Ein sehr meditatives Haiku , liebe Beate , wie ich finde. Ganz versunken bei leiser Musik mit dem Bleistift improvisieren, ein bißchen zeichnen, kritzeln, schraffieren - da können schon aufschlußreiche ( nicht nur für Psychologen !) Seelenlandschaften entstehen , auch solche , die nicht gezeichnet sind.
2 Anmerkungen : Statt "stiller" Musik ( contradictio in se ?) besser "leise Musik" ( was ja wohl gemeint ist )? Und vielleicht eines stärkere Zäsur nach der ersten Zeile , damit nicht hinübergelesen wird in Zeile 2, "stille Musik auf Papier... " Das sind aber nur Vorschläge. Insgesamt kann ich das Haiku sehr gut nachvollziehen!
Grüße , Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
April 30, 2009
Richtig erkannt, lieber Hans, hier geht es um den Ausdruck von (Seelen-)Innerem, das da mit Bleistift skizziert, aufgebracht wird und wiederum eigene Wirkung auf andere(s) entfaltet. Ein Malen zu Musik stellt einen Teilaspekt dar.
Zur contradictio in se: Stille Musik mag als ein Gegensatz zu "Krach" empfunden werden, beinhaltet also einen Verweis auf ihre Beschaffenheit. Im Zusammenhang mit seinen stillen Trägen, der Person (innerlich vorgestellte Musik, Bilder) und dem Papier geht's dann auch um Noten (oder andere Notationen) als ein stilles, aber doch klingendes Bild der Seele. Der Widerspruch könnte der Verstärkung des Farbtones (trotz des Bleistifts) und der Klangfarbe dynamisch dienen, meine ich.
Ferner: Es gibt zeitgenössische Komponisten der "Klassik", bspw. Vasks und Grisey, die ihre Musik als stille, dem Naturklang (wie Messiaen) mehr zugewandte Musik bezeichnen. E. S. Tüür entwirft vor bzw. beim Komponieren abstrakte Zeichnungen, die auch Notenfolgen wechselseitig bestimmen. Schuhmann bspw. hat zu nervenkranken und finanziell schwierigen Zeiten massiv laute Musik in seinem Kopf gehört und schrieb seine Kompositionen dann auf Tapete an der Wand in Ermangelung von Papier überhaupt.
Zwischenzeitlich hat sich daraus entwickelt:
Auf Tapete Bleistift-Seelenlandschaften, stille Musik ...
Vielen Dank für's Mitdenken und Gruß, Beate.
... geschrieben von hans lesener,
May 02, 2009
Vielen Dank , liebe beate, für Deine interessante ANtwort. Ich kannte zwar die geschichte von Schumanns Tapetenkritzeleien. Aber was Du über die zeitgenössischen Komponisten schreibst , ist mir neu. Und ich dachte , ich kenne mich einigermaßen aus ... J , der Bildungseffekt des LUX !! Ich werde also den Namen Tüür , Vasks und Grisey nachgehen , mal sehen , was ich finde. Auch die Unterscheidung "stille" un d "leise" Musik ist durchaus einleuchtend.
Ein vielschichtiges Haiku !
Herzl. Grüße , Hans.
... geschrieben von Klaus Stute,
May 03, 2009
Hm. Ich stehe noch etwas verunsichert vor den Fragen:
soll das haiku jetzt eine Reminiszenz an Schumann sein? Haben wir es mit einer Definition der "Stillen Musik" zu tun? Oder werden wir in erster Linie konfrontiert mit Beates Gefühl und Interpretation beim Anschauen von Bleistift-... ja was?
Mir persönlich geht die letzte Zeile doch etwas zu weit. Aber Beate provoziert anscheinend derzeit etwas bzw. sie lotet aus, wie weit sie gehen kann, nach dem Motto (siehe Maien-Kalenderblatt oben): wenn nicht Marien- sondern ganz andere Bilder vom Regen an eure Fenster genagelt werden, DANN KÖNNT IHR DAS JA SAGEN - z.B. in eigenen haiku.
