mit Deinem Text komme ich nicht gut zurecht. "Wintergeernetet" ist eine Wortschöpfung. Wortschöpfungen kommen in Haiku vor, denn die deutsche Sprache ist in der Bildung von Wortzusammensetzungen sehr mächtig. So weit, so gut.
Die erste Zeile kann ich nachvollziehen, wenn ich auch "Winterernte" vorgezogen hätte, denn dieser Begriff erscheint mir eingängiger. Aber in der zweiten Zeile formt sich Deine Sprache sinngemäß so aus: Der Atem der Jahresringe wird geerntet. Absurd? Nein, so steht es da! Das ist schon fast Surrealismus in der Poesie. Atem ernten? Du magst es nicht so gemeint haben, aber es steht so da. Man muss schon sehr überzeugt sein von der poetischen Wirkung auf den Leser, und sich dessen bewusst sein, was man schrieb, wenn man so eine Zeile stehen lässt. Im Haiku denkt man zuerst nach, über das, was da steht - expressis verbis. Der Genitiv wirkt auf mich sehr traditionell, um nicht zu sagen, altertümelnd. So bekommt Dein Text etwas Schwerfälliges, Emphatisches. Aber was soll ich vorschlagen? Ich habe nicht die Zeit wie Du, auf die Schnelle mich in die Situation, die Du ja sicher selbst erlebtest, hineinzuversetzen. Es braucht Kontemplation um die Situation nachzuvollziehen. Ein Versuch:
Holzschlag - mein Atem im Duft der Stümpfe
Gerne lese ich noch andere Vorschläge.
Herzlich Rudi
... geschrieben von Heike Gewi,
July 03, 2008
Lieber Joseph, Du hast, von der Themenwahl her, ein glueckliche Hand. Anrea D'Allessandro hat mal ein wunderschoenes surrealistisches Haiku ins LUX gestellt und ich war begeistert.
Frühlingssturm von den Baumwipfeln ins Blau gemalt
Rudi hat recht, wenn er "wintergeerntet" als zu gekuenstelt ansieht. So spricht niemand. "Winterernte" trifft es besser. Den Vorwurf des Surrealismus nicht gelten lassen... Ich spreche im Sinne Deiner Texte, wenn ich Dich bitte, auf die Form 5-7-5 zu verzichten, es sei denn sie fuegt sich fast von selbst.
Holz arbeitet, Holz atmet, Holz lebt. Jawoll! Nachzulesen in jeder Fachzeitschrift. In Anbetracht dessen, dass Jahresringe mit Holz assoziiert werden und der Blick auf den Baumstumpf oder die Holzscheibe, die sich vor dem "geistigen Auge" dreht, in den Vordergrund ruecken, sind die atmenden Jahresringe durchaus stark, gleichzusetzen dem ausstroemenden Duft des Holzes (geknackte Nuss!, denn wann sieht man die Jahresringe; wann vervielfacht sich der Duft?!). Baumwipfel malen auch nicht den Sturm in den Himmel (wissen wir), aber der Vergleich der sich wiegenden Kronen/Spitzen mit einer Pinselspitze verraet den Maler und all' jene, die tiefer blicken. Ich wuerde sogar noch viel weiter gehen:
Den Atem der Jahresringe vielfach spalten - Kaminfeuer
Aber nun ist doch die Winterernte futsch! Isse das wirklich?
LG - Heike
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 04, 2008
Lieber Joseph, Mir ist das durch den Kopf gegangen, dieses "wintergeerntet" - und da ich gerade vom Holzmachen komme, dem Duft der sonnengetränkten Scheite nachspürte, und sie einen nach dem anderen aufschichtete, da kam mir der Gedanke, dass dieses Nutzholz doch eigentlich nicht im Winter geerntet wird. Es wird höchstens von einem Wintersturm geschlagen und dann im Frühling und Sommer verarbeitet. Das Holz muss doch völlig austrocknen, bevor es "verschürt" werden kann, denn sonst brennt es nicht - und die trockenen Scheite, sie duften auch nicht wirklich, sondern nur beim Sägen, wenn man noch ins feuchte Holz eindringt und ihr frisches Inneres nach außen kehrt, dann riecht es intensiv. Dann aber, beim Verbrennen, dann wird sein Duft wieder frei.
