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Neujahrsfrost
© hans lesener   
05. 01. 2008
Im Neujahrsfrost
zwei Kolkraben.
Wandert Wotan wieder ?
Kommentare (15)Add Comment
...
geschrieben von hans lesener, January 05, 2008
Kolkraben sind wahnsinnig selten , da kann man schon nachdenklich werden, wenn welche auftauchen, schwarz und unheilvoll.

Aber eigentlich mag ich Richard Wagner nicht.

Und ausserdem frage ich mich , ob man die Überlegung "wandert er wieder, mit seinen Raben auf der Schulter?" als legitimes Haiku-Moment anerkennen kann.

Hans.
...
geschrieben von Angelika Wienert, January 06, 2008

Wagner mag ich eigentlich auch nicht...

Was du in deinem Kommentar schreibst ("...schwarz und unheilvoll..."), hat m.E. der Leser sofort im Kopf (bzw. wird sofort empfunden), wenn man "Im Neujahrsfrost/..." liest.

Den Begriff "Haiku-Moment" halte ich seit langem für problematisch (siehe Ausführungen Susumu Takiguchis).

Aber nun wird hier gefrühstückt...

Einen schönen Sonntag,
Angelika
...
geschrieben von Angelika Wienert, January 06, 2008
p.s.:
Worldhaikureview






http://www.worldhaikureview.org/2-1/whcessay_kk_st.shtml
...
geschrieben von hans lesener, January 06, 2008

Schon vor dem Frühstück -

vielen Dank , Angelika , dass Dich ein erster Streifzug durch die Haikuwelt schon so früh zu meinem Text geführt hat!
Richard Wagner stellt sich im Zusammenhang mit Raben fast automatisch ein - "Weiche Wotan , weiche ... !", auch wenn er einem sonst zu schwülstig ist.
Im Übrigen : Ich weiß , ich habe ein Theoriedefizit, bemühe mich gelegentlich, es aufzuarbeiten, habe aber meist keine Lust dazu. Die Poesie selbst interessiert mich mehr als die Wissenschaft davon, so lehrreich sie oft auch ist.
Die Frage nach dem Haiku-Moment kann m.E. manchmal ein ganz gutes
Kriterium sein , wenn man fürchtet, sich vergaloppiert zu haben.

Noch einen schönen Sonntag !
Hans.
...
geschrieben von Horst Ludwig, January 12, 2008
Ich mag Richard Wagner eigentlich schon. Seine Musik meine ich, auch die Idee des Gesamtkunstwerks, ganz sicher weniger allerdings sein Texten. Auch an seiner Lebensart gäb's bestimmt was auszusetzen. Wobei er aber auf jeden Fall auch heute noch erregend ist und hier also sogar einen Haikutext anregt. Mit meiner Einstellung würde ich deshalb den Stabreim in c nicht übertreiben und den hier finde ich übertriebenen Wotan nur pronominal zur Sprache bringen. "Im Neujahrsfrost / zwei Kolkraben. / Wandert er wieder?" wäre m. E. ein Haiku, das durchaus einiges Bedenken wert ist.
...
geschrieben von Angelika Wienert, January 13, 2008
"..."Im Neujahrsfrost / zwei Kolkraben. / Wandert er wieder?" wäre m. E. ein Haiku, das durchaus einiges Bedenken wert ist."

Ein interessanter Vorschlag.

...
geschrieben von hans lesener, January 13, 2008
Tja , Wagner -
er schafft zwiespältige Verhältnisse.
Man kann viel gegen ihn haben , aber ganz ohne ihn und ohne Tristan
geht's freilich auch nicht.
Allerdings sollte die Ironisierung der Alliteration, die mir so rausgerutscht ist, nicht übertrieben werden. Deshalb danke ich sehr
für den Vorschlag , den Göttervater hinter die Bühne zu verbannen, nur seine Raben krächzen und die Leser ein bißchen raten zu lassen. Ob denn wohl die jüngere Generation dahinterkommt ?

