... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 28, 2010
Lieber Hans,
seit Tagen lese ich Dein Haiku immer wieder und weiß, dass ich dieses Erlebnis auch schon öfter hatte, ohne jedoch sagen zu können, dass ich mich dann "zu Hause" gefühlt hätte, oder ohne, dass mich die Intensität des Wohlbefindens an ein "Zu Hause"-sein erinnert hätte.
Wie beneidenswert ist dieser Zustand.
Meine Gedanken sind vielfältig und gehen auch in verschiedene Richtungen. Aber Dein Haiku will verstanden werden, also will ich meine Gedanken sagen:
In wie weit ist denn das Allein-sein notwendig für das Sich-zu-Hause-fühlen? Schwingt da nicht plötzlich ein wenig Einsamkeit mit, wenn man feststellt, dass man ganz allein ist, in der großen Kirche, dass die Stille mit einem Mal fast rauschhaft um einen herum wirbelt und man sein eigenes Blut pochen spürt.
"Zu hause": Was schließt das nicht alles ein, Vertrauen, Wohlbefinden, Friede, Friedlichkeit, Angenommen sein (im besten Fall natürlich), Eins sein mit sich selbst, Schutz und Hilfe, Bewahrt sein vor den Unbilden der Welt, heißt aber auch, dass ich mich da genau auskenne, dass mir jeder Winkel ureigentlich bekannt ist, dass ich um Vorteile und Nachteile weiß, um Luftzug am Fenster, um Kältezonen im Zimmer, um den unbequemsten Stuhl und Sessel, das durchgesessene Sesselkissen. Ich weiß, wann ich hier Phasen der Stille habe und wann ich Gefahr laufe von Anrufen, Besuchern erschlagen zu werden. Ich bin ja zu Hause, da ist mir alles vertraut.
Nun bist Du im weiten Raum der Kirche allein - dass es eine Hallenkirche ist fördert das Bild in seiner Genauigkeit, lässt rein sprachlich durch die Alliteration den Hall-all... im Raum hallen, lässt im Bild den einzigen, kleinen Menschen angesichts der Größe des weiten Raums noch fragiler und winziger erscheinen.
Gleichzeitig mildert jedoch die Tatsache, dass sich der Sprecher hier "zu Hause" fühlt, den Eindruck seiner Hilflosigkeit, seiner Einsamkeit, seiner Ausgesetztheit s o f o r t . Dieser Mensch ist zwar allein, doch dieses Alleinsein suggeriert Kraft und Macht. Er ist nicht fragil und keinesfalls winzig. Er erfüllt den Raum mit seinem Wesen.
Dass Du jetzt sagst, dass diese Situation für Dich ein Zu Hause sein bedeutet, ein Angekommen sein, das erfüllt mich mit Freude... und ein wenig Neid um diesen befreiten Zustand, der Loslösung von allen Ängsten und Sorgen.
Meine Gedanken zu Deinem Haiku
Liebe Grüße Gabriele
... geschrieben von Klaus Stute,
July 29, 2010
Mein Blickwinkel ist da etwas anders, Gabriele: Wenn man nie allein gelebt hat, jahrzehntelang verheiratet war oder ist, Kinder in die Welt gesetzt hat etc. - dann ist dieses oben von Hans beschriebene Ankommen im Alleinsein kein erstrebenswerter Zustand.
Trotz der deutlichen, von Hans gesetzten Punkte, sehe ich hier eher Fragezeichen. Ich geh sogar davon aus, dass der Leser über diese Punkte stolpern soll.
Und ich sehe hier die große Fragestellung im Nachklang, wohin das führen soll, wird oder kann - weil irgendwann geht man alleine den berühmten "letzten Gang" und fühlt sich, wie Hans es beschriebt, in einer dieser Wartehallen mit Durchgangscharakter. Und dann muss die Frage, wie es weiter geht, vor dem nächsten Schritt zur Gewissheit werden.
Zu Hause.
Nun - soweit sind wir noch nicht. Wir stehen mit all unseren Fragen über das finale Zuhause noch auf eher wackeligen Füßen, weil die christliche Konditionierung mit den altgedienten "Antworten" zunehmend weniger funktioniert.
Aber die Vorstellung, diesem Nachklang aller Nachklänge irgendwann allein entgegen zu gehen, beschäftigt uns immer wieder. Und bis zu einem gewissen Punkt, den Hans hier - meines Erachtens - beschreibt, können wir dabei kommen.
Am Ende ergeben wir uns in unser Schicksal.
Klaus
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 29, 2010
Lieber Klaus,
...gerade diesen Aspekt des "berühmten letzten Ganges" wollte ich bewusst aussparen. Auch die aktuelle Brisanz in der Diskussion um die Vorfälle in und um die Institution Kirche konnte und wollte ich nicht diskutieren und einflechten. Sicherlich sind alle Lesarten möglich, je nachdem was der Leser an Absichten und Einsichten mitbringen mag.
Aber dann frage ich mich, warum die Kirche ausgerechnet eine "Hallen"-kirche ist - welchen Sinn hätte dieses Detail?
Wenn es Fragen wären, warum stehen dann keine Fragezeichen?
Wenn das Alleinsein so schmerzhaft ist, warum dann das Gefühl zu Hause zu sein?
So viele Fragen, so viele Gedanken...
Mir war hier ganz bescheiden dieses erhabene Gefühl der Wonne - eins zu sein mit dem wunderbaren alten weiten Bauwerk und der Idee zu Hause zu sein in der Wohnstatt einer göttlichen Idee - das hervorstechende Element. Darum sprach ich auch von Neid.
Ich bin gespannt in welche Richtung die Diskussion noch gehen wird.
