... geschrieben von Gabriele Brunsch,
October 30, 2008
Lieber Markus,
doch, es wird getrauert. Du tust es doch offensichtlich bzw. mahnst diese Trauer an.
Bei uns gut verschlossen hinter einem Zaun zerbarst in einer privaten Streuwiese ein Apfelbaum unter der Last von Früchten. Niemand kam um zu ernten, alles verdarb.
Ich schrieb:
alter apfelbaum von seiner last zerrissen früchte verderben
Ich hatte das vorsorglich unter dem Label Non-Haiku eingestellt, weil ich mir sicher war, dass dieses 17 Silben-Konstrukt einer Haiku-Kritik nicht standhalten würde. Jetzt bin ich im Zweifel.
Ich bin sehr gespannt, welches Echo Dein Haiku auslösen wird.
Liebe Grüße von einer "um Äste trauernden" Gabriele
... geschrieben von Markus Sulzberger,
October 30, 2008
Bei uns gut verschlossen hinter einem Zaun zerbarst in einer privaten Streuwiese ein Apfelbaum unter der Last von Früchten. Niemand kam um zu ernten, alles verdarb.
Ich schrieb:
alter apfelbaum von seiner last zerrissen früchte verderben
Ich hatte das vorsorglich unter dem Label Non-Haiku eingestellt, weil ich mir sicher war, dass dieses 17 Silben-Konstrukt einer Haiku-Kritik nicht standhalten würde. Jetzt bin ich im Zweifel.
Das kommt mir bekannt vor... sehr bekannt, das könnte ich geschrieben haben, aber nicht in diesen Worten. Es ist komplett verzerrt und nict als Zitat gekennzeichnet Woher hast du das?
Markus
... geschrieben von Markus Sulzberger,
October 30, 2008
Wer weiss: möglicherweise fallen uns gerade deswegen viele Dinge ganz besonders auf, weil wir sie irgendwann schon mal gesehen haben. Das verrät uns unser Gedächtnis aber oftmals nicht. Bekanntlich sind dort ja Dinge in "tieferen" Schichten abgespeichert, auf die wir aktuell gar keinen Zugriff bzw. Einfluss haben. Die gaukeln uns vor, was sie wollen.
Da produzieren wir prima neue Ideen, erfinden ganze Räder neu... und denkste: einfach früher irgendwo schon mal gesehen... Tja. Die gern getätigte Annahme: "das kann nicht sein, sonst wüsste ich es ja" - ist biologisch einfach falsch. Wir wissen nämlich keineswegs, was unser Gehirn alles weiss. Aber wir wissen, dass das Gehirn jede Nacht neu sortiert wird und viele Dinge so tief "weggepackt" werden, dass wir sie gar nicht mehr im Blick haben können.
Also Gabriele: nimms mit Humor. Wir wissen, dass du dieses alte verkappte Selbstportrait von Markus, der damals unter der Last der von ihm gezeugten Äpfelchen am Krückstock ging und nicht wusste, wie er sich aufteilen sollte - niemals gelesen hast.
:-)
Aber Scherz beiseite und zurück zu Markus aktuellem Schnee-haiku: "niemand trauert um die abgebrochenen Äste".
Zuerst denkt man: nette Annahme. Sollte sie Widerspruch provozieren? Das hat ja dann auch funktioniert. Aber die von Gabriele gezogene Parallele zu "unter der Last" abgebrochenen Ästen war m.E. nicht ganz richtig - was ich versuchen werde, zu erklären.
Was mir ja gut gefällt, ist der im wahrsten Sinne des Wortes "verkappte" haiku-Moment. Fast hätte ich gesagt "verschneite" haiku-Moment: was unter Schnee am Boden liegt, kann ich nicht sehen - also auch nicht bedauern.
Im Nachklang stellen wir dann fest: bevor Gras über eine Sache wachsen kann, ist erstmal der Schee an der Reihe :-) Schon am zweiten Tag seines Liegens kommt er uns bekanntlich ja so bekannt vor, dass wir in vielerlei Hinsicht gern zum Abwinken neigen. Bei vielen setzt sicherlich auch mit dem ersten Schneefall das Warten auf den Frühling ein... etc.
Jedenfalls - fällt auf den zweiten Blick auf, dass die abgebrochenen Äste gar nicht unbedingt dem bösen schweren Schnee "angelastet" werden. Wer weiss, wann sie abgebrochen sind, wielange sie schon am Boden liegen - oder wieviele da abgebrochen sind. Dass Äste abbrechen können und es auch tun, muss jedenfalls nicht bezweifelt werden; und dass dann eines Tages "unweigerlich" der Schnee kommt - auch nicht. Spätestens dann ist die Frage "warum" hinfällig. Der Schnee "bedeckt" - sage ich jetzt mal fast auf haiku-deutsch - alle Fragen, alles Bedauern...
