... geschrieben von hans lesener,
January 15, 2009
Liebe Gabriele ,
ich stehe ein bißchen ratlos vor der dritten Zeile. Obwohl ich nicht katholisch bin , ist der Ausdruck "Wandlung" für mich doch mit dem Kern der Meßfeier verknüpft. Aber sicherlich ist das von Dir nicht gemeint. Was dann ? Die vom eisigen Hauch plötzlich geröteten Wangen ? Aber die "glühen" doch eigentlich nur bei Fieber !? Kurzum , ich erkenne den "Knackpunkt " nicht. Hilfst Du mir auf die Sprünge ?
Einen guten Abend ! Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
January 15, 2009
Lieber Hans,
ich danke Dir. Ich habe die Wandlung zurück in die Jugend, Kindheit, gemeint, die sich dann vollzieht, wenn man in diesem so intensiven Augenblick, die bitterste Kälte in der Zugluft auf der Haut, darunter die Glut der Begeisterung, die Glut des Bluts durch die Anstrengung (Aufstieg, Ziehen des Schlittens), die Freude des Miteinanders da am Hang, das alles zusammen verursacht ein Zurückholen längst vergessen geglaubter Empfindungen und dann... uns sei es nur für Sekunden, vollzieht sich dieser Wandel... (und man denkt, man sei noch ein Kind!)
Liebe Grüße - und ich hoffe, ich konnte meine Gedanken erklären! Gabriele
... geschrieben von Klaus Stute,
January 16, 2009
Also eine Art kindlicher Freude. Aber es ist schon klar, dass Schlittenfahren in erster Linie eine Sache der Kinder ist. Nichts in dem haiku deutet auf Erwachsene hin.
Die Formulierung "eisiger Hauch" wird übrigens fast immer in Verbindung mit dem Tod verwendet.
Schlittenfahrt - auf den glühenden Wangen nicht eine Falte
Naja - zugegeben: immer noch grenzwertig bzw. Geschmackssache; aber die apokalyptische - oder wie sagt man angesichts dieses Rittes :-) also die Dramatik wäre schon mal halbiert, meine ich.
Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 16, 2009
Ja, die Wortwahl "eisiger Hauch" und "glühende Wandlung" fallen auf. Eisiger Hauch: Könnte damit neben der Kälte auch der sich darin abzeichnende Atem gemeint sein? Die glühende Wandlung: Das sind also die geröteten Wangen, aber auch die Kindheitserinnerungen eines nicht mehr ganz jungen literarischen Ichs. Zum weiteren Überdenken vielleicht auch:
Lange Schlittenfahrt: In der kalten Luft blühen alte Wangen auf.
oder:
Lange Schlittenfahrt: Die Luft malt Atembilder aus Kindertagen.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
January 17, 2009
Liebe Beate, lieber Klaus,
danke für Eure Kommentare. Ich bin allerdings ein wenig ratlos ob Eurer Wortfindung um den Vorgang der Wandlung zwischen Eiseshauch und Glut näher zu erläutern. Also es schaudert mich bei Worten wie:
"alte Haut" - "alte Wangen" (igitt!!!)
Ob trotz des Alters (leider wahr, so wahr und echt wie alte Haut und alte Wangen) ein solcher Wandlungsprozess, der sich ja in Sekundenschnelle vollzieht, nicht etwa ein von allem irdisch Fassbaren entfernter Prozess sein könnte, sozusagen weit ab im idealen Freiraum einer reinen, alterungslosen Idee (?) -
-:) Gabriele (:-
... geschrieben von hans lesener,
January 17, 2009
Guten Tag zusammen -
schön , dass hier wieder diskutiert wird und der Kalender nicht alle Aktivität absorbiert !
Die Reduktion von Gabrieles Haiku auf "kindliche Freude" scheint mir zu kurz zu greifen. Dies ist m.E. ganz und gar ein "Erwachsenen-Text" : Was G. beschreibt - "Glut der Begeisterung"- ist m.E. vordergründig der biochemische Vorgang, wie ihn jeder Skilangläufer oder Jogger kennt : Ich meine das Gefühl gesteigerter Körperlichkeit und die damit verbundene Ausschüttung von Endorphinen , die angstlösend , schmerzhemmend wirken , eine wohlige Stimmung erzeugen und die Wahrnehmung erhöhen. Dadurch ausgelöst stellt sich bei G. die Erinnerung an glückliche Kinderzeiten ein; für diesen Vorgang wählt sie den Begriff "Wandlung", der hier mal so stehen bleiben soll. Was passiert , ist der gleiche Vorgang wie bei Marcel Proust, wenn er sein Hörnchen in Milchkaffee taucht : Er erlebt "die wiedergefundene Zeit". Ebenso Gabriele. Bei mir lösen Salmiakpastillen solche Reaktion aus ( jedem das Seine ... ). Aber : Bleibt es bei der bloßen Erinnerung , der wiedergefundenen Zeit ? Wohl kaum. G. spricht ja auch von der "Glut des Blutes" ( ein kleines bißchen Courths-Mahler) , aber wegen der Nähe zum Begriff "Wandlung" wird man hier einen eindeutig religiösen Bezug nicht einfach verneinen können ("Dies ist mein Blut"). Das heißt m. E. : Es bleibt nicht bei dem bloßen Erinnern, dem bloßen Glücksgefühl , sondern für einen Moment - G. selbst sagt "... und sei es nur für Sekunden" - wird sie selbst wieder zum Kind , erlebt eine Ver - Wandlung , einen "von allem irdisch Fassbaren entfernten Prozess". Dabei handelt es sich nicht um eine Trance oder Absence, sondern um ein Eintauchen in eine Lebenshülle , die man längst abgelegt wähnte. ( Anmerkung :G.Chr. Lichtenberg schreibt an solchen Stellen : "Ich verstehe mich".) Ob man nun von "Wandlung" oder "Ver-Wandlung" spricht,ist vielleicht egal ; mir scheint , wegen der Vorbelastung des Begriffs "Wandlung" , der Ausdruck Verwandlung eindeutiger und angemessener zu sein.
