ich möchte Dein schönes Haiku nicht unkommentiert stehenlassen.
Es ist in erster Linie das Bild , das mir gefällt : Die blühenden Weidenzweige, die auf den ziehenden Fluss niederhängen . z. Teil sogar die Wasseroberfläche berühren - der einsame Mann , der an den Weidenstamm gelehnt in die Flut starrt - ein Motiv , das man in den Illustrationen von "romantischen" oder "empfindsamen" Romanen nicht selten entdecken kann .Oft sind es allerdings heftig verschleierte Damen , die mit großer Geste ihrem Seelenzustand Ausdruck verleihen. Mir ist gestern eine solche Illustration aus dem 19. Jhd. zur Nouvelle Eloise zufällig untergekommen und ich musste sofort an Dein Haiku denken .
Allerdings habe ich doch die Frage , ob die Charakterisierung des Mannes als "Witwer" nicht doch etwas zuviel vorweg nimmt und den Nachhall gleich in Richtung Trauer oder Verzweiflung lenkt ?
Viele Grüße , Hans.
... geschrieben von Heike Gewi,
June 10, 2010
Lieber Hans,
was den angegebenen Titel anbelangt, so bin ich da etwas verunsichert. Sollte es sich um Rousseaus Nouvelle Héloïse handeln, so muss ich passen, da ich es nicht gelesen habe. Allgemein ist aber aus der Zeit und den Romanen der Aufklärung bekannt, dass Sinnlichkeit und Sterblichkeit zusammengehören. Mein bewusstes Ansprechen der Sinne (Augen) und die angedeutete Trauer sind Absicht. Der christliche Himmel wird zum "Reich der Träume". Was aber aus dem Haiku-Senryu [bewusste Kombination von Kigo und Seele/river blossoms = senryu] nicht unbedingt ein Spiegelhaiku machen muss. Die Person als Witwer bezeichnen und als solche an den Fluss stellen, hat noch eine andere Bewandtnis. Die Einsamkeit, die Du, lieber Hans, schon angesprochen hast. Und wieder das Sinnen (Meditieren!?). Der Tiefgang der Gedanken - vielleicht über Sinn und Zweck des Lebens und die vielen "Nichtigkeiten" unseres Alltages, die nach derartigem Verlust in den Hintergrund treten. Was war wirklich wichtig? Was zählte? Für einen Neuanfang "scheint" es auch zu spät, obwohl da frühlingshaft die Weiden blühen (Mai/Juni). Also mehr das Resümee des Ganzen, des bisher Gelebten. Und ja, der träumerische Himmel ... der Platz der Geliebten (?). Danke für Dein Interesse, Hans.
HerzGruß Heike ;-)
... geschrieben von Heike Gewi,
June 10, 2010
Nachtrag [my bad] :
river willow >> sen-ryu
"senryu blühen" hier als Anspielung ...
... geschrieben von hans lesener,
June 11, 2010
Ja , Du hast recht , liebe Heike : Ich meine Rousseaus "Julie oder Die neue Heloise" , die ich in einer deutschen Übersetzung gestern beim Bücheraufräumen wiedergefunden habe und die mit zahlreichen gefühlvollen Illustrationen geschmückt ist. Nein , ich habe den Brief-Roman auch nicht ganz gelesen . Aber ich bin von den Stellen fasziniert , die ein Vorbesitzer angestrichen hat , z.B. von dieser soeben zufällig aufgeschlagenen : "O welche Wollust für zwei Freunde, Arm in Arm ihr Leben freiwillig zu enden, ihre letzten Seufzer zu vereinen und zugleich die beiden Hälften ihrer Seele auszuhauchen ...!" Das spricht doch sehr für Deine Bemerkung über die Zusammengehörigkeit von Sinnlichkeit und Tod, und unter diesem Aspekt kann ich auch die Benennung der Hauptperson als "Witwer" nachvollziehen, in dem sich alle möglichen Seelenzustände vereinen : Einsamkeit , Trauer, Erinnerung, Hoffnung und Traum...
Ich hoffe , Du bist soweit einverstanden. Wenn ich noch einen Tip geben darf( auch wenn er eigentlich nicht hierhergehört ): Die neue Heloise ist sooo schön , man glaubt es kaum . Es wimmelt nur so von edlen Seelen , zärtlichen Kusinen, teuren Freundinnen , gefühlvollen Liebhabern, rachsüchtigen Ehrenmännern - und das Ganze steht unter dem Motto ( erster Satz der ersten Vorrede) " Große Städte brauchen Schauspiele und sittenverderbte Völker - Romane."
Herzl. Gruß , Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
June 12, 2010
Vielleicht hilft hier dem Textverständnis, Heike hat das mit ihrem Hinweis zum Senryûhaften wohl gemeint, daß Flußweiden in Japan auch für das, was wir Bordsteinschwalben (also eine Form des ältesten Gewerbe) nennen würden, steht. Und damit ginge es hier also um gewisse oberflächlichere, aber irgendwie doch auch tiefere Bedürfnisse des Witwers, die dann ebenso den Seelenzustand reflektierten. Und die Übergänge vom Haiku zum Senryû sind ja durchaus fließend. Die Weide, Frühlingskigo, blühend (also Spätfrühling und das Symbolische verstärkend) ist zugleich ein Symbol für das Weibliche mit zum Teil oberflächlicher, aber auch ästhetischer Betrachtung. Und es gibt japanische Legenden, denen nach die Frau die Seele des Baumes darstellt bzw. die über den Tod hinausgehende Verbindung zwischen Mann und Frau. Also etwas ähnlich wie hier schon diskutiert wurde. — Weiden hatten/haben u. a. eine Art Dorflindenfunktion.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
June 12, 2010
P. S.: Die Spiegelsicht würde ich hier gar nicht abweisen, denn sie unterstriche die doch etwas differenzierte Sichtweise zum Text, daß Oberfläche nicht nur Oberfläche und Tiefe eben nicht nur Tiefe ist. Und das vertieft hier also den Text.
... geschrieben von Horst Ludwig,
June 21, 2010
Flußweiden blühen. / Der Witwer hat nur Augen / für deren Tiefe. (So daß die Tiefe zunächst nicht so abstrakt wirkt, sondern durchaus an etwas aus der Natur gebunden erscheint, — von dem aus der Leser weiter miterleben kann. Und das ginge dann über alles, was an der Flußweide als Tiefes erlebt werden kann [verwurzelt sein, jedes Jahr wieder erblühen, im Winde schwanken, auch daß der Fluß das haltgebende Erdreich wegspülen könnte, usw.], durchaus hinaus.)
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ich möchte Dein schönes Haiku nicht unkommentiert stehenlassen.
Es ist in erster Linie das Bild , das mir gefällt :
Die blühenden Weidenzweige, die auf den ziehenden Fluss niederhängen . z. Teil sogar die Wasseroberfläche berühren -
der einsame Mann , der an den Weidenstamm gelehnt in die Flut starrt -
ein Motiv , das man in den Illustrationen von "romantischen" oder "empfindsamen" Romanen nicht selten entdecken kann .Oft sind es allerdings heftig verschleierte Damen , die mit großer Geste ihrem Seelenzustand Ausdruck verleihen. Mir ist gestern eine solche Illustration aus dem 19. Jhd. zur Nouvelle Eloise zufällig untergekommen und ich musste sofort an Dein Haiku denken .
Allerdings habe ich doch die Frage , ob die Charakterisierung des Mannes als "Witwer" nicht doch etwas
zuviel vorweg nimmt und den Nachhall gleich in Richtung Trauer oder Verzweiflung lenkt ?
Viele Grüße , Hans.