... geschrieben von Gabriele Brunsch,
September 19, 2008
Lieber Rudi,
nach einer kleinen Arbeitspause klinke ich mich wieder im Luxarium ein und finde - nachdem ich René Posséls romantisches Haiku im Kommentar neu vorgefunden habe (haiku.de), dein Mond-Posaunen-Haiku.
Das erscheint mir wirklich so, wie der volle Mond bisweilen rüberkommt, so schwer, laut und groß, dass einem schier die Worte fehlen. Du hast sie gefunden.
Gratuliere. Gabriele
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 19, 2008
Liebe Gabriele,
Es freut mich, dass Dir der Text gefällt und scheinbar auch die Synästhesie rüberkam. Als ich mit meinem Hund den letzten Spaziergang machte, stand der Vollmond am Himmel und irgendwo blies einer mit Inbrunst die Posaune. In meinem Innern verband sich der Klang mit dem Mond. Ich dachte mir, vielleicht sieht der Posaunenbläser gerade auch den Vollmond.
Schönes Wochenende und vielleicht einen wundervollen Nachtspaziergang (mit Schal und Mütze) wünscht Rudi
... geschrieben von Klaus Stute,
September 20, 2008
Hallo Rudi, dieses Zusammenkommen gefällt mir gut; aber der im haiku anklingende "große Auftritt" klingt für mich ein wenig nach Zirkus: täterätää... und nun, meine serr vererrten Damen und Herren, der Mond!!
Das ist wunderbar, aber dafür bedarf es m.E. einer Trompete!
Bei Posaune denke ich eher an Jericho; an sakrale Dinge, getragen, bedächtig, langsam. Halleluja.
vollmond irgendwo eine posaune
Klaus
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 20, 2008
Hallo Klaus,
ich könnte mich jetzt natürlich herausreden: Es war aber eine Posaune und keine Trompete... Stimmt tatsächlich, aber hast Du bemerkt, dass sich durch meinen Text wie in der "Konkreten Poesie" viele o-Laute ziehen, so rund wie der Vollmond? Dafür kam mir die Posaune (ehrlich war, es war eine Posaune) gerade recht. Und die Posaunen von Jericho hatten ja eine enorme Wirkung. Sie brachten Mauern zum Einsturz. Warum soll eine Posaune heute nicht auch den Mond bewegen?
Schönes Wochenende Rudi
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 21, 2008
Die Posaune, die ist schon wichtig. Und wie getragen es da in Jericho damals oder beim einem Jüngsten Gericht in der Johannesoffenbarung zugehen könnte, das mag sich jeder ausmalen; auch wie dicht an der Ursprungserfahrung für ein Haiku dranzubleiben ist. Lieber Rudi, die Synäthesie, die kommt – meine ich – etwas weniger explizit noch recht gut rüber, sonst gefällt's mir gut:
Von irgendwo Posaunen fortissimo der Mond
Oder, wenn's nach mir ginge:
Ein paar Posaunen fortissimo von irgendwo der Mond
Da wachen die ganz normal "Nachtschlafenden" auf, aber bei dem Getöse weckt's womöglich auch die Toten und der Mond ist zwar groß, aber vielleicht auch er nun ein wenig bleich?
LG Beate
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 21, 2008
Liebe Beate,
ich habe zunächst das kleine Problem, dass sich hier bei mir ein "Gast" meldet. Ich vermute, der Gast ist Beate Conrad, aber andererseits ist der Duktus von Beate irgendwie anders, als ich es von Beate Conrad erwartet hätte. Nun gut, sei es, wer auch immer, es geht um den Text.
Von irgendwo Posaunen ...
Das ist mir nun doch sehr aufs Jüngste Gericht abgehoben. Ich hörte nur eine einzige Posaune. Der archetypische Anklang stellte sich beim Niedersetzen und Schreiben erst später ein.
"Ein paar Posaunen" ...
Das klingt mir arg heruntergespielt, umgangssprachlich.: Na ja, da haben eben ein paar Posaunen gespielt, wohl der Posaunenchor der Kirchengemeinde. Da mach ich eben mal ein Haiku draus. Den Mond bringe ich noch dazu, dann ist das Haiku fertig.
Es gab eine einzige Posaune, keinen Posaunenchor, keine organsierte Musik und den einen Mond, beide waren in ihrer Singularität genug. Sie verbanden sich in meinem Innern zu einem Paar. Der volkstümliche Posaunenchor ist mir zu profan, um ihn mit dem Vollmond zu verknüpfen.
Noch einmal zu meinem Problem: Warum lese ich, dass ein Gast sich zu Wort gemeldet hat? Hilf mir, Helferlein! Ich möchte doch sicher wissen, wer auf meinen Text einging!
