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Sonnenaufgang
© Roger Le Marié   
29. 11. 2008
Sonnenaufgang
Die rote Lotusblüte
im Morgentau
Kommentare (33)Add Comment
...
geschrieben von Heike Gewi, November 29, 2008
Sonnenaufgang > Assoziation: Morgen und rot.
ergo: schenken wir uns das rot der Lotusbluete und Sonnen- in Zusammentzung.

aufgegangen
die Lotusbluete
im Morgentau

Wer kleine Sonnen darin sieht, ist mein Freund..

;-))))
...
geschrieben von Roger Le Mari, November 29, 2008
Liebe Heike,

Es muss "rote Lotusblüte" heissen. Aber

aufgegangen
die rote Lotusblüte
im Morgentau

ist eine sehr schöne, wenn nicht sogar die bessere, Variante!

Danke, Roger
...
geschrieben von Klaus Stute, November 29, 2008
Gefällt mir eigentlich auch.

Allerdings darf man nicht nach "roter Lotus" googlen. Dann landet man über der Aquariumsbepflanzung beim Namen etlicher Restaurants und diverser Vereine...

Und dann wird es langsam erschreckend, wieviele Leute sich dieses Namens bedienen - mit oder ohne Bezug auf die bekannten Symbole.

Etwas nüchterner Nachklang: in unseren haiku "bedienen" wir uns ja auch aus dem Füllhorn der chinesischen Symbole und bedienen die Leser damit. Klar: mit voller Berechtigung - und unter voller Einbeziehung der Symbolik. Allerdings verstehen wir das nicht als Beschränkung, sondern der Blick auf die chinesischen Bedeutungen ist nur ein Aspekt von vielen.

Nun - geht es in dem haiku um Bedienung und Aneignung? Um Allgemeingut? Um Teilnahme? Um den Buddhismus? Um die Vagina?

Um die rote Lotusblüte - sicher. Ein totsicheres haiku-Thema? Du siehst, Roger, haiku ist so etwas wie einen Topf aufmachen :-)

Dabei kann man nicht die Augen vor der heutigen Welt zumachen und so tun, als würden nur jahrhunderte-alte Aspekte zählen. Als Autor muss man vorher die Zutaten genau überprüft haben, sonst kommt da so ein blöder Klaus daher und erzählt einem was von einer roten Lotusblüte im Selbstbedienungsladen.

Wenigstens tut es ihm leid, an dem Lotus rumgezupft zu haben.
:-) Klaus


NS: Morgentau ist übrigens auch so ein Begriff, den viele Leute verwursten... Hier also zur Aufheiterung die Klaussche Adaption deines haiku:

Angegangen
die rote Lotusblüte
im Cafe Morgentau
...
geschrieben von Heike Gewi, November 29, 2008
Da stelle ich mir Klaus im Indianerkostuem vor...

...weil "Man geht u./od. ging an /
die rote Lotosbluete..." ist genauso indefinit wie angegangen/angeschlichen/angeschnuppert.

die Lotosbluete
im goldenen Drachenmaul
neben den Kippen

Da fehlt aber auch wieder die TAT
und wir haben es erneut mit ZUSTAENDEN zu tun.

;-))
...
geschrieben von Klaus Stute, November 29, 2008
Hm? "Etwas angehen" ist doch das genaue Gegenteil vom vorsichtigen Anschleichen. "Angegangen" heisst doch: bereits alles in die Wege geleitet.

Aber was hat das Indianerkostüm mit dem besagten roten Neon zu tun?

:-) Klaus
...
geschrieben von Heike Gewi, November 29, 2008
so viel wie Morgentau mit Winnetou

;-))
...
geschrieben von Klaus Stute, November 29, 2008
Ich glaub, ich nehm jetzt das Fahrrad.

:-) Klaus
...
geschrieben von Roger Le Mari, November 30, 2008
Spannende Frage: wieviel Ikonographie sollen / dürfen wir aus anderen Kulturen übernehmen? Und wieviel Ikonographie sollen / dürfen wir aus unserer eigenen Kultur integrieren?

Roger :-)
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 30, 2008


Lieber Klaus,

Alles gelesen, und doch nicht zufrieden. Ich denke, so wie es ganz oben
eingestellt wurde:

Sonnenaufgang
Die rote Lotusblüte
im Morgentau

...ist und bleibt es Naturgedicht und ist schön und frei von allen befremdlichen Assoziationen.

