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Von Wind getragen
© Beate M. Conrad   
06. 12. 2009
Von Wind getragen
in den Schlaf ein Glockenton,
adventliche Zeit.
Kommentare (3)Add Comment
...
geschrieben von Klaus Stute, December 07, 2009
Ein Glockenton, vom Wind in den Schlaf getragen...

...und von Beate gemischt zum

Von Wind getragen
in den Schlaf ein Glockenton

"Von" - nicht vom personifizierten Wind. Sicher können wir davon ausgehen, dass die Satzteile von Beate ganz bewusst so verdreht wurden, und zwar nicht lediglich wegen 5-7-5. Letzteres hätte ja auch ein

Vom Wind in den Schlaf
getragen ein Glockenton

erlaubt; nein - es wurde die unruhigste aller Varianten gewählt und die akustische Zweit-Bedeutung von "getragen" gar nicht gewollt. Damit klingt es also irgendwie verkehrt herum und stolpernd und evoziert die Frage: was stimmt hier nicht!? Was bedeutet dieser dezente Missklang? Geht es vielleicht weniger um den Wind und den schwach nachklingenden Ton, als um die indirekte Betonung des Ergebnisses?

Das bis in den Schlaf Getragene verbindet sich in der dritten Zeile mit dem Advent, dem Ankommen. Und wir sehen uns damit konfrontiert, dass WIR anscheinend diejenigen sind, die diesen Glockenton nur verschlafen wahrnehmen - um nicht zu sagen: ignorieren. Wird hier die adventliche Zeit einer Zeit des Schlafes gleichgesetzt - und unterstützt der Wind diese Auszeit bzw. begleitet sie mit verhaltenem Eifer?

Es wäre demnach eine Zeit des Stillstands. Ein Glockenton, sonst eher ein Weckruf, eine Ankündigung, hat hier offenbar einschläfernde Wirkung. Aber keineswegs beiläufig: die Gemeinschaftsaktion von Wind und Glocke ist erfolgreich. Schließlich ist der Schlaf ja derjenige, der hier beschrieben wird; er steht im Zentrum. Ein Glockenton trifft unseren Schlaf - sozusagen im haiku-Moment.

Aber er holt uns nicht aus dem Schlaf; er läßt uns diesen Schlaf - bzw. wir lassen uns nicht wecken, sind nicht zu wecken. Der Glockenton wird hier lediglich als ein Bestandteil der Adventszeit begriffen, der damit allerdings nichts Eigenständiges hat - im wahrsten Sinne des Wortes: vom Wind in den Schlaf unterstützend begleitet hat er wenig eigene Kraft - er schwächelt. Er wird nämlich nicht nur in unseren Schlaf getragen, sondern auch in sein eigenes Verklingen.

Und so, wie es im haiku einen Glockenton gibt, der neben seinem Tönen auch seiner Bedeutung entgegen schläft, so ist die Zeit auch keine reine Adventszeit, sondern eine "adventliche Zeit": ein Zeit, die unter anderem auch adventlich ist, adventlich gefärbt ist - mit dem Glockenton als einem Anstrich.

Das auf den ersten Blick beschauliche haiku ist also ein kritisches. Wind und Glockenton erwischen uns in einer nicht gerade aufmerksamen Phase.

Das haiku liest sich wie eine Selbstverständlichkeit, eine Normalität - beschreibt aber letzlich wohl ein Ritual, das wir einfach über uns ergehen lassen.

Das wird den Leuten, die an das Christkind glauben, aber nicht gefallen, meine liebe Beate - auch wenn du das Zielgerichtete ein wenig abgeschwächt hast ("von" statt vom Wind, "ein" statt der Glockenton).

Der insgesamt versöhnliche Tonfall des haiku übertönt allerdings nicht den "einschläfernden" Inhalt. Dennoch bleibt es dem Leser überlassen, den Inhalt als eher kritisch einzustufen, so wie ich das getan habe - oder als harmlos mit lediglich einlullendem Nachklang.

In jedem Fall findet das haiku Bestätigung in dem bekannten stillen Weihnachtslied mit der Zeile

"...alles schläft, einsam wacht..."

Auch dort eine bekannte Allianz, die sich trägt.

Klaus
...
geschrieben von Horst Ludwig, January 16, 2010
Mir fallen an diesem Text die vielen "n"-Laute auf. Und natürlich sind sie onomatopoetisch gemeint. Ich würde deshalb eine Variation der lautlichen Glockentonandeutungen vorschlagen: Vom Wind getragen / im Schlaf leiser Glockenton. / Dezemberanfang.
Natürlich veränderte sich damit auch anderes. Besonders fehlte das Sinntragende von "adventliche", dessen gewagte, aber wunderbar präzise Formulierung den Text gar nicht allein auf den Dezember festlegt, sondern zeigt, das spirituell Wichtige des gefeierten Advent ist jederzeit zu erleben.
...
geschrieben von Beate M. Conrad, January 18, 2010
Vielen Dank hier für die ausführlichen Gedanken und Anregungen. Bei der etwas eigenartigen Formulierung in b geht es tatsächlich um die verschiedenen Schwingungen des Glockentones als ein In-den-Schlaf-Hineinläuten als auch als ein Ausklingen des Glockentones, also "Weckruf und Winterschlaf"/Winterstarre. Richtig gelesen, Klaus. Mit c geht es um den Advent und damit um die Ankunft der Zeit, auch einer besonderen Zeit, die da also langsam ins Bewußtsein sinkt/singt und klingt.
Was die klangliche Gestaltung anbetrifft, die da ja auch eine Aussage für sich besitzt und die Textaussage unterstützt, da hat Horst Ludwig sehr genau hingehört. Die "n" sind penetrant und vielleicht auch etwas einsilbig zur Glockentongestaltung. Der Vorschlag mit den sich abwechselnden "n" und "m" drückt hier sehr gut die Bewegung/die feinen Schwebungen und Schwingungen (auch Ambivalenz) aus, die ich weiter oben im übertragenen Sinn gerade anspreche. Und im Schlaf ist so ein Glockenton auch leiser als sonst (also eine feine logische Beigabe, die das von mir Gewünschte etwas anders, aber doch ausreichend ähnlich darstellt. Von daher bin ich geneigt, b aufzunehmen.
Beim Vorschlag zu c kann ich die gleiche feine Klanggestaltung entdecken, auch daß diese Form der Darstellung eine zurückhaltende (gegenüber meiner gewagten Formulierung) ist, die sicher gut dem Schlichtheitsanspruch eines Haiku Rechnung trägt, aber auf der sinninhaltlichen bzw. Darstellungsebene hadere ich.
Also:
Von Wind getragen / im Schlaf leiser Glockenton, / adventliche Zeit.
Wobei die adventliche Zeit durchaus auch auf einiges Liedgut wie bspw. "es ist für uns eine Zeit angekommen ..." verweist.
Als eine zusätzliche Variation zum Thema neben der willkommenen Anregung zur Verbesserung/Verfeinerung der onomatopoetischen Gestaltung gefällt mir Horst Ludwigs Vorschlag auch sehr gut.

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