Herzlichen Gruß Rudi
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 21, 2008
Sei doch nicht beleidigt, lieber Rudi. Schade ist's nämlich, steht da doch viel mehr, das Dich eher erfreuen könnte. Für den Gast kann ich nicht. Das ist gerade ein systembedingtes Problem des Forums – wird Dir hier sicherlich noch bestätigt werden. Deshalb habe ich meinen Vornamen ja schon extra dazugeschrieben. Eine Namensvetterin gibt es hier meines Wissens noch nicht. HG Beate
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 23, 2008
Ein wesentlicher Punkt, um den es zunächst geht, ist die Synäthesie, die weniger explizit ausgedrückt werden könnte (also ohne "voll"). Das wurde überlesen. Einem aufmerksamen Leser wird auch nicht entgehen, daß die entscheidende Frage, die des Grades der Deckungsgleichheit von Ausgangserlebnis und Haikudarstellung ist. Es geht nurmehr um das Wesentliche und das Übergeordnete einer Wahrnehmung eines Ausgangsereignisses, das dann in der Darstellung fokussiert und häufig auch gewandelt wird, um einen Text mit Anschauungsvielfalt und Sinngehalt zu laden. Das bestimmt die Qualität eines Textes. Und das hängt natürlich von der Autorintention und seinem Verständnis – wann immer das sich entwickelt – ab. Hinzu kommt die Qualität der Sprache, die mit Begriff, Klang, Rhythmus und mit vielem mehr Darstellung daselbst ist und weitere vermittelt. Was da vorschnell abgetan wurde, ist lebendige Alltagssprache und steigert deshalb den Erlebniswert: Stichwort Erlebnissprache. Ein paar sind mehr als eins, also zwei, vielleicht auch drei oder viele; es impliziert etwas Verstreutes oder Eingestreutes ohne Ordnung (und bleibt der Imagination des Lesers überlassen). Entsprechend lassen sich Posaunentöne unabhänging ihres einen oder vielen Ursprungs als dahingeworfene Töne (jeweils Singularitäten) wahrnehmen, die da abends oder nachts erklingen bis hin zum durchdringend Dringlichen und Ruhestörenden. Von einer Kirche oder von einem Posaunenchor ist da nirgends die Rede. Aber interessant an der Organisiertheit und Vielheit, daß in jeder Singularität eben nicht nur die bloße Singularität steckt und umgekehrt im Vielen nicht nur das Viele, sondern auch die Singularität (das ist archetypisch: siehe Märchen, Mythos und Religion); keine Ordnung ohne Chaos und umgekehrt – und das könnte hier durch prägnante Darstellung den Nachhall um einiges – nicht nur um profane Lautstärke – erweitern. Da schon weiter vorn im Austausch der Sprachklang erwähnt wurde, so könnte auffallen, daß die alliterierenden Explosivlaute "pa", "po" in a sehr gut das Anspannen und Anblasen einer Posaune abbilden; daß in b der Ton durch die Luft weitergetragen vermittels der Laute "fo, vo" und "wo"; daß sich die interdepedente Bewegung von Mond und Posaune in ihrer Intensität und in ihren Dimensionen durch die im Text durchgehend sinnverbindenden "o"-Laute ergibt und durch den unterliegenden Rhythmus gestützt wird. Vom Bild bleibt dabei völlig offen, ob es um eine zufällige Gleichzeitigkeit von Mond und Posaunenspiel geht; ob sich Mond und Posaunentöne zu einem gemeinsamen Ständchen entwickeln; ob und wo da geübt wird; einer mehr als der andere glänzt, erbleicht oder aus der Bahn gerät… Ein Bild ist nicht nur ein einziges Bild. Je mehr Dynamik es im Aufbau, in Schärfe und Unschärfe (auch als Gegensatz) besitzt, desto mehr wandelt sich das Bild in der Imagination des Lesers zu Neuem und regt entsprechend eine Vielfalt der Sinne und der übertragenen Bedeutungen an. In keinem Fall ein Grund, letztlich sein Eigen zu diskreditieren, zumal das Ensemble vom Autor daselbst gewählte wurde. Da bliebe also noch so einiges zum genauen Lesen, zum Nach- bzw. Überdenken und zu entdecken, oder man begnügt sich.
... geschrieben von Klaus Stute,
September 23, 2008
Die "Synästhesie" besteht meines Erachtens darin, dass mit Wahrnehmung des "vollen" Mondes gleichzeitig der Posaune ein Fortissimo zugedacht bzw. -gehört wird.
