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Vorstadtnacht
© dietmar tauchner   
29. 01. 2008
Vorstadtnacht die Straßenbahn hell erleuchtet und leer
Kommentare (20)Add Comment
...
geschrieben von hans lesener, January 30, 2008
A streetcar named desire ...

Das Bild einer hellen Strassenbahn , die leer durch ausgestorbene Strassen rattert, gehört ( gehörte ) zu den eindringlich-geisterhaften Erscheinungen unserer Welt.
Und wer jemals in einer solchen Strassenbahn übernächtigt und verfroren
allein , womöglich als einziger Fahrgast , nach hause gefahren ist , wird diese existenzielle Erfahrung nie vergessen.

Hans.
...
geschrieben von Klaus Stute, January 30, 2008
Die existenziellen Erfahrungen, lieber Hans, sind heute aber leider nicht mehr so elegisch.

Heute stehen drei Leute vor dir, fuchteln mit Klappmessern rum und wollen dein Geld und dein Handy. Das ist meines Erachtens der unausgesprochene Tenor dieses Vorstadt-haiku, das kein Strassenbahn-haiku ist und in dem es nicht um Einsamkeit geht.

Wenn wir das haiku auf diese Art lesen, bedeutet das natürlich, dass wir hinter dem Bild ein Weltbild sehen - und zwar ein düster gefärbtes. Allerdings ist es nicht Dietmars persönliches Weltbild oder von seiner Sichtweise so gefärbt, sondern es ist die Realität. Und die ist heutzutage nicht nur in den Vorstädten, sondern auch schon in U-Bahnhöfen etc. gefährlich - jedenfalls zu später Stunde.

Pars pro toto - fragen wir uns im Nachhall: steht so eine kleine Szene "für" das Ganze?

Klaus
...
geschrieben von hans lesener, January 30, 2008

Stimmt. Deswegen habe ich wenigstens hilfsweise meine Sicht der Dinge im Imperfekt angedeutet . Aber sicherlich ist meine Reaktion geprägt von meiner Studienzeit in München, wo praktisch kaum ein Student ein Auto hatte und ausser dem Fahrrad nur die Tram als Verkehrsmittel in Frage kam . So ganz unproblematisch war es aber auch schon damals nicht , nach der fete in Schwabing allein nach Hause zu fahren. Ich erinnere mich gut an einen nächtlichen Mord in der Strassenbahn.

Ob Dietmars Haiku zwingend und ausschließlich im Sinn der von Dir beschriebenen Realität interpretiert werden muß , erscheint mir fraglich. Für mich ist das Bild der leeren nächtlichen Strassenbahn auch(!) ein überaus poetisches Bild , das ich nicht verleugnen möchte. Wie gesagt :
a streetcar named desire ...
Aber vielleicht bin ich ja auch hoffnungslos altmodisch und literarisch verbildet !?

Hans.
...
geschrieben von 1o2 1o2 1o2, January 31, 2008
Hallo,

die Assoziationen liegen alle nahe. Poesie und Vorstadtatmosphäre lese ich heraus, auch das Bedrohliche, trotz des Lichts.

Ich hätte den Text in drei Zeilen gefasst:

Vorstadtnacht
die Straßenbahn hell erleuchtet
und leer

M.E. erzeugt dies mehr Spannung.

Herzlich
Rudi
...
geschrieben von dietmar tauchner, January 31, 2008
vielen dank für die resonanzen zu meinem text, der tatsächlich in der ersten fassung dreizeilig angordnet war & vielleicht auch wieder diese form erhält.
eigentlich gibt es nichts mehr zu sagen,weil hier alles schon sehr ausführlich & eindringlich dargestellt worden ist. liebe grüße..dietmar
...
geschrieben von Klaus Stute, January 31, 2008
Das "existenzielle" ist ja eine Kunstgattung. Wir kennen es aus vielen Büchern und Bildern. Dieses haiku ist dem zweifellos zuzuordnen. Es strahlt grosse Nüchternheit und Ernüchterung aus. Die Zivilisationskritik ist natürlich immer aktuell und wird vom Leser mit seinen individuellen Sichtweisen und Ängsten beigesteuert - genauer gesagt: er kann sich dem nicht entziehen. Von daher ist es ein wahrhaft eindringliches Werk; es dringt in den Leser und zwingt ihn, sich seiner Sichtweise zu besinnen.

