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St. Nikolaus
© Horst Ludwig   
06. 12. 2008
's Kindchen schläft ein.
St. Nikolaus zu Ruprecht:
"Sei doch leise, Mensch."
Kommentare (8)Add Comment
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geschrieben von Gabriele Brunsch, December 06, 2008
Lieber Horst,

es ist schon viel zu spät, aber das will ich schnell noch verkünden:

Das Haiku gefällt mir sehr!

Ich stelle sie mir vor, die in großartige Kostüme gesteckten Männer machen ihre Besuchsrunde in den Häusern, gut auswendig gelernt die Sprüchlein, immer mutiger werdend auf ihrer Tour (auch weil der Glühwein so gut ist!) und da wird der Ruprecht, was ja auch seine Aufgabe ist, etwas unbeholfen polternd...

Dass er "Mensch" genannt wird (Mann wäre auch möglich gewesen), ist noch ein Nebenspaß.
Unser Nikolaus ist ja schon heilig und deshalb dem Menschseinmüssen schon nicht mehr so verhaftet...

Ein wunderschönes "Nikolaus-Haiku" -

Gabriele
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geschrieben von Horst Ludwig, December 07, 2008
"Dass er 'Mensch' genannt wird (Mann wäre auch möglich gewesen), ist noch ein Nebenspaß." Das ist — das ist die Absicht — sogar der Hauptspaß, liebe Gebriele; — und vielen Dank natürlich für die begeisterte Reaktion. Ich hatte eigentlich unser Helferlein gebeten, das vorausgehende Haiku (den "Niklaus"-Text), wenn's ginge, wieder herauszunehmen; das Thema soll ja hier nicht von mir überladen werden. Aber der zweite Text, dieser hier, ist natürlich auch mit dem Hinblick auf den ersten abgefaßt worden. Völlig richtig: "Mann" wäre auch möglich gewesen und stand auch auf meinem Arbeitszettel, zuerst und lange sogar. Auf "Mensch" bin ich vor längerem mal gekommen, als ich in einer englischen Bibelübersetzung einfach "man" für das gewohnte "o man" und unser gehobenes "o Mensch" vorfand, welches ja wirklich unserem modernen und stilistisch legeren "Mensch!" oder "Mann!" entspricht; genau das ist auch in den biblischen Texten gemeint, ganz leger auf du und du mit jedem: Hör endlich mal zu und denk doch mal nach, du Idiot! ("Idiot" ist ja auch nur jemand, der nur sich selbst als Mitte der Welt erfährt ["idios"] und deshalb eben nur privatisiert, jedenfalls nicht sehr fähig ist, normal mit anderen zu reden; es ist also gar nicht als Beleidigung gemeint.) "Sei doch leise, Mensch", gilt also nicht nur dem beglühweinten Knecht Ruprecht — es gilt uns allen beglühweinten Ruprechten (Ruprecht/Rupert = durch seinen Ruhm Glänzender [engl. bright; altdeutsch: "hruod/hrod" = Schall/Ruhm]). — Sehr gut finde ich in Ihrer Verkündigung "dem Menschseinmüssen schon nicht mehr so verhaftet..." Das werde ich mir merken; es hat es in sich! — Gesegnete Adventstage Ihnen und allen hier im Lux.
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geschrieben von Beate M. Conrad, December 07, 2008
Daß der zweite "Niklaus-Text" nun herausgenommen ist, das finde ich schade, da ich zu dem Zusammenhang, - nein, natürlich zu dem von mir assoziierten - gern etwas schreiben möchte. Leider habe ich den Text nicht mehr korrekt im Gedächtnis.
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geschrieben von Horst Ludwig, December 07, 2008
Nun, der erste Text ("St. Niklaus") ging so: "St. Niklaus segnet, / und Knecht Ruprecht hat den Sack. / Wie wir's erleben!"
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geschrieben von Beate M. Conrad, December 07, 2008
Hm, das ist jetzt klasse! Wollte ich gerade meine Erinnerungsversion eintragen und nachfragen. Nun sehe ich, daß mein Gedächtnis doch funktioniert. Dankeschön! Ich melde mich hier etwas später wieder.
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geschrieben von Beate M. Conrad, December 08, 2008
"St. Niklaus segnet, / und Knecht Ruprecht hat den Sack. / Wie wir's erleben!"

