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Vor Tau und Tag
© hans lesener   
04. 08. 2009
Vor Tau und Tag 
im Kreis der Stuten
ein helles Wiehern 
Kommentare (17)Add Comment
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geschrieben von Horst Ludwig, August 21, 2009
Ein guter Text, vor allem mit dem gelungenen Stabreim in a. "Kreis" ist mir jedoch zu mathematisch. Ich meine, Haiku sind realistische Kurzgedichte, und deshalb ist vielleicht "Vor Tau und Tag / inmitten der Stuten ein / helles Wiehern" eine sprachlich bessere Version.
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geschrieben von Beate M. Conrad, August 22, 2009
Bei Kreis lese ich in diesem Kontext: die soziale Gruppe, die Geschlossen- und Geborgenheit vermittelt. Er definiert die Besondertheit, aber auch die Gleicheit seiner Mitglieder. Aus der geometrischen Perspektive geht es u. a. um eine Anordnung um einen Mittelpunkt (auch einen Anlaß): hier das "helle Wiehern".
Zum Kreis tritt also das assoziative kreiß-en (schreien, heulen wegen der Wehen): Somit ist erst das Wiehern einer Stute im Kreise der anderen und dann das helle Wiehern des frischgeborenen Fohlens zu hören; eine Geburt während der Nacht (also noch vor Tau und Tag).
Mit dem "hellen Wiehern" wird es dann aber ob der vorgerückteren Zeit, die die Geburt in Anspruch genommen hat, allmählich tagesheller um das taufrische Fohlen. Das ist gutangelegte Synästhesie, die als ästhetische und kommentierende (klanglich im "ei-ei" von Kreis und "ein" gestützt) Stimmung erhellend und erfrischend in der Jahreszeit wirkt.
In b wäre nach meinem Rhythmus- und Klangempfinden "im Kreise der Stuten" möglich; bei der Ausgangsversion setzt man nach "Kreis" ziemlich hart ab und ist zur Pause gezwungen. Aber vielleicht soll das so sein.
Und "inmitten" hätte aus meiner Sicht auch etwas für sich, weil es auf eigene Weise direkt ins Geschehen führt, dabei rhythmisch und klanglich sehr gut mit den Stuten (und deren Erregung als Bewegung) korrespondiert.
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geschrieben von Klaus Stute, August 22, 2009
Der Unterschied zwischen "Kreis" und "inmitten" ist m.E. die Bewegung. Der Kreis hat etwas Statisches, etwas Bewegungsloses. Hier stehen alle still im Kreise und schauen nur. "Inmitten" ist viel lebhafter; da ist viel mehr Bewegung drin. Dieser Moment gehört aber allein dem Neugeborenen. Der Kreis suggeriert also einen fast andächtigen Moment - aufgelöst in einem befreienden Wiehern. Erst mit dem Akustischen kommt dann (die) Bewegung (wieder) in die Runde - (das) Leben rein!!