Dein Hinzuhaiku ist natürlich wieder ganz Klaus und das zwickt mich wieder, so am Sonntagmittag, zwischen Kartoffelschälen und Braten würzen.

Angemacht
die Rote Lotusblüte
im Cafe Morgentau

Nix für ungut.

Liebe Grüße
Gabriele
...
geschrieben von Klaus Stute, November 30, 2008
Womit wir denn auch noch einen Schlenker über die Geschmacksfrage gemacht hätten. Nun - bei mir ist es so: wenn mir etwas allzu beschaulich bis mittelalterlich daherkommt, dann knirscht es mir zwischen den Zähnen.

Bekanntlich waren die haiku ja selbst zu Bashôs et al Zeiten keineswegs zeitlos im Sinne von frei vom aktuellen Zeitgeschehen und Assoziationen.

Nix für ungut
Klaus
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 30, 2008
Lieber Klaus,

angekommen!

Gabriele
...
geschrieben von Roger Le Marié, November 30, 2008
Ich glaube, der Kommentar von Klaus ist berechtigt!


Trotz allem: Advocatus Diaboli stellt die Gegenfrage: Eins meiner Lieblings-Haikus ist das Folgende von Huberthus Thum:

deep snow
the silence
of bells

Gilt nicht das exakt genau gleiche, was Klaus geschrieben hat, auch für dieses Haiku?

Bilder, Symbolik, Thema zu beschaulich bis mittelalterlich?
Kulturfremde Symbolik?
Risiko von falscher oder sehr fremdartiger Deutung der Symbolik (so im Sinn von: Trotz tiefen Schnees ist die ganze Bauernfamilie in die katholische Kirche gegangen und fühlt sich beim Geläut der christlichen Glocken nicht nur aufgehoben und geborgen, sondern fast schon als "Übermenschen" zum Rest der Nicht-Christen)?

Für mich ist und bleibt Hubertus' Haiku eins der Besten, die ich je gesehen und gelesen habe, grade WEIL er etwas tiefes mit ganz einfachen Worten sagen kann. Mit Worten, die jeder kennt, die ich schon tausend mal in Haikus gelesen habe. Und dennoch hat es niemand geschafft (finde ich) so einfach und prägnant ein starkes Haiku-Moment zu modellieren.

Roger
...
geschrieben von Heike Gewi, November 30, 2008
Du gefaellst mir, Roger.

Deine Meinung und deine Thum-Interpretation,
alle Achtung!

Nur ich weiss halt sehr wenig ueber
chinesisch-japanische Symbolik.
Waehrend mir ein Maigloeckchen, Goldblumen oder
Pfingstrosen mehr sagen.
Aus diesem Grunde nur wuerde ich Dich bitten zu erlaeutern, was
die rote Lotosbluete hier symbolisiert.
Denn Morgentau ist auch ein Kigo > Herbst.
Fuer Deutschland > Fragezeichen; keine Ahnung.

Sonnenaufgang und ein neuer Tag koennen ein neuer
Anfang sein im Herbst/Herbst des Lebens. Oder aber auch die Fortsetzung der gleichen Tragoedie auf anderer Ebene.
Aber wie muss ich die rote Lotosbluete verstehen > Loesung der Tragoedie/des Konflikts oder Hoffnung?
Google bringt nicht alles ans Licht, denn Google hat Deinen Hintergrund nicht. Von einem
deutschsprachigem/schweizer Autor verfasste Texte sind moeglicherweise anders zu deuten.

Brenne auf Antwort!
Herzlich
Heike ;-))
...
geschrieben von hans lesener, November 30, 2008
Tja , Roger -
nun mal raus mit der Sprache und "Butter bei die Fische" ... !

Hans.
...
geschrieben von Roger Le Marié, November 30, 2008
Aaaaargh, grmblmbl...

Naaaaja, Heike, das ist also so (shit, jetzt hat sie mich erwischt ;-) Wie erkläre ich das am besten, was meine eigentlichen Gedanken waren... mmh, wollt ihr das wirklich wissen??