Und wenn nicht Seelenlandschaften, sondern die reine, bleierne Trostlosigkeit auf euren Schmierzetteln entsteht, dann könnt ihr das doch gerne auch hier dokumentieren. Wir nehmen das dann alle zur Kenntnis.
Ja dann - bei mir sieht es derzeit so aus:
spiralendlos verschwindet der bleistift langsam im papier
:-) Klaus
... geschrieben von hans lesener,
May 03, 2009
Hallo Klaus , ich meine das Haiku hat Aspekte , die man beim bloßen Lesen nicht ganz erfassen kann. Z.B. die musikgeschichtliche /-theoretische Seite. Als Hommage nur an Schumann ist es wohl nicht gemeint. So wie ich es lese, ist die Autorin beim Hören stiller Musik ganz dem Bleistiftzeichnen hingegeben, Dass dabei u.a. auch ihre Seelenlandschaft entsteht,oder etwas, was darüber Auskunft gibt , ist sicher richtig. Ich habe mal jahrelang in einer Kommission neben einem Theologen gesessen , der kritzelte immer kleine Teufelchen ... War ihm gar nicht recht bewusst. Im Übrigen ist das Interpretieren von Zeichnungen auf Biedeckeln, Servietten etc. nicht unüblich.
Beate meint es aber wohl ernster und tiefgründiger. Nur der Sprung von ihrem Verhalten auf das anderer Musiker scheint mir nicht zwingend. Es genügt ja aber auch für das haiku, wenn ihre(!) Seelenlandschaft sich abzeichnet. Alles andere liegt beim Leser/Hörer.
Was das Ausloten angeht , lieber Klaus : Wir probieren alle immerzu etwas aus, Du doch auch. Dazu ist das Lux da. Sonst wirds langweilig. Und ab und zu kommt ein gutes haiku dabei raus. Man wird bescheiden...
Noch einen schönen Sonntag ! Hans.
... geschrieben von Horst Ludwig,
May 03, 2009
Ja, und zu Beate Conrads neuem Kalenderhaiku (weil's im Kalender ja nicht kommentiert werden kann): Leis' in den Maien der Morgenregen trommelt ein Marienlied —, ja, das ist natürlich ein ganz feines Haiku! Es reflektiert großartig die Natur und die Kultur dieses immer wieder vielversprechenden und zu Recht vielbesungenen Monats. Sprachlich gekonnt zu eindruckvoller Lautung hier: die Auslassung des End-"e" in "leise", wodurch der "s"-Laut ja stimmlos wird, der Stabreim von "Maien" und "Morgen-", die Assonanzen in jedem Segment (leis'/Maien, Morgen-/trommelt, Marienlied) und die onomatopoetischen "r" in b und c. Welch ein Klanggebilde! Einfach Klasse sowas!
... geschrieben von Beate M. Conrad,
May 05, 2009
Vielen Dank für all die anregenden Gedanken. Horst Ludwigs Analyse zu meinem Maien-Haiku habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen; so ist's gemeint. Zum Seelenlandschaftstext: "der Sprung von ihrem Verhalten auf das anderer Musiker scheint mir nicht zwingend." Lieber Hans, das ist es auch nicht. Es geht um Tongemälde, die die Seelenlandschaften eben auch verkörpern, also um das Tönen (die Bewegung) der Seele. Es geht nicht um eine Definition stiller Musik, lieber Klaus, sondern um ein Beieinandersein von Ton- und Zeichenskizze. Die Hommage an Schumann als ein kulturell verweisender Teilaspekt ist durchaus beabsichtigt. Was das Tiefere und Ernstere des Textes anbelangt, möchte ich zum Begriff der Seele bzw. der Seelenlandschaft anmerken, daß wir uns heutzutage eines relativ reduzierten, mehr psychologisch ausgerichteten Alltagsverständnisses bedienen, das jedoch erheblich durch die Kulturen mythologisch, religiös und philosophisch in seiner Bedeutung geprägt wurde. Entsprechend erweitert sich die Vorstellung zur Seelenlandschaft und das Tönen der Seele (als kreativer und verstehender Ausdruck) über die des literarischen Ichs, über den subjektiven Innenblick hinaus in die Welt(-Seele) bis hin zur Teilhabe an den Ideen als Heimat und Unsterblichkeit des Lebens und (der Künste) an sich bei gleichzeitiger Flüchtigkeit. Nochmals an alle meinen herzlichen Dank und Gruß, Beate.