Sturmschlag Jahresringe zerrissen Holzduft
Verzeih mir, jetzt ist der schöne Atem weg, und meine Zeilen gehen in eine ganz andere Richtung.
Liebe Grüße Gabriele
... geschrieben von Joseph Kandl,
July 05, 2008
Hallo Leute! @ Rudi Deine Kritik, Rudi, ist voll berechtigt. Ja, der Sinn ist verdreht und ich habe das Ding zu schnell hingeschludert und weggedrückt. Ich bin da zu schlampig und denke zu wenig nach. Dass Du Zeit gefunden hast und trotzdem darauf eingegangen bist, weiß ich zu schätzen. Dein Vorschlag, auf die schnelle gemacht, gefällt mir nicht. Mir geht es nicht um meinen Atem und Stümpfe erinnert mich sofort an Amputationen. Dass »Wintergeerntet« gewöhnungsbedürftig ist, gebe ich zu. J
@Heike Ja, ich werde Deinen Rat wohl befolgen und die strenge 5-7-5-Regel aufgeben, obwohl ich der Ansicht war und eigentlich auch noch bin, dass solch ein »Korsett« einem mehr abverlangt als wenn man frei davon ist. Rudi wird sagen, wenn dabei nicht mehr rauskommt, dann ist es auch egal. Soweit, so gut. Dein Gegenvorschlag, auch auf die schnelle gemacht, reißt mich auch nicht vom Hocker.
@Gabriele Gabriele Du hast Holz gemacht. Dein Holz war aber kein »Nutzholz« sondern »Brennholz« obwohl das Brennholz für Dich natürlich auch einen Nutzen hat, Du schürst damit Deinen Kamin und machst es Dir warm. Als Nutzholz gilt aber gesundes, qualitativ hochwertiges Holz in großen, möglichst astlosen Stämmen, aus welchen Balken und Bretter gesägt werden die später dann zu Dachstühlen und Möbeln etc. weiterverarbeitet werden. Solches Holz wird von den Forstleuten und Holzfällern im Spätherbst oder Winter (gerne Dezember) geerntet; zu einer Zeit also, wo sich die Baumsäfte aus den äußersten Tannenspitzen oder Blättern in den Stamm zurückgezogen haben und die Bäume eine Wachstumspause (Jahresringe) einlegen. Falls Du im Haus einen Balken siehst der größere Risse aufweist, so kannst Du davon ausgehen, dass dieser Baum eben nicht im Winter geerntet wurde. Holz, das der Sturm zur falschen Zeit umgeworfen hat und Holz das vom Borkenkäfer befallen ist und schnell aus dem Wald muss, das gibt i. d. R. minderwertiges Brennholz. Wenn Brennholz gemacht wird, ist es noch grün und duften tun höchstens mal harzreiche Föhren-Wurzeln und Stümpfe beim Sägen mit der Bügelsäge. Auch Dein Vorschlag aus der Lamäng mag mir nicht gefallen.
Jetzt zu meiner Geschichte: Ich bin viel in der Natur und komme auch viel in die Wälder. An einem dieser Wanderungen kam ich an einer Waldlichtung zu einer Stelle, wo mehrere Berge mächtiger Baumstämme sich am Wegrand türmten. Daneben noch Astwerk und Rinden. Auf diesen Platz brannte die Sonne und es duftete unbeschreiblich nach Holz, Rindenmulch und Harz. Jedes Mal wenn ich an einen solche Platz komme, werde ich an meine Jugend erinnert. Damals, in der schlechten Zeit, habe ich als Junge oft meinen Vater im Sägewerk besucht, wo er Arbeit gefunden hatte. Sofort bin ich gedanklich in dieser damaligen Zeit und Welt.