Gabriele
... geschrieben von Klaus Stute,
July 29, 2010
Im - ich sag mal Zwischen-Nachhall - der ersten Zeile lese ich:
"Im weiten Raum der Möglichkeiten"
...bin ich jetzt gelandet in dieser durchaus beeindruckenden Halle.
Jaa - zu Hause (oder was)!?
Dieses Fragezeichen ist natürlich nicht im haiku, sondern stellt sich beim Leser ein. Das "Zu Hause." wird hinterfragt: ist das - kann das ein Zuhause sein? Ist es eine Überzeugung? Oder was ist das für eine Entscheidung: gibt es jetzt (NOCH - bei obiger Lesart!) eine Wahl? Was bleibt mir anderes übrig?
Im Nachhall des haiku bleibt es m.E. offen, ob es tatsächlich zu einer reinen Gewissheit kommt oder ob es nicht doch ein Akt des Fatalismus ist. Es läuft aber auf dasselbe raus, wie gesagt: Ergebenheit in das Schicksal.
Nach meinem Gefühl strahlt das haiku kein "looking forward" aus.
Im haiku-Moment sehe ich weniger das Ankommen, als die AKZEPTANZ einer gewissen Entscheidungslosigkeit.
Klaus
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 29, 2010
...wow... Das ist wirklich in höchst philosophischer Aspekt, den ich durchaus nachvollziehen könnte, wäre da nicht der freie Wille. Warum geht er in die Kirche, warum sucht er diesen Punkt der Einsamkeit, wenn er ihn in seinem Erkenntniskampf nur als willenlose Puppe in einem fatalistischen Zustand der Entscheidungslosigkeit verharren lässt und diesen dann auch noch als "zu Hause" - quasi als Verkehrung seiner Bedeutung in eine Art Selbstbetrugsstarre stößt.
Auch jetzt versuche ich noch einmal auf das Detail der "Hallen"kirche zurückzukommen. Diese Angabe des Baustils, der diese Kirche doch ganz eindeutig von anderen Kirchen abgrenzt, gibt dem Haiku meiner Meinung nach einen ganz persönlichen Charakter. Es ist die Kirche in der sich der einsame Besucher zu Hause fühlt - es ist nicht die andere dort, die mit den Seitenaltären.
Gehen wir mal einen kleinen Schritt weiter. Stell Dir vor Du würdest den Autoren des Haiku nicht kennen, es bestünde sogar eher die Möglichkeit, dass es von einer jungen - sagen wir mal - Novizin in einer Klosterkirche geschrieben wäre, wie würde dann die Interpretation ausfallen?
... geschrieben von hans lesener,
July 29, 2010
Aus Eurer Diskussion liebe Gabriele , lieber Klaus , kann ich Einiges über mein Haiku und über mich lernen. Zwar hatte ich mir vorgenommen , mit allzu Persönlichem im Net zurückhaltender zu werden , aber hier geht es wohl nicht ganz ohne Bekenntnis :
Zunächst : Alles was G. in ihrem ersten Komm. als Beschreibung für den Zustand "zu Hause" aufgezählt hat, entspricht meinem Empfinden. Vertrauen , Friedlichkeit , Angenommen sein , Schutz und Hilfe finden,eins sein mit sich . Aber: "Kevin allein zu haus "? Das gehts ans Wesentliche. Wenn hier ein Widerspruch besteht / gesehen wird, so solls mir recht sein.Ein bißchen habe ich damit gespielt, vielleicht sogar ihn provoziert. Das ist aber nicht so wichtig. Entscheidend ist für mich, dass das "Zu hause" in der 3.Zeile den Schlusspunkt setzt, also dem "Allein" folgt und dessen negativen Aspekte, soweit vorhanden, auflöst. Zu diesen Negativa möchte ich sagen : Ich bin in der Kirche nicht allein, auch wenn ich allein bin. Ich bin gern allein ,trotz Familie und sozialem Umfeld, mache die Dinge gern mit mir allein im stillen Kämmerlein ab , und zwar seit klein auf; vielleicht kann man hier auf den Zustand der Meditation hinweisen, die ja auch bei allem Streben nach Loslösung, nach Akzeptanz des Unvermeindlichen/ Wesentlichen nicht als fatalistisch angesehen wird ( ich bin da aber nicht versiert genug genug). Jedenfalls fühle ich mich im Alleinsein nicht fragil oder winzig, ich bin "bei mir".
Dies "Bei sich sein " / "Eins sein mit sich" führt jetzt zum Stichwort "Hallenkirche".( Gabriele hat hier ein fantastisches Gespür entwickelt !). Die weiträumige Halle ist für mich kein "Wartesaal mit Durchgangscharakter", wo meine Gedanken ziemlich zielgerichtet auf den "letzten Gang" gerichtet werden . Natürlich steht der Tod ausser Frage, und wer krank ist , beschäftigt sich unablässig mit ihm . Aber ich lasse diesen Gedanken in seiner Selbstverständlichkeit stehen ( d.h. ich bemühe mich bewusst darum), und deshalb macht er mich nicht klein. Wie Gabriele formuliert : "Dieser Mensch ist zwar allein , doch das Alleinsein suggeriert Kraft und Macht. Er ist nicht fragil und keineswegs winzig. Er erfüllt den Raum mit seinem Wesen."