P.S.: Was mir am Rande noch auffällt, wenn ich Deine verschiedenen Kommentare betrachte, dann hast Du, lieber Hans, ein ausgeprägtes Interesse und einen besonderen Zugang zur Musik?! Wunderbar.
... geschrieben von Horst Ludwig,
May 06, 2009
Liebe Beate, als ich gestern mit meiner 19 Jahre alten Tochter nach Hause fuhr, fragte ich sie, wo sie denn was von Mystik gehört hatte, denn auf der Hinfahrt früh hatte ich im Gespräch mit ihr gemerkt, daß sie davon was verstand, und ich hatte doch auf unseren vielen "Kulturreisen" mit der Familie nie darüber gesprochen (es war also nie Teil meines "Lehrprogramms" für die Kinder gewesen). Sie hatte in einem geisteswissenschaftlichen College-Seminar davon gehört (das von einem früheren Jesuiten unterrichtet wird), und sie wußte auch, daß "wir heute" fast keinen Zugang mehr zu dieser Art Welterlebnis ("Ich glaube, so daß ich besser verstehe") haben. Und sie verstand das auch, beides: daß man einiges besser versteht, wenn man mit dem Glauben beginnt, und auch, daß "uns Heutigen" dieser Eintritt in durchaus echtes Welterlebnis durch die weitere Entwicklung der Kultur erschwert ist. Das fällt mir ein, wo ich jetzt Ihr "Was das Tiefere und Ernstere des Textes anbelangt, möchte ich zum Begriff der Seele bzw. der Seelenlandschaft anmerken, daß wir uns heutzutage eines relativ reduzierten, mehr psychologisch ausgerichteten Alltagsverständnisses bedienen, das jedoch erheblich durch die Kulturen mythologisch, religiös und philosophisch in seiner Bedeutung geprägt wurde" lese. Mein kleines Erlebnis trifft zwar nicht ganz dasselbe, liegt aber doch irgendwie nahe dabei, und seine Bedeutung könnte einem vielleicht auch manches Haiku näherbringen.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
May 07, 2009
Ein treffender Gedanke, lieber Horst, im allgemeinen und hier im speziellen: So bekommt die von Hans eingangs so deutlich gefühlte Qualität des meditativen Charakters im Haiku eine ganz neue Erlebnisdimension als Ein- und Weltsicht (im fernöstlichen Kulturraum bspw. auch als Satori oder Kensho bekannt) und Teilhabe (der Seele) an der (göttlichen) Idee, an der Einheit allen Seins. Nur eine stille Regung ... stille Musik ... das sind Landschaften, nicht wahr.
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Ganz versunken bei leiser Musik mit dem Bleistift improvisieren, ein bißchen zeichnen, kritzeln, schraffieren - da können schon aufschlußreiche ( nicht nur für Psychologen !) Seelenlandschaften entstehen , auch solche , die nicht gezeichnet sind.
2 Anmerkungen : Statt "stiller" Musik ( contradictio in se ?) besser "leise Musik" ( was ja wohl gemeint ist )?
Und vielleicht eines stärkere Zäsur nach der ersten Zeile , damit nicht hinübergelesen wird in Zeile 2, "stille Musik auf Papier... "
Das sind aber nur Vorschläge. Insgesamt kann ich das Haiku sehr gut nachvollziehen!
Grüße , Hans.