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So der Frühling nicht
© Beate M. Conrad   
15. 04. 2011
So der Frühling nicht
so unerbittlich wäre ...
Bewegte Erde.
Kommentare (2)Add Comment
...
geschrieben von Gabriele Brunsch, April 16, 2011
... dass dieses haiku den frühling und die uns umgebenden katastrophen anspricht, uns wachrüttelt und nicht in reiner freude über seine schönheit, seine gewalt, seine unerbittliche kraft, mit der er sich ein gesicht erschafft, verharrt, gefällt mir sehr. die doppeldeutigkeit der unerbittlichkeit, im positiven wie im negativen zu lesen, ist spannend. die bewegte erde ist es ebenso, denn auch sie kann einerseits die beben meinen, andererseits aber auch das fortschreitende erblühen und das wachsen ansprechen, denn man sagt ja auch, wenn sich irgendwo etwas weiterbewegt, wenn sich an einem ort etwas ereignet, wenn sich etwas tut: es bewegt sich war, da entsteht was, hier ist kein stillstand.

das erste "so" lässt mich allerdings ein wenig rätseln. könnten wir es mit "wenn doch" wiedergeben, oder mit "wenn" wäre es klarer, so ist es etwas gekünstelt, aber sicherlich möglich.

...
geschrieben von Beate M. Conrad, April 18, 2011
Es freut mich, liebe Gabriele, wie gut Du hier mitdenkst und Dich in diesen Text hineinversetzt. Mit Deiner Frage nach dem "so" und ob es womöglich besser mit einem "wenn" bzw. "wenn doch" ausgedrückt wäre, triffst Du den Angelpunkt, der zum Textverständnis beiträgt.
Natürlich ist ein "wenn" in der gegebenen Konstruktion von a und b denkbar. Und zwar im Sinn von wenn ..., dann ... ; aber auch als falls und als Zeitpunkt: wenn es soweit ist, ... So hatte ich "wenn" auch erwogen.
"So" als ein Partikel meint zusätzlich auch "auf diese Weise", "derartig", könnte in b sogar als relatives Fürwort (welcher) gelesen werden. Und als ein Nebenwort ist es relativ zu dem, was vorausgeht oder als Subjekt nachfolgt; also relativ-demonstrativ (auf die Sache bezogen), aber es setzt auch einen Ton (emotionale Stimmung und Sprachklang), hier den des inneren Sprechers. Und das ist unter anderem auch ein "so,so" (die Wiederholung des Partikels im Haiku): bald so, bald so. Die von Dir ganz richtig beschriebene Ambivalenz; also Ungeduld und (fast vorwurfsvolle) Verzweiflung neben (Vor-)Freude.
Allein auf Segment a bezogen, entsteht eine Aussage: "derartig ist der Frühling nicht". Also eine ziemlich klare Verneinung im Haiku. Solch eine Verneinung ist im Haiku eigentlich ein dicker Hund. Zumal wir in a scheinbar noch nicht mal wissen, was "derartig" beinhalten könnte. Und das relativiert den dicken Hund wieder.
In b ist der Frühling dann so einer, der nicht (oder nicht ganz so) unerbittlich ist (wie es gerade scheinen mag). Sprich, er läßt sich bitten. Und was heißt das? Ist er nun zögerlich oder doch verläßlich? Ist er in seinem Wachstum erfreulich oder zerstörerisch (wild wuchernd)? Und das hast Du sehr gut erspürt.
Zu Stillstand und Bewegung: So hält der Frühling die Erde und uns in Atem, bewegt sie auch wortwörtlich (so wie Du es beschreibst). Und doch bewegt sich die Erde ja auch selbst (unentwegt/unerbittlich), nicht nur im Innern und an ihrer Oberfläche, sondern um ihre eigene Achse und erzeugt ihre eigene Schräglage, die zum frühen, erwartungsgemäßen und späten Frühling und zu anderer Zeit wieder in den Winter führt.

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