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sommergras
© hans marchetto   
03. 06. 2009
sommergras -
entferne eine zecke
an meinem bein
Kommentare (9)Add Comment
...
geschrieben von hans lesener, June 05, 2009
Es kann nicht ausbleiben , dass das Stichwort "Sommergras" eine bestimmte Assoziation auslöst : Es beschwört den Bashô - Klassiker herauf "Sommergras ist alles, was geblieben ist vom Traum des Kriegers".
In diesem Kontext stellt die Erwähnung der Zecke noch eine weitere Steigerung ins Negative dar. Das wehende Sommergras ( jedenfalls stelle ich mir hier immer hohes wehendes Gras vor ) ist geradezu natürlich-schön im Vergleich mit dem blutsaugenden Ungeziefer, das gefährliche Krankheiten überträgt.
So bleibt vom Traum des Kriegers noch weniger übrig ...
Wobei man sich ja auch fragen kann, ob überhaupt Kriegerträume etwas Überliefernswertes sind und nicht besser so rasch wie möglich vergessen, am besten gar nicht erst geträumt werden sollten ?

Wie auch immer : Dies Haiku bringt den Hörer/Leser zum Nachdenken.
Und das auch in sprachlicher Hinsicht. Die 2. Zeile "entferne eine Zecke" schwankt zwichen Telegrammstil und kategorischem Imperativ . Gemeint ist sicherlich "ich entferne eine Zecke" ( um 1 Silbe länger, aber klarer).
Laut Zeile 3 sitzt die Zecke noch "an" meinem Bein. Da aber der Vorgang des Entfernens beschrieben wird,
sollte es wohl besser heissen "von" meinem Bein.

'Sommergras - / ich entferne eine Zecke / von meinem Bein ' : Dieser Text wäre auch ohne literarische
Klimmzüge interessant , nicht zuletzt durch die ausgeprägte Juxtaposition "schönes Sommergras" und
"übles Ungeziefer".

Meine Gedanken dazu.
Hans.


...
geschrieben von hans marchetto, June 06, 2009
hallo hans, tja, wenn ich schreiben würde "von meinem bein" wäre das auf mein bein ( geneuer schienbein..) bezogen falsch - die zecke gräbt sich ja ins fleisch, damit sie sich vollsaugen kann. darum *aus meinem bein".
"von meinem bein" würde auch heissen, dass das viech noch rumklettert.

was den krieger angeht- besser wäre wohl samurai - das haiku muss natürlich auch im historischen bzw. gesellschaftlichen kontext gelesen werden. aber abgesehen davon - zecke wie krieger sind für mich blutsauger, unabhänig davon, wie schön man den krieg herbei redet.
ich selber war nur kurz in der schweizerischen armee, dafür dann nochmals 6 monate im gefängniss.....

gruss hans
...
geschrieben von hans marchetto, June 06, 2009
kleiner nachtrag : es müsste wirklich heissen aus meinem bein - ich hab da einen kleinen schreibfehler gemacht.


sommergras -
entferne eine zecke
aus meinem bein
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geschrieben von hans lesener, June 06, 2009
Grüß Dich , Namensvetter -

tja , "aus" meinem Bein , da sieht man förmlich den Vorgang des Ausgrabens , der bei der Zeckenentfernung
besonders sorgfältig erfolgen muß.

Du bist übrigens der erste Schweizer , von dem ich Kritisches über die Armee höre. Alle anderen, die ich kennengelernt habe, waren recht begeistert und stolz , am meisten der General aus dem Tessin , der den
militärischen Widerstand gegen die Hitlerarmee im Fall eines Über-Falles organisieren wollte ...
Nun denn -
tempi passati !

Grüße, Hans.
...
geschrieben von Horst Ludwig, June 07, 2009
Ich würde den Text so lassen, wie er ursprünglich vorgestellt wurde. Gutes zu seinem Verständnis hat Hans Lesener schon gesagt. Allerdings: "Wobei man sich ja auch fragen kann, ob überhaupt Kriegerträume etwas Überliefernswertes sind und nicht besser so rasch wie möglich vergessen, am besten gar nicht erst geträumt werden sollten?" ist für mich eine Gutmenschenfrage. Haiku beschreiben realistisch, was für uns da ist; und derartig noch so ausmerzenswerte Träume sind nun mal da. So leben wir hin (Büchner, *Lenz*, der letzte Satz, leicht abgewandelt). — Durch einen Zusatz von "ich" in b ginge gerade die gewichtige Zweideutigkeit (Indikativ/Imperativ) verloren; die Klarheit, die durch "ich" herbeigeführt würde, zerstörte den Gutmenschenbefehl, den hier mitzugeben ja keinesfalls falsch ist. Auch die Abänderung von "an" in "aus" ist m. E. zu direkt. Die Skalpellschärfe beim "Vorgang des Ausgrabens" ist nicht nötig; — es sei denn, sie ist beabsichtigt. Aber alles, was die Diskussion zwischen Hans Lesener und dem Autor bisher an verläßlich zu diesem Text beigetragen hat, ist schon in der ursprünglichen Fassung enthalten und offen für den Leser. Oft ist es, weiß Gott, guter Rat für Haiku-*Dichter*, "bewußt Vages" erst mal klar (und niedergeschrieben!) auszudrücken und sich so der Schwächen eines Textes erst mal bewußt zu werden. Hier haben wir jedoch einen sachgerechten und daher gültigen Beitrag zur Tradition des Sommergrashaiku.