C birgt die Schlüsselformulierung, die uns das Dargebotene näher Betrachten und hinterfragen läßt: Zum einen geht es um die anscheinend selbstverständliche Rollenverteilung: Der hl. Nikolaus als Bischof und Schutzpatron der Kinder, ein Himmelsbote und auf der anderen Seite, der polternde Menschengehilfe als "Erziehungsgehilfe" und Kinderschreck, der die Kinder in den Sack stecken könnte, oder dort die Rute herauszieht und den Klaps auf den rechten Fleck verteilt, wenn die Kinder nicht artig und nicht fromm genug - so wie's bspw. in Theodor Storms "Knecht Ruprecht" zu lesen steht. Also eine typische Gegenrolle zum Nikolaus. Ruprecht birgt in seinem Sack auch die weltlichen Genüsse (Apfel, Nuß und Mandelkern - oder was es heut sonst so geben mag) und Nikolaus bietet das weniger Diesseitige. Wie erleben wir's nun? Was kommt zuerst? Das Fressen oder die Moral? Vielleicht sogar die Gewaltenteilung diesseitiger und jenseitiger Reiche (zum Glück)? Zum anderen hat sich die Rolle des Ruprecht vom groben Gehilfen aber auch zum alleinigen Verteiler der Gaben und der Ruten entwickelt. Und lang davor gab es eine andere Bedeutung des Brauchs der Rute als germanische Lebensrute im Rahmen von Fruchtbarkeits- und Lebensriten: Kinder und junge Frauen wurden mit einer grünen Gerte im Winter/Frühling berührt oder geschlagen, um ihre Lebensgeister/-kraft zu wecken. Dieser germanische Brauch findet sich ins Christliche transformiert im Barbarazweig (4.12.) und in der Nikolausroute bzw. in "Knecht-Ruprecht-Knüppel-aus-dem-Sack" wieder. Wie erleben wir's: Ruprecht als gestrenger christlicher Erziehungshelfer oder als germanischer Lebenkraftbringer? Natürlich ist das auch eine besondere Frage der Kinder- oder Erwachsenenperspektive mit dem Zauber einer besonderen (Jahres-)Zeit des Er-Warten des Lichts.

Dieses rückt merklich näher beim oben eingestellten Text:

" 's Kindchen schläft ein. / St. Nikolaus zu Ruprecht: / "Sei doch leise, Mensch."

Der steht einen Schritt weitergehend als der vorherige Text, ganz in der Wohlgesonnenheit für das schlafende Kind, auch für die Unschuld des schlafenden Kindes, wo Ruprecht schweigen soll (da es nichts anzukreiden gibt, und natürlich, um 's Kind nicht zu wecken, das da im Begriff ist, einzuschlafen). Weihnachten, die Ankunft des Christkindes rückt nun dichter in den Blickwinkel mit einem assoziativen "Still, still, still, weil's Kindlein schlafen will ..." und da schon das Jubilieren des Engelschores zu hören sein mag. So zumindest im gleichnamigen Lied aus dem Salzburger Land.
Obgleich es um die Menschwerdung in der Vorausschau geht (auch Nikolaus und Ruprecht begreifen sich ja als Verkünder dessen, was da zu Weihnachten kommt), eine Szene, die nicht ganz so irdisch, sondern etwas entrückt (nicht nur schlafentrückt), sondern weniger irdisch und "dem Menschseinmüssen schon nicht mehr so verhaftet.." ist.
Dieses Zarte findet sich zugleich in Robert Schumanns Klavierminiatur: "Kind im Einschlummern" aus den "Kinderszenen": http://www.youtube.com/watch?v=fhqtJxsuvuY&NR=1
Aber auch zu beiden Texten aus seinem Album für die Jugend "Knecht Ruprecht" als beides Texte Verbindendes: http://www.youtube.com/watch?v=UmxKCgCbRV0

Ein sich spannend fortentwickelndes Bild, das sich durch die Zusammenschau beider Haiku bietet neben allerlei frischem Humor.
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geschrieben von Beate M. Conrad, December 08, 2008
Es war schon sehr spät, als ich schrieb. Darum nachgetragen:
Das Zarte, das Unschuldige und das Gleiten zwischen den Welten, das kommt in Schumanns Klavierminiatur und im Haiku zum Ausdruck. Im Haiku verschärft: Wenn Nikolaus "dem Menschseinmüssen nicht mehr so verhaftet", so ist das Kind in seiner Unschuld dem "Menschseinmüssen" noch nicht so verhaftet.
Übrigens war der Nikolaustag einst der der weihnachtlichen Bescherung, bevor alles aus interessanten Gründen im Kalender verschoben und auseinanderdividiert wurde - wie wir's heute erleben.
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geschrieben von Beate M. Conrad, December 17, 2008
['s Kindchen schläft ein. / St. Nikolaus zu Ruprecht: / "Sei doch leise, Mensch."]

Aufallend ist die klanglich wohlgefügte Entsprechung des Inhalts: Ein Abwechseln von "s" bzw. "sch"-Lauten für das Leiseseinsollen mit "ch"-Lauten des einschlafenden (atmenden) Kindes. Dazu die eingestreuten "ei" für die unterschwellig durchscheinende Wärme, Wohlgesonnenheit und Behutsamkeit auf der emotionalen Ebene.

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