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Überm dürren Land
© Beate M. Conrad   
04. 11. 2009
Überm dürren Land
feuchtkalte Nebelschwere.
Niemand sagt ein Wort.
Kommentare (5)Add Comment
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geschrieben von Horst Ludwig, November 09, 2009
Ein interessanter Text zu unangenehmer Gegenwart. Normalerweise wollen wir in der Dichtung nicht hören, was alles nicht ist, denn dann vernehmen wir nur, was dieser bestimmte Autor vermißt, und sehr häufig interessiert uns das ja gar nicht so. Wenn's danach ginge, was ich alles im Leben so vermisse, — Mann, dazu reicht Lyrik nicht aus, und die Liste als Prosaaufzeichnung wäre ebenfalls wohl höchst langweilig für die, die selbst eine ebensolange Liste, aber evtl. mit anderen Eintragungen haben oder aber auch mit denselben. Gut ist bei sowas vielleicht nur sowas wie "Ich hätte bei der Schöpfung anwesend sein sollen; ich hätte manchen guten Rat geben können", welches man Voltaire zuschreibt. Beim Haiku weist der Hinweis aufs Fehlende sowieso zu stark auf den Autor hin, und das ist in dieser Kurzform aus Tradition und zu Recht ein "Nein-nein-nicht-ein!" — Hier jedoch: Die Singularform "niemand" bringt hier eine G r u p p e Menschen mit ins Spiel; wir haben also nicht nur einen einzelnen inneren Sprecher, sondern mehrere Leute, von denen der innere Sprecher aber einer ist. Und der bemerkt, das niemand etwas sagt, — was in einer normalen Gruppe eben nicht das Normale ist. Etwas ganz bestimmtes Normales fehlt hier also in dieser Gegebenheit, welches wiederum in dieser besonderen Gegebenheit gar nicht so unnormal ist. Hier stellt der Autor eigentlich nur fest, daß die Mitmenschen nicht miteinander sprechen. Und das gibt der "Nebelschwere" zusätzliches Gewicht. — "Die Krähen schrein" bei Nietzsche in dieser Gegebenheit. Aber selbst die haben sich offenbar vor der herannahenden Gruppe entfernt...
...
geschrieben von Horst Ludwig, November 09, 2009
Kleine Berichtigung: "Nein-nein-nicht-ein!" --> "Nein-nein-nein!"
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geschrieben von Klaus Stute, November 09, 2009
"Niemand sagt ein Wort."

Diese letzte Zeile des haiku ist meines Erachtens keine Be-, sondern eine Umschreibung. Sie ist genau genommen eine Interpretation der Gesichtsausdrücke von mehreren Personen, denen der Autor gerade begegnet ist oder gegenüber steht. Die gleichen Gesichtsausdrücke werden auf einen gleichen Gemütszustand hin gedeutet - einen nahe liegenden, weil sie ja der Spiegel der beschriebenen bzw. gegebenen Zustände (Umgebung, Wetter) sind. Es darf also pauschalisiert werden. Der Gemütszustand äussert sich eben im Schweigen.

Es geht aber nicht allein um das Zeichnen eines Bildes - wie so oft in einem haiku :-) Es geht darum, den Leser, der vielleicht gerade auf seiner sonnenverwöhnten Terrasse sitzt, mit einzubeziehen: Scheiss-Wetter; und wir sind uns alle einig - ohne Worte... Und das ausgerechnet in diesen sowieso schon schweren (dürren) Zeiten.

Es kommt also richtig dicke; und da hilft nur eins: das gemeinsame Durchstehen, die Solidarität aller Beteiligten und durch Kenntnisnahme Betroffenen.

Das haiku beschreibt also nicht einen beschissenen Zustand, sondern das Durchschreiten eine Talsohle. Es verweist auf den Weg - den wahrscheinlich einzigen, der dem einzelnen helfen kann: die Gemeinsamkeit und das Kraft ziehen aus derselben heraus. Das haiku stellt diese Gemeinsamkeit sogar her.

Der haiku-Moment, den ich hier mal wie eine vierte Zeile formulieren möchte, ist natürlich nicht von mir, sondern die bekannteste aller Kraft spendenden Feststellungen:

"Und das ist auch gut so."

Und schon geht es bergauf.
Klaus
...
geschrieben von Beate M. Conrad, November 15, 2009
Vielen Dank allerseits für die Beiträge. Das "Nein-nein-nein!" hat Horst Ludwig neben vielem anderen klar erkannt. Darin steckt natürlich auch ein struktureller Aufbau, der sich bspw. bei Ryota wiederfindet, wenn auch mit etwas anderer Färbung:

mono iwazu kyaku to teishu toshiragiku to

They spoke no words.
The visitor, the host,
and the white chrysanthemum.

mit offensichtlicher Anspielung.
...
geschrieben von Klaus Stute, November 16, 2009
Bei Ryota ging es aber sicher nicht um "unangenehme" Gegenwart, sondern um den Kakao. Das Vollkommene kann und will nicht hinterfragt werden, erst Recht nicht von sich selber - und es will/muss auch eigentlich nicht kommentiert werden. Der Witz des haiku ist aber eben doch dieses Kommentieren bzw. das durch den Kakao ziehen, und zwar des kaiserlichen Hofes, der durch die Chrysantheme repräsentiert wird. Das Schweigen ist also eine Spitze: ich geh mal davon aus, dass auch damals schon die Kaiser nicht viele Freiheiten hatten in ihrem Hofstaat bzw. gewaltigen Lenkungs-Apparat.

Beate "Pendant" wirft dann etwas direkter gleich einen Blick auf die Kehrseite der Medaille. Nicht der "Vollkommenheit" gilt hier die Aufmerksamkeit und indirekte Kritik mit feinem Seitenhieb, sondern eine weniger göttliche "Schattenseite" des Lebens wird betrachtet und ebenso schweigend hingenommen; findet aber wiederum in einem haiku Erwähnung. Hier wie dort passt eines (dürres Land / schweigender Gast, Gastgeber) gut zum anderen (feuchtkalte Nebelschwere / Chrysantheme) und verweist auf die Oberflächen. haiku passiert halt immer zwischen den Oberflächen, an denen wir uns bewegen, und dem, was uns im Inneren bewegt.

Klaus

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