Den Raum füllen , das ist bei Hallenkirchen etwas anderes als bei den riesigen gotischen Kathedralen , bei denen das Mittelschiff schmal und hoch ist ( Köln ), und das, flankiert durch niedrigere , mehr oder weniger düstere Seitenschiffe, den Menschen in der Tat noch kleiner , hilfloser und damit erlösungsbedürftiger erscheinen lässt , als er ohnehin ist , ihn "unten" lässt nur um ihn "in die Höhe" zu reissen. Statt dessen haben wir bei der Hallenkirche einen einzigen weiten meist hellen Raum , dessen Maße nicht manipulieren, sondern Atmung und Ausdehnung zulassen , ja fordern. Es ist , ketzerisch gesagt, keine Gruft für einen gestorbenen Gott. ( Ich habe mir vorgenommen , mal mit einem Archtiktenfreund darüber zu sprechen , ob es bei diesen Bauten so etwas Ähnliches gegeben hat wie das Menschliche Modul von le Corbusier). Hinzukommt , dass diese Kirche , die ich konkret meine, eine katholische Kirche ist , die von den Wiedertäufern dankenswerterweise von vielem überflüssigem ablenkenden Zierrat befreit worden ist . Sie ist also nicht nur weit und licht , sondern auch ziemlich leer. In ihr stehe ich, allein, als Protestant , aus freiem Willen, aufrecht und durchaus selbstbewusst , stolz darauf , auch "ohne Mittler unmittelbar zu Gott " zu sein . Zu hause zu sein . Dabei ist der Stolz für mich ein wesentliches Element : Ohne Poperei und Mummenschanz auskommen ...
Es sind also 2 Aspekte hier für mich wichtig : Der architektonische und der theologische, den ich aber aus meiner laienhaften Sicht und mit Rücksicht auf evtl. weitere Leser nicht vertiefen möchte. Sonst wird das Lux zu fromm , was ich nicht möchte und was ich im herkömmlichen Sinn auch nicht bin .
Ich weiß , lieber Klaus , dass ich Dich nicht überzeugt haben werde. Aber "Akzeptanz einer gewissen Entscheidungslosigkeit" - so ausweglos negativ möchte ich doch nicht formulieren.
Euch beiden Dank und Grüsse , Hans.
... geschrieben von Klaus Stute,
July 30, 2010
Ich denke, dass wir am Verlauf der gesammelten Eindrücke gut sehen können, was passieren kann und was genau mir bei diesem haiku passiert ist:
Für mich ist der Inhalt des haiku ein Bild, eine Fiktion, eine Vision. Bei "Hallenkirche" war die Architektur für mich völlig nebensächlich. Ich habe nur das Wort auf mich wirken lassen und bin damit zu den Assoziationen Wartehalle und Durchgangsstation gekommen. Bei letzterer sieht man, dass ich das "angekommen sein" auch so gar nicht akzeptieren konnte - und damit war ich automatisch bei einer gewissen Unfreiwilligkeit und bei dem besagten finalen Weg, den jeder irgendwann mal alleine gehen MUSS.
Der Gedanke bzw. das Nachdenken über diese Art des "Ankommens" mit dem für mich fragwürdigen "Zuhause" hat mich überhaupt gar nicht mehr an ein freiwilliges oder gar suchendes "Aufsuchen", also an einen einfachen Besuch dieser Hallenkirche denken lassen.
Letzterer ist natürlich, so wie Hans es eindrücklich geschildert hat, das originäre Erlebnis des Autors. Seine Empfindungen - und das sollte hier nochmal klar werden, haben - ich sag jetzt mal vorsichtig "vorerst" - nur wenig mit der bzw. den "späteren" bzw. letztendlich möglichen haiku-Ebenen zu tun. Diese ergeben sich, wie oben gesagt, aus dem fiktiven Bild, das sich der Leser von dem Bild macht und natürlich aus dieser im haiku erforderlichen starken Reduktion bzw. Skizzierung des Erlebnisses.
Insofern - ihr ahnt es schon, worauf dieses Plädoyer hinauslaufen soll - brauche ich mir sicherlich nicht den Schuh anziehen, "hier vollkommen falsch" gelegen zu haben - was man schon mal hört in den haiku-Kommentaren. Der Leser kann, wie Horst Ludwig es immer betont, sich nur an die Worte des haiku halten; genauer gesagt daran, was diese Worte FÜR IHN hergeben. Und das führt bekanntlich zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.
Klaus
... geschrieben von hans lesener,
July 30, 2010
Alles ist meine Schuld , lieber Klaus -
ich hätte diesen Text nicht einstellen sollen, zumal mir klar war , dass das "Zu hause" in der 3.Zeile durchaus Kommentar-Charakter trägt und vielleicht nur wegen seiner unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten eine Berechtigung hat .
Mir ist auch klar , dass die vorangegangene Diskussion sich nicht streng am Buchstaben des Textes orientiert hat . Insofern habe ich genau wie Du an Horst Ludwigs mahnende Worte gedacht und Deine Frage erwartet, was denn hier wohl Haiku sei ... Immerhin habe ich versucht , mein persönliches Erlebnis als solches kenntlich zu machen , mit dem Hinweis auf den Bekenntnischarakter meiner Ausführungen. Mir ist auch klar , dass zwar möglicherweise die Architekturkomponente erkennbar ist ( Gabriele war ihr ja auf der Spur ) , auf keinen Fall aber der "theologische" Akzent . Möglicherweise eignet sich dies Thema eher für ein Haibun, da sich ja etwas ausführlicher äussern kann.
Niemand wird Dir den Vorwurf machen , falsch gelegen zu haben . Deine Interpretation ist angesichts des kryptischen Textes eine von zwei möglichen , sie kann also gar nicht "falsch" sein, auch wenn der Autor vielleicht etwas anderes im Sinn hatte als Du ( selbstkritisch angemerkt : dann muss er das "andere" aber auch ausdrücken - wobei er mit der Offenheit des Haiku nur zu leicht in Konflikt geraten kann , wie figura zeigt.).
Also : kein Grund für Vorwürfe irgendwelcher Art ! Für mich war es mal wieder lehrreich und vergnüglich , mir über meine eigenen Antriebe klar zu werden .
Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
July 30, 2010
Lieber Hans, lieber Klaus,
Das Haiku hat mich - wie ich im allerersten Komm. schrieb - sehr beschäftigt. Ich habe es sehr ernst genommen und mich dann intensiv damit auseinandergesetzt. Mein Versuch in die Tiefe hineinzugehen, mir meine Gedanken von der Seele zu reden ist sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Klaus, Du hast Deine Antwort "Mein Blickwinkel ist da etwas anders, Gabriele:" nachgeschickt und Deine Interpretation nachgeliefert.
Dieser Vorgang ist mir aus den Literaturstunden (Schule und Universität) in Erinnerung, wenn die vielen verschiedenen Möglichkeiten der Gedicht-Interpretationen aufeinander prasselten und sich immer wieder neue Fenster öffneten. Und alle sind und waren legitim. Natürlich war es immer der Lehrer, der dann, wenn man glaubte alle Facetten ausgeleuchtet zu haben, plötzlich noch weitere hervorzauberte, die man als Lernender am Anfang des Prozesses gar nicht wissen konnte - so z.B. den politischen Aspekt, den dem zeitgeschichtlichen Hintergrund innewohnenden Bedingungen... und dann öffnete sich das Gedicht erneut und man war verblüfft, weil man diese oder jene Spur gar nicht hatte sehen können.
Für mich ist Deine Interpretation, lieber Klaus, sehr interessant, sie öffnet einen Aspekt, den ich so nicht gesehen hätte (schon allein deshalb, weil mich die Hallenkirche n i e m a l s mit Wartehallte assoziert hätte) - der aber, und das sage ich aus voller Überzeugung, vollkommen legitim ist, da dein Lebenshintergrund und Deine Sehweise jedem Begriff eine andere Konnotation zuordnet.
So lernen wir alle etwas dabei, über die Worte, die Sätze und die Personen, die sie schreiben und interpretieren.
Wie Du allerdings, lieber Hans, Dein Haiku nun in Zweifel ziehen kannst - nur weil sich da eine Diskussion entfacht hat, verstehe ich nicht.
Gabriele
Gabriele
... geschrieben von Klaus Stute,
July 30, 2010
Neinein, lieber Hans - die theologische Komponente ist durchaus deutlich. Und sie wird auf einem hochchristlichen Acker zweifellos sehr erfreut adaptiert werden.
Ich bin derjenige, auf dessen kritischem Boden das haiku eine kleine Provokation erzeugt hat. Bei mir stand noch im unmittelbaren haiku-Moment ein "was!?" oder ein "wie?" - Zuhause!? Allein!? An einem so ungemütlichen Ort etc.
Das heißt: mein Nachklang hat erstmal die letzte Zeile auf drei Punkte verlängert. Und so weiter - siehe oben.
Zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, dass ich selbst beim Lesen eines auf den ersten Blick deutlichen haiku dieser Deutlichkeit niemals so anhänge. Das heißt im obigen Fall: mit meiner Lesart konnte ich das haiku gar nicht als klares oder reines Bekenntnis-haiku begreifen. Mein Blick greift immer nach dem Vorhang und versucht, dahinter zu schauen. Wahrscheinlich denke ich, wenn nichts dahinter ist, dann ist es kein haiku.
Mein (pardon) "dahinter", das die Zeilen für mich zum haiku gemacht hab, hab ich ja oben dargelegt. Diese Arbeit kann der Leser sich aber meines Erachtens durchaus mal machen.
Klaus
... geschrieben von hans lesener,
July 31, 2010
Ohne Zweifel , liebe Gabriele , geht es leider nicht , jedenfalls nicht bei mir , und auch nicht bei diesem Text. Ich hatte Zweifel schon beim Einstellen , wegen der möglichen Kommentarfunktion der 3. Zeile . Ich habe Zweifel auch nach der Interpretation von Klaus , die ja , wie Du schreibst, auch für Dich einen unerwarteten Aspekt eröffnet hat . Ich habe Zweifel wegen des etwas radikalen Protestanten-Standpunkts , der bei allem theologischen Bezug so nicht aus dem Haiku ablesbar ist. Dazu gehören auch die Zweifel wegen der erforderlichen Selbstentblößung auf dem , von Klaus so genannten, "hochchristlichen Acker"...
Andererseits stimme ich sehr mit Deiner Auslegung überein , mit Deiner treffsicheren Beschreibung von "Zu hause", Deinem Gespür für das architektonisch Bedeutsame der Hallenkirche, und habe mich über Dein Angesprochensein vom Text , das Ernstnehmen der Autorenbemühung ehrlich gefreut . Gefreut , weil anscheinend etwas von meiner in diesem Fall sehr starken Empfindung Dir erkennbar geworden ist.
Empfindung will aber umgesetzt werden in Gedanken. Ich habe dieser Tage , ausgerechnet im Spiegel, ein Goethe-Zitat gefunden : "Erst Empfindung, dann Gedanken , erst ins Weite, dann in Schranken." Auf mich angewendet : Ich habe stets Zweifel , ob ich das Empfundene adäquat ins Gedankliche transportiert habe, die Weite des Gefühls angemessen den Schranken des Haiku unterworfen habe , ein Haiku formuliert habe, hinter dessen Vorhang sich etwas Lohnendes verbirgt ...
Genau diese Überlegungen sind es aber auch , die einem ein Haiku lieb werden lassen , ein Gefühl des Dankes an die interessierten Interpreten auslösen und die wohl auch dazu führen, dass man trotz der manchmal so problematischen Haiku-Szene doch weitermacht ...
Herzliche Grüße , Hans.