Für Wagner-Freunde und -Gegner hier noch ein Super-Buchtipp:
Ernst von Pidde , Der Ring des Nibelungen im Lichte des Deutschen Strafrechts ( 1944 ), gibts bei Amazon für 6.95 . Dieser Streifzug durch alle Straftatbestände -von Betrug über Raub , Mord und Inzest bis hin zu Tierquälerei ( Tötung Fafners)- ist das bei Weitem Amüsanteste und Enthüllendste, das über Wagner geschrieben worden ist , ein großes Lesevergnügen!
...
geschrieben von Heike Gewi, January 13, 2008
Mein Gedanke (ich vertrete die wohl etwas juengere Generation!) war nicht Wagner, sondern "Der Rabengesang" der Edda, der (finde ich) sehr die Runde macht unter den juengeren Germanen unter uns; Wotan = Odin [hoechster Gott und Allvater in der germanischen/nordischen Mythologie] in Verbindung mit der Identitaetssuche. Bei ausschliesslich zwei Raben fuehren die Gedanken automatisch dahin
---Rabengesang---
Die Nornen schwiegen und wandten sich ab,
Entglitten in Nebelwogen.-
Da saust es um Odin und schwirrte herab,
Zwei Vögel kamen geflogen.
Zwei Vögel im schwarzen Gewand der Nacht,
Sie schwebten um Haupt und Glieder.
Er lähmte nicht ihres Fluges Macht,
Sie setzten sich flatternd nieder;
Berührten die Schultern und hafteten bald,
Sie flüsterten Zauberklänge.
Und Odin Verstand der Worte Gewalt,
Als wären es Runengesänge.
Die Raben (Hugin und Munin)
Vernimm, Du welterschaffner Gott,
Daß wir beide Dich immer umschweben.
Wir ziehn mit Dir, wenn Hohn und Spott
Bedroh`n Dein unsterbliches Leben
Ich , Hugin, wecke Erinnerung,
Will Schlaf sie betäubend umranken.
Ich, Munin, erhalte feurig und jung
Die schaffenden Gottes Gedanken.
Entsende uns taglich um`s Weltenall,
Das jugendlich jetzt sich erbauet.
Wir bringen Dir Kunde, allüberall,
Vom Werden,daß wir erschauet.
***
Doch niemals verscheuche das Rabenpaar;
Denn wenn Erinnerung endet,Wenn der Gedanke belenbende Schar
Vom Geistesthrone entwendet,
Dann schwächst Du die hehre Gottesmacht,
Und wirst zum Untergang eilen,
Dann droht und naht die letzte Schlacht,
Du wirst das Verderben teilen.-
Wir sind des Schicksals vorfliegende Zwei,
Es haftet der Spruch an den Taten.
Bewahr Deine Gottheit und halte sie frei
Von des Unheils rächenden Saaten.
***
Und Odin, die Brust von Erregung durchwühlt,
Die Seele begeistert erweitend,
Vom Stolz gehoben, den Allmacht fühlt,
Siegstrunken den Abgrund durchschreitend,
Umflattert vom kreischenden Rabenpaar,
Hemmt plötzlich das Vorwärtsgleiten.-
Es bot sich ein Anblick, ein drohender dar;
Denn blitzschnell zu beiden Seiten
Hinsanken die schwersten Blöcke zum Grund,
Geworfen von Riesenhänden,
Sie stürzten vor ihm , erschütternd den Schlund,
Anprallend an Hohlschluchts Wänden.
***
Dicht vor ihm, das Eisstück in wuchtiger Hand,
Zum Wurf ihm im Schwunge hebend,
Kraftstrotzend, umloht vom Feuerbrand,
Heimtückisch, in Wut erbebend,
Stand Ymir, mit scheußlich verzerrtem Gesicht,
Vertiert dem Gott gegenüber;
Doch Odin schreckte der Gräßliche nicht,
Er streifte sein Auge hinüber,
Durchdringend und kalt, wie funkelnder Stahl,
Das traf bis in`s Herz den Zerstörer,
Und Odin blieb nicht des Wunsches Wahl,
Kampf bot er dem frechen Empörer. .....


...
geschrieben von hans lesener, January 13, 2008
Selbstverständlich jüngere Generation, Heike, geht gar nicht anders; und ich finde es toll, dass die beiden Raben und der alte Göttervater eine derart ausgiebige literarische Assoziation auslösen. Hat die Assoziation evtl. auch noch andere Aspekte, was die "jüngeren Germanen unter uns" angeht ?
Ich räume gern ein , dass mir der Rabengesang aus der Edda nicht bekannt war , was für jemanden, der viel mit Islandpferden zu tun hat, wohl ein eher schwaches Bild ist ... Ich hab es bisher mehr mit Sleipnir gehalten, dem achtbeinigen Götter-Pferd. Aber ich werd die Scharte auswetzen!
...
geschrieben von Horst Ludwig, January 13, 2008
Ach, die jüngere Generation?! Ach, die Alten?! Ach, die Unterschichtenschreiber?! .. Ach, die, die heute noch vorbildlich schreiben können?! .. Ach, die Kulturbanausen?! Ach, ich ... Wie schallte es doch auch aus meinem Mund, als ich noch Halbstarker war:
Ein Kind ohne Kopf,
das ist ein Krüppel sein Leben lang,
... Leben lang.
Völker, hört doch den Nachhall – und das bei nur siebzehn Silben!. Aber heute würde einem für so ein Haiku von politisch korrigierenden Gutmenschen jeden Alters und jeder Ab- und Anart das geltende Rechte mit der Faust ins Gesicht geschlagen werden. Oder hoffentlich doch nicht.
Zum Super-Buchtip: Ist "Das Alte Testament im Lichte des Deutschen Strafrechts" schon geschrieben worden? Da käme sicher auch einiges bei noch weiterem Amüsantestes und Enthüllendstes zutage. Wer hat übrigens die "jüngeren Germanen unter uns" mit diesen Rabengesangsversen amüsiert, liebe Heike? Ich möchte weiterlesen, was da noch dazugehört. Und das mit den achtbeinigen Islandpferden, das möcht ich auch noch erleben, lieber Hans Lesener, so etwa wie Fontane das mit Bismarck, womit ich mich also auch als Vertreter der wohl etwas älteren Generation zu erkennen gebe. Aber "ich bin kein, bin kein Mensch von gestern. / Nur klapp ich, klapp ich etwas nach / und bin, und bin mit Ach und Krach / ein Mensch von heute vormittach."
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geschrieben von Heike Gewi, January 14, 2008
Wie "Andere" dieses haiku lesen, interessiert mich (lt. Bauer Lehmann/Schulze/Meyer mit Ypsilon) einen feuchten Kehr[r]icht (s.Ideologische Vereinnahmungen!); Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/Runen
------------------------------
Zum Amusement; Link:
http://www.erben-odins.de/wissen.html
------------------------------
Zum Stabreim, lieber Hans: Sehr gelungen und (wie das so ist bei Satirikern, die gern alles auf die Spitze treiben und "Verfolgungen" ausgesetzt sind -jeder Art...) bezogen auf die Runen (Bezeichnungsherkunft/Ursprung) sogar passend, denn Stabreim/Alliteration = Woerter innerhalb einer Verszeile, die gleich oder aehnlich beginnen. Deine dritte Zeile, ein Prachtexemplar!