Klaus
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geschrieben von Horst Ludwig, August 22, 2009
"Zum Kreis tritt also das assoziative kreiß-en (schreien, heulen wegen der Wehen)". Ja, das hatte ich auch gesehen, liebe Beate Conrad. Aber "inmitten" klingt auch onomatopoetisch (Sie sagen ganz richtig aufgrund Ihres guten Hinhörens "rhythmisch und klanglich") etwas ans Wiehern an. Und Ihre persönliche Bevorzugung der alten Dativform "Kreise" ("nach meinem Rhythmus- und Klangempfinden 'im Kreise der Stuten'") berücksichtigt genau, warum auch akustisch mir "Kreis" nicht so liegt.
Klaus Stute bemerkt dazu sehr gut, daß der "Unterschied zwischen 'Kreis' und 'inmitten' [..] die Bewegung" ist. Das gilt, meine ich, sogar für "Kreis" als "die [konnotierte] soziale Gruppe, die Geschlossen- und Geborgenheit vermittelt." Aber diese Sicht brächte mir bei einem Haikutext wie diesem etwas extrem Abstraktes in den Vordergrund. Daran jedoch zu denken, ist bei einer Interpretation durchaus auch geboten. Schließlich hat er beachtliche Tiefe.
Hans Lesener sei Dank. Er regt uns mit seinem Haiku zu klarem Bedenken des Sprachlichen als Material für betrachtenswerte Haiku an.
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geschrieben von Beate M. Conrad, August 22, 2009
Zur Gegenüberstellung von "inmitten" und "Kreis": Sie sagt etwas zum Wie sprachlicher Gestaltung, die die anderen Elemente wie Bild, Ton, Emotion und Assoziation ja beinhaltet. "inmitten" ist eine Bewegung im mehrfachen Sinn der Bewegung: inneres Bewegtsein ob des Ereignisses, ein Auf und Abschwellen von Näherkommen und Abstandhalten der Stutengemeinschaft (äußere Bewegung), von Wärme und Geborgenheit und das natürlich auch hörbar im stillen Warten, im Gehen, Schnauben und im Wiehern (rhythmisch/klangliche Bewegung).
Das trägt zur Lebhaftigkeit und zum dynamischeren Erleben des Lesers bei. Und das spricht für die Qualität eines Textes bzw. des Vorschlags. Mit dem neuen Leben, das umringt wird (was das "inmitten" sehr gut implizit ausdrückt), bekommt dieses dynamische Auf- und Abschwellen (wie eine konzentrische Kreisbewegung) eine freudige Beschwerung.
Da hat Klaus recht, der Kreis wirkt dagegen distanzierter und statischer.
Zu "ein" an das Segmentende von b: Es nimmt das Stocken (von "Kreis") in der Bewegung der Stuten auf und erhöht durch rhythmische sowie klangliche Beschwerung die Spannung zu c. Dabei sind nun a und c rhythmisch und die Darstellung im Gesamtgefüge ausgewogen.
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geschrieben von Beate M. Conrad, August 22, 2009
Oh, da haben wir gerade parallel geschrieben. Aber das scheint sich in gewisser Weise sogar zu ergänzen. Ja, gedankliche Anregung mit Hans' Text, das macht Freude.
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geschrieben von Klaus Stute, August 23, 2009
Der Kreis betont m.E. den Moment stärker. Die Geburt ist ja erfolgt; die ganze voran gegangene bzw. damit einher gegangene Bewegung und Unruhe und sonstiges Gewieher ist weg; wir haben ein statisches, ein retardierendes Moment: die Kreisbildung. Und dann die Erlösung: es lebt!

Und es ist nicht allein. Es ist ein Geschenk für alle.

Beim Blick auf die erste Zeile "Vor Tau und Tag" gefällt mir insbesondere die Betonung auf "vor". Darin sehe ich den Hinweis, dass Dinge wie das Wunder des Lebens durchaus unabhängig von Tagesgeschehen gesehen werden können. Die gängige Frage "mal sehen, was der Tag bringt" ist hier quasi ein wenig unterlaufen.

Klaus
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geschrieben von hans lesener, August 24, 2009
Im vergangenen jahr habe ich schon mal über eine Fohlengeburt geschrieben ( "Vor Sonnenaufgang")und ein bißchen das Verhalten der Stuten in der Herde erläutert.Daher kam wohl wieder die Wendung "im Kreis der Stuten", die ich jetzt wahrscheinlich nicht mehr verwenden würde.
Trotz der Anmerkungen von Klaus ist das Geschehen keine so ganz statische Kreisbildung, sondern muß wohl eher als lockeres Umringen beschrieben werden.Insofern dürfte das "inmitten" einwenig besser passen
i.d.S. wie Beate es beschrieben hat. Rhythmisch ist es dem Ausdruck "im Kreise" gleich.

Ich bin wieder einmal fasziniert von der Anteilnahme, die eine Fohlengeburt ( und sogar ihre bloße Beschreibung !) auslöst. Meine Frau hat vor jahren einmal in einem Notfall assistiert und das Fohlen aus der Eihaut befreit - die Bindung zwischen beiden ist unglaublich eng !

Euch allen Dank für die hilfreiche Kommentierung.

Hans.
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geschrieben von Klaus Stute, August 24, 2009
Nun - so richtig mathematisch bzw. abgezirkelt hat dieser "Kreis" wahrscheinlich nur auf Horst Ludwig gewirkt. Andere werden die Kreisbildung lockerer gesehen haben.

Der Moment des Stillstehens ist natürlich auch nur als sekundenlanger haiku-Moment zu verstehen, also als ein gefühlter Moment, eine Art kurzes Luftanhalten, eine Moment-Aufnahme halt.

Klaus

Naja. Ein schöner Moment auf jeden Fall.
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geschrieben von Beate M. Conrad, August 26, 2009
Wenn zunächst der Aussagegehalt eines Textes geklärt ist, geht es um die Frage, stimmen das Dargestellte, die Intention des Autors und die generellen Haikuanforderungen überein? Und da wird eine realistische, das heißt, eine konkret-anschauliche Darstellungsweise gefordert. Das gibt den wesentlichsten Ausschlag für die Wahl der im Haiku verwendeten Wörter.