Ich weiss nich', das zerstört vielleicht mein ganzes, sorgfältig aufgebautes und gehegtes und gepflegtes Image als Braver, Netter, Anständiger (der ich in Wirklichkeit ja auch bin!)... Bürger? Mann? Vater? Zappliger Zenpriester? (*augenzwinkerzumarkusrüber*)

Alright, am besten lässt sich das vielleicht – einigermassen kindsgemäss (wie Heike sagen würde) – so erkären: ich muss zugeben, ich war inspiriert. Inspiriert von einem Haiku von Shiki. Und das geht so:

Ein Paradies ist
Die rote Lotosblüte
Dem jungen Mädchen

Shiki

(Aus "Haiku, Japanische Dreizeiler, Neue Folge", übersetzt aus dem Japanischen von Jan Ulenbrook, Reclam, Seite 50)


Na, und weil ich nicht sicher war, ob ich das Haiku WIRKLICH so verstanden hatte, wie ich es verstand, habe ich das gemacht, was uns Klaus weiter oben abgeraten hat zu machen: gegoogelt. Und da fand ich dann die Bestätigung, dass der alde Shiki es also wirklich so gemeint hat, wie ich es verstanden hatte.

Ja, und der olle Le Marié war davon so fasziniert, dass man davon zwar offen in Japan (China?) nicht reden darf aber versteckt, also versteckt sind das ganz schlimme, die Japaner.

(Macht nicht den Fehler, der mir die längste Zeit passiert ist, nämlich im Englischen zu sagen "I have a bad mind" wenn ihr eigentlich "I have a bad memory" sagen wolltet *breitesgrinsen*)
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 30, 2008
Liebe Heike,



...Morgentau - im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter als Rauhreif...

Das ganze Jahr über, außer sehr spärlich nach sehr heißen Sommernächten.

Bei der Interpretation dieses Haiku

Sonnenaufgang
Die rote Lotusblüte
im Morgentau

wie ich jetzt beim Nachforschen bei Wikipedia lesen kann, wird es nicht gelingen, auf dieser wunderschönen Blüte einen Morgentau und seine feinen Wassertröpfchen auszumachen, da ihre Blütenblätter die unglaubliche Fähigkeit haben alles abzuperlen, was sich ihnen an Flüssigkeit nähert. (sogen. Lotuseffekt!)

Da steht sie also im Wasser, die schöne Blüte und irgendwo ist Morgentau...

Lieber Markus,
Du wirst die Interpretation sicherlich bald nachliefern.
Bis bald,
Gabriele
...
geschrieben von Roger Le Marié, November 30, 2008
Oh, Gabriele, wenn ich dich jetzt enttäuscht habe... Es tut mir Leid *RogersetztwärmstesLächelnaufdaserzurVerfügunghat*
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 30, 2008
Aha, lieber Roger!
Jetzt geht die Arbeit aber erst richtig los!

Gabriele
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, November 30, 2008
Nein, nicht enttäuscht! Warum denn?

Ein wilder Mann darf doch wilde Gedanken haben - nur zu!

Aber trotzdem solltest Du das Haiku noch mal überdenken des kühlen, reinen Taues wegen...

Sollte allerdings das schönste aller schönen Mädchen im
Morgentau dem Tag begegnen, dann muss ich mir doch schwere Sorgen machen, ob das alles mit rechten Dingen zugeht, da..., oh, je, oh, je!
Sittenverfall im fernen Asien! Tststs!

:-)
Gabriele
Gabriele
...
geschrieben von Roger Le Marié, November 30, 2008
Hier also noch die (mehr schlechte als rechte) deutsche Übersetzung für all diejenigen, die nur wenig über chinesisch-japanische Symbolik wissen:

Habe ich aber schon einiges früher geschrieben, nämlich am 21. September 2004:

Schöne Rose rot
die warme Sonne öffnet
ihr den Kelch aus Samt.

Red Rose
To the warm sun it opens
its velvet calyx

(RLM, 21. September 2004
Kigo: Rose > Sommer)

...
geschrieben von Klaus Stute, November 30, 2008
Au Mann, Roger. Jetzt verwirrst du uns aber, weil du dieses Ding so ernsthaft rüberbringst.

Aber ich geh mal davon aus, dass du schon weisst, dass es eine Persiflage ist...