... geschrieben von Horst Ludwig,
August 01, 2010
Ich meine schon richtig zu lesen, was Hans Lesener hier mitteilen will. Ich würde es aber so schreiben: "Im weiten Raum / der Hallenkirche allein / und zu Hause." Möglich wäre auch und vielleicht sogar besser: "Im weiten Raum der Hallenkirche / allein / und zu Hause." Zu Klaus Stutes "Der Leser kann [...] sich nur an die Worte des haiku halten; genauer gesagt daran, was diese Worte FÜR IHN hergeben. Und das führt bekanntlich zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen": Einerseits gilt natürlich "was diese Worte FÜR IHN hergeben". Aber wie auch in einem Rechtsfall gilt letztlich als entscheidend, was die Sprache bei deren genauester Betrachtung hergibt. Solange Lesarten sich bei privatvergnügender Nachtlektüre ergeben, kommt es zu keinem sinnvollen Streit. Wo's aber um sprachliche Leistung geht, die etwas zur Kultur beiträgt, da schlafen wir bestenfalls beunruhigt ein; denn die Fragen, die sie aufwirft, werden uns eben auch im folgenden Tageslicht nicht loslassen. Beabsichtigte unterschiedliche Ergebnisse müssen in der sprachlichen Formulierung begründet sein. Hier z. B. macht es einen großen Unterschied aus, ob dem "zu Hause" am Ende ein Punkt folgt oder ob ihm drei Pünktchen folgen...
... geschrieben von Klaus Stute,
August 01, 2010
Ah - Herr Ludwig hat den an ihn gerichteten Spielball aufgenommen: was die Worte "FUR IHN", den Leser hergeben, ist aus professoraler Sicht natürlich privatvergnügliche Nachtlektüren Vorgehensweise mit ungenauer Betrachtung und nicht sonderlich sinnvoll. Ich muss hier wohl zugeben, dass ich Horst dazu bringen wollte, klarzustellen, wo er hier in den haiku-Diskussionen die germaistischen Auslegungshoheiten sieht. Aber dies nur am Rande - und bitte mit einem :-) begreifen; keineswegs als Fehdehandschuh.
Aber das jetzt nur nebenbei. Ich möchte doch noch einmal ernsthaft versuchen, auf Hans einzugehen; d.h. meine Nachtlektüren-Abwege außen vor zu lassen.
Dein Hadern, Hans, scheint mir etwas vom alten Autoren-Konflikt beeinflusst, nämlich dass der Leser nicht ausreichend versucht - oder nicht genug in der Lage ist, sich in den Autor hineinzuversetzen, sondern dass er in sich selber sitzt - festgenagelt, um nicht zu sagen vernagelt, aus Autorensicht; jedenfalls entweder - oder - bei bescheidenerem Ansatz wie bei dir, Hans, suchst du das Schiefgelaufene bei dir.
Das Schiefgelaufene ist aber lediglich das von mir gerade Angesprochene. Aus haiku-Sicht ist nichts schiefgelaufen. Der Leser hat dort alle Freiheiten.
Nun - du hast aber auch verdammt abstrahiert, sag ich jetzt mal ganz locker. Damit du siehst, was aber dennoch alles möglich ist, nehmen wir jetzt mal die Hans-Position ein - und lesen das haiku unter dem Gesichtspunkt "was gemeint ist". Aber bitte mit einem "was Klaus glaubt, dass es gemeint ist":
Im weiten Raum der Hallenkirche, also. "Gemeint ist" natürlich nicht die Weite/Architektur des Kirchenschiffes, sondern der weite Raum des christlichen Glaubens. Gemeint ist übrigens auch keineswegs der weite Raum der (Amts-) Kirche. Diese sieht uns ja bekanntlich lieber in der Enge ihrer harten Sitzbänke.
Aus kirchlicher Sicht ist die Weite des Glaubens demzufolge auch keine Natürlichkeit, nichts "Gegebenes", geschweige denn von ihr, der Kirche - sondern etwas, das die Menschen sich einfach herausnehmen, für sich in Anspruch nehmen - nämlich - und damit sind wir bei den haiku-Zeilen: irgendwo in dieser Weite des Glaubens(Raumes) einen Platz für sich zu definieren, an dem sie sich mit ihren mehr oder weniger abgespeckten - oder von mir aus auch mit welchen "wachen" etc. Aspekten auch immer aufbereiteten - Sichtweisen ansgesiedelt haben.
Je mehr sich diese Sichtweisen von den gängigen Kirchen distanzieren, je individueller steht der einzelne natürlich da - und damit sind wir beim nächsten Wort des haiku: "allein". In dieser Weite der Möglichkeiten, bei der die Menschen ihre individuelle Sichtweise für sich beanspruchen, steht der einzelne natürlich ganz allein auf seinen Koordinaten. Wenn wir jetzt in uns selber hineinhorchen, ist aber auch klar, dass es kein wirkliches Alleinsein ist, kein sich allein gelassen fühlen, sondern etwas selbst gewähltes. Das heißt: "es ist auch gut so".
Damit wäre dann auch der letzte Schritt des haiku klar: natürlich sind wir nicht in dieser realen, weiträumigen Hallenkirche "zuhause". Wir haben auch nicht einmal im diffusen Raum des christlichen Glaubens ein festes Zuhause. Das ist ja eher ein schwankendes Schiff, das die meisten nur gelegentlich mal betreten. Nein - der Nachhall ist ja, dass wir bei uns selber ganz individuell zu Hause sind.
Mit uns im Reinen.
Was von Hans verdammt (pardon) abstrahiert in das haiku gelegt wurde und von meiner Anmaßung hier als "aus Autorenssicht" aufgezeigt werden wollte. Ich hoffe aber Hans, dass wir uns jetzt wieder ein Stück näher gekommen sind.
Klaus
NS Noch ein Scherz am Ende: ist diese "my church is my home" Formulierungsweise des haiku vielleicht etwas zu amerikanisch geworden?
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 03, 2010
Lieber Horst,
...so will ich meinerseits den "Spielball" ein wenig verzögert aufnehmen und erneut ins Feld werfen.