Da könnte man doch ein Haiku machen, so mein Gedanke. Gleichzeitig fiel mir ein, dass der ätherische Duft dieser sonnendurchglühten Stämme so etwas wie die letzten Atemzüge dieser Bäume sind die sie jetzt aushauchen. Ist natürlich Quatsch, kann man sagen, weil sie ja schon längst (seit dem Winter) umgesägt und tot waren. Wenn sie erst einmal in die Säge kommen, zu Balken und Brettern werden und, bestimmt auch nach einer Lagerungszeit, schließlich imprägniert und als Möbel lackiert werden, dann ist’s aus mit dem Holzduft. Bis dahin, im Wald, auch wenn sie schon liegen, atmen sie noch die Zeit der vielen Ringe aus — so ging’s mir durch den Kopf. Liebe Leute nichts für ungut und vielen Dank für Eure Anregungen und Kritiken. Wie oben gesagt, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes nicht bedächtig genug. Ihr seid mir deshalb eine große Hilfe. Ich ändere nun meine verqueren Spontanzeilen in:
Wintergeerntet – Jahresringe atmen in der Sonne.
Nochmals vielen Dank und gerne höre ich weitere Vorschläge und Verbesserungen
Freundliche Grüße Joseph
... geschrieben von Klaus Stute,
July 05, 2008
Ich denke, das Problem mit dem "wintergeerntet" ist, dass Bäume nicht geerntet werden, sondern gefällt. Dieser Versuch einer Neudefinition des Baumfällens funktioniert m.E. nicht. Geerntet wird halt nur Essbares.
Aber jetzt mal ne andere Frage (von mir an mich): wenn ich durch den Wald gehe - und gefällte Bäume sehe - und den Harzgeruch realisiere...
Interessiere ich mich dann für die Bäume? Für ihre Jahresringe? Wie alt dieses Nutzholz wohl schon ist etc.? Nein. Der Blick auf die Baumstämme und der Harzgeruch ist doch nur ein Anstoß zur Reflexion. Über mich selber.
Und wenn ich dann unbedingt diesen Anstoß und mich selber unter einen gemeinsamen haiku-Hut bringen muss, könnte das beispielsweise in diese hoffnungsfrohe Richtung gehen:
Winterstille - gefällte Bäume atmen ihre Jahre aus
Klaus
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 05, 2008
Lieber Joseph, auf Holz geklopft - Nutzholz/Brauchholz - nun, da habe ich mich wohl vertan...
Also ich bin da schon öfter stehengeblieben, habe mir die Jahresringe angesehen, sie gezählt, geschaut wann der Baum schneller und wann langsamer gewachsen ist, habe ggf. den Borkenkäfer aufgestöbert etc. Wie ich schon gesagt habe mich erinnert der Holz- und Harzduft an meine Jugend.
ICH muss aber in dem Haiku nicht vorkommen. Einfach nur die Situation, dass da vierzig bis fünfzig Jahre alte Bäume umgesägt, tot jetzt, daliegen, in der prallen Sonne herrlich duften (Holzduft) und auf die Weiterverarbeitung als Nutzholz warten.
Dein Vorschlag überzeugt mich nicht wirklich. Es war übrigens Frühsommer!
mfg Jakkede
... geschrieben von Heike Gewi,
July 05, 2008
aha! "atem" gerettet, "ernte" haengt noch in der luft. so schnell schiessen die preussen also doch nicht, joseph!
Wie oben gesagt, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes nicht bedächtig genug.
niemand will dich hier von SICH ueberzeugen oder "deine hausaufgaben" machen. jeder von uns gibt lediglich ETWAS zu bedenken. was du am schluss daraus machst - ist dein bier.
mir gefaellt klaus' nachhall sehr gut. apropos! "wintergeerntet" zieht immer noch nicht. da du schreibst, dass die ernte "gerne" im winter erfolgt, belass es doch bei der holzernte [nutz-/brennholz geschenkt; mein bruder stapelt duftendes kaminholz und "erntet" waerme im winter]. welchen nachhall du anhaengst liegt echt bei dir.
h - torpedomaessig
... geschrieben von Joseph Kandl,
July 06, 2008
Liebe Heike, Dein Torpede ist ein Rohrkrepierer! Ich habe mich bei Euch ordentlich bedankt.
