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das rascheln
© Heike Gewi   
15. 09. 2010
das rascheln gefallner
blätter - den weg finden
schreibend
 
Kommentare (9)Add Comment
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, September 15, 2010
...sehr geheimnisvoll, liebe Heike, - freude, dass ich von Dir lese - geheimnisvoll deshalb, weil ich nach dem ort suche, dem sichtbaren, dem hörbaren, dem inneren, dem erspürbaren.

das rascheln gefallner blätter - die rascheln ja nur wenn wind in sie hineinfährt, oder wenn man auf sie tritt, wenn sie, wie auch immer, in bewegung geraten.

da höre ich ihr rascheln und frage mich, was es denn nun ist, das sie rascheln lässt. den satz finde ich schön: durch seine lautung ist er onomatopoetisch gesehen schon ein wenig sein eigenes klangbild.

dadurch, dass du den weg zu finden versuchst, erscheint mir das rascheln der blätter logisch, klar, du gehst ja jetzt dort durch das blättermeer und findest den weg... klar und einfach...

aber jetzt der nachklapp in der dritten zeile: schreibend - als partizip präsens gleichzeitig gestellt mit dem voraufgegangenen finden des wegs. während du also schreibst findest du den weg. aha. jetzt bin ich slightly at a loss.

wenn ich doch schreibend einen weg zu finden versuche, dann werde ich, es sei denn hier ist psychochinese am werk, das laub kraft meiner gedanken kaum zum rascheln bringen können, allerdings kann es ja sein, dass du einen block in der hand hast und schreibend in gedanken versunken den weg durch das laub findest.

vielleicht, allerdings, ist es noch einmal ganz anders - und wir bewegen uns von allem anfang an auf der philosophischen ebene und das rascheln der gefallnen blätter steht für etwas ganz anderes: für den niedergang, den verfall, das letzte aufbegehren einer bereits dem tode anheimgegebenen sache... etwas, das sich, bevor es ganz vergeht, noch einmal bemerkbar macht, sich dir aufdrängt, dich aufwühlt. jetzt muss ein weg gefunden werden. es steht nichts von ausweg da, es ist nur ein einfacher weg, der aber begangen werden muss, während die katastrophe eigentlich schon eingetreten ist. es ist nur ein weg, eine pfad, der verstellt ist, der unsichtbar scheint.

die frage, warum jemand etwas für sich oder für andere schreibt ist vielfältig zu beantworten. hier allerdings scheint mir der sinn des schreibens einzig in der bewältigung dieses problems zu liegen...

...irgendwie habe ich das gefühl, dass es ein ganz persönliches Verslein ist, das so nüchtern und klar daherkommt, aber einen tiefen abgrund aufwirft....

liebe grüße
gabriele
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, September 15, 2010
psychokinese sprang mir beim erneuten durchlesen ins auge...
...
geschrieben von Klaus Stute, September 16, 2010
Das haiku zielt auf die letzte Zeile bzw. kulminiert (pardon) ebendort. Damit ist dort der haiku-Moment - und der schließt das ganze rückwärts auf.

Dann wird das Rascheln der Blätter draußen auf einmal zum Rascheln der Blätter drinnen (man schreibt ja eher drinnen, wenn draußen die Blätter schon rascheln). Aber das ist nicht die einzige Verbindung. Der Herbst draußen färbt auch auf den Schreiber ab bzw. legt das herbstliche Alter desselben nahe.

Insbesondere erinnern wir uns an die alten Zeiten - um nicht zu sagen: den Beginn des Weges - als noch auf Papier geschrieben wurde und so manches Blatt zerknüllt auf dem Boden landete bei der Suche nach dem richtigen ...was auch immer.

Im Nachklang stehen wir dann vor der Frage - oder bei entspr. Alter vor der Feststellung, ob bzw. dass es wohl des Lebens-Herbstes bedarf, um sich über seinen Weg einigermaßen sicher zu sein und diesen bejahend und mit einer gehörigen Portion von bereits gefundenen Dingen weiter zu verfolgen und sich über das Ankommen oder bereits angekommen Sein auch schon einigermaßen sicher zu sein.

Natürlich ist dies ein sehr persönliches Haiku über einen persönlichen Weg. Aber es strahlt soviel Sicherheit und Gelassenheit aus, dass es durchaus beispielgebend ist. Wenn der Leser das haiku solcherart annehmen kann, dann darf er sicher auch zu dem Schluss kommen, dass die letzte Zeile nur ein Beispiel ist, dass es zum Beispiel darum geht, sich nicht beirren zu lassen - weder von irgendeinem Rascheln, noch von den eigenen Fehlversuchen. Beides gehört aber dazu, zum "Finden des Weges". Und die Jahreszeiten des Lebens wollen ebenso bejaht und aktiv weiter vorangetrieben werden.

Jaaa - solange es nur raschelt
und nicht knirscht...