Wer will, kann dann im Nachhall sicher gerne aus dem "leeren" ein "nichts passiert" ableiten und überlegen, was daran positiv ist beziehungsweise
was er erwartet - oder worauf er wartet...

Klaus
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geschrieben von dietmar tauchner, January 31, 2008
sehr schön formuliert, klaus. genau das habe ich intendiert smilies/kiss.gif
...
geschrieben von Heike Gewi, February 05, 2008
"A streetcat named desire" von Tennessee Williams ("Endstation Sehnsucht")...
hier spielt Hans vielmehr auf die Frage an: "Wohin das Ganze fuehrt [fuehren soll]?".

Wie im Stueck: Geschichtlicher Hintergrund/Drama/Untergang...[Wovon? Gesellschaftliche Missstaende etc.]...hier im etwas anderen Zusammenhang.
Hans' Hinweis/Verweis auf die [Welt-]literatur hat seine Berechtigung. Ebenso die Gegenueberstellung Endstation
und Sehnsucht im Deutschen. Wohl kein Licht im Dunkel und eine Anspielung auf Schein und Sein auf Schienen.
Humpelnd? Es ist immer wieder interessant, lieber Hans, Deinen Assoziationen zu folgen.

Alles in allem werde ich an eine Filmszene erinnert, bei der zwei aeltere Herren sich beide eine Zigarre goennen und einer zum anderen meint:"You old bastard! You did it...again!"

LG
Heike

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geschrieben von Heike Gewi, February 05, 2008
Was haben Katzen und car gemeinsam? Freuds Triumphe...
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geschrieben von hans lesener, February 06, 2008
Hallo Heike ,

vielen Dank für Dein Plädoyer !
Rudi Pfaller hat sicher zu Recht bemerkt , dass das "nüchterne, ernüchternde" Haiku beide Assoziationsmöglichkeiten zulässt.
Wenn Du meinem literarischen Ansatz neben dem zeitgenössisch-kritischen auch eine gewisse Berechtigung zugestehst, freut mich das sehr, weil ich zunehmend den (deprimierenden) Eindruck habe, dass manche Zitate gar nicht mehr verstanden werden und ich auch zugeben muß, dass die literarische Anspielung der eigenen Produktion manchmal hinderlich im Wege steht.
In diesem Fall hatte ich im Sinn, dass mit dem von Dietmar heraufbeschworenen höchst eindrucksvollen Bild nicht nur die Frage gestellt ist "wohin fährt das?" sondern auch die Frage "wohin führt das ?" D.h. für mich die Frage nach dem Ziel und Sinn des Leben und der menschlichen Sehrnsucht. Ist der Ablauf auf Schienen hin zur Endstation unausweichlich programmiert, und was erwartet den Fahrgast da ? Im Tennessee Williams-Stück kommt glaube ich eine Szene vor , ganz zu Beginn, wo ein Akteur sich morgens beim Schuhanziehen fragt, warum er das eigentlich tut und wohin sein Weg heute führen wird. Aber ich werde schon wieder literarisch...
Strich drunter : Die ausschließliche Interpretation in Richtung Zivilisationskritik scheint mir berechtigt , vielleicht sogar vordringlich , aber etwas eng , weil sie das Allgemein-Menschliche ( hier ausnahmsweise nicht als Plattitüde gemeint) ausschließt oder nicht genügend berücksichtigt.

Ich darf noch anmerken , dass Thomas Mann im Doktor Faustus eine Mordzsene nicht ohne Grund in eine Münchner Strassenbahn verlegt haben dürfte .
Und dass man natürlich auch an Carl Valentins Couplet " Ein Wagen von der Lienie 8" denken könnte , womit dann diese Diskussion einen heiteren
Ausklang fände , ganz im Goetheschen Sinne ...