Und diese demonstriert haargenau, warum die Bilder heute so nicht mehr funktionieren: was für die alten Meister zweifellos neckische Anzüglichkeiten waren, über die sie gelacht haben - sind für uns heute, wenn wir das genauso machen, alberne Anzüglichkeiten, auf einer Ebene mit Kitschpostkarten. Das ist nicht nur nicht mehr unsere Sprache; wir gehen heute auch einfach ganz anders mit diesen Dingen um.

Also kurz: wenn jemand haiku als Rückbesinnung auf das Gestrige versteht, steht er mit einem Bein auf dem Holzweg. Dann passiert das, was du mit dem Shiki gemacht hast: der Rückgriff ist der Versuch einer Kopie. Diese kann man ja noch wohlwollend lesen. Aber der "Kelch aus Samt" schmeckt dagegen nach einem Verarschungsversuch, wie er gelegentlich von Schülern in den haiku-Foren plaziert wird. Klar kann man auch heute noch sexuelle Anspielungen in haiku einbauen. Aber so nicht.

Wir wollen übrigens jetzt nix durcheinanderwerfen, ja: ZITATE heisst, alte (sag ich mal) Geschichten, Kigos, Symbole etc. in meine heutigen Bilder, Geschichten, Sprache, Rede, Kontext EINZUBAUEN - also "unter anderem" anklingen zu lassen bzw. darauf zu verweisen. Eine komplette Kopie ist natürlich kein Zitat oder Verweis und wird auch kaum angelegt zu Ehren des Originals. Aber den roten Neonleuchten-Lotus, der gerade in einem Cafe Morgentau angegangen ist - und welche Halluszinationen auch immer hervorruft oder Schritte zum Nachbartisch veranlasst - den könnte man schon als scherzhaften Griff in die Zitatenkiste verstehen.

So. Was war noch? Wo war denn jetzt die Rogersche Hubertus-Interpretation? Hab ich nicht gefunden. Nur so eine schenkel-klopfende was-nicht-gemeint-war Abgrenzung.

Also dann sag ich mal, was ich gelesen habe: Hubertus greift nicht in einen Baukasten, um uns festgeschriebene Dinge anzudienen. Die Suggestion seines haiku ist ein Rütteln an unseren Erinnerungen, an den Mustern, die uns geprägt haben, die wir irgendwo ganz tief (deep) abgespeichert haben - die aber an Präsenz verloren haben (silence)... auch an Bedeutung?

Hubertus weist auf ein Schweigen hin und fragt indirekt: da war doch (früher) mal was? Vermisst es keiner? Was ist passiert? Funktioniert es nicht mehr...

Und dann rufen wir unweigerlich die alten Muster und "Zusammengehörigkeiten" ab: Schnee, Lichter, Weihnachten...

und dann hören wir es auf einmal, das Glockenläuten.

Das ist also nicht beschaulich, sondern ein Wachrütteln. Der Lotus-Effekt (pardon für den Bruch; hallo an Gabriele) - gefällt mir jetzt aber doch ganz gut! An den hatte ich gar nicht gedacht. Naja: bekanntlich kauen die Männer ja noch an der Tatsache, dass Fische keine Fahrräder brauchen. Also die Lotusblüte geht quasi unberührt aus der morgentlichen "Belagerung" seitens Tau hervor. Seine Bedeutung - eine Frage von Sekunden. Wirklich brauchen... sie nur den Sonnenaufgang. Phe...

Nichtsdestotrotz: dieses Abperlen von mehr oder weniger taufrischen Tropfen von den Blüten und Blättern dieser Welt - mit und ohne Lotuseffekt - das ist leider auch schon so oft beschrieben worden...

Also sorry, Roger: lass es.

An dieser Stelle fehlt uns jetzt Frau Wienert, die uns früher immer damit überrascht hat, wie schnell sie doch ein paar altmeisterliche oder neuzeitliche gute haiku aus dem Ärmel gezogen hat, welche allzu sichere Kommentatoren-Ausschweifungen widerlegten.

Oder sagen wir - die belegten, wie schwer es doch ist, dieses das-kann-ich-auch nochmal "originell" hinzukriegen.

Klaus

...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Danke für alle eure Kommentare!
Wow, DASS finde ich jetzt - trotz Veriss - eine spannende Diskussion!