:-) Klaus

...
geschrieben von Heike Gewi, September 16, 2010
Liebe Gabriele,

ich danke Dir sehr fuer Deine Textanalyse. Deine Sicht der Dinge gefaellt mir, weil sie oft anders ist als von mir beabsichtigt. Das verspricht interessant zu werden.



das rascheln gefallner blätter -

Versetzt den versierten Haikuleser in eine Herbststimmung. Richtig! Pure Absicht. Allerdings versuche ich hier das aufzugreifen, was uns Angelika Wienert hier im Forum auch einmal als sog. Hybriden vorgestellt hatte. Woerter in ihrer Doppeldeutung, die sowohl kigo als auch kein kigo sein koennen.
Zurueck zum Herbst:
* das menschliche Alter und die Jahreszeiten; der herbst des Lebens.
Bin ich so alt oder fuehle ich mich so alt...?
* "Man wird alt wie'ne Kuh und lernt immer noch dazu."
Ein Sprichwort, das ich hier heraus hoere. Wer denkt im Herbst des Lebens alle Antworten zu haben, irrt. Dieser Person wuerde ich kein Wort glauben. "Rascheln" hat tatsaechlich etwas geheimnisvolles [Was bringt's?] - Andererseits ist es nie zu spaet, neue Wege zu gehen.
--->>Uebergang zu Zeile 2:

den weg finden

Oft tuen sich einem viele Wege auf. Welchen nimmt man [options]? Das Probieren faengt an. Der Spass am Abenteuer wird genaehrt [man kann ja umkehren!].
Das Experiment beginnt: -->> Uebergang zu Zeile 3

schreibend


Schoen, dass Du, Gabriele, den Wind erwaehnt hast. Dieser mit seiner schicksalsweisenden Richtung. Laeuft man gegen den Wind? Gegen sein Schicksal? Oder geht man mit dem Wind?
Nun, wir sind keine Buddhisten auf der Suche nach der Mitte in schier endlosen Wanderungen...und schon gar keine "Faehnchen im Wind".
Aber geistig, lesend und schreibend, sind wir immer auf der Suche.
Wer sucht, findet...

Heike ;-))
...
geschrieben von Heike Gewi, September 16, 2010
Oh, Klaus,

wir haben zur gleichen Zeit kommentiert und abgeschickt.
Aber Dein PC hat 'ne kuerzere Strippe als meiner, deshalb stehe ich nun an vierter Stelle ;-))))

Jaja, genauso. Ich habe nichts hinzu zu fuegen.

Ist die Diskussion schon zu Ende?

Es lebe das LUX!!

;-))
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, September 16, 2010
UUUUUUUUUUUUUUUUUUUps! Sorry....




...
geschrieben von Gabriele Brunsch, September 16, 2010
...kurz eine Anmerkung:

LadyArt - Gabriele Brunsch möchte kurz eine Anmerkung machen:

Die Form ist das eine,
der Gehalt das andere...



...
geschrieben von Heike Gewi, September 17, 2010
Hallo Gabriele,

eine gute Beziehung, auf die Du anspielst!
Form < > Ihnalt/Gehalt
Damit sind wir wieder beim Experiment: Was kann Haiku [Form]?
Muss die erste oder dritte Zeile die Erklaerung der zwei anderen sein?
So zu sagen - eine Definition zum Begriff [Phrasen/Fragment]?
Es geht, wie immer, um Haiku-Techniken:

- Vergleichstechnik
- Kontraste
- Assoziationstechnik
- Raetseltechnik
- Sinnumschaltung [switch-sense]
- Konzentrationseingrenzung
- Metaphorik [ja, auch in Haiku; a b e r wann?]
- Technik des Gleichnis[ses]
- Skizzentechnik [Shikis term Shasei > Lebensskizze]
- Double entendre [Doppeldeutung]
- Nutzung von Wortspielen [Japaner sind Meister drin; hai=lustig; fun, joke]
- enge Verknuepfung
- sprunghafte Vernuepfung
- Sabi-Technik
- Wabi-Technik
- Vermischungstechnik [macht es die Natur od. der Mensch; der Leser wird/ist konfus]
- Yûgen-Technik
- Technik der "unghlaublichen Welt"
- Humor
- Oben-wie-unten-Technik
- und das Paradox, Bsp.:

climbing the temple hill
leg muscles tighten
in our throats


Note: Paradox od. Paradoxon >> scheinbar unauflösbarer, unerwarteter Widerspruch.


Hm, soweit Jane Reichold. Und wieder Stoff zum Denken.

Gabriele, wuerdest Du bitte Deinen Hinweis zu diesem Z'hang von der Abstraktionsstufe runter holen?

Bis denne....

Heike ;-)
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, September 18, 2010
...bei allem regelwerk - und mein respekt gebührte schon immer einem gelungenen haiku, dem man die konstruktion nicht anmerkt, das leicht und verspielt daherkommt und schier schwerelos, ganz gleich wie schwer es dem autoren fiel - es ist mir leider wieder einmal nicht gelungen meine doch unglaublich unsachliche, veraltete herangehensweise nicht im zaum zu halten:

wie konnte ich nur vergessen, dass haiku in diesem fall nicht für lyrik steht, sondern für ein seelenlos, nach straffem regelwerk entworfenen konstrukt - das seinen sinn nur wie zufällig erheischt - weil am kigo aufgehängt... und als mustergestalt letztlich ein intelligentes sprachspiel ist, das sich also dem rückschluss auf die innenwelt gänzlich entzieht...
macht nichts.


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