Vielen Dank , Dietmar , für das eindrucksvolle Haiku !

Hans.
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geschrieben von Beate M. Conrad, February 06, 2008
Klasse, liebe Heike & lieber Hans! Die gesehenen literarischen Assoziationen und Anspielungen haben ganz klar ihre Berechtigung. Leider Hans Sorge auch, daß viele dort, in ihren eigenen Wurzeln (in ihrer eigenen Kultur!) heutzutage nicht mehr ganz zuhause sind.
Und hier kann es im Haiku eben bei feinerer Lesart um erheblich mehr gehen, als selbst manchmal der Autor sieht. Der ist frei nach Goethe eben auch nicht immer sein bester Interpret.
Hier zeigt sich, wie reichhaltig und damit nachhaltig solch ein Haiku sein kann. Denn als Lyrik steht es nicht in einem luftleeren, sondern in einem literarisch weiten Raum.

Und zum Haiku selbst:

Vorstadtnacht - das ist eine gute Begriffskonzentration, also eine Versichtung von Mehrdeutigkeiten. Sie impliziert das Leben in einer sogenannten "Satellitenstadt" oder auch "Schlafstadt" um ein größeres Wirtschafts- und Handelszentrum/-stadt. Da schwingt auch mit, daß diese Art Vorstädte abends bzw. nachts relativ ausgestorben, unbelebt sind (mit all dem, was dort an Schönem, an Ödem und an Erschreckenden passiert).
Von daher ist hier zu bedenken, ob "leer" noch wesentlich Neues zum Haiku beiträgt oder verzichtbar wäre.
Beate
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geschrieben von Beate M. Conrad, February 06, 2008
P.S.: Typo: es sollte natürlich Verdichtung heißen.
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geschrieben von Angelika Wienert, February 06, 2008

oh...
hätte ich mal das "P.S.:..." zuerst gelesen...
ich dachte schon über "Versichtung" nach und kam `nicht zu Potte`...
...
geschrieben von Angelika Wienert, February 06, 2008

auch von mir ein

p.s.:
Dreizeiligkeit (siehe Rudis Kommentar) gäbe ich den Vorzug
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geschrieben von Horst Ludwig, February 07, 2008
Da wir schon von Verweisen auf andere Kulturerlebnisse sprechen: Ich sehe auch eine Beziehung zu Hemingways "A Clean, Well-Lighted Place" in *Winner Take Nothing*. Natürlich hat Tauchner eine Vorstadtszene, wohl nördlich der Alpen, und eine Straßenbahn, die sich ja fortbewegt, und bei Hemingway ist der Ort ein "Café" im Spanien von jetzt fast schon vor einem Jahrhundert, ein fester Platz. Aber angedeutet ist dort auch, "was" in Tauchners Vorstadt "an Schönem, an Ödem und an Erschreckenden passiert", wie Beate Conrad es formuliert. Ich meine allerdings, daß das "leer" nicht stört, ja, daß es vielleicht sogar im Gegenteil das Mitdenken des Lesers auf das lenkt, was bei ihrer Sicht dann der - verglichen mit der Straßenbahn — wichtige nicht-leere, aber möglicherweise halt doch sehr leere Raum wäre. Dem Leser wird nahegelegt, mit unterbewußter Anspielung, das "leer" eben nicht nur auf die weiterfahrende Straßenbahn zu beziehen, sondern es ihn nächtens in das stationäre Vorstadtzuhause leiten zu lassen, um dieses auf seine Fülle hin zu untersuchen, — so gut er's mit seiner eigenen Kultur eben kann.
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geschrieben von Klaus Stute, February 08, 2008
Stelle gerade erstaunt fest, dass die Mehrzahl der Kommentatoren offenbar die Straßenbahn als leer durch eine Vorstadt fahrend begriffen hat.

