die Tiefe / eines Traums"?
... geschrieben von Andrea D Alessandro,
April 14, 2008
Lieber Horst,
über diesen Vorschlag lohnt es sich nachzudenken! Es verändert am Wortlaut fast nichts und ändert den Sinn des Haiku doch in eine Richtung, die mir zusagt. Dieses "verloren" verliert ein bisschen an negativem Begeschmack, der dem Wort doch ein wenig anhaftet. Mich verleitet es sogar dazu an das Wort "verliebt" oder "aufgelöst" zu denken, was auch so ein wenig eine Intention im Hintergrund war: verloren - verliebt - aufgelöst in der/die Tiefe. Aber ich möchte das nicht zu sehr zerreden, weil ich vorhabe noch einen kurzen Prosatext dazu zu schreiben.. Herzlichen Dank auf jeden Fall für Ihren Denkanstoß, den ich wohl so übernehmen werde.
Andrea
... geschrieben von Klaus Stute,
April 15, 2008
Meines Erachtens lebt das haiku von einem sanften Hinübergleiten, vom Verschwimmen des Übergangs: zwei Kreise, die sich überschneiden.
Das Überschneiden oder Verschwimmen des Übergangs wird durch die Vielschichtigkeit des Wortes "verloren" abgebildet. Dessen verschiedene Bedeutungen werden nacheinander gestreift: der Rest der mondstillen Nacht geht (mir) verloren, wenn ich schlafen gehe - und doch nehme ich etwas davon mit. Vom Verlieren des Mondes kommt man dann zur Frage des eigenen Verlorenseins, das sich aber unmittelbar als ein "etwas verlorenes Dastehen" (noch richtungslos) in der Übergangspase darstellt, und damit das Gedankenverlorene ist, mit dem man in den Traum fällt.
Genau an dieses in "die" Tiefe eines Traumes "fallen" erinnert der Vorschlag von Horst. So und nicht anders ist ja auch unser Sprachgebrauch.
Aber dieses Fallen sehe ich in Andreas haiku eher hinterfragt. Diesen Hauch von Absturz haben wir hier meiner Meinung nach nicht. Es ist doch ein sanftes Hinübergleiten in den Schlaf bzw. die Träume - mit den allseits bekannten Phasen und dem vorangegangenen letzten Blick auf den Mond.
Bei Horst lese ich zudem ein leicht anklingendes (bereits) verloren (sein), (indem ich) in die Tiefe eines Traumes (falle). Das kann natürlich nicht sein, weil die Traum- eine Erholungsphase ist und wir hier "gewinnen". Will sagen: diese Hauptbedeutung des Verlierens ist mir in Horsts Vorschlag zu stark. Es gelingt mir nicht, hier ein GEDANKEN verlorenes die-Mondstille-mitnehmen in "die" Tiefe eines Traums zu lesen.
Dass die Mondstille (selber) "verloren" hat, wenn wir abdriften, würde ich auch nicht so sehen wollen. Das wäre dann eine Art "an die" (noch viel bessere) Tiefe eines Traums verlieren oder "gegenüber" der Tiefe eines Traumes. Aber dergleichen Wertungen bzw. das Hören der Zwischentöne überlassen wir ja weitgehend den Lesern...
Ok. Dann würde ich sagen:
das haiku nochmal langsam lesen; es liest sich ja automatisch langsam
...den sanften Übergang spüren
...diesem Gedankenverlorenen nachsinnen und sich im Nachklang dieser schönen Drehung vom Verlieren zum Gewinnen hingeben.
Klaus
... geschrieben von Andrea D Alessandro,
April 19, 2008
Den Prosatext zum Haiku ist nach einigen Überarbeitungen und teilweise sehr guten Bearbeitungsvorschlägen (danke, Klaus!) jetzt fertig.
Vielleicht kann man durch den Text zum Haiku dieses jetzt besser nachempfingen. Aber es wird immer schwer bleiben, Träume oder ähnliche Zustände mit Worten zu beschreiben. Meistens bleiben wichtige Dinge dabei einfach auf der Strecke.
Herzliche Grüße, Andrea
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meines Erachtens ist dir hier eine wunderbare Konstellation gelungen mit vielen Ebenen:
wir haben die Schönheit, wir haben die Vergänglichkeit, wir haben die Schönheit der Vergänglichkeit und wir haben im Nachklang das immer-Wiederkehren solcher Momente.
Auf der anderen Seite steht das Verpassen, das Verlieren schöner Momente im Verlorensein in irgendwelchen anderen Dingen. Hier haben wir im Nachklang die Hintertür, dass es immer noch schönere, "traumhafte" Dinge geben kann als die, die tatsächlich gerade - zum Beispiel vor der eigenen Haustür - passieren.
Damit relativiert sich das "verloren" sein. Wir können und müssen nicht alle Dinge mitbekommen - und sind doch mittendrin. Wir haben die wunderbare Gabe, uns alles - aber auch alles - noch viel schöner zu träumen als die Realität es zu realisieren überhaupt in der Lage ist. Viele versuchen sogar, in ihren Träumen zu leben; sie geben sich ihnen auch tagsüber hin. Nur da finden sie die Ruhe, die "Mondstille", die sie benötigen. Das "verloren" ist im haiku also positiv besetzt - es ist ein gut aufgehoben sein bzw. sich fallen lassen können - auch wieder im positiven Sinne.
Am Ende des Nachhalls steht damit etwas sehr Tröstliches. Bei genauem Hinsehen haben wir nichts verpasst - weder die Mondstille geht uns verloren, noch sind wir selber verloren. Wir haben immer die Möglichkeit, am Positiven zu partizipieren - und sei es nur im Traum - und sei es nur für einen haiku-Moment lang.
Klaus