Ich habe oben schon gesagt, dass mich das Haiku sehr berührt hat.
Jeder, der ein Werk entlässt sollte zweifeln, zögern, prüfen und überdenken... der Dichter, der Maler ebenso wie der Architekt... auch ein Kommentator/in.
Nichts von all dem, was ich anfänglich gesagt habe, möchte ich wiederholen, zumal sich das Gedicht und seine mögliche Aussage sehr weit geöffnet hat und das in eben der Fassung, in der es anfänglich präsentiert wurde.
Gerade so würde ich hoffen, dass es bleibt, lieber Horst. Ihr Vorschlag ein „und“ einzufügen verändert nicht nur den Fluss des Gedichts völlig und tiefgreifend, es nimmt ihm auch seine Prägnanz und für mich auch seine Größe.
Auch der schlichte Punkt ist m.E. unerlässlich.
LG Ihre Gabriele
P.S.: Klaus' Scherz - "my church is my home" ist letztlich gar kein Scherz, sondern für viele Menschen eine tiefempfundene Wahrheit, die respektiert werden sollte, wie auch immer. Oder habe ich den Witz nicht verstanden?
... geschrieben von Klaus Stute,
August 03, 2010
Hallo Gabriele, ich hab nur scherzhaft eine Nähe konstruiert zum geflügelten englisch/amerikanischen statement "my home is my castle", das bekanntlich ein Manifest ist. Keine Ahnung, warum wir sowas kaum im Deutschen haben.
Natürlich ist diese Ähnlichkeit nur sehr, sehr schwach vorhanden. Hans bringt hier ja etwas mit größter Vorsicht vor - wogegen das Original mich jetzt eher an eine Kampfansage denken läßt.
Ich bin allerdings oben in der ersten Auseinandersetzung mit dem haiku diesem ansatzweisen Manifest-Charakter etwas "aufgesessen", sag ich jetzt mal. Das heißt, er hat bei mir einen kleinen Affront ausgelöst. Heute - nach weiterer Beschäftigung mit dem haiku, kommt mir das schon wie eine Überreaktion vor.
Klaus
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 03, 2010
Lieber Klaus,
ich freue mich sehr über Deine rasche Antwort und Deine Gedanken zur obigen Auseinandersetzung.
Ich finde bez. Deines Haiku-Kommentars nicht, dass es eine Überreaktion war, es war lediglich eine völlig andere Interpretation - und Hans' Haiku/Gedicht ist ja deshalb m.M.nach so gut, ja noch besser, weil es so viele Fenster aufstoßen konnte.
Gabriele
... geschrieben von hans lesener,
August 03, 2010
Was ein zusätzliches "und" angeht , möchte ich mich der Meinung von Gabriele anschliessen. "Und" kann bedeuten sowohl "und deshalb" als auch "und trotzdem". Ich möchte jedoch keine irgendwie geartete kausale Verbindung zwischen "allein" und "zu Hause" herstellen. Vielmehr sagt mir mein Bauchgefühl , dass es im Wesentlichen auf das erleichtert aufseufzende , nicht an Bedingungen geknüpfte d.h. bedingungslose Sich-zu-Hause-Fühlen ankommt. Ich bin sicher , lieber Horst Ludwig , Sie verstehen das. Dir , liebe Gabriele, bin ich jetzt Einiges an Dank schuldig , nach diesen Kommentaren ! Und Dir , lieber Klaus , darf ich in Erinnerung rufen, dass wir in den vielen Jahren , die wir uns kennen, noch nie weit auseinander waren ; so auch diesmal.
Euch allen herzlichen Dank ! Hans.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
August 14, 2010
Der Raum ist ein umschlossenes Volumen mit einer definierten Begrenzung wie bspw. ein Zimmer. Der Weltraum, das Universum, mit seiner undefinierten Begrenzung ist ein Spezialfall des Raumes. Er ist ein hypothetisches Konstrukt, der sich der konkreten Anschauung und Erfahrung zunächst entzieht. Bei Segment a handelt es sich sprachlich und sinninhaltlich um ein Attribut zur Hallenkirche: Im weiten Raum der Hallenkirche. Hier ist also der architektonische Raum und seine Gestaltung "weit" gemeint. Zum einen spezifiziert dies die Hallenkirche, zum anderen bringt der Begriff historisch- und sozio-kulturelle Raumbezüge. Und die sind hier entscheidend für ein Textverständnis. Mit dem kirchlichen Einheitsraum, der im Mittelalter entstand, und auch im Westfälischen seine besondere Ausprägung fand, ist eine bestimmte Ideologie verbunden. Und das ist gar nicht so tief religiös wie Hans befürchtet. Denn der Raumaufbau, seine Ausgestaltung und die Verteilung der Sitzbänke/Chöre (Sitzordnung und -ebenen!), also die Raumordnung unter einem Dach in der Kirche, spiegelt ein Verhältnis von Gesellschaft und Staat bzw. Herrscher wider, also eine weltliche Ordnung, die sich von der ihr vorangehenden unterscheidet. Mit der Architektur wandelt sich langsam, aber doch sichtbar, das Verhältnis der Mächte (vom herrschenden Adel und vom allmählich zu Besitztum kommenden Bürgern) auch innerhalb der Kirche. Das Wort Kirche daselbst, also "das, was des Herrn" als Gebetshaus, als (hierarchisch strukturierte) Gemeinschaft und als Ekklesia, das Aus-der-Welt-zum-Gottesdienste-Herausgerufene, bekommt in der Einheit des Raumes neue Gewichtung bzw. Definition und Konzentration. So findet sich das Teil (allein im Sinn von einzig, eins, nur) zum Ganzen in der Gemeinschaft/Gemeinde zusammen. Und dieses neue Zuhause ist ganz von dieser Welt- und Raumordnung als auch von der ewigen wie sie sich im einen Kirchendach als Himmelszelt ebenfalls ankündigt. Diese historisch gewachsenen Pole erzeugen die Spannung und bieten den Rahmen für die doch recht neuzeitlich psychologische Perspektive, die hier diskutiert wurde: Vom kirchlichen Zuhause des Individuums ganz ohne Bedingungen und Pomp. Und diese Weite des Raumes könnte durchaus kausal und abgespalten vom zu Hause (ein anderes) gedeutet werden, da sie in der im Originaltext gebotenen sprachlichen Struktur unklar/undefiniert bleibt. Und das ist laut Hans nicht beabsichtigt. So würde ein zusätzliches "und", wie Horst Ludwig vorschlägt, ein Nacheinander einer zeitlichen (kulturgeschichtlichen) Reihung, aber auch ein Nebeneinander und ein Gleichzeitiges im aktuellen Erleben des Einheitsraumes in seiner übertragenen Bedeutungen (da dann das Universum als Heimat eingeschlossen) gezielt zur Darstellung kommen und in seiner räumlichen, spirituellen und emotionalen Bezügen vom Leser dennoch frei gewichtet werden.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 15, 2010
...die Ausführungen über den Raum an und für sich und im sprezifischen die über den der Hallenkirche zu lesen birgt zwar im wesentlichen nichts Neues, ist jedoch als Überleitung zur neuen Verortung von Hansens "Zuhause" sehr interessant.