Die Straßenbahn endet in der Vorstadt. Das "leere" habe ich so verstanden, dass sie steht. Sie ist sozusagen an der Endstation angekommen. Und im Ankommen leer. Hell - aber leer. Das Wort "leer" ist damit nicht verzichtbar. Wenn sie fahren würde, wären Leute drin; egal zu welcher Uhrzeit. Aber was heisst schon Ankommen - im "Hellen" zeichnet sich die nächste Runde ab.

Die Einzeiligkeit ist fast eine Einsilbigkeit - mit Anklängen an Sprachlosigkeit. Ohne Zeilenunterteilung (oder wie wir gemeinhin sagen: ohne Punkt und Komma) rücken die Teile des Bildes zu einem einzigen "dichten" Flash, zu einer Einheit zusammen.

Der Blick im Nachhall geht damit m.E. nicht in Richtung irgendwelcher Sehnsüchte oder in ein Bedauern über mangelnde Bildung in den Vorstädten, sondern er gilt den bröckeligen Gefügen, um nicht zu sagen dem Auseinanderbrechen.

Wenn der Leser also soweit ist, dass er die einzeilge Struktur dieses haiku aufbrechen möchte, dann schafft er es vielleicht auch noch, sich über seine Rolle in der beschriebenen Struktur Gedanken zu machen.

Klaus
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geschrieben von Heike Gewi, February 09, 2008
Vorstadtnacht die Straßenbahn hell erleuchtet und leer


Einsilbigkeit JA, lieber Klaus. Und damit der Nachhall Einoede, die aber durch das Licht irgendwie, selbst bei der Erwaehnung "leer", aufgehoben wird. "Leer" ist gut. Aber wo steht geschrieben, dass die Strassenbahn angekommen ist?
Bin oft in Leipzigs Vorstaedten (Loessnig) mit der Strassenbahn gefahren und habe sie an den Endstationen/Wartehallen (auch Dessau/Sued) immer unbeleuchtet vorgefunden. Mit Blicken "verfolgt" das leere Ding, in welches poesievoll gewisse Gedanken/Sehnsuechte reingepackt werden. Ich bezweifle, dass Leser Parallelen zur Weltliteratur ziehen..., aber der Hinweis von Hans und Horst hat fuer "gewisse" Leser schon Berechtigung. So ist das, wenn die Kleinen von grosser Weltliteratur profitieren und sich 17 Silben erschliessen, die oft einfach nur ein Stimmungsbild/Stillleben sind. - Wollte hiermit nur vor Ueberinterpretation warnen und da hat Beate nun wieder mit ihrem Goethe-Zitat voll ins Schwarze getroffen. "Jedem Tierchen sein Plaesierchen" und jedem seine Lesart.

Ein wunderschoenes WE Euch allen,
Heike
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geschrieben von Klaus Stute, February 09, 2008
Überinterpretation? In einem haiku?
Du meinst, ohne Professorentitel kann das leicht passieren...

Das lassen wir dann mal so stehen.

Natürlich sehe ich es auch so, dass viele Schreiber sich mit einem Stimmungsbild begnügen, in dem Glauben, dies sei ein haiku. Ob sie damit Recht haben, lassen wir dann auch mal dahingestellt.

Klaus
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geschrieben von Horst Ludwig, February 12, 2008
Unsere Diskussion hier, vor allem Beate Conrads Hinweis auf das, wohin die Straßenbahn der Vorstadtnacht die Menschen bringt, hat mich zu folgendem Haiku geführt:
There are words exchanged
behind silently closed doors,
deep into the night.
Vielen Dank.



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geschrieben von Heike Gewi, February 16, 2008
Nochmal, lieber Klaus!
Stillleben haben keinen Nachhall/Assoziationen?
Wie ergeht es Malern - bzgl. Farbpsychologie, Farbwahl, Licht/Schatten, Perspektiven...gar Surrealismus?
War von "Professoren" die Rede bei "gewissen" Lesern oder nur von "belesenen/interessierten" Lesern?
Schreiben und Schreiben lassen!

;-) Heike

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