Und Angelika kommt schon noch vorbei und hinterlässt einen Kommentar, wenn sie es für nötig finden sollte.

Lieber Gruss,
Roger
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Ich glaube, das Haiku ist einfach kein gutes Haiku.
Vielmehr gibt es wahrscheinlich nicht zu sagen.


Bleiben noch ein paar Detailfragen:

Gabriele, der Tau entsteht durch Abkühlung von Wasserdampf in der Luft. Was passiert denn mit dem Tau, der, sobald er sich gebildet hat, an den Blütenblättern abperlt? Wohin perlt der denn?

Ist Tau unter anderem nicht ein Symbol für die Vergänglichkeit? Sobald die Sonne aufgeht schwindet, sehr schnell, auch der Tau wieder. Fängt das Haiku nicht mit dem Sonnenaufgang an?

Wenn sich Tau zu einer Pfütze sammelt, ist es dann noch Tau?

Und ist eine Pfütze von der Sonne so bedroht wie feine Tauperlen?

Könnte die rote Lotusblüte auch noch andere Bedeutungen haben? Im Internet findet man z.B. auch folgenden Text: «[...] Sie steht auf einer roten Sonnenscheibe weil ihre Natur heiss und von Leidenschaft entflammt ist und auf einer roten Lotusblüte, weil sie eine reine Vision des erleuchteten Gewahrseins ist.»

Und wenn man eine Flüssigkeit auf eine abperlende Oberfläche gibt, zum Beispiel Wasser auf Teflon, berühren sich dann die beiden oder berühren sich die beiden nicht?

Fragen über Fragen...

Aber es bleibt dabei: Das Haiku ist kein Beispiel für ein gutes Haiku, das hat diese Diskussion hier deutlich gezeigt.

Roger
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Ich kann es nicht lassen: noch ein Kommentar: Wenn ich das richtig verstanden habe, kann es auch nicht der Sinn sein, dass ein Haiku-Moment erst nach stundenlanger, intellektueller Diskussion entsteht. Ich habe das immer so verstanden, dass sich ein Haiku-Moment sofort nach dem lesen des Haikus einstellen sollte.

Hokkus wurden zwar auch tradionellerweise diskutiert, mit Bemerkungen ergänzt, interpretiert, verbessert und umgeschrieben, glaube ich. Aber der Haiku-Moment sollte sich doch unmittelbar einstellen, oder? Hat da jemand noch genauere Informationen und oder Quellen?

Allein schon deshalb darf (leider, sniff) die Qualität dieses Haikus bezweifelt werden.

(Und ich schreibe das nicht, weil ich Selbstgeisselung liebe, nein, sondern weil ich an einer möglichst ehrlichen, authentischen, wahrheitssuchenden Diskussion interessiert bin.)
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Und noch was: was wahr ist muss wahr bleiben:

Heike, du hast geschrieben: "Deine Meinung und deine Thum-Interpretation,
alle Achtung!"

Dein Kompliment in ehren, das wahr sicherlich gut gemeint, Heike, aber ich glaube, Klaus hat da nicht nur eher recht mit der Bemerkung: "Wo war denn jetzt die Rogersche Hubertus-Interpretation? Hab ich nicht gefunden." ...

... sondern gibt uns noch eine wirkliche, recht schöne, (Teil-)interpretation von Thum's Haiku:

"Die Suggestion seines haiku ist ein Rütteln an unseren Erinnerungen, an den Mustern, die uns geprägt haben, die wir irgendwo ganz tief (deep) abgespeichert haben - die aber an Präsenz verloren haben (silence)... auch an Bedeutung? Hubertus weist auf ein Schweigen hin und fragt indirekt: da war doch (früher) mal was? Vermisst es keiner? Was ist passiert? Funktioniert es nicht mehr...

Und dann rufen wir unweigerlich die alten Muster und "Zusammengehörigkeiten" ab: Schnee, Lichter, Weihnachten... und dann hören wir es auf einmal, das Glockenläuten. Das ist also nicht beschaulich, sondern ein Wachrütteln."

Lieber Gruss, Roger
...
geschrieben von Heike Gewi, December 01, 2008
Roger, es ging mir um DEINE Sicht der Dinge, die interessant ist ... und gefallen hat. Darf es das nicht? Nur so lernt man doch die Haiku-Gesichter kennen.
Ansonsten stimme ich Deiner Einschaetzung zum Haiku, aus der Diskussion ableitend, zu. Liebe Gruesse in die Schweiz!