... geschrieben von Heike Gewi,
July 06, 2008
geschenkt
;-)))
... geschrieben von Klaus Stute,
July 06, 2008
...und es war Sommer. Ja.
Tut mir leid: ich interessiere mich immer nur für das haiku - nicht für das persönliche Erlebnis eines Autors.
Und für die Bestandteile des haiku gilt: es muss passen - und vor allen Dingen: es muss haiku drin sein!
An dieser Stelle scheiden sich die Geister ganz furchtbar. Also ich habe beispielsweise in deinem haiku kein haiku-Gefühl gehabt - und ich geh davon aus, dass es dir bei "meiner" Winterversion bzw. den Vorschlägen der anderen genauso geht. Du klebst halt an deinem Bild und kannst gar nicht verstehen, warum das kein haiku sein soll. Und der ignorante Klaus "will" auch darauf jetzt gar nicht weiter eingehen. Vielleicht fühlen sich andere ja an dieser Stelle berufen, ein haiku-Plädoyer "für" den Harzduft der geernteten Bäume zu halten.
Aber ich sagte ja schon: haiku ist eine Sache des persönlichen Gefühls. Also dein haiku ist - dem Leser vorgesetzt - eine Sache des Lesergefühls. Und das wiederum ist halt auch bei jedem anders.
Naja: genug dazu. Die "Holzernte" - muss ich jetzt wohl mit Kopfschütteln, um nicht zu sagen Grausen, feststellen - ist also auch schon erfunden worden. Da hab ich wohl eine Art Blockade, weil Ernte bei mir ziemlich fest auf Früchte programmiert ist.
Was war noch: "ICH muss in dem haiku doch nicht vorkommen".
Das ist natürlich richtig. Meine diesbezügliche Bemerkung oben war eine Überspitzung. Oder von mir aus eine Art freudscher Versprecher. Jedenfalls schien mir das hier einfach naheliegend wegen der Ringe unter den Augen.
Und ein haiku ist nur dann ein haiku, wenn neben dem Gesagten noch nicht Gesagtes ausklingt bzw. atmet. Dass die Bäume in der Sommer- oder Wintersonne nun endgültig ihr Leben aushauchen, zählt für mich allerdings nicht dazu.
Klaus
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mit Deinem Text komme ich nicht gut zurecht. "Wintergeernetet" ist eine Wortschöpfung. Wortschöpfungen kommen in Haiku vor, denn die deutsche Sprache ist in der Bildung von Wortzusammensetzungen sehr mächtig. So weit, so gut.
Die erste Zeile kann ich nachvollziehen, wenn ich auch "Winterernte" vorgezogen hätte, denn dieser Begriff erscheint mir eingängiger. Aber in der zweiten Zeile formt sich Deine Sprache sinngemäß so aus: Der Atem der Jahresringe wird geerntet. Absurd? Nein, so steht es da! Das ist schon fast Surrealismus in der Poesie. Atem ernten? Du magst es nicht so gemeint haben, aber es steht so da. Man muss schon sehr überzeugt sein von der poetischen Wirkung auf den Leser, und sich dessen bewusst sein, was man schrieb, wenn man so eine Zeile stehen lässt. Im Haiku denkt man zuerst nach, über das, was da steht - expressis verbis.
Der Genitiv wirkt auf mich sehr traditionell, um nicht zu sagen, altertümelnd. So bekommt Dein Text etwas Schwerfälliges, Emphatisches. Aber was soll ich vorschlagen? Ich habe nicht die Zeit wie Du, auf die Schnelle mich in die Situation, die Du ja sicher selbst erlebtest, hineinzuversetzen. Es braucht Kontemplation um die Situation nachzuvollziehen. Ein Versuch:
Holzschlag -
mein Atem
im Duft der Stümpfe
Gerne lese ich noch andere Vorschläge.
Herzlich
Rudi