Damit muß ein Haikuautor, der den Begriff Kreis verwenden will, u. a. erkunden, was ein Kreis ist und wie es mit dem sprachlichen und umgangssprachlichen Gebrauch aussieht: ein Substantiv/Nomen der Klasse der Abstrakta wie bspw. Freiheit, nicht der Konkreta wie bspw. Pferd und Baum. Der Kreis existiert ideal, denn er existiert konkret nur im zweidimensionalen Raum (in der euklidischen Ebene), ist also nicht "massebehaftet". Um im dreidimensionalen Raum, in unserem (Welt-) Erfahrungsraum zu existieren, muß etwas (die Masse) hinzutreten, das die Form eines Kreises annimmt bzw. ausführt.
Gleiches läßt sich in der Umgangssprache beobachten: Familienkreis, im Kreise der Lieben, Spielkreis. Wobei hier Kreis und Gemeinschaft synonym gebraucht werden und das verbindende Charakteristikum wohl in der Geschlossenheit der Form als Umgebung liegt. Daraus ergibt sich auch das oben erwähnte Assoziative. Bei Landkreis, Kreisstadt und kreisfreie Städte geht es ebenfalls nur um das ordnende Prinzip, das auf das Konkrete (Land, Stadt) reflektiert werden muß.
Das zeigt, daß der Kreis in seiner wichtigsten und eigentlich einzigen Bedeutung ein (mathematisches) Abstraktum ist.

Was bedeutet das nun praktisch für Hans' Haiku? Der Leser muß die Idee der Kreisform zunächst in seinem Kopf abrufen und dann die Stuten in diese statische Anordnung verteilen. Damit ist also beim ersten Betrachten eine intellektuelle,abstrakte Denkleistung gefragt, die zunächst nicht vom direkten sinnlichen Vorstellen und Erleben bestimmt ist, sondern sogar davon wegführt. Erst wenn diese intellektuelle Leistung (aus der Distanz) erbracht ist, kann es zur direkten Bildbetrachtung des Stutenkreises kommen.

"inmitten" als adverbiale Bestimmung des Ortes führt zum aktiven "In-der-Mitte-Sein" im ersten Betrachtungsschritt, das sich zugleich als ein anschauliches und anfühlbares (sinnlich, onomatopoetisch/emotional und sinninhaltlich) "Umgebensein" weiter entfaltet. Das ist eine konkrete Ereignisabbildung, die der Leser direkt erlebt. Hier wird beispielhaft erfahrbar, was Haikuanforderungen wie Direktheit, Einfachheit, Lebhaftigkeit und Natürlichkeit (authentisch/realistisch), die sich im sprachlich konzentrierten Ausdruck widerspiegeln, gemeint ist*. Und das steht alles klar im ersten Kommentar, nur etwas komprimierter.
________________________________

*C. G. Jung zu Abstraktem und Konkretem: "[...] eine bestimmte Eigentümlichkeit des Denkens und Fühlens, welche den Gegensatz zur Abstraktion darstellt. Konkret heißt eigentlich 'zusammengewachsen'. Ein konkret gedachter Begriff ist ein Begriff, der mit anderen Begriffen verwachsen und verschmolzen vorgestellt wird. [...] Er ist stets auf Sinnlichkeit bezogen und klebt an seiner materiellen Erscheinung. Dieses Denken und Fühlen beruht auf der Empfindung und unterscheidet sich nur wenig von ihr. Deshalb ist es auch archaisch." Und das ist eine der wesentlichen Voraussetzungen, warum das poetische Bild innerhalb einer Zeit, einer Kultur, aber auch z. T. über seine Grenzen hinaus (als "Participation mystique" (Lévy-Bruhl)) funktioniert.
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geschrieben von Klaus Stute, August 27, 2009
Inmitten der Stuten > das Neugeborene...
führt meiner Ansicht nach unmittelbar zum Blick auf das neue Leben; die Stuten werden fast vernachlässigt, ihnen gilt nur ein Seitenblick.

Im Kreis der Stuten - das Neugeborene...
setzt einen viel größeren Akzent auf die Stuten. Aber genau um diese geht es doch hier! Also nicht wirklich um ein neugeborenes Pferd, sondern um die Aufmerksamkeit der anderen Pferde, um die Tatsache, dass sie alle drumherum stehen! Das Neugeborene ist doch nur die Begründung dafür.