The next shot might be better ;-))
...
geschrieben von Heike Gewi, December 01, 2008
P.S.: Ich mache nie Komplimente!
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Liebe Heike,

Versteh mich nicht falsch. Ich schätze deine Kommentare. Sehr.

Bis neulich ;-)
Roger
...
geschrieben von Markus Sulzberger, December 01, 2008
Hallo zusammen

altmännerphantasien? Wie Klaus schon sagte. Ich persönlich kann nicht in jedem Beitrag irgend ein versteckte Lüsternheit entdecken. Das mögen die alten vielleicht ab und zu gemacht haben aber trotzdem wird dann gerade die Symbolik des Lotus umgedreht.

Die Lotosblüte, die weisse, ist ja ein wunderbares Symbol. Bekannt sind ja auch die Lotuswurzeln mit ihren riesigen Kanälen, mit denen Sauerstoff in die Sumpfgebiete gepumpt wird. Mit desen Wurzeln treibt die Lotusblüte durch den Sumpf und erblüht dann ausserhalb, auf dem Wasser schwimmend in der klaren Luft. Der Lotos, eine wahre Meisterleistung vollendeter Symbiose von Form und Funktion.

Mit dem assozierten roten Lotos, der bei meinen google Recherchen vorallem zu einer Hilfsorganisation analog dem roten Kreuz, dem roten Halbmond und dem roten Kristall verweist, mit Zitaten von Alfred Schweizer, ins roltlichmilleu abzurutschen, scheint mir doch eher unpassend. Das erinnert mich an Freuds Besessenheit, alles irgendwie in Zusammenhang mit der Libido zu bringen...

markus
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 01, 2008
Sexualität an sich hat nichts mit Lüsternheit zu tun. Sexualität ist ein Teil des Lebens. Die Stereotypen dazu, da geb ich Klaus und Markus (und Gabriele?) recht: die passieren in unserem Kopf. Und die können durchaus eine geschmacklose Lüsternheit beinhalten.

Ein Sonnenuntergang hat für mich nichts kitschiges. Sondern etwas unfassbar schönes. Gewisse (aber nicht alle!) Postkarten, die Mensch daraus macht finde ich aber schon auf sehr tiefem Niveau.

Gleich verhält es sich für mich mit der Sexualität:

Sexualität hat für mich nichts verwerfliches. Sondern etwas unfassbar schönes. Gewisse (aber nicht alle!) Gedichte, die Mensch daraus macht finde ich aber schon auf sehr tiefem Niveau.

Die Zen-Buddhisten sagen glaube ich: die Welt so sehen wie sie ist, nichts dazutun, nichts davon wegnehmen. Allerdings tendieren wir (oder zumindest ich) nonstop dazu in unserem Geist etwas dazuzutun oder etwas davon wegzunehmen oder es auch nur schon zu verzerren.

Womit wir beim also beim interessanten, von Klaus schon angedeuteten, Thema «Muster» wären. Muster im Kopf. Muster auf die wir ständig zurückgreifen. Dauernd.

Allerdings bin ich nicht Klaus' Meinung, dass es am «Verlust der Präsenz und Bedeutung» der Muster und Stereotypen liegt, dass wir da was «vermissen» was «da doch (früher) mal war?», sondern genau umgekehrt.

Wir sind nicht mehr fähig den Moment präsent zu leben WEIL wir die ganze Zeit im Geist alte Stereotypen abrufen. Und das ist der Grund, wieso wir diese Gefühle vermissen, die wir doch da mal hatten (bei mir zum Beispiel das Gefühl des Adventsanfangs, wo ist das hin? Die tiefe Ruhe, dieser stille Geruch nach Weihnachtsgebäck, diese Geborgenheit im Warmen vertrauensvoll zugedeckt von den grossen, weissen, weichen Flocken.)

Allein Sprache zum Beispiel ist Muster. Und zwar schon bevor sie noch geschrieben oder ausgesprochen wird.