Was die kausale Deutung der Weite des Raumes als eine vom Zu Hause abgespaltete angeht, bin ich so vollkommen d'accord.
Bei der tiefschürfenden Begründung für das Einfügen des kleinen Wörtleins "und" möchte ich jedoch sanft widersprechen. Nicht, dass das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit etc.- vom Universum bis hin zum Universum als Heimat nicht fantastische Brückenschläge sind um räumlich-spirituell-emotionale Bezüge zu begünden, sie lassen mich jedoch in ihrer Mächtigkeit ganz einfach "atemlos".
Und dieses Atemholen, diese Atempause nach dem Punkt der zweiten Zeile, wenn ich mich eingefunden habe in die verinnerlichende Betrachtung der Aussagen von Zeile eins und zwei (alle Ausführungen aller Kommentatoren oben insgesamt inbegriffen), sie ist nötig um die erquickende, entspannende und Schlussfolgerung zu ziehen.
Atemholen.
Ohne diesen Augenblick des Innehaltens für den Neubeginn, die entwaffnende Feststellung, die auch einen wie besprochen, nicht unerheblichen Überraschungseffekt trägt, würde der Moment der Erkenntnis verwässert – er würde „lau“ – seine ihm innewohnende Schärfe ginge verloren.
... geschrieben von Horst Ludwig,
August 17, 2010
Wie schon gesagt (1.8.), — und ich wiederhole es: Ich meine zu verstehen, was der Autor hier sagen will, und ich würde es mit "und" schreiben. Warum? Gerade weil ich dem harten Nebeneinander "seine ihm innewohnende Schärfe" nehmen will. Natürlich kann der Autor mit einem "nicht unerheblichen Überraschungseffekt" den "Moment der Erkenntnis" hart und scharf zur Sprache bringen wollen. Die meisten Erkenntnisse kommen allerdings einem gar nicht so wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus oder auf einmal und strahlend hell wie Philips Licht angeknipst, sondern allmählich. Und ich fügte das "und" auch ein, gerade weil ich gern in der Form dieses Haiku einen klaren klanglichen Aufbau haben möchte, hier in 4-7-4-Silbenform. Aber auch in absolut freier Form (mein zweiter Vorschlag, den ich ja — wie ebenfalls gesagt — für sogar noch besser halte) finde ich das verbindende "und" gut zur Darstellung einer ruhigen Harmonie angebracht. Natürlich kann wer das als "verwässert/lau" empfinden. Aber ich sähe die in den Segmenten vorgestellten Bauteile lieber zu recht harmonischer Einheit zusammengestellt und meine, es führte strukturell zu einem besseren Haiku. Daß der Autor hier aber wohl etwas etwas/leicht/ganz anders erlebt als ich, kann natürlich zu anderer Darstellung führen.
... geschrieben von hans lesener,
August 17, 2010
Noch ein kurzer Nachtrag zum Architektonischen : Sicherlich ist es richtig , dass die sich wandelnden Mächte der Architektur folgen , aber auch , dass die Architektur den Mächteverhältnissen folgt , ihre Veränderungen widerspiegelt. Für die von mir gemeinte Kirche , St. Lamberti Münster , lässt sich dies genau belegen : Sie wurde ausdrücklich als "Gegengründung" durch die politisch selbstbewusster ( weil reicher ) werdende Bürgerschaft gegen den alles beherrschenden Dom des Bischofs , der auch gleichzeitig alles beherrschender Stadtherr war , geplant und ausgeführt. Etwas von diesem Bürger-Selbstbewusstsein drückt sich m.E. in der Architektur aus , wurde von mir jedenfalls so empfunden. Ob sich diese Veränderung der Architektur etwas an baulichen Abmessungen oder Proportionen ablesen lässt , ist wohl nicht geklärt.