Man koennte u.U. "Kolk-" weglassen. Habe ansonsten nichts zu meckern.smilies/cheesy.gif
LG
Heike

...
geschrieben von sonja raab, January 18, 2008
CORVUS CORAX
bin begeistert.
ist der kolkrabe doch ein tier das mich seit jahren begleitet, in meinen schamanischen reisen, und als tätowierung in "haida-art" auf meinem oberarm. *smile*
und dann noch dieses wunderbare gedicht der edda, das ich noch nie gehört habe, obwohl ich hugin und munin kannte und meinen labrador damals sogar ODIN getauft habe (was mir bei einigen heiden unbeliebtsein eingebracht hat)
wie auch immer- ich finde das haiku super, frage mich aber wieso "wieder", denn odin wanderte doch IMMER (durchgehend) oder hat er irgendwann aufgehört zu wandern?
zumindest wanderte er durch die gschichte, durch viele köfpe und ist heute wie früher der schwarze ritter an der tafel in der großen halle.... rotweintrinkend und die raben auf seinen schultern sitzend, von wölfen begleitet....

liebe grüsse an alle,
sonja
...
geschrieben von Heike Gewi, January 25, 2008
Genau, Sonja!
Mit dem Wort "wieder" sehe ich nur die Bewusstmachung des Beobachters und die Relation, zu denen diese fuehrt. Deshalb hat das "wieder" durchaus eine Berechtigung. - Der Aha-Effekt, der Denkprozess, das sich Bewusstmachen von Geschichte(n) in der Gegenwart....obwohl's doch immer so war...oder?
LG
Heike
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geschrieben von Horst Ludwig, February 09, 2008
Wie andere Haiku lesen, die mich irgendwie gefangen halten, interessiert mich sehr. Und so finde ich die Neigung, diesen Text als Satire zu lesen, sehr interessant. Dazu paßt für mich als Leser allerdings das mit den Kolkraben nicht, die ja tatsächlich "wahnsinnig selten" geworden sind und deren Wiederauftauchen einen wie mich wirklich mit einer Freude erfüllt, die keinem Genuß von Satire entspringt, wohl aber den Geist in ältere Zeiten zurückführt. Den Wodan möchte ich dabei jedoch nicht gleich so im Vordergrund sehen, stabreimbestürmt wandernd und dabei von Wagner und Sonja gestützt. *Gegenwärtig* ist er aber natürlich auch, ganz klar, aber pronominal genügt mir das in diesem Zusammenhang. Darum mein Vorschlag.
...
geschrieben von hans lesener, February 10, 2008
Nochmals : Kolkraben
Weil ich sie in Deutschland für ausgestorben hielt , habe ich mich bei einem Zoologen vergewissert, der mir bestätigt hat , dass ihre Zahl in Holland, Belgien und in NRW wieder zunimmt , wohl auch im Rheinland.
Nun , da ich weiß , dass sie "echt" sind, möchte ich auf die Kennzeichnung "Kolk"-Raben im Haiku nicht verzichten.
Was meine Assoziationskette Kolkraben - Wotan - Wagner angeht , so war die wohl etwas eingleisig, die eigentlich naheliegende Edda ist mir nicht eingefallen . Vielleicht hat mich auch die Alliteration verführt ...
Wie auch immer : Das Haiku ist sicherlich offener, wenn man es nicht
durch die ausdrückliche Erwähnung von Wotan eineingt. Deshalb habe ich die Formulierung "Wandert ER wieder" gerne aufgegriffen und werde sie,
lieber Horst Ludwig, auch beibehalten. Satirisch war der Text allerdings nie gemeint.

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