Aber jetzt wird der Kommentar zu lang. Wen's interessiert findet hier mehr zu Geist, Haiku und Stereotypen: http://commonsense-herenow.blo...-pond.html

Roger
...
geschrieben von Klaus Stute, December 01, 2008
Sekunde: ich hab nicht gesagt, dass wir etwas vermissen, was früher mal da war. Ich hab nur rhetorisch gefragt, "ob" wir denn nichts vermissen. Die Antwort war schon immer, dass wir das ganz schnell nicht mehr vermissen, was aus unseren Augen ist. Übrigens ist es m.E. Unsinn, das zu werten; es entspricht unserer Natur.

Heute sind wir ja darauf konditioniert, dass nur das wichtig ist, was hochpoppt. Wir leben an der Oberfläche - genau: auf dem Desktop.

Dabei greifen wir nicht nur bei jeder Frage sofort zur google-Erklärung. Es wird möglicherweise auch dazu führen, dass wir uns immer weniger auf uns selber verlassen. Man muss schon ganz tief in den Schnee greifen, um die Windows, die an der Oberfläche flimmern, mal zu schliessen und sich auf andere Dinge zu besinnen.

ein haiku
poppt auf
kein thema

Tja: ist damit jetzt ein Fass aufgemacht?
:-)

Aber wenn man so will, lassen wir uns von haiku ja auch führen. Es funktioniert doch: "kein Thema" ist bekanntlich eine Floskel und heisst in der Umgangssprache "kein Problem". Wir sind sofort im Thema.

Wir suchen ständig nach neuen Anreizen bzw. bedienen auch unsererseits das System. Aber bevor jetzt alle sagen, Klaus hätte haiku definiert als "irgendein Aufpoppen und schon sind wir im Thema" - lasst uns lieber nochmal einen Blick auf Hubertus werfen, der sich gerade erbost fragt, ob ich jetzt seine Glocken habe aufpoppen lassen :-) NATÜRLICH NICHT!

"Sich auf andere Dinge besinnen" sagte ich doch gerade. Und die Glocken gehören nach den Kreuzen ja zu den stärksten Symbolen - jedenfalls in unserem Kulturkreis - die uns auf "höhere" und "wichtigere" Dinge hinweisen als unser dämliches Alltagsgeflimmere.

Die conclusio ist klar, nicht!? Wenn haiku sich nicht einreihen will in das tägliche Einerlei auf dem Desktop, dann muss es sich eine Verantwortung suchen. Und die kann doch nur sein, die wichtigen archaischen Erkenntnisse und Fragen des Lebens zu behandeln bzw. nicht verkümmern zu lassen - und nicht die offenen Schnürsenkel der Kinder; und nicht die Ereignisse zu verbraten, die wir gerade im anderen Fenster gelesen haben.

Hör ich da ein gemeinsames Aufstöhnen? Wollt ihr lieber konsumieren? Himmel ja!? Ach, ihr wollt nur spielen? In eurem Gehege.

Übrigens ist es m.E. Unsinn, das zu werten; es entspricht unserer Natur... :-)

Und jetzt legen wir uns aber schnell ganz entspannt zurück, denn wir wissen ja: ganz tief im Schnee - da läuten die Glocken. Das nimmt uns schon keiner. Und das hat Hubertus uns ja freundlicherweise klar gemacht.

OK!? Jaja - noch zu früh für frohe Weihnachtsgrüße jetzt.
:-) Klaus
...
geschrieben von Markus Sulzberger, December 02, 2008
Hallo Roger

ich glaube nicht, dass es funkioniert, d. h. ich weiss, dass es nicht funktioniert, bzw. man sieht, dass es nicht funktioniert, wenn man Erlebnisse in bildliche Form transskribiert und dann daraus ein Haiku bastelt. Meistens bleibt dann der Haikumoment und das Haikuflash auf der Strecke und alles wirkt ein bisschen bemühend. Dies ganz abgesehen davon, welche Bedeutung Sexualität für Dich hat.

markus
...
geschrieben von Roger Le Marié, December 02, 2008
Zur Morgenröte
Steht noch ein Regenbogen
Um rote Lotos.

Tadashi


Die Lotosblätter
Der Tau von dieser Welt doch
Ganz leicht gebeugt hat.

Issa


Ich bete jetzt, dass diese beiden Haikus keiner als Provokation empfindet.
Hoffe, ihr habt alle einen schönen Abend,

Roger

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