Ich bin oben nicht darauf eingegangen - aber es ist genau dieses Fortissimo, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog: diese Steigerung ist sehr anstrengend; sie bedarf einer anschl. Atempause. In einer Jazzband würde so ein Fortissimo auf ein kleines Solo hindeuten; danach übernimmt ein anderes Instrument die Führung.
Das heisst: dieses Fortissimo ist hier im haiku eine Ankündigung, genauer gesagt ein Tusch - für den Auftritt des Mondes.
Das gefällt mir, wie gesagt, gut, auch wenn mir das abendliche Posaunen-Fortissimo zuerst ein kleines Stirnrunzeln abverlangt hat und besagte Zirkus-Assoziation mit Trompetenstoss. "Fanfaren" fällt mir da gerade noch ein; aber ich glaube, das ist so ein Zwischending zwischen Posaune und Trompete.
Heute denke ich: die Posaune passt wunderbar zum Mond. Das Fortissimo hat für mich jetzt einen kleinen ironischen touch. Und das ist auch gut so.
Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 23, 2008
Synästhesie bezeichnet die Kopplung bzw. Mischung mehrerer Sinneswahrnehmungen als eine Wahrnehmung – hier: Sehen und Hören als Ton- und Lautstärke: fortissimo (höchste Steigerungsform von forte=laut). Und das allein wäre in der Tat imaginationsanregend. Was ist die Vorstellung eines Mondes im Fortissimo: die höchste Intensität an Licht/Helligkeit und Größe. Das ist bekanntlich der Vollmond, nur als Vollmond hat er die meiste Kraft (ca. 10% der Sonne). Dazu kommt die Konstruktion im Text selbst als ein Scharnier: d.h. fortissimo gehört vom Leseprozeß schon zu a und zu c zugleich. Ein zusätzliches "voll" nimmt die angestrebte Synästhesie zurück.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 23, 2008
P.S.: Klaus, man könnte hier natürlich auch eine Synästhesie mit voll (voll der Mond und voll klingen die Posaunentöne) aufbauen. Das hätte allerdings etwas andere Implikationen als das fortissimo. Fortissimo ist der interessantere Begriff, da er den Ton als Klangfarbe und Lichtfarbe enthält. Außerdem bedeutet forte neben ton- und lautstark auch kraftvoll. Das Entscheidende, damit der synästhetische Effekt zum Tragen kommt, denn da soll das Wahrgenommene zusammen in einer Anschauung erscheinen, ist die Verwendung von nur einem der diskutierten Begriffe.
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 23, 2008
Jetzt sind sie ja wieder leibhaftig mit ihrem Namen da, die Kommentatoren. Danke, liebes Helferlein!
Sehr interessant hat sich hier der thread entwickelt. Herzlichen Dank an Euch, Beate und Klaus.
Zu der Frage, ob man nur eine Posaune ertönen lassen soll, wie ich es erlebte, oder aber in dichterischer Freiheit Posaunen, möchte ich sagen: Irgendwo Posaunen ... Einerseits ist so die erste Zeile kürzer und prägnanter, andererseits sind eben die eine Posaune und der eine Mond in ihrer Singularität Partner. So gefallen mir die beiden zusammen besser. Sie strahlen beide füreinander und miteinander, der Mond mit Licht, die Posaune mit Klang.
Im Fortissimo und dem "vollen" Mond siehst Du eine Dopplung, liebe Beate. Du hast den gefürchteten Begriff "Dopplung" nicht erwähnt, aber so kann man es wohl doch sehen. Nun, daran habe ich ehrlich nicht beim Schreiben gedacht. Da ist was dran. Andererseits kann der Vollmond auch "piano" am Himmel stehen, verschleiert durch Wolken, durch diesiges Herbstwetter. Wenn aber der Himmel klar ist, scheint er "fortissimo". so gibt es beim Vollmond doch noch Abstufungen seiner Strahlkraft. Das bitte ich zu bedenken.