...
geschrieben von Horst Ludwig, June 07, 2009
"bisher an verläßlich": del. "an"; --> "Aber alles, was die Diskussion zwischen Hans Lesener und dem Autor bisher verläßlich zu diesem Text beigetragen hat, ist schon in der ursprünglichen Fassung enthalten und offen für den Leser."
...
geschrieben von hans lesener, June 07, 2009
OK , Freunde -
alles war schon gesagt !
Ich bin aber sicher nicht der erste hier im Lux , der auf der Suche nach dem ( d.h.nach seinem) Verständnis
eines Haiku über Dinge spricht , die anderen von vornherein klar sind.
Trotzdem kann ich mich mit der Verkürzung in Zeile 2 nicht abfinden, ich finde sie sprachlich nicht korrekt.
Und die Bemerkung über das "an meinem Bein" hat wenigstens zur Korrektur durch den Autor geführt.
Immerhin etwas...
...
geschrieben von Klaus Stute, June 11, 2009
Das "aus" gefällt mir auch nicht - es schluckt zu viel Aufmerksamkeit; "von" ginge natürlich; "an" kann m.E. aber bleiben - sollte vielleicht sogar bleiben, weil es den stärksten Anklang (Betonung auf Klang) an Sprachgewohnheiten hat: etwas "am" Bein haben heißt es doch immer. Auf weitere Anklänge komme ich unten noch. Also Zecke "an" meinem Bein - dass sie sich schon festgebissen hat und dementsprechend fachmännisch entfernt werden muss, ist ja in dem "entferne" enthalten.

Den Imperativ bzw. Aufforderungs-Charakter des haiku sehe ich hier nur sehr dezent - also mit Zurückhaltung durchschimmern. Vordergründig ist der um ein "ich" verkürzte Satz, also im Telegrammstil oder als stichworthafter Tagebucheintrag, Randbemerkung, etc. Stilistisch scheint mir das durchaus zulässig; und auch schlüssig, weil:

natürlich geht es in einem haiku über das Sommergras weder um Gras noch um die im Folgenden erwähnte Entfernung einer Zecke. Es geht ausschließlich um das Sommergras-haiku von Basho. Dieses haiku ist ja bekanntlich eines der Autoritäten, die unantastbar auf einem Sockel stehen - und denen die Aura des Unerreichten und Unerreichbaren anhaftet.

Das bedeutet, dass jegliche Erwähnung von Sommergras in nachfolgenden haiku immer ein Zitieren bzw. ein Bezug auf das Sommergras-Ur-haiku ist.

Das Besondere an dem vorliegenden haiku ist nun der Tonfall der Beiläufigkeit, der durch den verkürzten ich-Satz hervorgerufen wird. Hinzu kommt, dass Zecken eigentlich zu den Dingen gehören, die wir ignorieren - ausser, sie treten uns zu nahe; worauf bekanntlich niemand Wert legt.

Allerdings wissen wir: trotz aller Beiläufigkeit ist es mit einer Handbewegung, mit einem einfachen Wegschnippen nicht getan. Die spezifische Entfernung einer Zecke ist mit einem gewissen Aufwand verbunden - und auch mit Vorsicht zu "genießen".

Das bedeutet: trotz aller Beiläufigkeit und obwohl es ihrer eigentlich nicht würdig ist, findet die Entfernung einer Zecke stets Erwähnung.

Damit stehen wir nun vor der unvermeidlichen Projektion: was hat die Zecke mit dem Sommergras-Urhaiku zu tun. Was wird hier in wessen Nähe gerückt. Wovon befreie ich mich hier eigentlich - und fordere womöglich noch andere auf, sich zu befreien. Was haben denn andere wahrscheinlich auch "an" ihren Beinen? Zecken doch sicher eher selten. Aber Klötze oder ähnliche Belastungen vielleicht!?

haiku war das Thema. Und erschaudernd vor dem besagten Marmor-Sockel stehen. Ich sehe nicht, dass unser Blick hier nachdenklich zu dem Krieger-Thema des Original-Sommergras-haiku schweift. Und ich sehe auch nicht weiter den heutigen kleinen Blutsauger, der wahrscheinlich gar nicht richtig zum Zuge gekommen ist. Der "Gutmenschenbefehl" ist in meiner Interpretation des haiku die Aufforderung, "an" das Bein bzw. an den besagten Sockel zu pinkeln. Genau das ist nämlich m.E. im vorliegenden haiku mit erstaunlicher Schärfe erfolgt. Ich gehe allerdings davon aus: es hätte den Sockel-Inhabern gefallen!

Zum Schluss sag ich es aber nochmal etwas moderater:

die alten Geister gelegentlich mit einer schnippischen Handbewegung wegwischen und das tun, was wir nun mal am liebsten tun: das Rad selber neu erfinden.

Klaus
...
geschrieben von Klaus Stute, June 12, 2009
Da fällt mir noch ein Stichwort ein: es heißt Übervater.

Dieses haiku ist ein kleiner Stich in Richtung Übervater, den jeder Autor quasi wie einen Klotz am Bein mit sich rumschleppt. Es ist aber in erster Linie ein haiku. Das heißt: es ist nicht wirklich bösartig gemeint. Es ist lediglich lustvoll. Ich sagte ja oben mutmaßend: es hätte dem Übervater selber gefallen.

Klaus

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