Die von Beate angeführte Erfordernis eines zusätzlichen Gedankenschrittes, um vom zweidimensionalen Kreis zur Masse der ihn bildenden Lebewesen zu gelangen, dürfte meiner Ansicht nach die Sache einer Millisekunde sein. Wenn fertig abgespeicherte Muster abgerufen werden, geschieht das vollkommen unbewusst.

Also nochmal: ein "inmitten" ÜBERGEHT die Stuten und "führt (GLEICH) zum aktiven "In-der-Mitte-Sein" im ERSTEN Betrachtungsschritt" (laut Beate; Zitat von mir verdeutlicht).

Dies ist aber ein haiku über einen ganz besonderen Moment der Gemeinschaftsbildung. Natürlich wurde hierfür das edlere Muster der Kreisbildung herangezogen und nicht eine Variante der Umgangssprache wie z.B. der "Haufen" bzw. die Haufenbildung oder der "Auflauf" etc.
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geschrieben von Klaus Stute, August 27, 2009
Tja - hab ich jetzt den rhetorischen Schlenker vorbereitet, mich darauf hinweisen zu können, dass die von mir geschilderte Sichtweise (Akzent auf die Stuten) eine Sache des Nachhalls sei, also der zweite Betrachtungsschritt!?

Der Nachhall gehört m.E. dem Leben selber mit all seinen wunderlichen Aspekten, von denen Hans hier einen erstaunlichen und sehr schönen geschildert hat. Und im vorliegenden Nachhall dürfen wir uns durchaus mal allein unseren Gefühlen hingeben und bewusst das von Hans hier vor-Gefühlte nachvollziehen.

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geschrieben von Beate M. Conrad, August 28, 2009
Es geht ja nicht um die Zeit (bis die Denkleistung erfolgt ist), Klaus. Das wäre wohl zu verschmerzen, wenn nicht mehr dahintersteckte. Es geht hier vielmehr um zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Perzeption mit entsprechend unterschiedlichen Konzepten und Konsequenzen. Und das ist exemplarisch für das generelle Wesen des Haiku, das die konkrete Perzeption in seinen Kriterien der Direktheit, Lebhaftigkeit, Natürlichkeit (s. o.) reflektiert.
Bei dem Konzept des Konkreten, der konkreten Anschauung ist die Wahrnehmung eine Empfindung, eine Einstellung im realen Zusammenhang und aufs engste mit dem verbunden/verschmolzen. Sie ist emotionale und direkt materiell gebundene, sinnliche Erlebnistätigkeit (und das ist auch notwendig, wenn wir Erlebnisse (auch über die Zeit und Grenzen) teilen wollen, und da auch wesentlicher Bestandteil des poetischen Bildes und Teil des Archetypus. Denn da geht es um das Einfache und das zugrundeliegende Gemeinsame der Erfahrung. (Vergleiche zu Perzeptionstypen, Bild, Archetype die Arbeiten C. G. Jungs.))
In der abtrakten Perzeption ist die Wahrnehmung eine intellektuelle, also ideal-abstrakte, eine höhere Intelligenzleistung, differenziert von der konkreten Anschauung ohne direkte Erfahrungsmöglichkeit. Damit ist es ein Abgetrenntes ohne real erfahrbaren Zusammenhang. Die sinnliche Empfindung und die emotionale Einstellung bleiben folglich abgekoppelt. Anstelle dessen tritt eine logisch-reflektive Einstellung des Intellekts.
Die Verwendung abstrakter Begriffe im Haiku beeinflußt nun die Art der Perzeption des Gesamtgefüges. Als Konsequenz wird die gesamte Erlebnistiefe im Haiku beeinträchtigt/verringert. Diese ist aber auf sinnliche Erfahrung des konkret-Anschaulichen ausgerichtet und braucht deshalb die realistische Darstellung durch angemessen Sprache und Wortwahl.
Das zeigt sich auch im speziellen Fall der Diskussion: Bei der konkreten Perzeption von "inmitten" als "In-der-Mitte-Sein" ist das "In-der-Mitte-von-etwas" gleich mit ausgedrückt als ein (sinnlich und emotional) erfahrbares und daher bewegtes Verhältnis zueinander, als eine interdependente Beziehung (mein Kommentar vom 22.8.). Im Fall der abstrakten Perzeption, die durch einen Begriff wie Kreis angestoßen wird, geht es um die bloße (An-) Ordnung der Stuten, nicht um sinnlich erfahrbare Beziehung. Und das führt eben zu weniger, um nicht zu sagen einseitiger Bewegung im Bild und beim Leser (auch im Übertragenen). Das "In-den-Kreis-kommen" ist die Interpretation, also das abstrahiert Gemeinte, das in der konkreten Anschauung zunächst erlebt und dann abgeleitet wird. Zumal das "In-den-Kreis-kommen" gerade als Doppelbindung vom sinnlichen Zusammmenhang des "In-der-Mitte" von Etwas als ein Gleiches lebt, nämlich als Mitglied auf-/angenommen und aufgezogen zu werden.
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geschrieben von hans lesener, August 31, 2009
Nach einigem Zögern möchte ich drei Dinge anmerken:

- Ich bin immer wieder erstaunt , was aus einem schlichten - und auch schlicht gemeinten - Haiku interpretativ alles herausgeholt werden kann. Erstaunt und auch ein bißchen erschrocken ...
Jedenfalls vielen Dank für all die geistige Mühe, der ich dankbar gegenüberstehe.

- Beates Gegenüberstellung von " gebundener , sinnlicher Erlebnistätigkeit" einerseits und "abstrakter Perzeption ... ohne direkte Erfahrungsmöglichkeit" andererseits ist schon bestechend.Dass die Verwendung abstrakter Begriffe im Haiku sich auf die Art der Perzeption des Gesamtgefüges auswirkt ( auswirken kann?), ist für mich eine wichtige Aussage , die ich versuchen werde, künftig zu beachten.
Trotzdem meine ich , dass Klaus' Erläuterung der Kreissituation und -Interpretation nicht so völlig abwegig ist. Ganz ohne konkret-sinnliche Wahrnehmung wird es doch wohl auch in diesem Fall nicht abgehen. Vielleicht ist es deshalb zu hart, dieser Art der Perzeption die sinnlich erfahrbare - in diesem Fall die optische Wahrnehmung des Kreisgedränges - Beziehung so strikt zu verweigern.
Am wichtigsten scheint mir zu sein , dass bei aller sprachlich - bewussten Formulierungssorgfalt die Spontaneität, die Lust an der sprachlichen Erfassung eines konkret Wahrgenommenen nicht verloren geht.

- Schließlich : Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass die letzten 5 von mir eingestellten Haiku wohl in einem inneren Zusammenhang stehen. Das war mir nicht bewusst, war auch nicht meine Absicht , die einzig dahin ging, die Stille im LUx etwas zu beleben. Aber natürlich lässt ihr zeitlich benachbartes Entstehen
seinerseits Rückschlüsse zu, die mir vorher so nicht klar waren. Klaus hats gespürt , glaube ich.

Hans.
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geschrieben von Horst Ludwig, September 04, 2009
"Am wichtigsten scheint mir zu sein, dass bei aller sprachlich-bewussten Formulierungssorgfalt die Spontaneität, die Lust an der sprachlichen Erfassung eines konkret Wahrgenommenen nicht verloren geht." So wie beim Schuhmacher die Schuhherstellung nach der sich kritisch angeeigneten Erfahrung des Berufstandes erfolgt (bei der Zucht von Pferden gilt Gleiches), so haben wir auch bei der Herstellung von sprachlichem Kunstwerk Erfahrung und Kniffe, die in dieser Branche zu etwas Brauchbarem führen. Die begrüßenswerte "Spontaneität" beim Gitarrenspiel, "die Lust an der sprachlichen Erfassung eines konkret Wahrgenommenen" kommt eben erst spontan, wenn man die technischen Griffe beherrscht und daraus auswählt, was in der gegebenen Situation am besten ist.

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geschrieben von hans lesener, September 04, 2009
Ja , das ist wie beim Hören von Musik :
-In der ersten Phase hört man unreflektiert, emotional.
-Danach macht man sich mit der Kompostion theoretisch vertraut , bevor man die CD wieder auflegt . In dieser Phase , meine ich , bleibt man beim Haikuschreiben stecken , wenn man nur oder zu sehr auf das Beherrschen der Griffe und Kniffe achtet.
- Erst wenn man das Theoretische absinken lässt in den Untergrund des Wissens ( ich kanns nicht besser ausdrücken) ,erst dann ergibt sich das vollkommene Hörerlebnis , vielleicht die vollkommene Formulierung. Wenn das gelänge ...
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geschrieben von Horst Ludwig, September 04, 2009
Zu "das vollkommene Hörerlebnis, [...] die vollkommene Formulierung": "Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" (Lessing)
Und "das Theoretische absinken [lassen] in den Untergrund des Wissens" geht nicht. Man versuche das mal; im Gegenteil, dann bleibt's noch länger auf der Ebene des Bewußtseins. Seien wir dankbar für die Erfahrung von Vorläufern, die wir uns kritisch aneignen können. Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.


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