Und zum "und" : Ich bemühe mich stets nachzuvollziehen , was die Kommentatoren meinen oder vorschlagen , insbesondere dann , wenn es sich um Kommentare von Ihnen , lieber Horst Ludwig handelt. Bei diesem Haiku muss ich aber noch ein bißchen nachdenken, wie ich es halten will. Dafür gibt es verschiedene Gründe :
- Einmal meine ich seit jeher, dass ein Haiku , das sich spontan und in einem Zuge eingestellt hat, nicht mehr verändert werden sollte. Natürlich gewinnen manchmal auch solche Haiku durch Überarbeitung. In diesem Fall sagt mir aber mein Bauchgefühl, ich sollte es lassen wie es ist. Ich habe auch schon Fälle erlebt , in denen es gründlich schiefgegangen ist. ( Lieber Klaus , ich erinnere mit Vergnügen bestimmte Bemühungen in der bei haiku.de seinerzeit installierten PW 1 seligen Angedenkens... )
- Zum Zweiten : Ich habe schon in einem früheren Kommentar erwähnt , dass es mir auf das "erleichtert aufseufzende" Sich- zu- hause- Fühlen ankommt. Gabriele hat mich darin bestärkt , indem sie deutlich macht , dass das im Aufseufzen enthaltene Atemholen nach Zeile 2, d.h. nach der Feststellung "allein",nötig ist, um die erquickende und entspannende Schlußfolgerung in Zeile 3 zu ziehen. So sehe ich das auch.
- Nun argumentiert Horst Ludwig zusätzlich mit dem Bestreben , dem Haiku durch die Zufügung des "und" einen klareren klanglichen Aufbau und ruhige Harmonie zu geben . Ich gebe zu , dass ich diesen Aspekt des Haiku-Schreibens oft vernachlässige. Hier aber möchte ich ihn , nach meiner derzeitigen Überzeugung , bewusst zurückstellen . Ich möchte den Punkt nach "allein" unbedingt erhalten wissen ; bei der von Horst vorgeschlagenen Lösung ist das wohl wegen des gewollten harmonischen Übergangs nicht möglich. Ich sehe hier wirklich zwei von einander getrennte Reaktionen : die Feststellung "allein" , danach das im Atemholen sich verwirklichende zu-hause-Gefühl. Vielleicht fehlt mir die innere Milde für die harmonische Verbindung von Zeile 2 und 3.
"Im Atemholen sind zweierlei Gnaden : Die Luft einziehen , sich ihrer entladen. Du danke Gott, wenn er dich presst, und dank ihm , wenn er Dich wieder entlässt" (Goethe).
Dank Euch allen , Hans.
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 17, 2010
Im weiten Raum der Hallenkirche allein. Zu hause.
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Im weiten Raum der Hallenkirche allein und zu Hause.
Ein jeder von uns lauscht hinein und hört etwas anderes. Der Autor selbst sollte ganz außen vor bleiben. Die Verse stehen ganz für sich allein für alle Zeiten... und tragen ihre Bürde der Interpretation - nicht als Last, sondern als Gewinn...
... geschrieben von Gabriele Brunsch,
August 17, 2010
...nach langem Grübeln habe ich es eingestellt und dann merke ich, dass sich mein Eintrag mit Deinem, lieber Hans, überschnitten hat... ...es ist wirklich ein ganz wunderbares HAIKU!
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seit Tagen lese ich Dein Haiku immer wieder und weiß, dass ich dieses Erlebnis auch schon öfter hatte, ohne jedoch sagen zu können, dass ich mich dann "zu Hause" gefühlt hätte, oder ohne, dass mich die Intensität des Wohlbefindens an ein "Zu Hause"-sein erinnert hätte.
Wie beneidenswert ist dieser Zustand.
Meine Gedanken sind vielfältig und gehen auch in verschiedene Richtungen. Aber Dein Haiku will verstanden werden, also will ich meine Gedanken sagen:
In wie weit ist denn das Allein-sein notwendig für das Sich-zu-Hause-fühlen? Schwingt da nicht plötzlich ein wenig Einsamkeit mit, wenn man feststellt, dass man ganz allein ist, in der großen Kirche, dass die Stille mit einem Mal fast rauschhaft um einen herum wirbelt und man sein eigenes Blut pochen spürt.
"Zu hause": Was schließt das nicht alles ein, Vertrauen, Wohlbefinden, Friede, Friedlichkeit, Angenommen sein (im besten Fall natürlich), Eins sein mit sich selbst, Schutz und Hilfe, Bewahrt sein vor den Unbilden der Welt, heißt aber auch, dass ich mich da genau auskenne, dass mir jeder Winkel ureigentlich bekannt ist, dass ich um Vorteile und Nachteile weiß, um Luftzug am Fenster, um Kältezonen im Zimmer, um den unbequemsten Stuhl und Sessel, das durchgesessene Sesselkissen. Ich weiß, wann ich hier Phasen der Stille habe und wann ich Gefahr laufe von Anrufen, Besuchern erschlagen zu werden. Ich bin ja zu Hause, da ist mir alles vertraut.
Nun bist Du im weiten Raum der Kirche allein - dass es eine Hallenkirche ist fördert das Bild in seiner Genauigkeit, lässt rein sprachlich durch die Alliteration den Hall-all... im Raum hallen, lässt im Bild den einzigen, kleinen Menschen angesichts der Größe des weiten Raums noch fragiler und winziger erscheinen.
Gleichzeitig mildert jedoch die Tatsache, dass sich der Sprecher hier "zu Hause" fühlt, den Eindruck seiner Hilflosigkeit, seiner Einsamkeit, seiner Ausgesetztheit s o f o r t . Dieser Mensch ist zwar allein, doch dieses Alleinsein suggeriert Kraft und Macht. Er ist nicht fragil und keinesfalls winzig. Er erfüllt den Raum mit seinem Wesen.
Dass Du jetzt sagst, dass diese Situation für Dich ein Zu Hause sein bedeutet, ein Angekommen sein, das erfüllt mich mit Freude... und ein wenig Neid um diesen befreiten Zustand, der Loslösung von allen Ängsten und Sorgen.
Meine Gedanken zu Deinem Haiku
Liebe Grüße
Gabriele