Herzlich Rudi
... geschrieben von Beate M. Conrad,
September 24, 2008
Zu Prägnanz und Kürze: Prägnanz ergibt sich zum einen durch die Vielfalt der Konnotationen eines Wortes, sein Gehalt, zum anderen durch seine syntaktische bzw. semantische Einbindung innerhalb eines Gefüges. Desweiteren tragen der Sprachklang und der Rhythmus als emotionale, assoziative und eigene Bedeutungsträger zu dieser Prägnanz bei. Die Kürze hingegen ist notwendig, um nicht vom Wesentlichen abzulenken. Und das alles verlangt Sprachpräzision. "irgendwo Posaunen" – da guckt man sich um und sucht sie mit den Augen. Bei "von irgendwo Posaunen" weiß jeder sofort, daß es um ein Hören der Posaunen geht (implizit sehe und höre ich sie), nur die Richtung, der Ort sind nicht sofort auszumachen. Du merkst, lieber Rudi, da steckt einiges mehr an erlebbarer Anschauung (auch an Bewegung der Objekte sowie des lit. Subjekts) nebst anregendem Sprachklang drin und es ist zugleich gebräuchliches Deutsch. Zudem verweist das auf der übertragenen Ebene auf ein ganz anderes "von irgendwo". Übrigens hat die Posaune im Plural gegenüber dem Mond noch weiteres für sich: Die Gegenüberstellung der Anzahl erhält in ihrer Auflösung die Bedeutung als der "Eine und die Vielen" (des Göttlichen bzw. des einen göttlichen Prinzips). Das "fortissimo" geht von seinem Gehalt über das "voll" hinaus, ist im oben erwähnten Sinn prägnant ("bedeutungsschwanger"). "voll" als Zusatz lenkt ab, weil es keinen neuen Aspekt einbringt und deshalb nicht wesentlich ist, dabei den synästhetischen Effekt (siehe genau in meinen Beitrag zuvor) abschwächend. Das "piano" des Mondes enthält Deine Konstruktion nicht, u. a. weil "fortissimo" schon alles zum höchsten gesteigert beinhaltet. Da strahlt der Mond sogleich vollauf. Und die Wolken, eine Diesigkeit als Hilfsfaktoren, die müßtest Du explizit dem Bild erst hinzufügen, denn implizit sind sie nicht vorhanden. Der volle Mond allein macht nämlich in deutschen (Kultur-) Landen und im deutschen Haiku noch keinen Herbst, nur bei den Japanern; und da geht es zunächst auch um den Mond, der das Nächtliche in besondere Helligkeit taucht, bewußt und unterbewußt Klarheit und Einsicht verleihend, das ganz ohne Diesigkeit und Wolken. Um jedoch eine gewünschte Abstufung der Intensitäten in Deinem Text zu realisieren, wäre u. a. möglich: a) Du wandeltest die höchste Steigerungsform in eine geringere wie bspw. forte oder in ein "bis zum Fortissimo" etc. um, was ja auch schon kräftig, wenngleich weniger statisch wirkte. b) Du ändertest die Wortstellung im Gesamtgefüge, siehe bspw. meinen Textvorschlag (siehe meinen 1. & 3. Kom.): Da habe ich nicht umsonst von einer gegenseitig abhängigen Bewegung gesprochen. In der Konstruktion kommt nämlich der Mond von irgendwo (noch nicht so deutlich) und erstrahlt dann erst richtig beim Fortissiomo der Posaunen. Das wird sprachklanglich durch ein Abschwellen des Drucks in der Anlautung der Konsonanten "f, v, w" als Decrescendo unterstützt. Außerdem wirkt das Mittelsegment als Scharnier, sodaß "fortissiomo" und "von irgendwo" wechselseitig auf Mond und Posaunen bezogen sind. Es ist ein Beispiel dafür, welche Bedeutung bzw. Funktion der Wortstellung in einem Gesamtgefüge zukommen kann. In dem Vorschlag dient sie "konzentrisch" der Fokussierung und der Wandlung/Bewegung des Bildes bei offener Bewegungsrichtung und Intensität. c) Du bautest den Herbstdunst o. ä. ein ...
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 24, 2008
Stoff zum Grübeln für eine Woche - Deine Kommentare, liebe Beate.
Herzlichen Dank! Rudi
... geschrieben von Angelika Wienert,
September 29, 2008
"...aber hast Du bemerkt, dass sich durch meinen Text wie in der "Konkreten Poesie" viele o-Laute ziehen, so rund wie der Vollmond? ..." (Rudi)
Gerade das gefällt mir gut!
... geschrieben von 1o2 1o2 1o2,
September 29, 2008
Danke für Deinen Kommentar, liebe Angelika.
Die Verwendung des Stilmittels, welches in der Konkreten Poesie Verwendung findet, habe ich von Dir gelernt - wie so vieles.
Herzlichen Gruß Rudi
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nach einer kleinen Arbeitspause klinke ich mich wieder im Luxarium ein und finde - nachdem ich René Posséls romantisches Haiku im Kommentar neu vorgefunden habe (haiku.de), dein Mond-Posaunen-Haiku.
Das erscheint mir wirklich so, wie der volle Mond bisweilen rüberkommt, so schwer, laut und groß, dass einem schier die Worte fehlen.
Du hast sie gefunden.
Gratuliere.
Gabriele