Übrigens auch alle Zweifel: viele Dinge "münden" geradezu in eine Zwangsläufigkeit bzw. die "Einsicht" einer Notwendigkeit. Wir landen nämlich schnell an dem Standpunkt: genau - der "musste" wohl auch weg. Oder: der konnte auch gut mal weg. War sicher eh schon alt - und morsch (der alte Ast) - oder: hat eh lang genug auf dem Stuhl gesessen (wenn es um Personen geht).
Tja - beim alten Caesar: diese "abgebrochenen" Äste, denen schnell keiner mehr eine Träne nachweint, haben es in sich. Das sagt zwar auch viel über uns aus...
Aber ich wage mal die These: diese Naturgesetze haben wir nicht gemacht.
Klaus
NS. Hoffentlich hab ich jetzt nicht zu schnell den Bogen gespannt (oder sagt man "überspannt") - zwischen dem haiku-Bild und ein paar, nach-meiner-Sicht möglichen haiku-Ebenen. Aber es ist hoffentlich klargeworden, dass Äste auch abbrechen, wenn wir sie abbrechen.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
October 30, 2008
Lieber Markus,
Es scheint grad so als hätte ich an meinem eigenen Ast gesägt.
Aber Spaß beiseite, Markus, ich kannte Dein Haiku nicht, denn dann hätte ich das meine nicht hier bei Dir mit solcher Selbstsicherheit eingestellt. Die Geschichte, die ich Dir auch erzählt habe, von der Streuwiese ist auch authentisch - 16.08.08 -, so erlebt. Ich habe auch ein Bild dazu, das ich Dir gerne schicke. Wäre dann ein Haiga, nicht wahr? Muss mal versuchen, ob ich das schaffe.
Wie viele Millionen Haiku schwirren durch den Äther oder auf Papier gebannt?
Folgendes Paradoxon, weil es uns immer wieder gelingt, andere bei unseren eigenen Gedanken zu ertappen, was, da wir ja alle im gleichen Kulturraum leben, die gleichen Bilder tagtäglich auf uns wirken lassen (wenn wir denn empfänglich dafür sind), nicht verwunderlich ist. Das habe ich in diesem Frühling geschrieben:
Die gleichen Bilder, immer die gleichen Worte, und doch niemals gleich...
Und auch dieser Spruch wird sicherlich so oder ähnlich schon irgendwann einmal geschrieben worden sein.
Gut, dass wir es einander sagen können, tun können wir im Vorfeld dagegen wenig. Es wird immer wieder vorkommen.
Gabriele
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
October 30, 2008
Lieber Markus,
Jetzt erst sehe ich Deinen Nachklapp:
Zitat: "Es ist komplett verzerrt und nict als Zitat gekennzeichnet Woher hast du das?"
Wie sollte ich es denn als Zitat kennzeichnen, wenn ich es doch ohne Deines je gekannt zu haben, selbst geschrieben habe. Und verzerrt ist es auch nicht, weil es doch mein Apfelbaum war, in meiner Streuwiese hinter meinem Wald, von mir so vorgefunden. Ach, es ist schlimm...
Gabriele
... geschrieben von Markus Sulzberger,
October 31, 2008
Liebe Gabriele - du solltest das Haiku nicht mehr verwenden. Das Haiku das ich über das Bild schrieb ist 5 Jahre alt und an verschiedenen Orten publiziert. Du würdest Gefahr laufen des Plagiats beschuldigt zu werden. So ist das eben. Wenn jemand anders früher auf dieselbe Idee gekommen ist - muss man es halt loslassen.
Liebe Grüsse markus
Hier der Abschnitt den ich meinte, publiziert in:
Die Tiefe das Augenblicks Essays zur Poetik des deutschprachigen Haiku Herausgeber: Andreas Wittbrod Erschienen im Hamburger Haiku Verlag
Vom Herbststurm zerrissen der Baum nun über und über mit Blüten bedeckt
Diesem Bild widmete ich einst selbst ein Haiku. Im bei uns so heissen Sommer 2003 trieben die Bäume reichlich Frucht. An meinem damaligen Wohnort überlebte jenes Jahr ein alter Apfelbaum nicht. Mitten entzweigerissen, lag er eines Morgens auf dem Gras in einem leicht abfallenden Hain zwischen anderen hochstämmigen Bäumen.
entzwei gerissen alter Apfelbaum im Hain voll reifer Früchte
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doch, es wird getrauert. Du tust es doch offensichtlich bzw. mahnst diese Trauer an.
Bei uns gut verschlossen hinter einem Zaun zerbarst in einer privaten Streuwiese ein Apfelbaum unter der Last von Früchten. Niemand kam um zu ernten, alles verdarb.
Ich schrieb:
alter apfelbaum
von seiner last zerrissen
früchte verderben
Ich hatte das vorsorglich unter dem Label Non-Haiku eingestellt, weil ich mir sicher war, dass dieses 17 Silben-Konstrukt einer Haiku-Kritik nicht standhalten würde. Jetzt bin ich im Zweifel.
Ich bin sehr gespannt, welches Echo Dein Haiku auslösen wird.
Liebe Grüße
von einer "um Äste trauernden"
Gabriele