"Sage mir, Kind, hat denn die Seele ein Geschlecht?"
... geschrieben von Horst Ludwig,
May 27, 2010
Ist bei diesem Haiku/Senryû der oben abgesetzte Teil der Titel? Sind hier zwei Texte, die separat gesehen werden sollten? Ist es ein Zwei-Strophen-Text? — Ein bißchen schwierig für mich, — und ich bin doch guten Willens. Aber vielleicht soll ich es trotzdem oder gerade deshalb auf mich beziehen und mich verduften: "Geh — schlecht er!" Wie läse eine Frau das? Sind Frauen besser? Oder gölte dann hier: Geh — schlecht sie. Ich bin verwirrt, — und das nicht nur zum Scheine.
... geschrieben von Markus Sulzberger,
May 27, 2010
nun - als erstes erklärt sich schon einiges, wenn man bedenkt, dasss der Beitrag vom Autor in der Rubrik 'wordicht' gepostet wurde. 'wordicht' ist ein Experimentierfeld und bezog einst die Inspitation von http://wordwithinword.blogspot...oermd.html Geof Huth. Der vorgelegte Beitrag ist eine Deklination von 'Schlecht'.
Beate M. Conrad nahm den Faden auf und fragte sogar nach dem Geschlecht der Seele. Dazu kommt mir eine Äusserung von Andrej Tarkowsky im Film Stalker in Erinnerung. Einer der Protagonisten sagt während einem der grossartigen Dialoge: 'Leidenschaft entsteht durch die Reibung der Seele mit der aussenwelt...'. Ich bin mir nicht ganz sicher über die Quelle dieses Ausgesprochenen Gedankens, vermute ihn allerdings eines Teils aus dem Buddhismus herkommend aber sicher auch schlicht gnostischen Ursprungs, besonders da in einer der gefundenen Schriften von Nag Hammadi ausführlich über das Geschlecht der Seele gesprochen wird. http://de.wikipedia.org/wiki/E..._die_Seele
... geschrieben von Horst Ludwig,
May 29, 2010
Mea culpa. Ich bin von der Ankündigung rechts direkt zum Text gegangen und hatte keine Ahnung vom Experimentierfeld "wordicht", weil ich links nicht so klar guck(t)e. — Die Bezeichnis "Deklination" ist übrigens die wissenschaftlich richtige hier für dieses konkrete Sprachspiel zu einer ernsten Frage.
... geschrieben von Beate M. Conrad,
May 30, 2010
Interessant, einen Text etwas abseits der Konvention zu lesen, unter der er ausgegeben wird. Etwas, das, ganz bewußt angewendet, sogar einiges leisten könnte.
Zu dem schon gut Erläuterten möchte ich ergänzendend hinzufügen: Mein Beitrag nimmt die Deklination bewußt als Mimikri auf und führt auf die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten (Morpheme plus "falschem" Präfix "schl") des Ausgangswortes zurück. In seiner neuen Ableitung geht es um die Betonung der Mehrdeutigkeit als ein Über-sich-selbst-Hinausweisendes.
Mit dem Zitat von J. J. Rousseau (aus "Julie oder Die neue Heloise") wird neben dem jeweilige Stande/Status, die Herkunft und die daraus resultierenden feineren Reibungen von Männlein und Weiblein angedeutet. Aber es geht im weiteren und im tieferen Sinn eben auch um die Herkunft, die Sippe, die Ordnung und das grundsätzliche (echte oder schlechte?) Wesen des Menschen. Was definiert ihn, macht ihn zum Menschen und mit welchen Implikationen? Damals? Heute?
... geschrieben von Heike Gewi,
June 04, 2010
Mai Liawor,
Deklination? Droht uns eine neue Reform? RE - FORM ...
Ich sehe eine Steigerung und eine Pluralbildung. Mehr nicht! Oder sollte es schl-ich-t Flexion heissen?
O mai!
ge schl ACH t et..
Mir wird schl-echt.
Aber die Frage nach der Seele (Genus), auch derer, die in Worte gepackt wird, bleibt.
Danke Markus [Fragen, Fragen, Fragen]
... geschrieben von Horst Ludwig,
June 04, 2010
Deklination - Flexion - Beugung! Ich hatte auch mal gelernt: Substantive dekliniert man; Verben konjugiert man. Richtig ist: Wir "kon-jugieren" Verben (jug- = Joch! = zwei, die zusammenpassen); und wenn das Subjekt und die finite Verbform nicht gemeinsam losziehen, ist was am "Joch" Ochsen falsch, und der Pflug kommt nicht in die zugkräftige Bewegung. Dagegen: Nicht nur Substantive "setzt man in die vier Fälle", das haben wir schnell gesehen, aber so genau hatten wir damals sowieso nicht fragen wollen. Jedoch, wenn man da weiterdenkt: Jede bedeutungstragende Formveränderung "eines Wortes" entsteht durch "Beugung/Flexion/Deklination", — wobei das Verständnis der Entstehung der letzteren Bezeichnung (die wir ja mal als erste gelernt hatten, nicht wahr?) ganz witzig ist. Es macht Spaß, sich die Sichtweise der ersten "Grammatiker", die sich oft bis heute in der Terminologie zeigt (z.B. im Terminus "Kasus/Fall"), einmal näher vorzunehmen.
... geschrieben von Markus Sulzberger,
June 04, 2010
Komparation, Deklination - wie auch immer korrekt es ist... Auf die unbequemen Fragen gibts so keine Antwort.
... geschrieben von Heike Gewi,
June 05, 2010
Ich bedenke Gedichte/Verdichtetes weniger aus sprachlicher Sicht. Ha, ein weites Feld ... und ich verlaufe mich.
Was fuer mich interessant am Text ist, m.H. althergebrachter grammatischer Denkweise (selbst das hat Wirkung), ist die schon angedeutete "Steigerung" zum Plural. Das soziale Umfeld "sticht" ins Auge! Es ergeben sich Fragen wie:
Ist immer nur einer schlecht? Ist die Gemeinschaft so stark wie sein schwaechstes/schlechtestes Glied? Die Eigenschaft im/als "Stamm" [Germanen, nicht-Germanisten, moegen mir verzeihen]? Ist Geschlechterkrieg nur schlecht? Ist wieder das "Weib" schuld? Gehoeren zwei zur Scheidung [schliesslich gehoeren zwei zur Hochzeit?]?
. . .
So gesehen hat mich der Text sehr bewegt. Nur damit Markus auch eine andere Meinung zu seinem Text liest. Was den Deklinationsgedanken angeht, so schiebe ich den weit wech, denn das is nicht mein Bier und stoesst mir auf. Wie beim Haiku halte ich es da mit dem "gesicherten" Wissen bei der Texterschliessung. Vorerst!
;-)
Genera > natuerlich [und] grammatisch
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"Sage mir, Kind, hat denn die Seele ein Geschlecht?"