Zum "eisigen Hauch" kann ich nichts sagen. Es ist sicher Gabrieles Entscheidung , ob sie diese Wendung stehen lassen will.
Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 17, 2009
Die Ratlosigkeit in Anbetracht der Umformulierungen, liebe Gabriele, kann ich verstehen. Denn bei diesen Versuchen verschiebt sich immer etwas der Fokus zwischen der nun entstehenden Bildaussage und Deinem innerlich Gefühlten bzw. der Vermittlung dessen. Natürlich ist es zusätzlich wesentlich, den unterschiedlichsten bzw. vielfältigen Implikationen bei der Wortwahl Rechnung zu tragen. Hier stellt sich jedoch zunächst die Aufgabe, ein anschauliches "Objekt" zu finden, das mit Deiner Aussageabsicht als klare Gestaltung korreliert. "eisiger Hauch" und "glühende Wandlung" in der Kombination vermitteln reichlich Pathos für ein schlicht beschreibendes Haiku, aber noch nicht das Wesentliche in der Darstellung des Erfahrenen. Zudem geht "glühende Wandlung", das sie zunächst ein Stirnrunzeln auslöst, von der Anschauung und damit von der tieferen Erfahrung etwas weg. Bisher erscheint die Schlittenfahrt, die Kälte und die Röte oder Glut (als körperliche und übertragene Wärme bzw. Eifer, Begeisterung) stimmig, dazu ist eine zeitliche Perspektive (damals-jetzt), die implizit zugleich die Veränderung anzeigte (und somit inhaltlich vertiefte) notwendig. Kurz meine Frage in die Runde, ist die Wandlung oder Verwandlung vielleicht etwas, das sich im Leser mit all seinen verschiedenen Ausformungen im Anschluß entfalten könnte; der Text diese "nur" vorbereitete?
... geschrieben von Klaus Stute,
January 17, 2009
Der eisige Windhauch geht m.E. nicht. Möglicherweise ist er ja "entstanden", weil der Fahrtwind wegen der Schlitten-FAHRT bzw. der Doppelung entfallen musste. Ich würde ja den Windhauch und vor allen Dingen das Eisige völlig sausenlassen, weil alles Eisige so unangenehm ist, dass darüber hinaus nahezu gar nichts mehr geht. Kälte schärft m.E. nur die Konzentration auf das Geschehen und das schnelle hinter sich Bringen desselben; da ist wenig Raum für Erinnerung an glückliche Kindertage und harmlose, also nicht-eisige Schlittenfahrten unter blauem und sonnigem Himmel...
Darüber hinaus gilt natürlich Beates Andeutung: wenn ich in einem haiku etwas zum Ausdruck bringen will, sollte ich es eher nicht so genau benennen, geschweige denn überhöhen, sondern den Leser lediglich dezent an das Gewünschte heranführen. Die besagte Fleischwerdung sollte also wohl besser in den Nachklang verschoben werden.
Eh bien - nun wird es schwierig. Von der Wortwahl her gesehen werden sich die Vorschläge vom Ausgangstext entfernen müssen. Ein Beispiel:
Schlittenfahrt - im johlenden Wind plötzlich die Kinderstimme
Klaus
... geschrieben von Beate M. Conrad,
January 18, 2009
Bei weiterem Nachdenken: Kälte und Erhitzung stecken im Ansatz schon in der Schlittenfahrt, sogar die erste Wurzel der Veränderung/Verwandlung (auf Fahrt). Das wäre als Einheit und Vielheit des literarischen Subjekts in der Zeit zu überführen:
Bei der Schlittenfahrt plötzlich wieder diese Glut der Jugendjahre
oder in c mit etwas "proustschem" Fingerzeig: verlorner Jahre.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
January 18, 2009
Schlittenfahrt- plötzlich im eisigen Hauch glühende Wandlung
Bei der Schlittenfahrt plötzlich wieder diese Glut der Jugendjahre (Beate)
Schlittenfahrt - im johlenden Wind plötzlich die Kinderstimme (Klaus)
Mein neuer Vorschlag, der sicherlich wieder nur bemüht rüberkommen mag, weil ich doch leidenschaftlich an meinem eisigen Hauch und der Wandlung festhalte:
Schlittenfahrt - im eisigen Wind Glut der Erinnerung
- Ich tue mich sichtlich schwer. Gabriele
Kommentar schreiben
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben. Bitte registrieren, wenn Sie noch kein Konto haben.
ich stehe ein bißchen ratlos vor der dritten Zeile.
Obwohl ich nicht katholisch bin , ist der Ausdruck "Wandlung" für mich doch mit dem Kern der Meßfeier
verknüpft.
Aber sicherlich ist das von Dir nicht gemeint. Was dann ?
Die vom eisigen Hauch plötzlich geröteten Wangen ? Aber die "glühen" doch eigentlich nur bei Fieber !?
Kurzum , ich erkenne den "Knackpunkt " nicht.
Hilfst Du mir auf die Sprünge ?
Einen guten Abend !
Hans.